Tschechows Gewehr und seine Folgen

Ute-Chris­ti­ne Krupp: Punkt­lan­dung. Von Urs Kam­ber
Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Online-Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

Paul Jost ist Beam­ter in einer Son­der­kom­mis­si­on des Innen­mi­nis­te­ri­ums zur Auf­spü­rung isla­mis­ti­scher Ter­ror­zel­len. Sein Arbeits­all­tag ist von an- und abschwel­len­den Alarm­be­reit­schafts­stu­fen gekenn­zeich­net, die eine Hand durch­fors­tet Akten, wäh­rend die ande­re all­zeit bereit am Han­dy liegt. Sei­ne Per­sön­lich­keit soll dabei mög­lichst nicht zum Vor­schein tre­ten. „Nicht du als Mensch bist gefragt“, erklärt ihm ein Freund, „son­dern dei­ne Funk­ti­on zählt.“

Er selbst ist frisch geschie­de­ner Vater von zwei Kin­dern, der sich seit jeher dage­gen sträubt, sein Leben von sei­nem eige­nen Vater vor­skiz­ziert zu bekom­men, aber außer dem vagen Bedürf­nis nach mehr Ver­ant­wor­tung weiß er gar nicht, was er genau damit machen soll. Er beob­ach­tet sei­ne Umge­bung all­zeit und nimmt mehr an ihr teil statt in ihr. Er weiß, dass nicht nur wich­tig ist, wer man ist, son­dern auch, wie man wahr­ge­nom­men wird, und dass wir uns hin und wie­der zu stark von zwei­te­rem ver­un­si­chern las­sen – kurz gesagt, Paul Jost steckt in einer Mid­life-Cri­sis.

Und nun hängt, wie Tschechows Gewehr, eine Bom­ben­dro­hung als Damo­kles­schwert über dem deut­schen Par­la­ment, auch wenn sie nie ein­ge­löst wür­de, ist sie es, die die trei­ben­de Kraft der Span­nung dar­stellt. Sie macht jedes Tele­fon­ge­spräch zur Ner­ven­stra­pa­ze und sie ver­stärkt den unüber­wind­ba­ren Gra­ben, den Paul Jost in sei­nem Kopf zwi­schen die Din­ge keilt: West- gegen Ost­deutsch­land, Sohn gegen Vater, Paul gegen sei­ne (Ex-)Frau Gesi­ne, ‚wir‘, als Zivi­li­sa­ti­on, gegen ‚sie‘, die Ter­ro­ris­ten. Miss­trau­en und Über­vor­sicht bestim­men den Hand­lungs­ho­ri­zont. Im Beruf ver­hält er sich als Semio­ti­ker, er ent­schlüs­selt und erahnt Bedro­hun­gen, bevor sie aus­ge­führt wer­den, und dann als Rich­ter, der Men­schen einer Schuld ver­däch­ti­gen muss, bevor er sich des­sen sicher sein kann. Auch wenn er sich anfangs dage­gen wehrt, aber er steht allein mit sei­ner Posi­ti­on da und weicht der Mehr­heit. Ein Mensch wird in einem Satz zum „Voll­blut­dschi­ha­dis­ten“, die Spra­che wird zum Mit­tä­ter. „Kein Krieg ohne Defi­ni­ti­on, wer der Feind sei, Fein­de sind aus Wor­ten gemacht.“

Und die­se Art zu Den­ken kommt auch in sei­nem Pri­vat­le­ben vor. Sym­pto­ma­tisch dafür erin­nert sich Paul an eine Epi­so­de im Café, in dem Gesi­ne auf das an der Wand geschrie­be­ne Wort ‚Lei­den­schaft‘ zeigt. Die Men­schen in sei­nem Umfeld sind bereit, ihm ihre Gefüh­le vor­zu­kau­en, sie müs­sen über­deut­lich wer­den, damit er sie beim Wort neh­men kann. In Pauls Denk­mus­ter muss eine Absicht aus­ge­spro­chen wer­den, bevor eine Hand­lung erwi­dert wer­den, bevor ein Gefühl wirk­lich gefühlt wer­den kann.

Die sprach­li­che Gestal­tung des Romans ent­spricht dem Innen­le­ben die­ser Figur. Sie hängt sich an Neben­säch­lich­kei­ten auf und ver­nach­läs­sigt inter­es­san­te Details. Sie ist dabei prä­gnant, aber abge­hackt. Eine Unsi­cher­heit ist all­ge­gen­wär­tig, und die­se Ober­flä­che scheint alles, was es zu sehen gibt, aber dar­un­ter schlum­mert eine Bedro­hung. „Das Span­nen­de ist, was mit den Ober­flä­chen ver­bun­den ist“, erklärt eine neue Liai­son Paul ihre Fas­zi­na­ti­on für Mode­fo­to­gra­fie. Am bes­ten ist Punkt­lan­dung gera­de, wenn das stil­le Was­ser auf­ge­rührt, wenn eine unter­ir­di­sche Struk­tur zwi­schen schein­ba­ren Ober­fläch­lich­kei­ten spür­bar wird. Als sich Paul Spiel mir das Lied vom Tod ansieht, erkennt er sich in dem klei­nen Jun­gen wie­der, auf des­sen Schul­tern ein Mann mit dem Hals in der Schlin­ge steht, er wird gehängt, sobald der Jun­ge kei­ne Kraft mehr hat, ihn zu hal­ten. Aber die Sze­ne wird nur in Erin­ne­rung geru­fen, sei­ne Gedan­ken dazu wer­den nicht aus­ge­führt. Sei­ne Gefüh­le wer­den ver­äu­ßer­licht und dop­pel­bö­dig dar­ge­stellt, so dass wir als Leser uns mehr im Kla­ren sind, was er fühlt als er selbst.

Oder die schöns­te Stel­le des Romans, die Sze­ne, als Gesi­ne Paul gesteht, dass sie schwan­ger ist. Die­se Offen­ba­rung ist in einer Lei­den­schaft­lich­keit dar­ge­stellt, die sie nicht aus­zu­buch­sta­bie­ren braucht; Pauls knap­pe, kon­trol­lier­te Art, Ein­drü­cke fest­zu­le­gen, wird über­for­dert von Gesi­nes Umfas­sung. Er erahnt, ohne zu ver­ste­hen und der Leser zieht die Fäden vor Paul zusam­men, bevor Gesi­ne es end­gül­tig für ihn tut. Die Erin­ne­rung ist nicht ver­klärt, der sich anbah­nen­de Kon­flikt nicht vom Tisch, aber sie ver­mit­telt einen viel­schich­ti­ge­ren Ein­druck der Ver­bin­dung, die zwi­schen zwei Men­schen ein­mal bestand, als die meis­ten ande­ren ver­gleich­ba­ren Sze­nen, in denen Paul in halb­ga­rer Nost­al­gie an glück­li­che­re Zei­ten schwelgt. Viel­leicht wer­den Fein­de aus Wor­ten gemacht, aber Krupp zeigt, wenn auch lei­der zu sel­ten, was mit ihnen ande­res mög­lich ist. Die Spra­che ist Grund zur Ver­här­tung der Fron­ten, aber auch die Mög­lich­keit sie zu über­brü­cken, jedes Wort kann Angst schü­ren oder Schuld spre­chen, aber auch Trös­tung, Ver­hei­ßung und Lieb­ko­sung sein.

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Online seit: 31. Okto­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 1. Mai 2023