Die beknackte Partei

Rezen­si­on zu Lau­ra Licht­blau: Schwarz­pul­ver. Von Ursu­la Engel Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

Die gegen­wär­ti­ge gesell­schaft­li­che Kri­se begüns­tigt offen­bar die lite­ra­ri­sche Dys­to­pie, als letz­tes ist jeden­falls Sibyl­le Bergs Brain­fuck (2019) vor noch nicht all­zu lan­ger Zeit erschie­nen. Wel­che Pro­ble­ma­tik the­ma­ti­siert nun Lau­ra Licht­b­laus Roman Schwarz­pul­ver (Beck, Mün­chen, 2020)? Obwohl die Cha­rak­te­ri­sie­rung der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se durch eine nicht wei­ter begrün­de­te Auf­lis­tung von Din­gen, die die „Par­tei“ ablehnt, eher tri­vi­al bleibt, wird den­noch über­zeu­gend das erschre­ckend düs­te­re Bild einer von einer popu­lis­ti­schen, bzw. dik­ta­to­ri­schen Par­tei geführ­ten Gesell­schaft geschil­dert. Es wer­den dadurch Ängs­te spür­bar, die zur Zeit in Deutsch­land das Gru­seln leh­ren kön­nen. Beschrie­ben wird ein ras­sis­ti­sches, homo­pho­bes und frau­en­feind­li­ches Regime. „Wie kommt es, dass die­se beknack­te Par­tei hier regiert?“ fragt sich Johan­na im Roman rat­los. Eine Fra­ge, die sich unab­weis­bar auf­drängt, aber in Schwarz­pul­ver nicht zum The­ma wird.

Licht­blau beschreibt abwech­selnd epi­so­den­haft jeweils einen von drei Prot­ago­nis­ten in kur­zen Kapi­teln. Der Gesamt­zu­sam­men­hang droht dadurch manch­mal ver­lo­ren zu gehen. Es eint alle drei, dass sie lang­sam immer stär­ker am Regime zwei­feln. Auch durch die Beschrei­bung dif­fu­ser Tumul­te wird die Kri­sen­haf­tig­keit des Regimes deut­lich gemacht. Es geht um Char­lie, der sym­bio­tisch ver­bun­den ist mit sei­ner Mut­ter Char­lot­te, von der er sich zu eman­zi­pie­ren ver­sucht. Er kifft und arbei­tet als unbe­zahl­ter Prak­ti­kant bei einem Rap-Label, ersehnt aber eine Kar­rie­re als Hip-Hop­per. Die Mut­ter, Char­lot­te, hat ihre Arbeit als Kera­mi­ke­rin, sowie auch die Bezie­hung zu ihrem Mann auf­ge­ge­ben und arbei­tet als Prä­zi­si­ons­schüt­zin für die Bür­ger­wehr und ist damit vor­be­halt­los iden­ti­fi­ziert. Sie hält sich mit viel Alko­hol und täg­li­chen Mis­pel-Sprit­zen auf­recht, lan­det aber schließ­lich mit unkla­rer Dia­gno­se in der Psych­ia­trie. Die psy­chi­sche Dra­ma­tik die­ser Situa­ti­on wird nicht ent­fal­tet. Bur­schi, eine wei­te­re jun­ge Frau, arbei­tet als Gesell­schaf­te­rin eines alten Ehe­paa­res, aus des­sen Haus­halt sie Gegen­stän­de stiehlt, um sich durch deren Ver­kauf zu berei­chern. Bur­schis Geschich­te bil­det am ehes­ten einen zusam­men­hän­gen­den Plot: sie hat eine Gelieb­te, kann sich aber, weil das Regime les­bi­sche Lie­be ver­bo­ten hat, mit ihr nur heim­lich tref­fen. Sie wird dann vom Amt für Staats­mo­ral vor­ge­la­den, des­sen pri­mi­ti­ve Auf­fas­sung von Homo­se­xua­li­tät Licht­blau kari­kie­rend deut­lich wer­den lässt. Das Ende des Romans bil­det eine zärt­li­che Annä­he­rung der Lie­ben­den, die Hoff­nung sym­bo­li­siert. Ihre Bezie­hung wird aber nicht psy­cho­lo­gisch ergrün­det.

Der Roman nimmt kei­ne empa­thi­sche Hal­tung zu sei­nen Figu­ren ein, ver­mit­telt dadurch eher eine kal­te und düs­te­re Stim­mung. Er macht Angst und Schreck fühl­bar. Den­noch ist er leben­dig geschrie­ben mit vie­len fan­ta­sie­vol­len, ori­gi­nel­len Bil­dern, und man kann sich einen kohä­ren­te­ren Text ver­schaf­fen, indem man die vie­len klei­nen Kapi­tel, die von der­sel­ben Per­son han­deln, anein­an­der­reiht.

Licht­b­laus Dys­to­pie rückt vie­le gegen­wär­ti­ge Pro­ble­me ins Bewusst­sein. Ob sie aller­dings Anhän­ger einer ras­sis­ti­schen, homo­pho­ben und frau­en­feind­li­chen Par­tei zum Nach­den­ken brin­gen könn­te, ist frag­lich. Wie eine „beknack­te“ Par­tei an die Macht kommt, bleibt nicht nur für die Roman­fi­gur Johan­na eine beun­ru­hi­gen­de Fra­ge.

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Online seit: 31. Okto­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 1. Mai 2023