„Als ob“

Ulri­ke Draes­ner im Inter­view mit sich selbst über ihr Leben als Schrift­stel­le­rin und als Pro­fes­so­rin für lite­ra­ri­sches Schrei­ben.
Ulrike Draesner © Dominik Butzmann / Laif

Ulri­ke Draes­ner: „Ich habe einen Schei­terns­vor­sprung.“ Foto: Domi­nik Butz­mann / Laif

… wenn ich vor mei­ne Stu­die­ren­den tre­te, bin ich die Schrift­stel­le­rin Ulri­ke Draes­ner, die als Pro­fes­so­rin Draes­ner erscheint. Ich bin die Schrift­stel­le­rin und die Pro­fes­so­rin Draes­ner, aber nicht zu glei­chen Tei­len. Ich bin die Pro­fes­so­rin UD, die eine Schrift­stel­le­rin in sich her­um­trägt und sie ver­kör­pert. Nein, die die­se Schrift­stel­le­rin ist, als Pro­fes­so­rin, und auch als ob. Als die­se „Als-ob-Schrift­stel­le­rin“ ste­he ich, eine Pro­fes­so­rin ver­kör­pernd, vor mei­nen Stu­die­ren­den.

Wäh­rend man als Schrift­stel­le­rin auf­tritt, ist man nicht Schrift­stel­le­rin, son­dern stellt die­se dar. Tho­mas Mann schlug die wei­ßen Lei­nen­ho­sen­bei­ne über­ein­an­der, sodass der Foto­graf die wei­ßen Lei­nen­schu­he bes­ser sah, und stell­te einen Schrift­stel­ler dar, der als Tho­mas Mann in einem Ses­sel in San­ta Moni­ca saß und nach­dach­te. In der Spal­tung steck­te ein Schmerz. Er war nicht der Schrift­stel­ler, der er gewe­sen war. Den­noch saß Mann nicht nur als Bild und Schrift­stel­ler­dar­stel­ler da, son­dern war auch die­ser Schrift­stel­ler, denn etwas Bes­se­res als die Dar­stel­lung (das Bild) eines Schrift­stel­lers ist, will man einen Schrift­stel­ler sehen, nicht zu sehen – nicht ein­mal, wenn man als Schrift­stel­ler in den Spie­gel blickt.

Wäh­rend man als Schrift­stel­le­rin auf­tritt, ist man nicht Schrift­stel­le­rin, son­dern stellt die­se dar.

Als wer spre­che ich die Stu­die­ren­den an? Wie wird das Leh­ren mein Schrei­ben ver­än­dern? Wie vie­le Antei­le mei­nes Schreib-Ichs, und wel­che, las­se ich im Semi­nar­raum erschei­nen? Wie schüt­ze ich mich? Wie schüt­ze ich mei­ne Stu­die­ren­den? Wie brin­gen wir uns zusam­men?

Das ent­schei­de ich nicht allein. Im Fol­gen­den ver­su­che ich, (mir) offen­zu­le­gen, was davon auf mei­ne Sei­te fällt. Ich bin nicht nur mein Schreib-Ich und mein Pro­fes­so­rin­nen-Ich (und davon jeweils meh­re­re). Ich bin auch die Figur, die bei­der getrenn­te Ein­heit behaup­tet, sie mit­ein­an­der ver­gleicht, ihre Simul­tanei­tät erlebt. So kam es zu die­sem Selbst­in­ter­view. UD stellt die Fra­gen. Es ant­wor­ten die Pro­fes­so­rin (Dr. Draes­ner = Drdr) und die Schrift­stel­le­rin # (ein Gat­ter statt eines Namens; eine Gren­ze).

UD Sie haben viel gear­bei­tet in Ihrem Leben. Wür­den Sie es im nächs­ten Leben etwas ruhi­ger ange­hen las­sen?

Drdr Ich glau­be, das ent­zieht sich mei­nem Zugriff. Ich war und bin zu neu­gie­rig auf die Welt. Zwi­schen 20 und 30 habe ich eine Nacht pro Woche aus­ge­las­sen und gele­sen oder Semi­nar­ar­bei­ten geschrie­ben statt zu schla­fen.

UD Wür­den Sie noch ein­mal Schrift­stel­le­rin wer­den oder viel­leicht in ande­ren Kunst­gat­tun­gen arbei­ten? Spielt die­se Fra­ge über­haupt eine Rol­le?

Drdr Alles wies auf die Male­rei. Sie war das mir in der Fami­lie zuge­stan­de­ne Talent. Mein Vater zeich­net gern. Es gab kaum Bücher in mei­nem Eltern­haus, aber altes Papier und Stif­te. Ich habe ein abso­lu­tes Auge. Ich kann Din­ge im Raum in bestimm­ten Maß­ver­hält­nis­sen posi­tio­nie­ren, frei aus der Hand. Auch beim Foto­gra­fie­ren merkt man es. Ich bli­cke auf etwas und sehe das Bild, das ist wie ein Rucken im Auge, etwas springt.

Wer es nicht getan hat, macht sich fal­sche Vor­stel­lun­gen davon, wel­che Arbeit es ist, einen Roman zu schrei­ben.

UD Vir­gi­nia Woolf schreibt die Bio­gra­fien ihrer Figu­ren in ihrem Roman Die Wel­len in schlag­licht­ar­ti­gen Momen­ten oder Tagen aus ihrem Leben. Wie sehen Sie Ihr eige­nes Leben im Rück­blick? Wel­che Momen­te und Umstän­de waren