Manchmal möchte ich die Sterne essen

Michel Lei­ris und das Schrei­ben über sich selbst. Von Tho­mas Stangl

Fäl­schun­gen kom­men nicht in Fra­ge, denn Fäl­schen wür­de Ster­ben bedeu­ten.“ Die­sen Satz schreibt Michel Lei­ris 1934 in sein Tage­buch; er ist zu die­sem Zeit­punkt drei­und­drei­ßig Jah­re alt, hat gera­de eine eth­no­gra­fi­sche Afri­ka-Expe­di­ti­on hin­ter sich (und mit dem Tage­buch die­ser Expe­di­ti­on, Phan­tom Afri­ka, unter ande­rem nach­hal­tig das Selbst­ver­ständ­nis der Eth­no­gra­fie erschüt­tert) und steht am Beginn einer auto­bio­gra­fi­schen Arbeit, die sich über fünf Jahr­zehn­te hin­zie­hen, meh­re­re – auf den ers­ten Blick von­ein­an­der stark unter­schie­de­ne – Bücher umfas­sen und sich auf eine ein­zig­ar­ti­ge und unauf­lös­li­che Art mit Lei­ris’ Leben ver­zah­nen wird.

Der zitier­te Satz ist pro­gram­ma­tisch: Schrei­ben heißt für Lei­ris, mit bedin­gungs­lo­ser Auf­rich­tig­keit Rechen­schaft über sein Leben zu geben, ohne jede Rück­sicht sich selbst gegen­über – und zugleich in einer Art von Wet­te gegen den Tod. „Ist das, was auf dem Gebie­te der Schrift­stel­le­rei vor sich geht, nicht jeden Wer­tes bar, wenn es ‚ästhe­tisch‘ bleibt, harm­los und straf­frei?“, schreibt er in sei­nem Essay Lite­ra­tur als Stier­kampf: „Wenn es […] nicht etwas gibt, das dem ent­sprä­che, was für den Stier­kämp­fer das spit­ze Horn des Stiers ist? Denn ein­zig und allein die­se mate­ri­el­le Bedro­hung ver­leiht sei­ner Kunst eine mensch­li­che Rea­li­tät und bewahrt sie davor, nichts wei­ter zu sein als eit­le Gra­zie einer Bal­le­ri­na.“ „Ein Buch machen, das eine Tat­hand­lung sein soll­te, dies war das Ziel […], das mir vor Augen stand.“

Michel Leiris © Charles Mallison

Michel Lei­ris: Man ent­kommt der Lite­ra­tur nicht, auch nicht in den äußers­ten Momen­ten.
Foto: Charles Mal­li­son

Aber wie gelangt man zu die­ser Rea­li­tät, die­ser Bedro­hung, zur Tat? Was heißt das: das eige­ne Leben? Die­se Fra­gen geben dem Unter­neh­men sei­ne Dyna­mik, zwin­gen ihm sei­ne Form auf: zuletzt eine Spra­che, in der