„Als ob“

Ulrike Draesner im Interview mit sich selbst über ihr Leben als Schriftstellerin und als Professorin für literarisches Schreiben.

Online seit: 24. März 2020
Ulrike Draesner © Dominik Butzmann / Laif
Ulrike Draesner: „Ich habe einen Scheiternsvorsprung.“ Foto: Dominik Butzmann / Laif

… wenn ich vor meine Studierenden trete, bin ich die Schriftstellerin Ulrike Draesner, die als Professorin Draesner erscheint. Ich bin die Schriftstellerin und die Professorin Draesner, aber nicht zu gleichen Teilen. Ich bin die Professorin UD, die eine Schriftstellerin in sich herumträgt und sie verkörpert. Nein, die diese Schriftstellerin ist, als Professorin, und auch als ob. Als diese „Als-ob-Schriftstellerin“ stehe ich, eine Professorin verkörpernd, vor meinen Studierenden.

Während man als Schriftstellerin auftritt, ist man nicht Schriftstellerin, sondern stellt diese dar. Thomas Mann schlug die weißen Leinenhosenbeine übereinander, sodass der Fotograf die weißen Leinenschuhe besser sah, und stellte einen Schriftsteller dar, der als Thomas Mann in einem Sessel in Santa Monica saß und nachdachte. In der Spaltung steckte ein Schmerz. Er war nicht der Schriftsteller, der er gewesen war. Dennoch saß Mann nicht nur als Bild und Schriftstellerdarsteller da, sondern war auch dieser Schriftsteller, denn etwas Besseres als die Darstellung (das Bild) eines Schriftstellers ist, will man einen Schriftsteller sehen, nicht zu sehen – nicht einmal, wenn man als Schriftsteller in den Spiegel blickt.

Während man als Schriftstellerin auftritt, ist man nicht Schriftstellerin, sondern stellt diese dar.

Als wer spreche ich die Studierenden an? Wie wird das Lehren mein Schreiben verändern? Wie viele Anteile meines Schreib-Ichs, und welche, lasse ich im Seminarraum erscheinen? Wie schütze ich mich? Wie schütze ich meine Studierenden? Wie bringen wir uns zusammen?

Das entscheide ich nicht allein. Im Folgenden versuche ich, (mir) offenzulegen, was davon auf meine Seite fällt. Ich bin nicht nur mein Schreib-Ich und mein Professorinnen-Ich (und davon jeweils mehrere). Ich bin auch die Figur, die beider getrennte Einheit behauptet, sie miteinander vergleicht, ihre Simultaneität erlebt. So kam es zu diesem Selbstinterview. UD stellt die Fragen. Es antworten die Professorin (Dr. Draesner = Drdr) und die Schriftstellerin # (ein Gatter statt eines Namens; eine Grenze).

UD Sie haben viel gearbeitet in Ihrem Leben. Würden Sie es im nächsten Leben etwas ruhiger angehen lassen?

Drdr Ich glaube, das entzieht sich meinem Zugriff. Ich war und bin zu neugierig auf die Welt. Zwischen 20 und 30 habe ich eine Nacht pro Woche ausgelassen und gelesen oder Seminararbeiten geschrieben statt zu schlafen.

UD Würden Sie noch einmal Schriftstellerin werden oder vielleicht in anderen Kunstgattungen arbeiten? Spielt diese Frage überhaupt eine Rolle?

Drdr Alles wies auf die Malerei. Sie war das mir in der Familie zugestandene Talent. Mein Vater zeichnet gern. Es gab kaum Bücher in meinem Elternhaus, aber altes Papier und Stifte. Ich habe ein absolutes Auge. Ich kann Dinge im Raum in bestimmten Maßverhältnissen positionieren, frei aus der Hand. Auch beim Fotografieren merkt man es. Ich blicke auf etwas und sehe das Bild, das ist wie ein Rucken im Auge, etwas springt.

Wer es nicht getan hat, macht sich falsche Vorstellungen davon, welche Arbeit es ist, einen Roman zu schreiben.

UD Virginia Woolf schreibt die Biografien ihrer Figuren in ihrem Roman Die Wellen in schlaglichtartigen Momenten oder Tagen aus ihrem Leben. Wie sehen Sie Ihr eigenes Leben im Rückblick? Welche Momente und Umstände waren wichtig, auch für das Schriftstellerinnendasein?

Drdr & # Bist du verrückt? Wie sollen wir das in sinnvoller Kürze hier erklären?

UD Lasst euch was einfallen.

Drdr Es gab keinen geraden Weg. Ich passte nie in Kategorien. Erst spät lernte ich, dass nicht ich zu groß oder falsch war für die Kästchen, sondern dass sie falsch sind für mich.

# Es war schmerzlich. Sprachen retteten mich. Bücher. Die Stille beim Lesen, gefüllt mit inneren Stimmen.

Drdr Ich lernte mich kennen.

# Ich musste mich wieder und wieder verwandeln. Es fällt mir schwer, mich zu verwandeln.

Drdr Ich habe ein Elefantengedächtnis. Ein Saurierherz.

# Wie soll ich da Menschen gehen lassen. Wie vergessen.

Drdr Also fingen sie an, im Innenraum zu reden. Reden zu dürfen.

# Tiere begleiteten mich: ein Hase, als ich vier war. Ein Hase, kein Kaninchen. Später ein Hund, noch als Kind.

Drdr Ständig neu, aufstehen –

# – zerlegt werden, verlassen, sich wieder zusammensetzen.

Drdr Dazu die Schreibarbeit. Wer es nicht getan hat, macht sich falsche Vorstellungen davon, welche Arbeit es ist, einen Roman zu schreiben. Warum man für 500 Seiten zehn Jahre braucht. Innerlich und äußerlich. Und wieder innerlich.

UD Sie sind Professorin, arbeiten an mehreren längeren, eigenen, literarischen Texten und erziehen allein ein Kind? Wie schafft man das?

Drdr Ich sitze viel im Zug.

# Seit neuestem sitzen wir im Bistro. Ich schätze das. Ich esse gern. Ich sitze gern.

Drdr Denke ich an die Züge in Argenti­nien, wo ich im Oktober war, oder in England, wo ich längere Zeit lebte, bin ich froh, dass der Zug fährt. Funktioniert dann auch noch die bundesbahneigene Kaffeemaschine, vergrößert sich das Frohsein. Inspiration hat einfach viel mit Drogen zu tun.

# Schreiben, Kind etc.?

Drdr Auch für Handys bin ich extrem dankbar. Jüngst blieb das Kind zum ersten Mal allein über Nacht zu Hause. Es rief in dieser Nacht viermal bei mir an. Wir waren verbunden und beide beruhigt.

# Als Kleinkind blieb ich stundenlang auf einem Fleck sitzen, wenn er weich war und man Materialien um mich herum auslegte. Meine Mutter hielt mein Verhalten für normal. Ein Segen. Praktisch war es auch. Für alle Beteiligten.

Drdr Meist lerne ich Leute kennen. Es ist nicht möglich, im Zugbistro nicht Leute kennenzulernen. Die ganze Menschheit in der Blechschale, bei 200 km/h. Nicht anders der Bahncomfortbereich. Was macht man, wenn man sich hinsetzen möchte, Bahncomfortkunde ist, aber alles ist besetzt? Was macht man in diesem Fall, wenn man kein Bahncomfortkunde ist? Ich habe Wetten laufen. Wann spricht zum ersten Mal eine platzsuchende Frau einen platzsitzenden Mann an, ob er eine Comfortkarte hat? Wann wird erfolgreich gelogen? Der/die Schaffner*in ist in der Regel nutzlos, da verschreckt. Seit Neuerem hat man Angst zu haben, dass man tätlich angegriffen wird. Ich nehme inzwischen an, dass es sich bei dem gesamten Bahncomfortprogramm um ein groß angelegtes Experiment eines sozial-neurokognitiven Forschungsinstituts handelt. Der Aggressionslevel Deutschlands lässt sich hier hervorragend ablesen. Sorry, das musste sein. Ich fahre durch einen stark emotionalisierten Raum nach Leipzig oder von Leipzig weg. Dabei wird mir immer wieder klar: Das ist der Haufen, in dem ich lebe. Das sind „die Deutschen“.

UD Sie kommen also fertig in Leipzig an?

Drdr Nicht unbedingt. Sprache beobachten und Menschen beobachten. Manchmal getrennt. Manchmal zusammen. Darauf gründet mein Schreiben. Die anderen und ich im Zug teilen die Situation, doch ich bin in ihr und zugleich außerhalb. Ich taste Räume ab. Räume bündeln Menschen und Geschichten.

UD Auch in einem Seminarraum werden Geschichten und Neben- und Untergeschichten erzählt. Was bedeutet Unterrichten für Sie?

# Unter Normalnull blicken. Unter Normalsprache. Unter Normalregeln. Nach oben schaut Mensch andauernd: Himmel, Mond etc. Der Unterraum ist vergleichsweise unbekannt.

Drdr Ich unterrichte lesen können. Sehen. Einordnen. Abstand und Nähe zu einem Text verändern können. Mit Zeit umgehen. Verstehen, was Zeit ist, im Erzählen. Ich unterrichte Vertiefungen zu einzelnen Gebieten, Ästhetik, Erzähltheorie. Ich unterrichte Romanschreiben in Masterkursen. Niemand wird dank der Erzähltheorie zur/m Schriftsteller*in. Aber mit ihr wird man, so die Hoffnung, sich besser durch die eine oder andere Krise bewegen können. Man wird, so die Idee, sich genauer positionieren können. Von den Entdeckungen anderer profitieren und mit ihnen über das sprechen, was man tut oder versucht, woran man scheitert, wovon man träumt.

Wie marktorientiert muss man – wie marktfern darf man – heutzutage schreiben?

# Dichter werden traditionell gern mit Bienen verglichen. Einsammeln, verwandeln, göttliche Inspiration. Alles sehr schön. Jetzt sterben die Bienen. Auch die Sache mit der Inspiration und dem Ich hat sich geändert. In Sylvia Plaths Bienengedicht The Bee Box geht es um I und it, ich und es. Eine bee box ist nicht nur eine Bienen-, sondern auch eine Seinskiste (be). Aus dem Nichts trifft sie bei der Dichterin ein. Kaum steht sie da, macht sie Geräusche. Es ist wunderbar, wie Plath das Summen sprachlich inszeniert: eine Folge von „i“, aufgelöst über it, ti und ed in das melodiösere, aber auch dominierende I. Aus dem Es (dem Anderen) geht das Ich hervor. Doch der Text zeigt: diesem Ich fehlt ein Stück. Die Schriftstellerin sagt: So lege ich mir den nächsten Text zurecht. So denke ich über Sprache nach: ein tierisches Summen, gesperrt in eine Box. Befremden, Angezogenheit und der Versuch, genau zuzuhören, zwingen mich davor in die Knie.

Drdr Wenn ich den Studierenden dieses mehrfache i(t) und I zeige, blicken sie mich groß an. Übertreibe ich es nicht?

# Selbstverständlich. Wir übertreiben. DOCH: Alles steht da. Siehst du es jetzt? Für mich ist das ein Moment der Begeisterung. Der Zeit-Raum einer geistig-körperlichen, lautlich-intelligenten Begegnung. „Theorie“ ist dabei nützlich: Metrumkenntnis, Motivkenntnis, Aufmerksamkeit. Es hilft, schon einmal über die Sprach-/Sprechinstanz in Gedichten nachgedacht zu haben.

Drdr Die Theorie, die man zum Schreiben braucht, gibt es nicht. Sie muss immer neu erfunden werden. Jeder für sich, und, wenn es scheinbar schlecht geht, also tatsächlich sehr gut, für jeden Text neu. Ein literarischer Text baut sich selbst. Er folgt Gesetzen, die sich in seinem Fortgang entwickeln.

# Wie die Genese des Herzmuskels beim Embryo. Die Blutbahnen wachsen und schaffen durch ihr Wachstum das Gewebe, das sie enthält, wobei sie zugleich dieses Gewebe versorgen, das sie doch brauchen, um überhaupt zu entstehen.

Drdr Die meisten gehen bei Unterricht von etwas Binärem aus. Da eine, die etwas weiß, dort andere, die etwas wissen wollen. Das Grundmodell Sender-Empfänger ist hier so unbefriedigend wie andere binäre Oppositionen. Mir gefällt Karen Barads aus der Quantenphysik inspiriertes Konzept eines intra-agentiellen Realismus. Ich benutze es, um über das Verhältnis von Sprache und „Materie“, Sprache und Welt nachzudenken, um eine Balance zu finden zwischen der Einsicht, dass der Sender den Empfänger ebenso miterzeugt wie der Empfänger den Sender – was, übertragen auf das Schreiben, eine Grunderfahrung ist: Sprache erzeugt, was sie beschreibt. Aber nicht nur. Denn auf der anderen Seite gibt es das „Außen“ als Aufgabe, eine Beweglichkeit mit Eigenstrom, die Formen verantwortlichen Handelns in Aktionen und Darstellungen verlangt. Im Unterricht bedeutet das: Wer ich als Lehrende bin, bestimmt sich auch darüber, welche Intraaktion mit den Lernenden sich ergibt. Mein Beitrag ist Offenheit für Intraaktion und Steuerung aus meiner Verantwortlichkeit heraus für einen doppelten Prozess: Das Reifen eines Textes – und einer Person. Ich empfinde es als eine Aufforderung zu Umsicht und geistiger Großzügigkeit, wie nahe man anderen in Lehrsituationen kommen kann. Man greift in ihre Wesens-Bildung ein, beeinflusst Lebenswege.

# Deutsche Neunsilbler: Do-nau-dampf-schiff-fahrts-ka-pi-tä-nin, Pro-fes-so-rin-nen-dar-stel-le-rin.

Drdr Jüngst zeigte mir die Komponistin Adriana Hölszky, wie sie in ihren Partituren Text notiert. Ich sah ein a, umgeben von (n)a(cht). Weil es einen Unterschied macht, was der/die Sänger*in sich zu dem „a“ vorstellt, als Teil welchen Wortes es gesungen wird. (T)a(g).
Wir hören das. Wir sind aus feinerem Stoff gemacht, als wir meist bedenken können oder wollen. Unterrichten zielt auf diesen Stoff, handelt (etwas tun, aber auch hin und her schicken) mit ihm.

Das ist der Haufen, in dem ich lebe. Das sind „die Deutschen“.

# Wir waren im Sommer in der Arktis. Keine Sterne. Keine Magnetmessung. Das Kreiseln der Nadeln, Kreischen der Vögel. Was für sie „Norden“ ist? Eine im Kopf fühlbare Schwere? Ein Geschmack? Und Zeit wäre dieses Zucken in den Flügeln? Das sind projizierte Ideen: Menschenideen, in Menschensprache, über Tiere gelegt. The best we get? Wie ließe sich das verschiebend sprechen? Welche Sprache könnte die Intraaktion von der anderen Seite her fassen?

Drdr Da mag eine sein, die etwas zeigt. Aber das Sehen muss die andere leisten. Sie wählt auch aus, was sie sieht. Auch die Zeigegeste ist spezifisch „anthro“. Vielleicht ist sie sogar human. Affen beherrschen sie nicht, Hunde lernen sie rasch. Wolfserbe: Ich unterrichte dich. Eine mitunter schneidende, mitunter milde Bewegung auf der Grenze zwischen Ich und Wir.

UD Apropos Grenze: Wie sieht der Handel zwischen Ihnen als Professorin und als Schriftstellerin aus?

Drdr Der Handel sieht andersherum aus. Die Schriftstellerin ist die Grundperson. Die Professorin eine Art temporäre Zusatzperson. Aufgetaucht im Jahr 2018. Für zehn Jahre. Dann endet meine Dienstzeit. Die beiden überlappen sich. Ich setze darauf, dass die Professorin die Schriftstellerin ermutigt. Sie hält ihr finanziell für eine Zeit den Rücken frei. Sie saugt Formen auf. Formale Inspiration. Insgesamt werde ich mutiger. Aber das hat vielleicht auch mit dem Alter zu tun. Im Übrigen tut es mir gut, nicht zu viel „nur“ im Zimmer zu sitzen. Zu agieren und reden zu müssen.

# Nur im Zimmer sitzen nur im Zimmer sitzen schreiben nur im Zimmer sitzen …

Drdr Dann sind Semesterferien und ich schreibe. Ich vergesse das Institut. Wenn ich einen Studierenden aus dem ersten Semester auf der Straße träfe, müsste ich vermutlich nachdenken, wer es ist. In den letzten Semesterferien im Winter schrieb ich ein langes Gedicht von 54 Seiten. Angelegt war es schon einige Zeit. Aber da brach es auf. Anderes wird durch die Lehrtätigkeit verschluckt und nie geschrieben. Immer wieder will ich Flaubert beneiden. Noch wenn er reiste, wurde zu Hause das Schreibzeug bereitgelegt und erwartete ihn. Geldsorgen unbekannt.

UD Sprechen Sie gern?

Drdr Das ist der Nachteil dieser Selbstbefragerei. Sie stellen Fragen, die Menschen, die mich reden hören, nicht einfallen würden. Es scheint doch offensichtlich, das Ja.

UD Ich kann noch persönlicher. Etwa so: Würdest du neben dem eigenen literarischen Arbeiten noch einmal den wissenschaftlichen Weg einschlagen, der ja Zeit und Mühe in Anspruch genommen hat, es dir aber auch ermöglicht hat, Professorin am Literaturinstitut zu werden –

Drdr – nein. Aber jetzt ist dieser Teil meines Kopfes ja auch gefüttert. Damals musste ich herausfinden, was das ist: wirklich Denken. Die Autobahnen, die ich im Kopf habe, die Kurven, Loops, einmal ausfahren.

UD … oder würdest du dir einen Ausbildungsberuf neben dem Schreiben –

Drdr – Tierpflegerin

UD … suchen? Oder würdest du dich eher auf deine natürlichen Fähigkeiten verlassen

Drdr – was?

UD … und beispielsweise als Wünschelrutengängerin arbeiten?

Drdr Verräterin …

UD Warum? Weil man jetzt über dich lachen wird?

Drdr Mit der Gefahr, ausgelacht zu werden, kann ich inzwischen ganz gut leben. Aber auf das Wünschelrutengehen war ich immer unsinnig stolz. Im Süden gibt es ein schönes Wort dafür: ein gspüriger Mensch sein. Mit Steinen, Wasser­adern und Erzen, Wettern und Druck und der Erdvergangenheit verbunden.

UD Kannst du dir ein Leben in einer ländlichen Region vorstellen? Allein oder in einer Selbstversorger-Lebensgemeinschaft zum Beispiel?

# Im Augenblick lebe ich in der Polarnacht in Longyearbyen auf Spitzbergen. Ich muss lernen, ein Schlittenhundegespann zu fahren. Seit Jahren, bald Jahrzehnten träume ich davon, einen Wolfsroman zu schreiben.

Drdr Wir sind jetzt beim Du?

UD (freut sich)

Drdr Ich habe das Landleben einmal versucht. Aber zur falschen Zeit. Und allein. Das würde ich nicht mehr machen. Meine Kindheit verbrachte ich still und im Wesentlichen unterm Tisch. Aber es waren viele Menschen im Raum.

# Stark übertrieben. Wobei das Leben unterm Tisch bemerkenswert ist: Beinballett. Schuhsprache. Man hört alles, was oben gesagt wird. Die Erwachsenen vergessen das Kind, das sie nicht sehen, und sprechen erwachsisch.

Nimmt es einem auch Freiheiten, an einem Institut, das zum Schriftsteller ausbildet, zu studieren? Was hat es mit dem viel beschworenen Schreibschulenton auf sich?

Drdr Ich brauche Stille. Sonst höre ich innerlich nichts. Manchmal zu Beginn des Semesters empfinde ich es als Stress, Spezial-Sprech-Stress, vor so viele und immer wieder ja auch neue Menschen treten zu müssen. Allemal, wenn das Seminar sehr voll ist. Das dauerhafte Lehren fordert mich auf, neu über Sprechen und Schreiben in ihrem Verhältnis zueinander nachzudenken. Vor ein paar Jahren nahm ich eine CD auf, Happy Ageing, ein „Hörbuch“, das nur mündlich erzählt wurde in einigen Stunden am Küchentisch. Ohne Skript, ohne Stichworte. Die Verfertigung des Gedankens beim Sprechen. Es war ein erstaunliches Erlebnis, weil ich merkte, wie sich, während ich sprach, die Struktur eines gesamten Buches in meinem Kopf formte. Mich hat die mittelalterliche Literatur immer auch aufgrund ihres Verhältnisses zur Mündlichkeit interessiert. In den Medienverbünden von heute verschieben sich die Schrift-/Sprache-/Bild-Verhältnisse. Mündliche Gesten melden sich zurück oder werden neu aktiviert. In der Lyrik kündigte sich das mit einer neuen Emphase auf dem Auftritt schon Mitte der 90er-Jahre an. Ich fasse den Gedanken im Sprechen. Das mache ich auch im Seminar. Ich experimentiere mit literarischen Formen. Und ebenso mit Lehrformen. Ich will mich in den Unterrichtsstunden nicht langweilen. Das tue ich nicht, wenn ich das Gefühl habe, dass etwas Neues zwischen uns allen entsteht.

UD Sagst du deinen Studierenden, dass es keine dummen Fragen gibt?

Drdr Nein.

# Es gibt dumme Fragen. Sie sind die allerbesten. Oder die ärgerlichsten. Überflüssig sind sie nie.

Drdr Unterrichten ist eine Metaübung, die das, was sie selbst lehrt, auf sich anwenden können sollte. Die Kategorien gelogen oder dumm kommen darin nicht oder nicht wesentlich vor. Wenn Intelligenz Selbstbewusstsein und Reflexion voraussetzt, dann wäre dumm etwas, das diese Position nicht bezieht, also nichts von sich weiß. Diese Art von Text gibt es in der Literatur nicht. Es gibt Texte, die sehr erfolgreich vorgeben, „naiv“ zu sein. Sehr gute Texte. Auch sehr schlechte. Und wenn jemand fragt, was ist ein schlechter Text, kann ich keine Satzantwort geben, sondern eine Praxis anbieten (in sie einführen, sie einüben): lesen, sprechen, diskutieren, vergleichen. Überlegen, beziehen. Gegen oder für entscheiden. Das lässt sich als handwerkliche Praxis und als Haltung vermitteln. Seminar bedeutet, Urteile zu wägen. Und den Weg, auf dem man zu einem Urteil kommt, zu erkennen und selbst zu beurteilen.

UD Hast du ein Ziel?

# Ideen, Visionen, Geräusche, Klangfelder … Cluster von Energien. Die Vorstellung: einen wildfremden Menschen mit Worten in seinem Kern zu berühren.

Drdr Ich benote nicht, welche ästhetische Position jemand bezieht. Die Studierenden fragen, wie ich mit Texten umgehe, von denen ich nicht überzeugt bin, mit denen sie aber in Seminaren auftreten. Ich finde das nahezu ideal. Wenn ich mit allem einverstanden wäre, könnte ich nicht weiterhelfen. Ich verstehe mich als Leserin von Potenzial(en), als Expertin für erfahrungsgegründete Visionen. Das macht mir am meisten Freude an meiner Textarbeit in Leipzig. Ich liebe Formen und die Entwicklung von Formen.

UD Wie marktorientiert muss man – wie marktfern darf man – heutzutage schreiben?

Drdr Welch herrlich giftige Frage. Allein schon das „dürfen“. Was heißt das? Erst einmal muss etwas anderes gelten: Was kann ich? Was befeuert, erleuchtet mich? Wo liegt meine Passion (durchaus im doppelten Sinn des Wortes). Und welchen Weg finde ich, das in Sprache zu fassen. Häufig wollen die Autor*innen zu viel auf einmal. Das Stück soll figural experimentell mythengetränkt ironisch gefühlvoll intertextuell relevant unterhaltsam sein etc. Manchmal hilft es schon, das zu erkennen. Zu streichen und sich Zeit zu geben. Ich selbst habe nur mühsam gelernt, wie man sich gegen Außendruck wehrt. Wenn er dann einmal da ist, der „Markt“ in Form von Agenturen und Verlagen, von hypothetischen Zeitfenstern und Vergessensfenstern, kommt es darauf an, eine Art eigener Zeitkraft entwickelt zu haben.

UD Wie weiß man, wann ein Text fertig ist?

#

UD Man weiß es nicht?

Drdr Doch, doch. Im Einzelfall. Aus Erfahrung zum Beispiel. Hier muss man sich seinen eigenen Weg suchen.

UD Inwiefern kann man literarisches Schreiben überhaupt lehren?

Drdr Wo die Grenzen verlaufen, wird immer wieder anders sein und neu ausgehandelt, von Person zu Person. Die richtige Frage lautet: Was kann ich von wem lernen? Ich möchte meine Studierenden dazu befähigen, ein konstruktives kritisches Gespräch mit sich selbst zu führen. Es setzt voraus, mit Abstand lesen zu können. Es setzt voraus, sich eine Unabhängigkeit von den Urteilen anderer zu erwerben, die klug ist. Die befähigt einzuschätzen. Sich nicht hin und her schieben zu lassen. Die befähigt, sich hilfreiche (Kommentar-)Stimmen zu einem Text einzuladen. Der Schutzraum des Studiums, das vertraute Gespräch in diesem Raum sind etwas Besonderes. Für manche führt das zu besseren Texten. Nicht für alle.

Immer wieder will ich Flaubert beneiden. Noch wenn er reiste, wurde zu Hause das Schreibzeug bereitgelegt und erwartete ihn. Geldsorgen unbekannt.

UD Manche stürzen ab?

Drdr Schreiben ist kein Harmlosspiel mit kleinem Antispießerkick im Dreijahreserwerb. Literarisch schreiben, wirklich dasitzen und diese neue Welt schaffen, ist wunderbar, ich würde es gegen nichts eintauschen wollen. Doch es kostet. Apollo hat dir in den Mund gespuckt. Oder Kafkas Drache, viel zu groß, schiebt sich ins Zimmer. Man wird angesprochen (aufgerufen, gefordert, gefressen) in Schichten des Selbst/Da/Seins, die man zuvor nicht kannte. Manchen wird deutlich, dass sie für diesen Beruf nicht gemacht sind. Das ist kein Abstürzen. Das ist Selbstklärung. Ein ebenso guter und wichtiger Effekt dieses Studiums wie andere Ergebnisse.

UD Viele großartige Autoren haben zwar viel gelesen, aber nie literarisches Schreiben studiert. Nimmt es einem auch Freiheiten, an einem Institut, das zum Schriftsteller ausbildet, zu studieren? Was hat es mit dem viel beschworenen Schreibschulenton auf sich?

Drdr Die Frage nach dem Ton wird für mich interessant, wenn ich sie als Frage nach Individualität und Kollektivität verstehe. An Originalität kann ich denkend nicht glauben, aber das Erfahrungswesen in mir kennt sie. Hier hilft also nur ein entschiedenes Sowohl-als-auch. Wie denken wir Agency und Vernetzung? Ich helfe anderen, ihre eigenen Muster herzustellen. So mein Unterrichtsansatz und so auch die Gastdozent*innenpraxis in Leipzig. Am Ende wird jede/r unserer Studierenden einen einmaligen Weg durch das Institut gegangen sein. Das Lehrangebot ist modularisiert, innerhalb dieser Modularisierung aber extrem flexibel. Institutsprosa ist eine Erfindung von außen. Regeln wie „Streichen Sie alle Adjektive“ hört man bei uns nicht. Wenn es das wäre, würde ich Anfang des Semesters die Regeln an alle verschicken und den Rest der Zeit zu Hause bleiben. Vielleicht sollten wir das doch einführen.

UD Denkst du über „Kreativität“ nach?

Drdr Nein. Denke ich darüber nach, wie Neues in die Welt kommt? Oder ob alles nur Kombinationen aus schon Bestehendem ist? Ob Borges Recht hatte mit der unendlichen Bibliothek? Was es bedeutet, in Zeiten des Netzes und künstlicher Intelligenzen zu leben? Wie deutschsprachige Literatur in 50 Jahren aussehen könnte? Was mit der deutschen Sprache geschieht? Selbstverständlich.

# Was der Unterschied ist, wenn ein Mensch oder ein simulierter Mensch eine Simulation von menschlicher Wirklichkeit schaffen. Was es bedeutet, wenn gesagt wird, dass in 50 Jahren KIs perfekte Bestseller schreiben werden. Ob ich das glaube. In welchem Sinn ich es glaube? Welche Rolle Subjektivität, Fehlerhaftigkeit, Verletzung spielen.

Drdr Jetzt klingst du bald wie ich!

# Wundert dich das?

Drdr Am meisten habe ich aus Texten gelernt. Wenn ich sage, „X war meine Lehrerin“, meine ich vor allem eine Haltung, einen Zugriff, eine Daseinsweise im Verhältnis zu literarischen Texten. Gerhard Neumann brachte mir bei, dass man in ihnen Figuren und Denken auseinander entstehen lassen kann. Wolfgang Harms, wie man heterogene Gruppen von Menschen mit Literatur ansteckt und den Impuls über Jahre hinweg lebendig hält. Ich bin erst jüngst ins DLL gekommen, nach einem langen (Über-)Leben auf dem Markt der „freien“ Schriftstellerei. So rieche ich nicht nach Institution(en), sondern nach Erfahrungen, die die Studierenden halbwegs erwarten (anders: sie sind jünger etc.). Sie handeln davon, dass man sich einen Weg suchen muss zwischen den Anforderungen des Zeitgeistes, von dem man nicht frei bleibt, der Moden, der Ökonomie, des Geschmackes und den eigenen Grenzen und Fähigkeiten. Umgehen muss mit Druck, Zumutungen, Übergriffen, ökonomischen und sozialen Härten – und Überweichheiten. Dem falschen Entgegenkommen. Wir sprechen darüber nicht ständig explizit, doch all diese Fragen und Umstände blitzen immer wieder auf. Wir sprechen sie durch-einander.

# Studieren mit etwa 50 anderen, die ebenfalls Schriftsteller werden wollen? Ich weiß nicht, ob ich das gemacht hätte.

UD Wie gehst du damit um, dass du dich täuschst? Über Texte, über Personen, über die Auswirkungen deiner Analysen oder Ratschläge?

# Scheitern und Schreiben sind nicht nur lautlich verwandt.

Drdr Beim Schreiben ärgere ich mich. Oder bin niedergeschlagen.

# Später erkennt man, wenigstens manchmal, dass es produktiv war.

Drdr Andere Projekte implodieren. Stecken Jahre im Schlamm. Bleiben für immer dort. Diese Erfahrung verbindet mich mit meinen Studierenden. Ich kenne die Schwierigkeiten. Ich habe einen Scheiternsvorsprung.

# Erinnerst du dich daran, wie es war, wenn wir als Kind etwas malen wollten? Das so deutliche Bild im Kopf. Und wie so anders aussah, was die Hand aufs Papier brachte. Weil der Stift und das Papier sich einmischten. Und die Hand. Die Hand selbst. Mal die linke, mal die rechte. Zudem die Materie. Der Maluntergrund. Die Farbe, die unter den Stiften fehlte.

Wie viel Angst man entwickeln kann, nie zu jemandem zu gehören, nie einen Platz zu finden, an dem man als die Person leben kann, die man ist. Ich galt als absonderlich.

Drdr Georg Christoph Lichtenberg hat gesagt: „Unser Schreibwerkzeug arbeitet mit an unseren Gedanken“. Im intensiven Schreiben gerät das Ich zunehmend AUS dem Text. Man wird eine Durchgangsstation. Aufgelöst, Nicht-mehr-Ich, dabei hochkonzentriert, vollkommen präsent.

UD Mich erinnert das an Versuche im Rahmen der Anthropozändiskussion, sich Empathie und Verbundenheit neu vorzustellen, etwa Donna Haraways tentakuläres Denken oder Denken-mit und was der schönen Wortschöpfungen mehr herumgeistert. Ist das nicht einfach nur modisch?

# Gerumheistert. Ertumhergeist. Etwa wie: Zuhause sein? (wie gesprochen wurde)

Drdr Gedanken bewegen sich dorthin, wo Sprache sich verändert. Ich erlebe diesen Bereich nahezu körperlich, eine Grenzzone, die leuchtet und sich verflüssigt. Mit dem Wandel der Sprache wandelt sich „Wirklichkeit“, also sowohl, was als wirklich gilt, als auch das, was erlebbar und erinnerbar ist. Wo sonst sollte ich mich als Schriftstellerin aufhalten wollen als in diesen Bereichen: Ich lerne (lese), was andere dort (er-)finden. Etwa Hélène Cixous’ Sprachbewegungen in Meine Homère ist tot, wenn sie nach genauen Worten/Fügungen für Altern und Sterben sucht. Mich „regt auf“, wo und wie Sprachen sie gegenseitig berühren und anstoßen. Als Schriftstellerin breche ich mit jedem Text zu etwas Neuem auf, allein. Das Lehren von literarischem Schreiben, das intensive Blicken und Begleiten von Text, möchte ich zu etwas machen, das wir gemeinsam unternehmen. Das Leipziger Institut verändert sich. Auch die Stimmung ist verändert. Ich setze auf einen Synkretismus der Ideen.

UD Sind deine Studierenden politisiert?

Drdr Das Siebzigerjahre-Wort „politisiert“ scheint mir nach dem ethical turn in klimasensiblen, posthumanistischen, chthuluzänischen Insektenzähl- und Sorge­zeiten wieder etwas zu treffen. Die Studierenden sind diskurswach, sprachsensibel, politisch alert. Sie sind „engagiert“, und ich setze das Wort in Anführungszeichen, weil sie sich politisch einmischen und zu Wort melden mit einem anderen Bewusstsein, einem anderen Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse als zu Zeiten politischen Engagements nach 1968 oder in der Ökolyrik der 80er. Es geht um Sprechakte im Bewusstsein der komplexen Systematizität der „Verhältnisse“. Die Zeitschrift PS (Politisch Schreiben) ist mit aus dem Institut hervorgegangen. Mit den Texten sind eine Welthaltung und ein Lebenswunsch verbunden, ohne dass die Texte deswegen „botschafterisch“ oder nicht-literarisch wären. Das ist erfrischend. Ich radikalisiere mich selbst noch einmal, wenn ich sehe, mit welcher Konsequenz gender-/sex-Fragen angegangen und gelebt werden. Postfeminismus macht Spaß. Ich bin in Leipzig angetreten mit dem Ziel, das Spektrum der Themen und Methoden zu erweitern. Wir stecken mittendarin. Ästhetik wird w/d/m diskutiert, wir haben mit dem großen Programm Nature Writing (Unterrichts- und Bibliothekserweiterung, wissenschaftliche Kooperationen) begonnen, es wird eine Zentrierung um Fragen des Life Writing geben sowie ein zusätzliches Förderprogramm zur Lehre von literarischem Schreiben in verschiedensten Gattungs- und Bildungsbereichen mit der Möglichkeit, das erworbene Wissen auch praktisch zu erproben.

# Ich stehe als Fünfjährige vor meinem Elternhaus. Das Bauschild lehnt lang und schräg an der Wand. Das Nachbarmädchen, ebenfalls fünf Jahre, liest den Namen meines Vaters ab, mit Dipl.-Ing. Dann rennt sie weg. Ich starre die schwarzen Buchstaben auf dem weißen Schild an. Ich kann genau sehen, dass sie nicht aufrecht stehen wie sonst, sondern um eine Viertelstunde nach rechts gedreht sind. Nur die Bedeutung kann ich nicht sehen. Ich frage mich, wo sie steckt. Was ist Dipling? Zeichenhaftigkeit. Wie man/ich Zeichen bilde/t. Wie sie abschickt, wie sie ent-ziffert. Besser vielleicht: ent-grapht. Wieder ent-schriftet.

UD Was würdest du einem angehenden Schriftsteller raten bzw. auf welchen Satz hättest du am Anfang deiner Karriere (oder noch davor) gerne vertraut?

# Hab keine Angst vor dem, was du findest.

UD Das hätte ich von dir nicht erwartet. So einen… so einen Hülsensatz.

# Ich habe lange gebraucht, um mich zu ihm hinzuleben.

UD Du hattest Angst? Nach dem Abi hast du Jura studiert.

Drdr Alle sagten, damit könne man später machen, was man wolle. Zudem habe es mit Sprache zu tun. Der Sprachbezug entpuppte sich als unter-interessant. Gesetzesparagraphen sind wie Wörter, mit ihnen bildet man Sätze, Absätze etc. Die Auslegungsregeln, das „Juristische“, agieren als die Grammatik dieser Sprache. Gute Juristen sind Kletteraffen im Grammatikgestänge, beweglich, schnell, erfinderisch. Der Rest besteht aus Rhetorik, Psychologie, Unwägbarkeit, schlechtem oder besserem Erzählen. Als mir das klar wurde, hörte ich auf. Strafrecht allerdings gefiel mir. Phänomenal, was Menschen sich so ausdenken. Und dann tun. Und wie sie später darüber sprechen.

UD Du galtest als begabt.

Drdr Kaum jemand spricht darüber, wie einsam das macht. Und ja, wie viel Angst man entwickeln kann, nie zu jemandem zu gehören, nie einen Platz zu finden, an dem man als die Person leben kann, die man ist. Ich galt als absonderlich. Hochbegabung wurde das erst später genannt. Es ist so sehr das eine wie das andere, von verschiedenen Seiten gesehen.

UD Von Anfang an hat Mehrsprachigkeit eine Rolle gespielt?

# Subsong. Der Text unter dem Text. Die verborgene zweite Melodie. Die inhärente Mehrspurigkeit, Mehrsprachigkeit jeden Textes. Sprache, und die Sprache, die er spricht.

Drdr Ich fing an, nach meiner literarischen Sprache zu suchen, als ich mit 22 Jahren nach einem intensiven Jahr in England (kein Internet, kein Fliegen, kein Telefon – also: Immersion, am Ende hatte sich sogar meine Stimmlage verändert) in mein Erstsprachenland zurückkehrte. Überall aus dem Deutschen blickte mir das Englische entgegen. Jedes Wort hatte Abstand zu mir, ich zu ihm. Ich las englischsprachige Literatur, lernte an ihrem Beispiel Formen, übersetzte. Suchte weiter. Im Übersetzen, etwa von Beckett-­Erzählungen, lernte ich Genauigkeit. Und Sprachenvergleich. Und Übersetzen von der einen Sprache in die eine Sprache. Dass das Schreiben ist. Ich benutze die Analyse und das Erstellen von Übersetzungen auch als Unterrichtsmethode. Für mich selbst hieß der Sprachenverkehr: Lernen von Woolf, von Beckett, von Nabokov, von Shakespeare, von Joyce. Eine Parallelaktion entwickelte sich, ein Oszillieren in zwei Halb-Heimatgebieten. Am Ende wurde daraus eine polyglotte Poetik. Meinen kommenden Roman habe ich auf Englisch geschrieben. Dann ins Deutsche übersetzt. Vom Deutschen her Teile des englischen Textes erweitert. Und so mehrfach vor und zurück. Der Mythos der Einsprachigkeit ist mächtig. Und fruchtbar, wenn man ihn unterläuft.

# Übersetzen von Jedertagssprache in literarische Sprache. In eine (orale) Schriftsprache, in Druckseitensprache. Es betrifft jeden Sprach-Zug: den Atem, das Komma, die Silbe, die Folge der Vokale, das einzelne Wort, den Satz, den Absatz, die Zeit.

UD Zum Schluss: Du hast in den Jahren seit 2000 zahlreiche Poetikvorlesungen gehalten und regelmäßig höchst verschiedene Schreibkurse gegeben, lang, kurz, für Prosa und Lyrik, international und im deutschsprachigen Bereich. Was hat sich durch die Professur geändert?

Drdr Leipzig gibt mir Gestaltungsraum in Form von Zeit und Geld. Ich kann die Entwicklung des Instituts mitbestimmen. Nature Writing, Übersetzen, Theoriebildungen des Anthropozäns, ein Austausch mit Oxford, eine neue Ausrichtung auf die Frage, wie literarisches Schreiben vermittelbar ist, und nicht zuletzt der Themenkomplexe, der im angloamerikanischen Bereich Life Writing heißt und einen immensen Bogen spannt von der genetischen Schrift in Zellen über autobiografische und biografische Texte verschiedenster Form hin zum historischen Roman.

UD Warum interessiert dich das?

Drdr Ich frage mich nach dem Freiraum der Fantasie. Ich halte ihn für ein wesentliches Element unserer sozial-kulturellen Entwicklung. Westliche Gesellschaften leiden derzeit in ihren Freiheitsräumen an Verwechslungen von Relevanz, Wahrheit und Authentizität. Biogeschichten boomen. Autor*innen erzählen aus ihrem Erleben: Krankheiten, Migrationen. Dieses erhitzte Interesse am Biografischen interessiert mich als Symptom. Life Writing bietet vielfältige literarische Möglichkeiten, man muss es allerdings einordnen.

UD Es hieße, die Medienkonkurrenz fatal misszuverstehen, wenn nun auch die Literatur darauf setzen wollte, nur mehr real stories zu erzählen?

Drdr Die Stärke der Literatur liegt in der Wahrhaftigkeit oder Authentizität der in ihr gebotenen Fantasie. Der Bewegungen auf einen anderen zu. Ich lese das Authentizitätsbedürfnis als Schaukeleffekt der Medienentwicklungen der letzten 20 Jahre. Es ist nicht falsch, Literatur zu einem Ort der Authentizität zu erklären. Falsch ist, es bezogen auf die Quelle des Stoffes zu tun. Authentisch, „wahr“ und relevant an Literatur ist der Möglichkeitsraum, den sie schafft. Gerade sie, die dazu in der Lage ist, zu sehen, was nicht ist. Die fasst, was möglicherweise war oder nur halb eintrat. Oder sein könnte. Gerade sie, das Medium der Einfühlung, Projektion und Erfindung par excellence.

UD Hinzukommen die Auswirkungen der um den Begriff des Menschen geführten Debatte. Posthumanismus, Transhumanismus, Mensch im digitalen Raum, Mensch im Raum einer durchgestrichenen Zukünftigkeit, Mensch im Anthropozän. Man scheint vor allem etwas löschen zu wollen?

Drdr Das „als ob“ der Fiktion ist umstritten. Wie unser Glaube an Empathie und Kommunikabilität. An Verstehen. Was ist wirklich, und wenn ja, in welchem Sinn? All diese Fragen treffen ins Heimatgebiet der Literatur. In meiner Novelle Kanalschwimmer schwimmt ein älterer Mann durch den Ärmelkanal. Alles, was geschieht, ist Wort, ist Meer, ist „Be-Schreibung“. Ich habe mich nicht 24 Stunden lang durch 17 Grad kaltes Wasser gequält. Das durchschwommene Meer ist ein realer und dystopischer und utopischer Ort. Eine beharrliche Schwingung zwischen Physik und Metaphysik. Das ist für mich das Potenzial der Literatur.

UD Das vermittelst du auch?

Drdr Der Kern ist mir mit den Jahren deutlich geworden. Das, was mein Schreiben und Lehren durchzieht und mich glücklich macht, wenn ich es fühle.

# Ah, das nun wieder.

Drdr Ja, das.

UD Was denn?

Drdr Du bist jetzt dran. Aber bitte keine Hülsen.

# Lass dir was einfallen. (Pause)

UD Jedes Mal, wenn ich vor meine Studierenden trete …

 

Ulrike Draesner, geboren 1962, lebt in Oxford und Berlin. Zuletzt erschienen der Gedichtband Subsong (Luchterhand, 2014) der Roman Sieben Sprünge vom Rand der Welt (Luchterhand, 2014) und die Novelle Kanalschwimmer (Mare, 2019). Seit 2018 ist sie Professorin am Deutschen Literatur­institut in Leipzig.

Quelle: VOLLTEXT 4/2019 – 11. Dezember 2019

Online seit: 24. März 2020