Der Poet, der aus der Kälte kam

Mat­thi­as Sen­kel erzählt vom digi­tal exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus. Von Tho­mas Lang
„Hät­te der Sozia­lis­mus mit mehr Gespür für IT über­lebt? Das scheint mir eine span­nen­de Fra­ge.“
Matthias Senkel © Dietze

Mat­thi­as Sen­kel: Bei aller Schel­men­haf­tig­keit berührt das Roman­ge­sche­hen den Kopf weit mehr als das Herz des Lesers.
Foto: Diet­ze

Ein Kör­per in fah­lem Grau-Weiß, iso­liert in der umge­ben­den Schwär­ze. Es han­delt sich um ein Oval, oben brei­ter, run­der, an der Basis schma­ler und etwas ecki­ger. Von oben links fällt Licht auf das Oval, so wirkt er kör­per­haft. Die Form erin­nert an einen mensch­li­chen Kopf, oben die Schä­del­naht, jedoch kei­ne Haa­re oder Haut. Der ova­le Kör­per weist Beu­len auf, Unre­gel­mä­ßig­kei­ten einer Mond­land­schaft, zurück­ge­nom­men, wie in ein Reli­ef gedrängt. Auf Höhe der Schlä­fen wirkt der Schä­del leicht ein­ge­dellt. In der Mit­te des Ovals klei­ne Wüls­te, die lin­ke hän­gend, die rech­te mini­mal gewölbt. Das sind die Brau­en, dar­un­ter lie­gen Ver­tie­fun­gen, die kein Auge zei­gen und doch als Augen zu sehen sind. Dazwi­schen, ein­ge­schla­gen wie die eines Boxers, die Nase. Außen die Joch­bei­ne, rechts auf­ge­wor­fen wie ein klei­ner Gebirgs­zug, links eher flie­hend, ein Del­ta mit pickel­ar­ti­ger Erhe­bung.

Ich soll­te sagen: rechts flie­hend, links gebirgs­ar­tig. Denn inzwi­schen hat sich der eiför­mi­ge Kör­per, mein Gegen­über, unwi­der­ruf­lich zu einem Gesicht kon­sti­tu­iert und damit sei­ne eige­nen Sei­ten bekom­men. Zwei hohe Bögen, wie die pri­mi­ti­ve Sche­ma­zeich­nung eines flie­gen­den Vogels, zeich­nen die Ober­lip­pe, die Unter­lip­pe schwimmt dar­un­ter wie ein Schiff, des­sen Mast in der Mit­te den Vogel berührt. Das Kinn sinkt bei­nah in den Hals­an­satz. Dort ist Schluss, mehr ist nicht von Inter­es­se; die Ohren schei­nen abge­schnit­ten. Die­se ani­mis­ti­sche Gott­heit, die­ses gespens­ti­sche Wesen, zeigt uns der ame­ri­ka­ni­sche Künst­ler Ster­ling Crispin. Geschaf­fen wur­de es, wie er schreibt, durch Gesichts-Erken­nungs-Tech­nik, deren Algo­rith­men qua­si umge­kehrt wur­den („rever­se engi­nee­ring facial reco­gni­ti­on and detec­tion algo­rith­ms“, nach einem Inter­view mit Crispin im Bomb Maga­zi­ne) und so die Ent­wick­lung der Mas­ken ermög­lich­ten. So sehen Maschi­nen uns.
Will­kom­men in der Gegen­wart.

Maschi­nel­le Nar­ra­ti­on

Selbst­ver­ständ­lich ist es ein Trick – das Sehen der Maschi­nen ist eine Visua­li­sie­rung für uns, für das mensch­li­che Sehen. Da haben die Mas­ken gro­ße Strahl­kraft, weil wir sie auch emo­tio­nal bewer­ten und die Tat­sa­che, dass die sich aus tat­säch­lich maschi­nen­ge­ne­rier­ten Daten errech­nen, unse­re Wahr­neh­mung beein­flusst. Die­sem Kon­zept hinkt die Lite­ra­tur noch hin­ter­her. Sicher, es gibt das Pro­gramm für sto­chas­ti­sche Tex­te, das Theo Lutz bereits 1959 für die Zuse Z22 schrieb und eine Rei­he ähn­li­cher Spie­le­rei­en im Netz. Echt maschi­nen­ge­schrie­be­ne lite­ra­ri­sche Erzäh­lun­gen blei­ben vor­erst Träu­me. Cle­mens Setz benutz­te die Fik­ti­on eines Bots, der aus mensch­li­chen Nota­ten Ant­wor­ten auf Inter­view­fra­gen gene­riert, im Grun­de ein flei­ßi­ger Die­ner eines mensch­li­chen Geis­tes.

Bei Mat­thi­as Sen­kels Dunk­len Zah­len geht die Fik­ti­on etwas wei­ter. Hier ist es der fik­ti­ve Rech­ner GLM 3, eine Golem­ar­ti­ge Lite­ra­tur­ma­schi­ne, die, mit Loch­kar­ten gefüt­tert, den Erzähl­zeit­raum zwi­schen 1821 und 2043 be- oder bes­ser gesagt ver­ar­bei­tet. Ent­wi­ckelt hat den Typ 3 der Inge­nieur Foma Wadi­mo­witsch Tkat­schow in den 1960er-Jah­ren. Die GLM ist die bald „wie eine Spiel­uhr“ sur­ren­de, bald „wie ein Brumm­krei­sel“ heu­len­de Erzäh­le­rin die­ses Romans. Und wie alle Freaks und Ver­sto­ße­nen ver­ge­wis­sert sie sich ihrer eige­nen Geschich­te – der Geschich­te der sowje­ti­schen Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie.

Ihren Ursprung hat sie bereits im neun­zehn­ten Jahr­hun­dert. 1821 tref­fen die rus­si­schen Dich­ter Pusch­kin und Sor­okin auf­ein­an­der. Eigent­lich wol­len sie sich duel­lie­ren, doch ihre Begeg­nung endet in einem gemein­sa­men Mahl. Zusam­men schrei­ben sie ein Gedicht und publi­zie­ren es unter dem Pseud­onym Tete­rew­kin. Die­ser, erfah­ren wir an ande­rer Stel­le, will ein Gedicht schrei­ben, das die gan­ze Welt inven­ta­ri­siert. Er erkennt bald, dass sein Ansin­nen mensch­li­che Kapa­zi­tä­ten über­steigt. Glück­li­cher­wei­se stößt er auf die Ana­ly­ti­cal Engi­ne des eng­li­schen Erfin­ders Charles Bab­ba­ge, die gemein­hin als eine der Vor­läu­fe­rin­nen des Com­pu­ters gilt. Tete­rew­kin ent­wi­ckelt auf die­ser Basis eine ers­te GLM, stirbt jedoch all­zu bald. Auf die­se Wei­se kreu­zen sich in Dunk­le Zah­len Fik­ti­on und His­to­rie. Tete­rew­kin ist eine erfun­de­ne Figur, Bab­ba­ge hat auf unse­rer Welt sehr mate­ri­el­le Spu­ren hin­ter­las­sen.

Digi­ta­ler Sozia­lis­mus

Sen­kel flicht von hier aus­ge­hend meh­re­re Erzähl­strän­ge inein­an­der. Im Wesent­li­chen spielt die Roman­hand­lung in den 1950er- bis 1980er-Jah­ren. Sie erzählt aus dem Leben der Figu­ren, die mit der GLM auf die ein oder ande­re Art zusam­men­hän­gen. Im Zen­trum steht eine Spar­ta­kia­de, ein Wett­be­werb unter sozia­lis­ti­schen Bru­der­län­dern, um das bes­te Com­pu­ter­pro­gramm. Die jugend­li­chen Teil­neh­mer ahnen nicht, dass sie letzt­end­lich Tei­le einer Soft­ware pro­gram­mie­ren, die dem sowje­ti­schen Geheim­dienst zur Iden­ti­fi­zie­rung der Urhe­ber sys­tem­kri­ti­scher Wit­ze die­nen soll – mög­li­cher­wei­se eine Anspie­lung auf Sol­sche­ni­zyns Ers­ten Kreis der Höl­le. Das kuba­ni­sche Team wird unter mys­te­riö­sen Umstän­den an der Teil­nah­me gehin­dert und die Über­set­ze­rin Mireya macht sich auf die Suche nach ihm. Sie ist die ein­zi­ge Figur in dem Roman­werk, die etwas Wär­me aus­strahlt. Mireya bricht aus dem im Wesent­li­chen rea­lis­ti­schen Erzähl­strang aus, ver­wan­delt sich in eine Möwe und noch in ande­res. Hier winkt im Hin­ter­grund Bul­ga­kow.

Bei aller baro­cken Schel­men­haf­tig­keit berührt das Roman­ge­sche­hen den Kopf weit mehr als das Herz des Lesers. Die ein­zel­nen Epi­so­den wir­ken exakt abge­zir­kelt und per­fekt ins Räder­werk die­ser Geschich­te ein­ge­passt, gleich­zei­tig aber will­kür­lich kon­stru­iert, als fehl­te unter der äuße­ren die inne­re Not­wen­dig­keit für das Roman­ge­sche­hen. Bür­ger­li­che Lite­ra­tur ist das nicht, sozia­lis­ti­scher Rea­lis­mus eben­so wenig. Dazu ist das Gan­ze viel zu spöt­tisch. Ein Hauch von Pyn­chon schwebt über den Sei­ten, ohne dass des­sen gro­ßer Atem (bereits) spür­bar wäre.

Im Wesent­li­chen scheint Sen­kels Inter­es­se indes auch weni­ger auf die Fabel als auf die sozia­lis­ti­sche Tech­nik­ge­schich­te gerich­tet zu sein. Für den heu­ti­gen Leser ist die­se erstaun­lich, denn die sowje­ti­schen Com­pu­ter (dar­un­ter ein Ter­när­rech­ner, der mit einer drei­wer­ti­gen Logik arbei­tet, also neben der Eins und der Null auch noch den Wert Minus-Eins kennt) sind kaum Teil unse­res kol­lek­ti­ven Gedächt­nis­ses gewor­den. Die Ver­net­zung der Rech­ner durch ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­netz, im Roman nur ange­deu­tet, wur­de im sozia­lis­ti­schen Rie­sen­staat zwar gedacht, aber nicht voll­zo­gen. Auch die Hard­ware-Ent­wick­lung betrach­tet Sen­kel nicht ohne iro­ni­sche Sei­ten­hie­be auf die sozia­lis­ti­sche Plan­wirt­schaft. Die DDR kriegt ihr Fett weg als der Staat, der mit dem „Bau des größ­ten Micro­chips der Welt einen Etap­pen­sieg“ in der Mikro­tech­no­lo­gie errun­gen habe. Der Sozia­lis­mus war auch einer der Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie und wenigs­tens im Mythos von Tetris, einem Com­pu­ter­spiel der 1980er, hat er über­lebt. Die­ses war ursprüng­lich eine rus­si­sche Ent­wick­lung.

Hät­te der Sozia­lis­mus mit mehr Gespür für IT über­lebt? Das scheint mir eine span­nen­de Fra­ge. Die poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Ord­nung hat in Sen­kels Dar­stel­lung immer etwas Undurch­sich­ti­ges – frei nach dem Mot­to: willst du die Füh­rung zum Lachen brin­gen, nenn ihr dei­ne Plä­ne. Immer wie­der wer­den Figu­ren aus ihren Zusam­men­hän­gen geris­sen, für sie selbst über­ra­schend von Ort zu Ort ver­frach­tet. Es ver­schwin­den Kof­fer und gan­ze Mann­schaf­ten, ohne dass je her­aus­zu­fin­den wäre, war­um und durch wen ver­an­lasst. Abge­se­hen von einem west­li­chen Agen­ten wird dabei nie­man­dem weh­ge­tan.

Nie­mand, die Ver­ant­wort­li­chen ein­ge­schlos­sen, scheint zu wis­sen, wozu das alles letzt­lich gut ist. Dabei weiß der Geheim­dienst rela­tiv genau über die Leu­te Bescheid, kann aber nicht unbe­dingt sinn­vol­le Schlüs­se aus sei­nem Wis­sen zie­hen. Dem ent­spre­chend möch­te ich mir ein sozia­lis­ti­sches Inter­net eher als ein gigan­ti­sches Netz der Des­in­for­ma­ti­on vor­stel­len, in dem Inhal­te nicht von Rech­ner zu Rech­ner kopiert, son­dern mani­pu­liert wer­den, jeweils getrie­ben von unter­schied­li­chen Inter­es­sen und heim­li­chen Absich­ten. – Wie wir wis­sen, kam es nicht so weit.

Erfas­sung der Welt

Das World Wide Web kam statt­des­sen mit dem Ver­spre­chen über uns, nut­zer­ge­trie­ben und unbe­herrsch­bar die indi­vi­du­el­le wie die kol­lek­ti­ve Frei­heit zu brin­gen. In den 1980ern wur­de die Inter­ak­ti­vi­tät (in Öster­reich und der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land via BTX) als Errun­gen­schaft gefei­ert. Die hin und her flie­ßen­den Daten bedeu­te­ten einen kom­mu­ni­ka­ti­ven sowie einen Auto­no­mie-Gewinn, das WWW „demo­kra­ti­sier­te“ den Infor­ma­ti­ons­fluss. Nicht nur im Sowjet-Sozia­lis­mus scheint die Inter­ak­ti­vi­tät sys­tem­be­dingt kei­ne Rol­le gespielt zu haben, auch in der Gegen­wart ver­kommt die­se Dimen­si­on des Net­zes zur Bedeu­tungs­lo­sig­keit – für die Mehr­zahl der Pri­vat­an­wen­der ist das Netz wenig mehr als eine kon­su­mis­ti­sche Spie­le­rei, und die Re-Hier­ar­chi­sie­rung der Daten­flüs­se (Bevor­zu­gung von Daten gro­ßer Unter­neh­men bei der Ver­mitt­lung) steht vor der Tür.

Für die Diens­te-Anbie­ter ist das Netz dage­gen zu einer gigan­ti­schen, hoch ein­träg­li­chen Daten­melk­ma­schi­ne gewor­den. Unse­re Daten sol­len längst nicht mehr nur von Algo­rith­men zu geeig­ne­ten Kauf‑, Freund­schafts- oder Lieb­schafts­emp­feh­lun­gen ver­ar­bei­tet wer­den. Viel­mehr denkt Goog­le (in einem gele­ak­ten inter­nen Video zu sehen) bereits dar­über nach, ein Art gigan­ti­scher Infor­ma­ti­ons-DNA zu schaf­fen. Die­se könn­te anhand über Gene­ra­tio­nen gesam­mel­ter und ver­wer­te­ter Daten uns Usern Emp­feh­lun­gen für eine bes­se­re, gesün­de­re, geschon­te­re Welt geben, uns damit vie­le (oder alle?) Ent­schei­dun­gen abneh­men – das bedeu­te­te das Ende der mensch­li­chen Urteils­kraft. Und war das nicht auch Teil der kom­mu­nis­ti­schen Ideo­lo­gie – die Welt in einem para­die­si­schen End­zu­stand, die Auf­he­bung aller Wider­sprü­che?

Die Idee einer ent­schlüs­sel­ten Welt zieht sich durch Dunk­le Zah­len. Tete­rew­kin schei­tert am Welt­ge­dicht, spä­ter will sein Groß­nef­fe es zu Ende schrei­ben las­sen. Lenin glaubt, es kön­ne erst nach der Revo­lu­ti­on geschrie­ben wer­den: „Die Wirk­lich­keit bie­tet kei­nen Abschluss. Noch nicht.“ Wozu das Uni­ver­sal­po­em die­nen könn­te (außer als Grö­ßen­fan­ta­sie), wird erst klar, wenn man eine wei­te­re Spur in Sen­kels Roman ver­folgt. Einer der Trai­ner für die Spar­ta­kia­de erwähnt den Mathe­ma­ti­ker Laplace. Die­ser hat­te 1814 spe­ku­liert, „dass eine Intel­li­genz, die es schaf­fe, rest­los alle im Kos­mos wir­ken­den Kräf­te zu ana­ly­sie­ren, des­sen frü­he­ren und künf­ti­gen Zustand berech­nen kön­ne“ (so in Sen­kels Wor­ten – die Spe­ku­la­ti­on ist als Laplace­scher Dämon bekannt). Die Total-Erfas­sung der Welt gelingt in Dunk­le Zah­len nicht. Aber wie wir bei Goog­le und Co. sehen kön­nen, ist die Idee einer von ver­meint­lich fried­lich blin­ken­den Ser­ver­far­men getrie­be­nen (und beherrsch­ten) infor­ma­tio­nell weit­ge­hend erfass­ten Welt immer noch und viel­leicht immer mehr ein The­ma.
Will­kom­men in der Zukunft.

Übri­gens spricht eine Figur des Romans Lenin gegen­über davon, dass ihm für die „Erfas­sung der Welt … eine sozia­lis­tisch gepräg­te Enzy­klo­pä­die“ vor­schwe­be. Der all­wis­sen­de Erzäh­ler habe aus­ge­dient, denn er fin­de „im Allein­herr­scher sei­ne Ent­spre­chung.“ (In mei­nen Augen wäre das ein Herr­scher, der nicht mal die Macht hät­te, jeman­den am Zuschla­gen sei­nes Buches zu hin­dern.) Im Hin­blick auf das Dif­fu­se der Daten­sam­me­lei im Netz, das schwer zu Bestim­men­de und damit im Zwei­fels­fall schwer zu bekämp­fen­de Ande­re gibt die­se Bemer­kung einen Hin­weis, dass das Ende der Geschich­te sich unter ganz ande­ren Para­me­tern erfül­len könn­te, als wir bis dahin ahn­ten. Die Enden von kom­mu­nis­ti­scher und digi­ta­ler Welt schei­nen sich zu berüh­ren. Von Sen­kel dür­fen wir uns wün­schen, fort­hin ein biss­chen weni­ger allein über sei­nen Erzähl­kos­mos zu herr­schen, uns nicht so alt und unmün­dig aus­se­hen zu las­sen, wie es dem unbe­darf­ten Leser mit die­sem anspie­lungs­rei­chen, the­ma­tisch eso­te­ri­schen (Sowjet­uni­on!, Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie!, Rus­sisch!) Roman leicht geschieht.

Ster­ling Crispin, der Mann, der uns sehen lässt, wie wir gese­hen wer­den, neigt übri­gens nicht zur Dys­to­pie. Das sag­te er im Inter­view dem Bomb Maga­zi­ne. Aus sei­ner Sicht bil­den die neu­en Tech­no­lo­gien ein „Tech­ni­cal Other“, ein tech­ni­sches Ande­res oder Gegen­über also, dem er die Qua­li­tä­ten eines leben­di­gen Super­or­ga­nis­mus zuschreibt sowie – für uns viel­leicht gar nicht erkenn­bar – ein Selbst­be­wusst­sein. Big Data ist für ihn mora­lisch neu­tral. Wenn wir es rich­tig nutz­ten, wenn wir daten­mün­dig wür­den und die gesam­mel­ten Infor­ma­tio­nen proh­u­man ein­setz­ten, könn­te es auf den Ein­zel­nen „extrem stär­kend“ wir­ken.

Bei Sen­kel lan­den die sowje­ti­schen Com­pu­ter schließ­lich in einem Muse­um. Es lohnt die Fan­ta­sie, dass es uns genau­so gehen könn­te: Das Muse­um ist eine Daten­bank, in der maschi­nel­le Intel­li­gen­zen etwas über das Prin­zip homo sapi­ens ler­nen. Wel­che Schlüs­se sie zie­hen, kön­nen wir nur erfah­ren, wenn wir sie zum Spre­chen brin­gen. Im Muse­um kon­ser­viert, bleibt die­ses Wis­sen für uns aber nutz­los.
Will­kom­men in der Ewig­keit.

 

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Tho­mas Lang, Jahr­gang 1967, lebt als Schrift­stel­ler in Mün­chen. Zuletzt erschie­nen die Erzäh­lung Jim (C.H. Beck, 2012) und der Roman Immer nach Hau­se (Ber­lin Ver­lag, 2016).

Mat­thi­as Sen­kel: Dunk­le Zah­len. Roman. Matthes & Seitz, Ber­lin 2018. 488 Sei­ten,
€ 24 (D) / € 24,70 (A).

Quel­le: VOLLTEXT 2/2018 – 29. Juni 2018

Online seit: 23. April 2019

Online seit: 23. April 2019

Zuletzt geän­dert: 23. Apr. 2019