Das Leichentuch der Literatur

Über Karl Ove Knaus­gårds lite­ra­ri­sche Anpas­sungs­leis­tung in sei­nem sechs­bän­di­gen Roman Min kamp. Von Tho­mas Lang
Karl Ove Knausgard (c) André Loyning

In mein Tage­buch schrieb ich: „den ers­ten knaus­gård zu ende gele­sen. er wird mal den nobel­preis krie­gen.“ Foto: André Loy­ning

Im Jahr 2011 sah ich in einem Laden ein Buch mit dem Titel Ster­ben. Von sei­nem Autor hat­te ich noch nie gehört, aber der Titel und der Umschlag spra­chen mich an, so ein schö­nes Tür­kis aus der Abtei­lung Berg­see war das. Fjord, hät­te ich schrei­ben sol­len. Ein Nor­we­ger – kann­te ich einen außer Ibsen und Ham­sun? Jon Fos­se, aber den hat­te ich weder gele­sen noch eines sei­ner Stü­cke im Thea­ter gese­hen. Ich kauf­te das Buch und las dar­in – befrem­det. Es zog nicht rich­tig oder ich spür­te nicht, wohin der Text woll­te. An einer Stel­le, nicht sehr tief im Buch, ging es vie­le Sei­ten lang dar­um, dass ein Jugend­li­cher in den 1980er-Jah­ren auf eine Sil­ves­ter-Par­ty gehen woll­te. Das muss­te oder soll­te ohne Wis­sen der Fami­lie gesche­hen, außer­dem muss­te der Jun­ge Bier besor­gen bezie­hungs­wei­se, da er selbst kei­nes kau­fen durf­te, orga­ni­sie­ren. Mit­ten in die­ser Schil­de­rung gab ich auf. Da erzähl­te jemand bloß mei­ne Geschich­te, plus Nor­we­gen. Soll­te ich lesen, was ich ohne­hin schon wuss­te?

Das war lan­ge, bevor Knaus­gård zum Hype wur­de. Erst 2015, als ich mir sagen muss­te, dass ich womög­lich etwas ver­passt hat­te – denn plötz­lich lieb­ten oder hass­ten alle Knaus­gård, mach­te ich einen neu­en Ver­such. Dies­mal klapp­te es, viel­leicht auch, weil ich end­lich mal hun­dert­fünf­zig Sei­ten an einem Tag schaff­te. Ich war drin und ich nahm mir vor, nach und nach alle sechs Bän­de zu lesen. Lie­ben im Herbst 2015, Spie­len und Leben im Herbst 2016, Kämp­fen im Früh­ling 2017. Dazwi­schen las ich noch den Engel-Roman Alles hat sei­ne Zeit und den ein oder ande­ren Essay. Knapp drei­tau­send­sechs­hun­dert Sei­ten, rech­ne ich den Engel-Roman dazu, sind es vier­tau­send­zwei­hun­dert. Danach kann ich schwer­lich behaup­ten, ich hät­te mich gelang­weilt.

Der Gegen­stand all die­ser Sei­ten ist kurz gesagt Karl Ove Knaus­gård (KOK), ein 1968 gebo­re­ner Mann aus dem nörd­li­chen Euro­pa, der in einer Klein­fa­mi­lie auf­wuchs, die ihre Macken hat­te, und der beschloss, Schrift­stel­ler zu wer­den. Der hei­ra­te­te und drei Kin­der zeug­te, um die er sich küm­mer­te, ohne ein Vor­bild dafür zu haben. Der Gegen­stand die­ses Romans ist mit ande­ren Wor­ten mein eige­nes Leben. Plus Nor­we­gen. Hat das es so inter­es­sant für mich gemacht? Den Inhalt von Min kamp beschrei­ben die Klap­pen­tex­te (leicht gekürzt) so:

Ster­ben: „Als [der Vater] stirbt und [Knaus­gård] sich mit sei­nem Bru­der dar­an macht, den Nach­lass zu ord­nen, bie­tet sich bei­den ein Bild des Grau­ens. Wäh­rend sie das Haus rei­ni­gen und die Beer­di­gung vor­be­rei­ten, kom­men Erin­ne­run­gen hoch. So sehr hat die­ser Vater einen Schat­ten auf das Leben der Brü­der gewor­fen, dass sie den Bestat­ter bit­ten, die Lei­che sehen zu dür­fen. Erst dann … wer­den sie glau­ben kön­nen, dass er wirk­lich tot ist.“

Lie­ben: „Was bleibt von all der Roman­tik und Lei­den­schaft, wenn der All­tag Ein­zug hält ins Leben zwei­er moder­ner, auf Selbst­ver­wirk­li­chung bedach­ter Men­schen mit klei­nen Kin­dern? Anspruch und Wirk­lich­keit pral­len auf­ein­an­der. Das täg­li­che Rin­gen um Frei­räu­me, Lebens­freu­de und Zeit wird zum unauf­lös­ba­ren Kon­flikt. Die eige­ne Iden­ti­tät muss mit Klau­en ver­tei­digt, die Lie­be immer wie­der neu gefun­den wer­den.“

Spie­len: „So selbst­ver­ges­sen, so selbst­ver­lo­ren gelingt es nur in der Kind­heit – das Spie­len. Karl Ove Knaus­gård beleuch­tet eine Zeit, in der Leben gleich­be­deu­tend ist mit Ent­de­cken, Fürch­ten, Wun­dern. Er erzählt vom Erwach­sen­wer­den eines Kin­des, das in sei­nen Nöten und Höhen­flü­gen exem­pla­risch ist.“

Bild des Grau­ens – Vater = Schat­ten auf dem Leben – Roman­tik vs. All­tag – Selbst­ver­wirk­li­chung, moder­ne Men­schen – Selbst­ver­ges­sen­heit, Erwach­sen­wer­den.

Leben: „Das Abitur hat er in der Tasche, die Eltern haben sich getrennt, die Begeg­nun­gen mit dem Vater sind span­nungs­ge­la­den, die ers­ten Schrit­te … beglei­tet von Alko­hol­räu­schen … ver­hei­ßen sie ihm doch Befrei­ung von all den Kom­ple­xen, Unsi­cher­hei­ten und Nöten, die ihn pla­gen … Auf der Schwel­le zum erwach­se­nen Leben beschließt Knaus­gård ein Jahr als Aus­hilfs­leh­rer an eine Dorf­schu­le nach Nord-Nor­we­gen zu gehen.“

Träu­men: „14 Jah­re ver­brach­te Knaus­gård in Ber­gen, bevor er … nach Stock­holm floh, als gin­ge er ins Exil … Es waren Jah­re, in denen er uner­müd­lich ver­such­te, Schrift­stel­ler zu wer­den, in denen schließ­lich sei­ne ers­te Ehe schei­ter­te, in denen sich Momen­te kur­zer Glücks­ge­füh­le mit jenen tiefs­ter Selbst­ver­ach­tung die Hand gaben, in denen sich Demü­ti­gun­gen und Höhen­räu­sche eben­so schnell abwech­sel­ten wie selbst­zer­stö­re­ri­sche Alko­hol­ex­zes­se und ers­te künst­le­ri­sche Erfol­ge …“
Kämp­fen: „Die Rück­sichts­lo­sig­keit ande­ren – aber vor allem sich selbst gegen­über. Die Radi­ka­li­tät des Ansat­zes. Die schwin­del­erre­gen­den Wech­sel zwi­schen kleins­ten Details und gro­ßen Gedan­ken. Die essay­is­ti­schen Pas­sa­gen zu The­men der Kunst- und Lite­ra­tur­ge­schich­te. Und dies­mal auch: die berüh­ren­de Schil­de­rung einer Krank­heit und Ehe­kri­se.“

Alko­hol­räu­sche – erwach­se­nes Leben – Exil – Schrift­stel­ler wer­den – Demü­ti­gun­gen, Höhen­räu­sche – ers­te Erfol­ge – Radi­ka­li­tät – Krank­heit, Ehe­kri­se.

Aus dem Gedächt­nis möch­te ich ergän­zen: Die Geschich­te der Ver­narrt­heit eines 20-Jäh­ri­gen in eine 13-jäh­ri­ge Schü­le­rin. Die ist wich­tig, weil Knaus­gård sie in sei­nem ers­ten Roman auf skan­da­lö­se Wei­se behan­delt (es kommt zum Geschlechts­ver­kehr mit der Jugend­li­chen). Und der One-Night-Stand mit einer Frau, die ihn spä­ter der Ver­ge­wal­ti­gung bezich­ti­gen wird. Ergän­zen lie­ßen sich auch noch Fake-News, die ich von ande­ren Knaus­gård-Lesern hör­te, etwa dass der Roman einen 400-Sei­ten-Essay über Dos­to­jew­ski ent­hiel­te, oder dass er dar­in sei­nen Bru­der bloß­ge­stellt und von des­sen Pro­zess (wegen Ver­ge­wal­ti­gung?) erzählt hät­te.

Die Zusam­men­fas­sun­gen zei­gen, dass es nicht gera­de der mit­rei­ßen­de Plot ist, der die­se Bücher lesens­wert macht. Es geht um All­täg­li­ches, eine Jeder­manns-Geschich­te, setzt man den Traum vom Schrei­ben stell­ver­tre­tend für irgend­ei­nen jugend­li­chen Lebens­traum. Die Klap­pen­tex­te ent­hül­len aber auch jene drei The­men­kom­ple­xe, die in Min kamp tra­di­tio­nell lite­ra­ri­sche sind: der Hass auf den Vater, die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem älte­ren Bru­der – das sind mit die ältes­ten Moti­ve von Lite­ra­tur, und sie ent­fal­ten bei Knaus­gård durch­aus eine mytho­lo­gi­sche Wucht. Dazu kommt das Mär­chen der Lie­be eher in einer roman­ti­schen als mythi­schen Grun­die­rung. Dazwi­schen wird es ein biss­chen zäh: Die Bän­de über die Kind­heit und Ado­les­zenz von KOK strei­fen bloß die­se wuch­ti­ge Moti­vik und bil­den mei­nes Erach­tens die schwächs­ten der Rei­he. Die Noti­zen zu ihnen ver­lor ich, als ich mein iPad neu auf­set­zen muss­te.

Dazwi­schen geht es um Selbst­ver­ge­wis­se­rung, um Höl­der­lin und Hit­ler, Dos­to­jew­ski und Dan­te, Ham­sun, Van Gogh, Munch, Celan, immer wie­der auch ums Schrei­ben, schließ­lich um die schmut­zi­ge Wäsche der Fami­lie. Bei sei­ner Lesung in Mün­chen sag­te Knaus­gård, dass der Roman eine Kreis­be­we­gung voll­füh­ren soll­te: von der Beer­di­gung des Vaters zurück bis in die Kind­heit und dann wie­der vor über die Stu­di­en­jah­re bis zum Tod des Vaters. So gese­hen wäre der Roman (der in Wahr­heit über die­sen Zeit­raum hin­aus­führt) bereits nach fünf Bän­den voll­endet. Die­ses Gefühl stellt sich beim Lesen tat­säch­lich ein, denn der sechs­te Band ist anders, reflek­tiert schon die Reak­ti­on auf das Erschei­nen der ers­ten Bücher, die Knaus­gårds Beschäf­ti­gung mit den Phä­no­me­nen des „Namens“ und der „Zahl“ aus­lö­sen, mit einer titel­glei­chen Auto­bio­gra­fie und dem Leben Adolf Hit­lers, der sie schrieb, außer­dem dem Gedicht Eng­füh­rung von Paul Celan. Den letz­ten Satz der Hexa­lo­gie habe er von Anfang an im Kopf gehabt, sag­te Knaus­gård auch. Er lau­tet: „… wer­de ich den Gedan­ken genie­ßen, wirk­lich genie­ßen, dass ich kein Schrift­stel­ler mehr bin.“ Das zeich­net Min kamp als Bil­dungs­ro­man aus.

Der Schrift­stel­ler selbst sprach bei der Lesung von einem con­cept-art-ähn­li­chen Ansatz, ohne das wei­ter aus­zu­füh­ren. Die Äuße­rung ist inso­fern auf­schluss­reich, als bei Kon­zept­kunst der grund­le­gen­de Gedan­ke wich­ti­ger ist als die Aus­füh­rung – ein Ein­druck, den man von den vor­lie­gen­den, eilig geschrie­be­nen 3600 Sei­ten auch gewin­nen kann. Dar­über hin­aus gibt die Aus­sa­ge einen Hin­weis dar­auf, dass Knaus­gård einen strikt künst­le­ri­schen und kei­nen doku­men­ta­ri­schen Ansatz ver­folgt – er betont zudem, dass es sich bei Min kamp um einen Roman (und nicht um eine Auto­bio­gra­fie) han­de­le, was auch immer man dar­un­ter ver­ste­hen mag. Dar­in ähneln die sechs Bücher den auto­bio­gra­fi­schen Roma­nen August Strind­bergs. Der schwe­di­sche Autor äußer­te übri­gens schon 1885 (nach einem Zen­sur-Pro­zess), es kön­ne einer nur dann Schrift­stel­ler sein, wenn er wie ein „Vam­pir das Blut sei­ner Freun­de, sei­ner Nächs­ten, sein eige­nes“ sau­ge. Den Hin­weis auf die­sen Satz ver­dan­ke ich Aldo Keel in der NZZ.

Wah­res, Wirk­li­ches, Authen­ti­sches

Bei sei­nem ers­ten Erschei­nen in Nor­we­gen hat der Roman offen­bar in ers­ter Linie über den Skan­dal gewirkt. Da hat­te also einer gewagt, über sei­ne Fami­lie zu schrei­ben und nicht mal die Namen zu ändern. Glaubt man dem sechs­ten Band, so such­ten die Jour­na­lis­ten Kon­takt mit real exis­tie­ren­den Roman­fi­gu­ren und trans­fe­rier­ten die Aus­ein­an­der­set­zung mit die­sem Kunst­pro­dukt vom Ästhe­ti­schen ins Gesell­schaft­li­che, recht eigent­lich in den Bereich der Klatsch­pres­se. Aus der Distanz betrach­tet wirkt all das nicht über­mä­ßig inter­es­sant. Der Umgang mit den wirk­li­chen Figu­ren wird für den Leser schwie­ri­ger, denn ihre Wahr­haf­tig­keit lässt sich rein lite­ra­risch nicht mehr beur­tei­len. In die­sem Zusam­men­hang ist es bezeich­nend, dass Knaus­gård sich in Kämp­fen gegen den Vor­wurf der bio­gra­fi­schen Lüge letzt­lich ästhe­tisch wehrt. Sein Onkel behaup­tet da, die Erzäh­lung über sei­nen Vater sei völ­lig falsch. Weder sei er ein schwe­rer Alko­ho­li­ker gewe­sen noch habe er am Ende sei­nes Lebens über ein Jahr lang bei sei­ner Mut­ter gelebt. KOK ist ver­un­si­chert und zieht sich nicht ohne Trotz dar­auf zurück, dass es sich eben um sein Bild von sei­nem Vater han­de­le und er das Recht habe, ihn so zu schil­dern.

Meis­tens betont KOK jedoch die Authen­ti­zi­tät sei­nes Lebens­ro­mans. Der Begriff taucht im gesam­ten Roman­werk rund vier­zig­mal auf, drei­und­drei­ßig­mal allein im letz­ten Band. Dabei ver­wen­det der Autor ihn im all­tags­sprach­li­chen Sinn von „echt, wahr“. In einem Mail an den Onkel erklärt er, alle Namen und Ereig­nis­se sei­en authen­tisch, „das heißt, das Erzähl­te ist gesche­hen, wenn auch nicht bis ins kleins­te Detail.“ Auf der ande­ren Sei­te ist das Authen­ti­sche für ihn durch­aus als etwas Fik­ti­ves denk­bar, wie er im Hin­blick auf den „Bil­der­him­mel“ der Nazis äußert. In Ster­ben lässt er sei­nen Bru­der Yng­ve sagen, das Authen­ti­sche exis­tie­re nicht für sich, viel­mehr ent­ste­he es beim Rezi­pi­en­ten, es sei also eine Fra­ge der Form. Yng­ves Sicht­wei­se ist für den Autor ein „aka­de­mi­scher Königs­weg“.

Das Aka­de­mi­sche aber ist bei Knaus­gård ambi­va­lent kon­no­tiert, gegen den (post­mo­der­nen) Dis­kurs der Acht­zi­ger- und frü­hen Neun­zi­ger­jah­re wehrt er sich mehr­fach, er sei ihm zu kom­pli­ziert, er habe nichts davon ver­stan­den oder – als er in Kämp­fen ein­mal über sei­nen geis­ti­gen Weg schreibt –, er habe sich fünf­zehn Jah­re „damit beschäf­tigt [dass Raum rela­tiv ist] und Den­ker gele­sen, die dies bestä­ti­gen: Nietz­sche und Heid­eg­ger, aber auch Fou­cault … Das Pro­blem war, dass ich … mich im Lauf der fünf­zehn Jah­re … nicht vom Fleck bewegt hat­te. Es wider­sprach ja im Grun­de allem. Ent­ste­hung, Wer­den, Erschei­nen, das ewig Neue – nur nicht in mir und mei­nem Ver­ständ­nis.“ Immer wie­der blit­zen in dem Roman jedoch die Spu­ren jenes aka­de­mi­schen Den­kens auf, und Knaus­gård benutzt es eben­so sehr, wie er es auf Schlag­wor­te her­un­ter­bricht und dif­fa­miert.

Ent­ge­gen sei­ner eige­nen Aus­sa­ge scheint mir die wich­tigs­te Stil­vor­ga­be für Min kamp zu sein, dass es authen­tisch wirkt. Die Schil­de­run­gen sei­ner Erin­ne­run­gen fol­gen wie­der­keh­ren­den Mus­tern, etwa in der Dia­log­füh­rung oder in der Art der Mon­ta­ge, dem Her­stel­len von bruch­haf­ten Über­lei­tun­gen (etwa, wenn er die obi­ge Pas­sa­ge über Nietz­sche und Fou­cault fol­gen­der­ma­ßen fort­setzt: „Ich stand auf, ging aufs Klo, um zu pin­keln. Der Urin war hell bei­na­he ganz blank, und ich dach­te an die Pis­se mei­nes Vaters … Dun­kel­gelb, bei­nah braun hat­te sie aus­ge­se­hen.“) Dass Sze­nen aus der Ver­gan­gen­heit nicht in die­ser Detail­fül­le im Gedächt­nis eines Men­schen auf­ge­ho­ben sein kön­nen, ist eine Bana­li­tät, und Knaus­gård macht auch kei­nen Hehl dar­aus: „die Geschich­te über mich … habe ich erzählt. Ich habe über­trie­ben, ich habe aus­ge­schmückt, ich habe weg­ge­las­sen, und vie­les habe ich nicht ver­stan­den.“

„Es war so“

Das Behar­ren des Erzäh­lers auf dem „es war so“ muss also ver­stan­den wer­den als Teil eines künst­le­ri­schen Kon­zepts. Es fin­det statt, was Chris­ti­an Klein in sei­ner Abhand­lung über Kult­bü­cher als dop­pel­ten Authen­ti­zi­täts­ef­fekt dar­stellt: „Der Leser meint (1) authen­ti­sche Rede vor­zu­fin­den, die (2) authen­ti­sche Erleb­nis­se im dop­pel­ten Sinn prä­sen­tiert, weil sie (a) als tat­säch­li­che Erleb­nis­se des Autors wahr­ge­nom­men wer­den und (b) eige­ne exis­ten­zi­el­le Erfah­run­gen der Leser zu the­ma­ti­sie­ren schei­nen.“ Das wäre an ande­rer Stel­le wei­ter zu unter­su­chen.

Nur an weni­gen Punk­ten hat­te ich das Gefühl, Knaus­gård mache es sich ein biss­chen ein­fach und las­se sei­nem Erzäh­ler die Zügel schie­ßen. Dazu gehö­ren eine Sze­ne im Band Träu­men, in dem er eine Selbst­ver­let­zung schil­dert: „Ich zog die Scher­be über die ande­re Wan­ge, dies­mal jedoch so fest ich konn­te … ich … nahm die Scher­be und ritz­te zwei tie­fe Schnit­te neben die frü­he­ren …“ Die­se Schil­de­rung scheint mir über­trie­ben. Tie­fe Schnit­te, die die gesam­te Haut durch­tren­nen, müss­ten Nar­ben hin­ter­las­sen haben; davon ist im Gesicht des Autors jedoch nichts zu erken­nen. So lappt nun die Fik­ti­on in die Wirk­lich­keit hinein.Eine wei­te­re Stel­le in dem­sel­ben Band schil­dert detail­liert eine Geburt, schweigt aber über die Nach­ge­burt und stört damit das Emp­fin­den von Authen­ti­zi­tät emp­find­lich. Schließ­lich den­ke ich an den knal­li­gen Schluss des Ban­des Leben. Da fickt er (ein ande­res Verb wäre nicht ange­mes­sen) ein Mäd­chen von hin­ten, wäh­rend sie sich, den Kopf aus dem Zelt stre­ckend, über­gibt. Gesche­hen oder nicht, das ist zu schön häss­lich, um wahr zu sein, den­ke ich.

So ist das eben mit den lite­ra­ri­schen Wahr­hei­ten, sie ent­ste­hen in den Köp­fen der Leser. Ent­schei­dend dafür ist auch nach Knaus­gård nicht, ob etwas tat­säch­lich gesche­hen ist, son­dern ob wir es glau­ben. Es mag sein, dass das Fest­hal­ten an wirk­lich Gesche­he­nem, an einem Leben, das wir (aus der­sel­ben Gene­ra­ti­on west­li­cher Men­schen) mühe­los als das unse­re wie­der­erken­nen, den Sog des Authen­ti­schen ver­grö­ßert, es mag sogar sein, obwohl es ein biss­chen magisch klingt, dass das Fest­hal­ten an Klar­na­men die Authen­ti­zi­tät ver­grö­ßert (in jedem Fall ist es publi­zis­tisch auf­ge­gan­gen, all die auf­ge­brach­ten Men­schen, die sich in Nor­we­gen um ihr Pri­vat­le­ben betro­gen sahen, haben hübsch zur Glaub­wür­dig­keit des Romans bei­getra­gen). Das Gesche­hen lässt sich aber eben­so als eine sehr gut gemach­te Fik­ti­on lesen, ganz ohne dar­über zu phi­lo­so­phie­ren, ob es eine abso­lu­te Rea­li­tät über­haupt gibt und ob sie woan­ders sein kann als im Augen­blick. In dem Fall gin­ge es beim knaus­gård­schen Erzäh­len um eine Neu­ka­li­brie­rung des­sen, was glaub­wür­di­ge Fik­tio­nen aus­macht. Die­sen Gedan­ken greift der Autor wie so Vie­les im letz­ten Band an meh­re­ren Stel­len selbst auf, nur wen­det er ihn pole­misch und behaup­tet, über eine Wirk­lich­keit zu schrei­ben, die ihrer­seits an kei­ner Stel­le infra­ge steht, son­dern als gesetzt gilt. Die größ­te Prä­gnanz weist viel­leicht fol­gen­de Pas­sa­ge auf:

„Die Grund­idee mei­ner Roman­rei­he lau­te­te schließ­lich, die Wirk­lich­keit zu schil­dern, wie sie war. Eine Jugend, geprägt von ihm, der da wohn­te und dies tat, von ihr, die da wohn­te und das tat …, aber nicht in das Lei­chen­tuch der Lite­ra­tur gehüllt, nicht kunst­fer­tig aus­ge­leuch­tet im abge­dun­kel­ten Stu­dio der Pro­sa, son­dern in hel­lem Tages­licht beschrie­ben, von Wirk­lich­keit umhüllt. Ich woll­te ver­su­chen, zum Rohen und Will­kür­li­chen die­ser Rea­li­tät vor­zu­drin­gen …“ An ande­rer Stel­le heißt es etwas nebu­lös: „Ein Roman, der etwas Wah­res über die Wirk­lich­keit sagen woll­te, durf­te nicht zu ein­fach sein, er muss­te in sei­ner Kom­mu­ni­ka­ti­on ein Ele­ment von Exklu­si­vi­tät haben …“

Manch­mal spürt man auch eine regel­rech­te Wut gegen die meis­te her­kömm­li­che Lite­ra­tur, ein­mal nach außen gerich­tet gegen die Bücher ande­rer Autoren, ein ander­mal gegen das eige­ne Schrei­ben vor Min kamp, bei dem er angeb­lich Wochen damit zubrin­gen konn­te zu schil­dern, wie jemand einen Kof­fer vom Gepäck­band nimmt, das Ergeb­nis aber selbst unglaub­wür­dig fin­det. Die Lite­ra­tur ist (oder war bis zu ihm) für Knaus­gård in einer Glaub­wür­dig­keits­kri­se, der es mit einem neu­en Ansatz zu begeg­nen galt. In die­ser Hin­sicht erin­nert er an Natha­lie Sar­rau­te, die in den 1950ern detail­liert dar­leg­te, war­um die Lite­ra­tur des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts ihre Rele­vanz ver­lo­ren hät­te.

Geschich­te der Engel

Blei­ben wir noch einen Moment bei der Idee des Authen­ti­schen. Vor Min kamp schrieb Knaus­gård den Roman Alles hat sei­ne Zeit. Dar­in erzählt er, grob gesagt, die Geschich­te der Engel von der Schöp­fung bis in die Gegen­wart. Er erfin­det einen früh­neu­zeit­li­chen Engels­for­scher, Anti­nous Bell­ori, der sich vor allem mit den bibli­schen Erschei­nun­gen der Engel befasst, gleich­zei­tig aber per­sön­li­che Begeg­nun­gen mit Engeln hat und ver­sucht, die Auto­ri­tät des bibli­schen Tex­tes mit sei­ner eige­nen Erfah­rung in Ein­klang zu brin­gen. Die­ser Roman erzählt in wei­ten Tei­len die Geschich­te von Kain und Abel wie­der, außer­dem die­je­ni­ge der Sint­flut, aller­dings in einer nor­we­gi­schen und zwar vor­mo­der­nen, aber his­to­risch bewusst inkor­rekt dar­ge­stell­ten Gesell­schaft. Der Erzäh­ler die­ses kon­tra­my­thi­schen Romans behaup­tet, damit das authen­ti­sche Set­ting zu schil­dern. Die Men­schen der nach­s­int­flut­li­chen Epo­che, die in einer hei­ßen und unwirt­li­chen Welt gelan­det sei­en, hät­ten die vor­sint­flut­li­chen Erzäh­lun­gen ein­fach ihrer Nor­ma­li­tät, ihrer Lebens­welt ange­passt, „all die Fich­ten, all die Fjor­de und Ber­ge, aller Schnee und Regen, alle Luch­se und Bären, Wöl­fe und Elche“ sei­en im Nach­hin­ein ver­schwun­den. Vom Beginn die­ses Buches möch­te ich eben­falls eine län­ge­re Pas­sa­ge zitie­ren:

„Selbst wenn es einem gelän­ge, sei­ne [Bell­oris] inne­re Land­schaft zu doku­men­tie­ren, wie sie wirk­lich war, bis in die kleins­te Spal­te und Fur­che sei­nes Cha­rak­ters hin­ein, und merk­lich geformt von der lang­sa­men Ero­si­on der Bege­ben­hei­ten, und man den Lauf der Gefühls­strö­me bis zu ihrem Ursprung zurück­ver­fol­gen wür­de, Erleb­nis­sen in der Kind­heit, der Jugend oder dem Man­nes­al­ter, so wür­de man trotz allem nicht klü­ger wer­den, da die Bedeu­tung des Doku­men­tier­ten doch stets unbe­kannt blie­be. Selbst wenn die Ereig­nis­se und Bezie­hun­gen in sei­nem Leben bis ins Detail mit einem Leben in unse­rer Zeit zusam­men­fie­len, das wir ver­ste­hen und ken­nen, wür­den wir ihm doch nie­mals näher kom­men. Anti­nous war in ers­ter Linie ein Teil sei­ner Zeit. Will man ver­ste­hen, wer er war, ist sie es, die man unter­su­chen muss … unse­re Welt ist nur eine von vie­len mög­li­chen, wor­an uns nicht zuletzt die Schrif­ten eines Anti­nous Bell­ori und sei­ner Zeit­ge­nos­sen erin­nern.“

Zwei Aspek­te machen den Sei­ten­blick auf den frü­he­ren Roman inter­es­sant. Zum einen scheint Knaus­gård hier gera­de­zu das Gegen­teil über Authen­ti­zi­tät zu behaup­ten wie in Min kamp. Jeman­den bis in sei­ne kleins­ten Regun­gen und mit dem gesam­ten Archiv sei­ner Gefüh­le zu ken­nen, füh­re gera­de nicht zur Authen­ti­zi­tät. Jede Epo­che sei sicher, „dass gera­de sie den Nor­mal­fall ver­kör­pert, dass gera­de dies der eigent­li­che Zustand der Din­ge ist.“ Des­halb kom­me es dar­auf an, die Zeit, also den grö­ße­ren Zusam­men­hang zu durch­leuch­ten, in dem jemand lebt, um ihn zu ver­ste­hen.“ In Min kamp heißt es dage­gen: „Also muss­te ich mich ducken, um unter den Ideo­lo­gien weg­zu­tau­chen, gegen die man sich nur ver­tei­di­gen kann, indem man auf sei­nem eige­nen Erle­ben der Wirk­lich­keit beharrt und es nicht ver­neint, denn das tun wir die gan­ze Zeit … und nir­gends war die Täu­schung des Ichs, des Ein­zig­ar­ti­gen und Par­ti­ku­lä­ren, grö­ßer als in der Kunst …“ Der Akzent hat sich ein­deu­tig zum Indi­vi­du­el­len ver­scho­ben – auch wenn die Ideo­lo­gie­frei­heit die­ser Per­spek­ti­ve bezwei­felt wer­den darf.

Es stimmt, dass Knaus­gård auch ansetzt, unse­re Gegen­wart zu durch­leuch­ten. Dies geschieht aber eben­so auf der Ebe­ne des Indi­vi­du­el­len und recht eigent­lich des Ästhe­ti­schen. Wenn KOK fest­stellt, dass unse­re Zeit über­voll von Fik­tio­nen sei, was sich an der Über­prä­senz der Fik­tio­nen ver­brei­ten­den Fern­seh­schir­me zei­ge, dann zieht er dar­aus die Kon­se­quenz, dass „der Roman­cier“ kei­ne wei­te­ren Fik­tio­nen schrei­ben dür­fe. Selt­sam ist, dass er nicht dar­auf ein­geht, wie sich durch die Mas­sen­me­di­en auch die (angeb­li­che?) Rea­li­tät immer stär­ker aus­brei­tet in zahl­lo­sen Dokus und Repor­ta­gen, Nach­rich­ten­sen­dun­gen, Talk­shows, Rea­li­ty-TV-For­ma­ten, um beim genann­ten Medi­um zu blei­ben.

Knaus­gård ist mei­nes Erach­tens ein The­sen-Auf­stel­ler; es geht in sei­ner Lite­ra­tur vor allem dar­um, Posi­tio­nen aus­zu­pro­bie­ren, die um der lite­ra­ri­schen Wir­kung wil­len apo­dik­tisch for­mu­liert sind, ohne unbe­dingt durch­dacht wor­den zu sein. Das wäre zugleich das ein­zi­ge Argu­ment, das man für das zum Teil schwer erträg­li­che Dozie­ren über alles und jeden im letz­ten Band anfüh­ren könn­te. Hier, beson­ders in den essay­is­ti­schen Pas­sa­gen, wech­seln lich­te Momen­te, die eher einem Fra­gen denn einem Ant­wor­ten glei­chen, mit farb­lo­sen, durch nichts gestütz­ten State­ments ab; KOK räso­niert. Ich gebe ein Bei­spiel:

„Wenn ich Inti­mi­tät und alle For­men von Gefühls­aus­brü­chen ver­ab­scheue und mich in allen Bezie­hun­gen, die ich ein­ge­gan­gen bin, frü­her oder spä­ter auf das Neu­tra­le, Zurück­hal­ten­de, Abge­klär­te zurück­ge­zo­gen habe, ist die­se Abscheu dann nicht eigent­lich ein Sym­ptom dafür, dass eine Vater- oder Mut­ter­be­zie­hung schief­ge­gan­gen ist? Nein, ich ver­ab­scheue Inti­mi­tät und Gefühls­aus­brü­che, weil ich Inti­mi­tät und Gefühls­aus­brü­che ver­ab­scheue, ich will es nicht … Nur die sexu­el­le Begier­de ver­drängt das Bedürf­nis nach Gren­zen und Distanz …“

Da kann ich nur nicken – oder den Kopf schüt­teln. In die­sen Pas­sa­gen erin­nert KOK mich an jene Typen, die immer alle Plat­ten aller Bands kann­ten und alles, was man lesen muss­te, schon drauf hat­ten. Mein Freud Adlr, der über gute Kon­tak­te in die nor­we­gi­sche Lite­ra­tur­sze­ne ver­fügt, ver­trau­te mir übri­gens an, Karl Ove Knaus­gård sei gar nicht Karl Ove Knaus­gård. Als ers­ter Autor der Welt las­se er sich dou­beln, da er sich auf­grund sei­nes zer­schnit­te­nen Gesichts und sei­nes hohen Kör­per­ge­wichts (er habe es in Wirk­lich­keit nie geschafft abzu­neh­men) öffent­lich nicht zei­gen wol­le. Der Knaus­gård, den wir von den Fotos, den Lesun­gen, den Inter­views kenn­ten, sei Yng­ve, der älte­re Bru­der des Autors. So erklä­re sich man­cher Wider­spruch. Karl Ove Knaus­gård sei ein Nerd, zu nichts zu gebrau­chen als vier­zehn Stun­den am Tag vor dem Rech­ner zu sit­zen und Sei­te um Sei­te zu schrei­ben. Übri­gens sei er hal­ber Öster­rei­cher, daher das Ver­schwei­gen des Vater­na­mens und die vie­len Ver­wei­se auf Bach­mann, Bern­hard, Broch, Hand­ke und Hit­ler.

Leben­di­ges, Totes, Lie­bes

Las­sen wir es bei die­sen neid­ge­trie­be­nen Fan­ta­sien bewen­den. Ich möch­te jedoch nicht vom Ver­hält­nis zwi­schen Fik­ti­on und Wirk­lich­keit bei KOK las­sen, ohne das Per­spek­tiv (genau, ein monoku­la­res Fern­rohr) noch ein­mal umzu­dre­hen. Denn durch die Fik­ti­on einer Wahr­heit, dem ande­ren, das Min kamp erschaf­fen hat, und das nun in die Wirk­lich­keit gewis­ser Men­schen in Nor­we­gen und Schwe­den hin­ein­lappt, geschieht, wie ich glau­be, noch etwas ande­res. In einer sei­ner Betrach­tun­gen über das eige­ne Schrei­ben sagt KOK: „In Wahr­heit gibt es so etwas wie das Sozia­le nicht, nur ein­zel­ne Men­schen, unser Du, auch auf der Sei­te des Indi­vi­du­ums. Ton­je [sei­ne ers­te Frau, um die es in dem Roman auch geht] ist kei­ne ‚Figur‘. Sie ist Ton­je …“

Der Autor reflek­tiert in die­ser Pas­sa­ge sei­nen Regel­bruch, die Rück­sichts­lo­sig­keit, mit der er – im Zusam­men­hang sei­nes eige­nen Lebens – das Leben der ande­ren öffent­lich aus­brei­tet. Mir scheint jedoch, dass er mit der Behaup­tung, Ton­je sei kei­ne lite­ra­ri­sche Figur, falsch liegt. Für die Mehr­zahl sei­ner Leser kann sie nichts ande­res sein, denn sie erschaf­fen Ton­je rein­weg in ihrer Fan­ta­sie, auch wenn der Stoff ihnen fes­ter gewebt erschei­nen mag, sobald er Kett­fä­den wie „Nor­we­gen“, „mei­ne Gene­ra­ti­on“, „wirk­lich gesche­hen“ usw. ent­hält.

In Wahr­heit webt er damit an der immer stär­ker wer­den­den Matrix, jener gro­ben Ver­ein­fa­chung, die wir uns aktu­ell als Rea­li­tät auf­ti­schen las­sen. In die­ser Matrix gibt es nichts Unver­ständ­li­ches, kei­ne Para­do­xa, weder Tie­fe noch Geheim­nis. Sie drängt die schmerz­haf­ten Aspek­te des Lebens ab, sie gibt uns eine Fan­ta­sie des Geord­net­seins, des Gerich­tet­seins, in der das eigent­li­che Cha­os, der pri­mä­re Wahn­sinn, in dem unser Bewusst­sein grün­det, zu einem harm­lo­sen, nicht nen­nens­wer­ten Rest zusam­men­schrumpft. Nur um die­sen Preis kann der Satz aus dem Klap­pen­text zu Ster­ben gel­ten, der behaup­tet, jeder Mensch sei „ein ein­ma­li­ger und uner­schöpf­li­cher inne­rer Kos­mos.“ Die Welt des KOK ist zu Tei­len die eines neu­bür­ger­li­chen com­mon sen­se. Knaus­gård lesen ist wie in einen Spie­gel schau­en, in dem unser Bild bereits gemalt und fest­ge­legt ist. Eben­so nimmt der Trans­fer wirk­li­cher Per­so­nen in den Text ihnen das Leben, sie wer­den zu Schat­ten, nicht mehr zurück­zu­ho­len aus dem Toten­reich der Fik­ti­on. Die­ses schwer zu bele­gen­de Gefühl beschlich mich im Lauf der Lek­tü­re, der Ein­druck einer Über­grif­fig­keit, eines Angriffs auf die Leben­dig­keit auch von Erin­ne­rung.

Es ist nicht so, dass Knaus­gård die Wirk­lich­keit schil­dern könn­te, wie sie ist, und das ist ihm auch bewusst. Doch er lehnt die Fik­tio­na­li­sie­rung, die in der Erschaf­fung einer eige­nen, von unse­rer Lebens­wirk­lich­keit gelös­ten, wenn auch über die Bedeu­tung mit ihr ver­bun­de­nen Welt ab. Die­se Welt emp­fin­det er als unwahr. Sei­ne dage­gen wirkt zeit­wei­se untot. All die Urtei­le über ande­re, die Fest­schrei­bun­gen von Cha­rak­te­ren und die Erin­ne­run­gen an sie bil­den einen Teil der gro­ßen Matrix. Aber sie brei­ten auf ihre Art das Lei­chen­tuch der Lite­ra­tur über die Lebens­wirk­lich­keit aus. Des­halb weh­ren sich die Betrof­fe­nen, sie wol­len die Ver­stei­ne­rung des­sen, was sie gewor­den und wie sie es gewor­den sind, und vor allem des­sen, was sie dar­stel­len, nicht akzep­tie­ren, sie wol­len wei­ter dar­über ver­fü­gen. Alles hat sei­ne Zeit drückt Beun­ru­hi­gung aus bei dem Gedan­ken, dass auch die „Ver­gan­gen­heit nicht abge­schlos­sen ist, dass auch sie sich ver­än­dert, als gäbe es in Wahr­heit nur eine Zeit für alles.“

In der gro­ßen Schil­de­rung sei­ner Fami­lie, der Love­sto­ry mit sei­ner Frau Lin­da und der immer wie­der ver­such­ten zärt­li­chen Hin­wen­dung an sei­ne Kin­der scheint eine ande­re Mög­lich­keit des Erzäh­lens auf. Hier hebt einer den Blick und schaut weni­ger urtei­lend denn fra­gend. Nur so kann das Leben­di­ge gewahrt blei­ben.

In sei­ner rät­sel­haf­ten Medi­ta­ti­on über den Orpheus-Mythos (Der Blick des Orpheus), über die KOK selbst in Träu­men nach­denkt, ver­sucht Mau­rice Blan­chot das, was sich ent­zieht, in Wor­te zu fas­sen, ihm wenigs­tens nach­zu­ja­gen – ein groß­ar­ti­ger Ver­such über das Geheim­nis des Schöp­fe­ri­schen. Blan­chot spricht unter ande­rem von der Über­tre­tung und der Sorg­lo­sig­keit, die zum krea­ti­ven Pro­zess gehö­ren. Der Essay lie­ße sich in Tei­len wie eine Pro­gramm­schrift zu dem lesen, was Knaus­gård mit Min kamp ver­sucht hat. Genau in die­sen Pas­sa­gen jedoch, in denen es um sei­ne psy­chisch kran­ke Frau Lin­da und sei­ne klei­nen Kin­der geht (die sich zu dem, was Knaus­gård über sie schreibt, nicht ver­hal­ten kön­nen, die es vor­erst nicht ein­mal lesen kön­nen), ver­lässt ihn die Sorg­lo­sig­keit und er beginnt, Rück­sicht zu neh­men. „Ich weiß, dass die Geschich­te des vori­gen Som­mers … sich in Wahr­heit ganz anders abge­spielt hat. War­um? Weil Lin­da ein Mensch ist, und das Wesent­li­che an ihr lässt sich nicht beschrei­ben.“ Etwas wei­ter vorn in Kämp­fen steht über sei­nen Roman zu lesen: „Hät­te ich ihn noch schmerz­haf­ter wer­den las­sen, wäre er noch wah­rer gewor­den. Es war ein Expe­ri­ment und es ist miss­glückt“, aber „es ist nicht wert­los.“

Kei­ne Träu­me

Ein biss­chen wah­rer, ob das geht? Nach all den Kämp­fen, die das 20. Jahr­hun­dert für die vol­le Wahr­heit focht, nach all den Ver­su­chen, den gan­zen Men­schen, mit sei­ner Ver­drän­gung, sei­ner Sexua­li­tät und sei­nem Welt­raum an Unbe­wuss­tem sicht­bar zu machen, folgt nun das. Es wird nie­man­den über­ra­schen, dass KOK Freud nicht folgt, dass es in Min kamp kei­ne Träu­me gibt (den­ken wir dage­gen zurück an Hen­ry Mil­ler!) und Sexua­li­tät salopp als über­be­wer­tet gilt und damit in den Büchern einen ver­gleichs­wei­se gerin­gen Stel­len­wert erhält. Das ist die Gegen­wart.

In einem Inter­view mit dem Deutsch­land­funk Kul­tur bestä­tigt Knaus­gård, er habe das Schlimms­te weg­ge­las­sen. Doch hier macht er eine inter­es­san­te Ergän­zung: „Jetzt … kann ich das, was ich aus­ge­spart habe, in eine fik­ti­ve Gestalt gie­ßen. Ich kann einen fik­ti­ven Roman schrei­ben und da all die­se Erleb­nis­se hin­e­inflech­ten …“ In Kämp­fen hieß es noch, „wenn es so ist, dass alles ent­we­der Fik­ti­on ist oder als Fik­ti­on gese­hen wird, kann die Auf­ga­be des Roman­ciers nicht län­ger dar­in bestehen, wei­te­re Fik­tio­nen zu schrei­ben.“ Das ist schlicht falsch. Denn zum einen bedeu­tet Fik­ti­on Leben­dig­keit, Offen­heit, Fra­gen statt Zuschrei­ben. Dar­in ent­hal­ten ist: Respekt. Zum ande­ren hat Knaus­gård aber auch mit Min kamp ein Werk der Fik­ti­on geschaf­fen, das den tra­dier­ten Mus­tern des fik­tio­na­len Erzäh­lens folgt, das am stärks­ten ist, wenn es die alten Moti­ve des Erzäh­lens – Vater­hass, Bru­der­zwist, Paar­lie­be – wie­der auf­nimmt, wenn es mit ande­ren Wor­ten (auch) mythisch wird.

In einer sei­ner schöns­ten Pas­sa­gen über das Schrei­ben setzt KOK sich mit Peter Hand­kes Wunsch­lo­sem Unglück aus­ein­an­der. Er beschreibt, wie Hand­ke nach dem Wah­ren sucht, indem er sei­ne Mut­ter nicht prä­sen­tiert, son­dern ihr Bild aus dem „gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Sprach­fundus“ ent­ste­hen lässt. Hand­ke sei der „Respekt vor ihrer [der Mut­ter] Inte­gri­tät beson­ders wich­tig gewe­sen. Sein eige­nes Ver­fah­ren beim Schrei­ben über den Tod des Vaters fin­det Knaus­gård dem dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzt: „Stän­dig set­ze ich Gefüh­le, Affek­te und das Sen­ti­men­ta­le ein, das Gegen­teil des Ratio­na­len, ich dra­ma­ti­sie­re mei­nen Vater und stel­le ihn als einen Cha­rak­ter in einer Erzäh­lung dar; ich prä­sen­tie­re ihn so, wie man fik­ti­ve Cha­rak­te­re prä­sen­tiert, indem ich das ‚als ob‘, das sämt­li­che Lite­ra­tur beton­te, ver­barg und ihn und sei­ne Inte­gri­tät auf grund­le­gen­de Wei­se ver­letz­te, indem ich sag­te, so war er.“ Knaus­gård ver­bin­det das mit der Behaup­tung, er habe aus­schließ­lich in die­sem Fall kei­ner­lei Rück­sicht genom­men. Es ist also der Tote, der nicht mehr von der Sei­te des wirk­li­chen Lebens her Ein­spruch erhe­ben kann, dem der größ­te Affront gilt. Wie­der ver­wi­ckeln sich die Ebe­nen des Leben­di­gen und des Toten, der Rea­li­tät und der Fik­ti­on; eines ragt in das ande­re hin­ein.

Knaus­gårds Six­pack bewegt sich zwi­schen zwei Polen – (leben­di­ger) Lie­be und Tod. Klas­si­scher geht es eigent­lich nicht. Was er vor­sätz­lich nicht tun will, tut er ein­ge­stan­de­ner­ma­ßen doch fort­wäh­rend: er ver­wan­delt, er schafft eine Ver­si­on der Wirk­lich­keit, die manch­mal an eine Land­lust-Welt erin­nert, Dör­fer ohne Brenn­nes­seln und Kuh­schei­ße, einen Sehn­suchts­raum, den wir nicht mal mehr wirk­lich betre­ten wol­len und viel lie­ber als Vin­ta­ge-Visi­on vor­blen­den. Ande­rer­seits schafft sie in ihrer gedank­li­chen Sprung­haf­tig­keit und manch­mal Wider­sprüch­lich­keit, in ihrer zärt­li­chen Zuwen­dung zum Detail und gro­ben Miss­ach­tung von Weg­seh-Gebo­ten viel­leicht doch eine eige­ne Matrix. Mehr­fach wur­de dem Nor­we­ger der Satz von Max Frisch ent­ge­gen­ge­hal­ten, er (Frisch respek­ti­ve Gan­ten­bein) pro­bie­re Geschich­ten an wie Klei­der. Aber dazu soll­te man ergän­zen, was Frisch bereits 1975 in Montauk schrieb: „… der klei­ne Ort, wo er ges­tern beschlos­sen hat, die­ses Wochen­en­de zu erzäh­len: auto­bio­gra­phisch, ja, auto­bio­gra­phisch. Ohne Per­son­na­gen zu erfin­den, die exem­pla­ri­scher sind als sei­ne Wirk­lich­keit; ohne aus­zu­wei­chen in Erfin­dun­gen … ohne Bot­schaft.“ Kurz dar­auf fällt der gro­ße Satz, er (Frisch) habe sich in sei­nen Geschich­ten ent­blößt „bis zur Unkennt­lich­keit“. Max Frisch ist dabei kon­zi­se und treff­si­cher auf das Wesent­li­che beschränkt; er braucht den Wald von Stüt­zen nicht, die den knaus­gård­schen Roman­damp­fer umge­ben, als wür­de er noch auf der Hel­ling lie­gen.

Neu­ar­ti­ge Beschrei­bungs­kunst

Seit jeher bebt die Lite­ra­tur unter den Fort­schrit­ten der Gesell­schaft. Die Emp­find­sa­men spür­ten das wie die Roman­ti­ker, die Rea­lis­ten wie die Natu­ra­lis­ten. Sicher blei­ben Fra­gen, etwa: wie man in die­ser Ästhe­tik eigent­lich von sich selbst abse­hen kann oder was mit der Künst­lich­keit wer­den soll. Womög­lich zei­gen sich bei Knaus­gård im Gan­zen schon Umris­se einer neu­ar­ti­gen Beschrei­bungs­kunst, obwohl das Buch in kei­nem sei­ner Tei­le neu ist. Am schmerz­lichs­ten fehlt viel­leicht das Gefühl, sich im Ande­ren erken­nen zu kön­nen, sich selbst beim Lesen zu ver­lie­ren und am Ende doch bei sich selbst zu lan­den. So gese­hen hat Min kamp etwas von einem Sel­fie.

In mein Tage­buch schrieb ich im Augst 2015: „den ers­ten knaus­gård zu ende gele­sen. er wird mal den nobel­preis krie­gen. den titel ‚min kamp‘ hat er nicht zufäl­lig gewählt, son­dern weil er den bil­dungs­ro­man eines man­nes schil­dert, der eine art lite­ra­ri­scher welt­herr­schaft (≈ welt­ruhm) anstrebt. dar­über wäre nach­zu­den­ken. in der erzäh­lung ist er meis­tens gut, mir manch­mal zu bestimmt auf­tre­tend, meis­tens genau und glaub­wür­dig. hie und da ist der zuschnitt der sze­ne zu stark dra­ma­tur­gi­schen über­le­gun­gen unter­wor­fen. manch­mal tickt er zu sehr das tri­via­le an, zu expli­zit, soll­te ich sagen. an die­ser stel­le lässt die sug­ges­ti­on des authen­ti­schen nach, ich fan­ge an mich zu fra­gen, was davon eigent­lich erfun­den ist. – und natür­lich ist alles erfun­den. es scheint dann, dass der grund für die gan­ze aus­schlach­tung der eige­nen bio­gra­fie haupt­säch­lich der ist, ein maxi­mum an glaub­wür­dig­keit zu gewin­nen. sodass die moder­ne sich am ende selbst auf­isst. danach müss­te eine ande­re art des erzäh­lens kom­men …“

Die Moder­ne isst sich selbst auf; ihre Kin­der fres­sen die Post­mo­der­ne. An vie­len Stel­len und auf ganz unter­schied­li­che Arten wird spür­bar, dass die Nach­kriegs­epo­che mit ihren aus unglaub­li­chen Kata­stro­phen gewon­ne­nen Maxi­men vor­bei ist und mit ihr eine bestimm­te Art des Schrei­bens. Das erzeugt einen anders­ar­ti­gen Zugriff auf die Welt, bedeu­tet aber nicht das Ende der Fik­ti­on. Es geht dar­um, lite­ra­ri­sche Glaub­wür­dig­keit zu behal­ten oder wie­der­zu­er­lan­gen. Es kann nicht dar­um gehen, erzäh­le­ri­sche Spiel­räu­me ein­zu­en­gen. Karl Ove Knaus­gård zeigt sich der Welt als das schö­ne Gesicht der post­li­be­ra­len Lite­ra­tur.

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Tho­mas Lang, Jahr­gang 1967, lebt als Schrift­stel­ler in Mün­chen. Zuletzt erschie­nen die Erzäh­lung Jim (C.H. Beck, 2012) und der Roman Immer nach Hau­se (Ber­lin Ver­lag, 2016).

Quel­le: VOLLTEXT 2/2017 (5. Juli 2017)

Online seit: 25. April 2018

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Zuletzt geän­dert: 25. Okt. 2020