Chancengleichheit als leeres Versprechen

Deniz Ohdes Streu­licht und die Fra­ge sozia­ler Gerech­tig­keit. Von Uwe Schüt­te
Deniz Ohde © Suhrkamp

Deniz Ohde: „Eine Wand, die mei­ne Freun­de nicht sehen konn­ten und die bewirk­te, dass ich nicht dazu­ge­hör­te, sosehr ich auch woll­te.“ Foto: Suhr­kamp Ver­lag

Hört ihr die Signa­le? Es sieht näm­lich in der Lite­ra­tur fast nach der Rück­kehr eines The­mas aus, das man bereits als über­holt beer­digt hat­te: die sozia­le Ungleich­heit. Kün­digt sich also im Erfolg der Bücher von Didier Eri­bon, Annie Ernaux und Édouard Lou­is auf dem deutsch­spra­chi­gen Markt sowie der Auf­merk­sam­keit, die bei­spiels­wei­se Chris­ti­an Baron für den Roman Ein Mann sei­ner Klas­se oder Danie­la Dröscher für ihre Memoi­ren Zei­ge dei­ne Klas­se erhiel­ten, eine Repo­li­ti­sie­rung in der Lite­ra­tur an? Immer­hin benen­nen die bei­den deut­schen Bücher die „Klas­sen­fra­ge“ bereits klar im Titel als den Kern des Pro­blems.

Bemer­kens­wer­ter­wei­se ist dem Buch jeder erho­be­ne Zei­ge­fin­ger, jeder pole­mi­sche Ton fremd.

Exem­pla­risch für die Wie­der­kehr der Fra­ge nach Chan­cen­gleich­heit in unse­rer Gesell­schaft darf sicher­lich der uni­so­no gefei­er­te Debüt­ro­man von Deniz Ohde gel­ten. Und dies mit vol­lem Recht: Streu­licht ist eines der ein­dring­lichs­ten Bücher seit lan­ger Zeit. In poe­ti­schen Bil­dern und prä­zi­ser Spra­che gelingt es Ohde, die Kind­heit und Jugend einer Außen­sei­te­rin in einer Indus­trie­sied­lung nahe Frank­furt zu erzäh­len. Eine Arbei­ter­kin­der­zäh­lung, die viel mit ihren eige­nen Erfah­run­gen zu tun hat, ohne dabei rei­ne Auto­bio­gra­fie zu sein. Bemer­kens­wer­ter­wei­se ist dem Buch jeder erho­be­ne Zei­ge­fin­ger, jeder pole­mi­sche Ton fremd.

Ohdes Ziel war etwas ande­res als Anpran­ge­rung: näm­lich lite­ra­risch zu ergrün­den, wie das stets prä­sen­te Gefühl der Unzu­ge­hö­rig­keit einer jun­gen Frau mit deut­schem Pro­le­ta­rier­va­ter und tür­ki­scher Migran­ten­mut­ter sich auf ihr see­li­sches Innen­le­ben aus­wirkt. Dem Roman gelingt es her­vor­ra­gend, das abs­trak­te Herr­schafts­prin­zip struk­tu­rel­ler Dis­kri­mi­nie­rung in einer Viel­zahl von schlag­licht­ar­ti­gen Sze­nen begreif­bar zu machen. So etwa, wenn die Erzäh­le­rin schmerz­haft fest­stellt, dass alle ihre Freun­din­nen zur Ein­schu­lung pin­ke Mar­ken-Ran­zen bekom­men; die­se Tor­nis­ter tra­gen natür­lich jeweils deren Namen „in run­den wei­ßen Let­tern, und ich woll­te den glei­chen haben, obwohl mein Name nicht dabei war, nicht bei den Schlüs­sel­an­hän­gern und Num­mern­schil­dern aus dem Kauf­haus, nicht mal bei den Namens­tas­sen, die mein Groß­va­ter für jedes Fami­li­en­mit­glied im Schrank ste­hen hat­te“.

Lite­ra­tur­mar­ke­ting

Der Erfolg von Streu­licht erklärt sich frei­lich nicht allein aus der lite­ra­ri­schen Qua­li­tät des Buchs. Abge­se­hen davon, dass