Ich möchte lieber doch

Tho­mas Lang besucht das Farm­haus, in dem Her­man Mel­vil­les Moby-Dick ent­stand.

Das Haus auf einem wal­di­gen Hügel im Wes­ten von Mas­sa­chu­setts unter­schei­det sich kaum von ande­ren alten Häu­sern der Gegend, die bis heu­te oft im tra­di­tio­nel­len Stil erbaut wer­den: mit hell lackier­ter Holz­ver­scha­lung, ein oder meh­re­ren Veran­den, Gau­ben und grau­en Bitu­men­schin­deln auf dem Dach, den typi­schen Schie­be­fens­tern. Arrowhead besitzt kei­ne Gau­ben und nur eine klei­ne Veran­da. Gui­de Peter Berg­man, selbst Schrift­stel­ler, ist ein guter Ken­ner des frü­he­ren Besit­zers Her­man Mel­ville. Er bezeich­net die Far­be der Fas­sa­de tref­fend als „mus­tar­dy gold“ – senf­gold. Es liegt ein merk­wür­di­ger Wider­spruch in dem Farb­ton, als soll­te er Son­ne und Was­ser zugleich reprä­sen­tie­ren. Mel­ville wähl­te die Far­be, nach­dem er das vor­her rote Haus schon ein­mal hat­te weiß strei­chen las­sen. Eigent­lich soll­te es einem moder­ne­ren und grö­ße­ren Bau wei­chen. Auch einen Turm, von dem sich der frü­he­re See­mann eine beson­ders gute Sicht in die umge­ben­de Land­schaft ver­sprach, plan­te er. Doch für grö­ße­re Neu­bau­ten fehl­te ihm von Anfang an das Geld.

Das Haupt­haus aus den 1790er-Jah­ren ist weit­ge­hend noch das ursprüng­li­che. Wei­te­re Gebäu­de wur­den nach 1975, als die Farm zum Muse­um wur­de, auf den alten Grund­ris­sen neu errich­tet. Ori­gi­nal ist auch die Scheu­ne, die heu­te als Kas­sen­raum und Muse­ums­shop dient. Berg­man zeigt auf die dicken gesäg­ten Bal­ken, die eini­ges über Kopf­hö­he quer durch den Raum lau­fen. Dort oben habe Mel­ville gern geses­sen und rau­chend die Bei­ne bau­meln las­sen. Das Haus teil­te er nicht nur mit Frau und Kin­dern, son­dern auch mit Mut­ter und Schwes­tern. Die­se waren nach dem frü­hen Tod von Her­mans Vater ohne eige­ne Ein­künf­te. Die Scheu­ne sei ein Ort gewe­sen, an dem die stren­gen For­de­run­gen der Mut­ter – im Haus nicht zu rau­chen, zu trin­ken oder zu flu­chen – außer Kraft gesetzt waren. Des­halb habe Mel­ville sich mit sei­nen Freun­den oft dort auf­ge­hal­ten.

Waren Mel­ville und Hawt­hor­ne doch eine Art Lie­bes­paar, das sich zärt­lich wis­pernd in Her­mans Schreib­stu­be ein­schloss, wäh­rend die Frau­en ihr Ohr an die Tür drück­ten, um her­aus­zu­fin­den, was da eigent­lich vor sich ging?

Im Herbst 1850 zogen die Mel­vil­les von New York City aufs Land. Da war ihr ers­tes Kind bereits gebo­ren. Die Gegend kann­ten sie von frü­he­ren Som­mer­auf­ent­hal­ten. Und der Anblick des Mount Grey­lock, der höchs­ten natür­li­chen Erhe­bung in Mas­sa­chu­setts, hat­te Her­man von Beginn an fas­zi­niert. Er muss­te sich Geld lei­hen, um das Anwe­sen in Sicht­wei­te des Ber­ges zu kau­fen. Fast sieb­zig Hekt­ar Land gehör­ten dazu. Auf den Fel­dern fan­den sich alte Pfeil­spit­zen. Nach die­sen nann­te Mel­ville die Farm Arrowhead. Er arbei­te­te wäh­rend der Sai­son am Vor­mit­tag in der Land­wirt­schaft, ab dem Nach­mit­tag schrieb er. Jeden­falls war das der Plan. Die ers­ten Roma­ne des weit gereis­ten Man­nes hat­ten hohe Auf­la­gen erreicht. Es waren bio­gra­fisch getön­te Aben­teu­er­ge­schich­ten aus der Süd­see, die meist von Jugend­li­chen und jun­gen Erwach­se­nen gele­sen wur­den. Doch Mel­ville woll­te wei­ter gehen. Er spür­te, dass er mehr konn­te. Im sel­ben Jahr lern­te er Natha­ni­el Hawt­hor­ne ken­nen. Hawt­hor­ne war der Autor des spä­ter eben­falls zu Welt­ruhm gelang­ten Buches Der schar­lach­ro­te Buch­sta­be. Er wur­de für Mel­ville in die­sem Lebens­ab­schnitt zu einem wich­ti­gen, aber zwie­späl­ti­gen Weg­be­glei­ter.

Wirt­schaft­li­che Miss­ge­schi­cke

Berg­man erläu­tert zunächst die ver­wi­ckel­te Fami­li­en­ge­schich­te der Mel­vil­les, in dem die dama­li­ge gegen­sei­ti­ge Abnei­gung zwi­schen Nie­der­län­dern und Bri­ten – bzw. den Ame­ri­ka­nern die­ser Her­künf­te – eben­so eine Rol­le spielt wie das wirt­schaft­li­che Miss­ge­schick der ver­schie­de­nen Fami­li­en­mit­glie­der. Mel­vil­les Eltern hat­ten weit über ihre Ver­hält­nis­se gelebt und waren, als die Fami­lie sei­nes Vaters sie nicht län­ger unter­stüt­zen woll­te, wirt­schaft­lich abge­stürzt. Die Fami­lie von Her­mans Frau Eliza­beth (Liz­zy) Shaw war wohl­si­tu­iert. Liz­zys Vater, der Rich­ter Lemu­el Shaw, sprach sich gegen die Hei­rat sei­ner Toch­ter mit einem Schrift­stel­ler und ehe­ma­li­gen Matro­sen aus. Spä­ter wur­de er zu einem der Haupt­un­ter­stüt­zer von Her­man Mel­ville und sei­ner Fami­lie.

Das alte Haupt­haus ist um einen gro­ßen zen­tra­len Kamin erbaut wor­den. Es hat zwei Geschos­se und ein ein­fa­ches, mit Holz­schin­deln gedeck­tes Sat­tel­dach. Das Spei­se­zim­mer wird bestimmt von einem gro­ßen offe­nen Kamin. Die Innen­wand ist mit braun gestri­che­nem Holz ver­tä­felt. Um den Kamin sind auf die­ser Ver­tä­fe­lung und dem Gesims Aus­zü­ge von Mel­vil­les Erzäh­lung I and my Chim­ney gemalt. Die Geschich­te hat Mel­vil­les jün­ge­rem Bru­der Allan so gut gefal­len, dass er Zita­te dar­aus auf und um eben jenen Kamin malen ließ, der gewis­ser­ma­ßen Prot­ago­nist die­ser Geschich­te war. Das Spei­se­zim­mer ist geräu­mig, doch es genügt groß­bür­ger­li­chen Ansprü­chen nicht. Auf einer Foto­gra­fie von 1870 ste­hen auf dem Kamin­sims gekreuz­te Säbel, und auf eine Hal­te­rung ist ein Modell eines Segel­schif­fes mon­tiert.

Wir gehen durch einen in Pink und Grün gehal­te­nen Salon ins Trep­pen­haus. Die Trep­pe wur­de geän­dert und die dies­sei­ti­ge Öff­nung des mäch­ti­gen Kamins wur­de dafür geop­fert. Zu Mel­vil­les Zeit war die Trep­pe stei­ler, die Haus­tür, wenn sie geöff­net war, ver­sperr­te den Zugang.

Im ers­ten Stock liegt nach Süd­os­ten das Schlaf­zim­mer der Mel­vil­les. Ein Bett aus dunk­lem Holz, das von Her­man oder sei­nem Bru­der stammt, beherrscht den Raum. Neben die­sem gro­ßen Bett steht klei­ner und sehr flach ein Kin­der­bett. Anstel­le eines Feder­rah­mens oder von Gur­ten sind in den Rah­men Sei­le über­kreuz gespannt. Sie muss­ten mit einem gro­ßem Holz­schlüs­sel regel­mä­ßig nach­ge­spannt wer­den. Von die­sem Bett­typ kommt die eng­li­sche Wen­dung „sleep tight“. Links und rechts vom Kopf­en­de des Ehe­betts füh­ren zwei Türen in wei­te­re Zim­mer oder Kam­mern. In einer davon schlie­fen die Schwes­tern, in der ande­ren Her­man Mel­vil­les Mut­ter Maria.

Eine domi­nie­ren­de Mut­ter

Die Bezie­hung Mel­vil­les zu sei­ner offen­bar stren­gen, gern domi­nie­ren­den Mut­ter war schwie­rig. Berg­man weist auf die pre­kä­re Wohn­si­tua­ti­on hin: Als die Mel­vil­les nach Arrowhead zogen, war ihr ers­ter Sohn Mal­colm (Macky) bereits gebo­ren. Drei wei­te­re Kin­der, Stan­wix, Eliza­beth und Fran­ces (Stan­ny, Bes­sie, Fan­ny) wur­den ver­mut­lich in die­sem Bett, des­sen Kopf­en­de vom Bett der Mut­ter nur durch eine dün­ne Wand getrennt war, gezeugt und gebo­ren. Bis zu drei Schwes­tern Mel­vil­les leb­ten außer­dem im Haus. Abge­se­hen von allen Kon­flik­ten muss schon die schie­re Grö­ße des Haus­hal­tes für per­ma­nen­te Unru­he gesorgt haben.

Mög­li­cher­wei­se waren Hawt­hor­nes Rat­schlä­ge ein ent­schei­den­der Stol­per­stein für Mel­vil­les Autoren­kar­rie­re.

Nach Nor­den hin liegt Mel­vil­les Stu­dier­zim­mer. Ein gro­ßer, ein­fa­cher Tisch in der Art, wie Mel­ville ihn besaß, beherrscht den Raum. Zur Illus­tra­ti­on steht dar­auf ein Tin­ten­fass mit zwei Schreib­fe­dern. Mel­vil­les Hand­schrift war schlecht les­bar, sei­ne Schwes­ter Augus­ta schrieb vie­le sei­ner Dich­tun­gen ab. Dabei muss­te sie auf Inter­punk­ti­on ver­zich­ten. Punk­te und Kom­mas setz­te Mel­ville selbst und fand auf die­se Wei­se wie­der in den Rhyth­mus sei­ner Sät­ze, bevor er wei­ter­schrieb. An einem zwei­ten, klei­ne­ren Tisch aß und trank Mel­ville – nie­mals an sei­nem Schreib­tisch. Spei­sen und Geträn­ke ließ er vor der Zim­mer­tür abstel­len und hol­te sie sich, wenn er sei­ne Arbeit unter­bre­chen konn­te. Ein, zwei Bücher­schrän­ke gibt es, Wal­har­pu­nen leh­nen an der Wand. Sie wur­den dem Muse­um gespen­det und ste­hen nun eben da. Har­pu­nier war Mel­ville sehr wahr­schein­lich nie. Lin­ker­hand gibt es eine Tür, die wie­der­um in einen dahin­ter lie­gen­den Raum führt. Die­sen Raum hät­te die Mut­ter gern für sich gehabt. Mel­ville aber hat­te ihn reser­viert. Berg­man öff­net die Tür. Sie führt in eine klei­ne Kam­mer. Außer einem Bett passt nicht viel hin­ein. Die­ser Raum, der nur über Mel­vil­les Arbeits­zim­mer zu errei­chen ist, war für Natha­ni­el Hawt­hor­ne bestimmt.

Der Beginn der anfangs wun­der­ba­ren Autoren­freund­schaft klingt roman­tisch. Bei einem Som­mer­aus­flug in die Berkshires kam ein Gewit­ter auf. Die bei­den Män­ner such­ten Schutz in einer engen Fels­ni­sche oder Höh­le. Dort harr­ten sie stun­den­lang aus und rede­ten. Hawt­hor­ne, der fünf­zehn Jah­re älter war, las bald den ers­ten Ent­wurf von The Wha­le, der noch in New York ent­stan­den war. Er riet Mel­ville nach der Lek­tü­re, sei­nen Stil zu ver­bes­sern und mehr für Erwach­se­ne zu schrei­ben. So wur­de er zum wich­tigs­ten Men­tor sei­nes jun­gen Kol­le­gen – mit mög­li­cher­wei­se fata­len Fol­gen. Hawt­hor­ne emp­fahl Mel­ville, sich am Stil von Cer­van­tes’ Don Qui­jo­te zu ori­en­tie­ren. Das könn­te einer der Grün­de sein, war­um in Moby-Dick jene aus­ge­dehn­ten Exkur­se ste­hen, die man­chem die Lek­tü­re des Buches so schwer machen. Außer­dem riet er dem Jün­ge­ren, in Geist und See­le sei­ner Figu­ren ein­zu­drin­gen und ihnen ihrem Wesen ent­spre­chen­de Namen zu geben. Der düs­te­re Kapi­tän Ahab ist Berg­man zufol­ge erst infol­ge die­ses Men­to­rings in den Roman gekom­men.

Hawt­hor­nes Come­back

Hawt­hor­ne selbst hat­te gera­de sei­nen Roman Der schar­lach­ro­te Buch­sta­be ver­öf­fent­licht und einen Skan­dal ver­ur­sacht. Kir­che und Regie­rung waren empört über das ver­meint­lich blas­phe­mi­sche Buch. Hawt­hor­ne war von Bos­ton in die Berkshires geflo­hen, um sich vor den Behör­den zu ver­ste­cken. So lern­ten sich die bei­den ken­nen. Mel­ville ver­ehr­te und lieb­te den Älte­ren in die­ser Zeit. Er selbst hat­te nur acht Jah­re zur Schu­le gehen kön­nen. Hawt­hor­ne dage­gen war auf eine Pri­vat­schu­le gegan­gen und hat­te anschlie­ßend stu­diert. Mög­li­cher­wei­se waren sei­ne Rat­schlä­ge ein ent­schei­den­der Stol­per­stein für Mel­vil­les Autoren­kar­rie­re. Berg­man glaubt, dass Hawt­hor­ne The Wha­le (aka Moby-Dick) absicht­lich über­ment­oriert habe. Nach den Schwie­rig­kei­ten mit dem Schar­lach­ro­ten Buch­sta­ben habe Hawt­hor­ne ein Come­back gebraucht. Er schrieb gera­de Das Haus mit den sie­ben Gie­beln, das im glei­chen Jahr erschei­nen wür­de wie The Wha­le. Des­halb habe er ins­ge­heim dafür gesorgt, dass Mel­vil­les Buch sei­nes nicht über­flü­geln kön­ne.

Ich stel­le mir Hawt­hor­ne vor, wie er nach Arrowhead gerit­ten kommt und mit Mel­ville den Nach­mit­tag ver­quatscht. Es wird dun­kel, Natha­ni­el traut sich im Unter­schied zu Her­man nicht nachts heim­zu­rei­ten. Er wird in der Kam­mer über­nach­ten. Er geht die Trep­pe hin­auf. Viel­leicht beglei­tet Her­man ihn mit einer Ker­ze. Da liegt er wach in dem kal­ten Zim­mer und zer­bricht sich den Kopf dar­über, was er dem jün­ge­ren Kol­le­gen am nächs­ten Tag ein­trich­tern soll. Sein Buch soll sper­rig wer­den, schlecht zu lesen. – Ich weiß nicht, ob der Neid ihn so gepackt haben könn­te. Ich bezweif­le, dass Mel­ville, der so oft Unbe­lehr­ba­re, sich so viel hät­te sagen las­sen und sich so wenig auf sei­nen lite­ra­ri­schen Instinkt ver­las­sen hät­te.

Sicher ist, dass Mel­vil­les über­schäu­men­dem Schreib­tem­pe­ra­ment das Auf­neh­men und Wie­der­ge­ben von Wis­sen aller Art ent­ge­gen­kam. Das Feld, in das Hawt­hor­ne sei­ne (zwei­fel­haf­ten) Rat­schlä­ge säte, war bes­tens vor­be­rei­tet. Wahr­schein­lich ist auch, dass Hawt­hor­ne sich vor dem Talent Mel­vil­les ein wenig fürch­te­te, wie Mel­vil­les Bio­graf Andrew Del­ban­co behaup­tet. Mag sein, dass ihm die eben­falls über­schäu­men­de Freun­des­lie­be des jun­gen Man­nes zu viel war, dass Mel­ville in dem selbst vater­los Auf­ge­wach­se­nen einen Vater­er­satz sah, den Hawt­hor­ne nicht ver­kör­pern woll­te. Oder waren sie doch eine Art Lie­bes­paar, wie man­che ver­mu­ten, das sich zärt­lich wis­pernd in Her­mans Schreib­stu­be ein­schloss, wäh­rend die Frau­en auf Arrowhead ihr Ohr an die Tür drück­ten, um her­aus­zu­fin­den, was da eigent­lich vor sich ging? „Es gibt kei­nen Mann, in dem sich Witz und Lie­be wie Berg­gip­fel zu solch atem­be­rau­ben­der Höhe auf­schwin­gen“, hat­te Mel­ville 1850 in sei­ner Bespre­chung von Hawt­hor­nes Mos­ses from an Old Man­se geschrie­ben und ihm damit, wie Jay Pari­ni sich aus­drückt, einen „dicken feuch­ten Kuss“ gege­ben. Sicher ist: Hawt­hor­nes Stern stieg, der von Mel­ville sank – zunächst – in tie­fe Dun­kel­heit.

Ein gigan­ti­scher Flop

Mount Grey­lock ragt in Nor­den von Arrowhead auf, immer­hin gut 1000 Meter hoch. Er hat zwei Gip­fel, die durch einen Kamm ver­bun­den sind. Von sei­nem Schreib­zim­mer aus hat­te Mel­ville freie Sicht auf den Berg. Damals blick­te der Autor hin­ter dem von ihm bestell­ten Land nicht wie heu­te auf Wald. Viel­mehr zog sich das freie Feld bis zum Fuße des Grey­lock. Im Win­ter war der Berg von Schnee bedeckt, das abschüs­si­ge Land zwi­schen Haus und Berg im Nebel ver­schwun­den. Am spä­ten Vor­mit­tag zer­riss die Son­ne all­mäh­lich den Nebel, er wall­te über den Boden wie die Gischt des Mee­res. Und hin­ten erhob sich rie­sen­haft die Gestalt des wei­ßen Wals, der durch die Wel­len pflügt. So beschreibt es Berg­man und so kann ich es plötz­lich vor mir sehen. Das ist groß­ar­tig. Zwei­hun­dert Kilo­me­ter von der Küs­te ent­fernt, schaue ich auf den Oze­an, auf das gewal­ti­ge Tier dar­in, Moby Dick. So hat­te Mel­ville es vor Augen in die­sem ers­ten Win­ter auf Arrowhead, als er an sei­nem unge­tü­men Text arbei­te­te.

Moby Dick zog nicht nur Ahab, son­dern auch Mel­ville in den Abgrund. Der Roman wur­de ein gigan­ti­scher Flop. In Eng­land erschien (unter dem alten Titel The Wha­le) eine ver­stüm­mel­te, berei­nig­te und um ihr Ende gebrach­te Fas­sung, die von den Kri­ti­kern ver­ständ­nis­los auf­ge­nom­men wur­de. Als in Ame­ri­ka kurz dar­auf Moby-Dick publi­ziert wur­de, war die Ten­denz für die Auf­nah­me des Buches schon vor­ge­ge­ben. Was sieb­zig Jah­re spä­ter als einer der wich­tigs­ten Roma­ne der Welt­li­te­ra­tur galt, war bei Erschei­nen fast ein Gegen­stand des Spotts. Das Buch ver­kauf­te sich schlecht. Mel­ville soll­te die­ses Stig­ma nie mehr los­wer­den. Er war nun sel­ber der Gejag­te, der sich nach eini­gen kampf­rei­chen Jah­ren ergab und auf den Mee­res­bo­den sank. Der Ort sei­ner Inspi­ra­ti­on, der ihm das Glück so nah zu legen schien, wur­de zum Ort der schmerz­lichs­ten Nie­der­la­gen.

Nach der Arbeit schrieb Mel­ville an einem Epos, das im Lauf der Jah­re auf 18.000 Ver­se anwuchs. Ein Ver­wand­ter zahl­te den Druck von 350 Exem­pla­ren, die meis­ten wur­den spä­ter ein­ge­stampft.

Begon­nen hat­te er sein Land­le­ben in abso­lu­ter Hoch­stim­mung. „Kön­nen Sie mir nicht etwa fünf­zig schnell­schrei­ben­de Jüng­lin­ge schi­cken, die über einen flot­ten Stil ver­fü­gen & nichts dage­gen haben, ihr Hand­werk zu ver­voll­komm­nen? Wenn Sie das kön­nen, so tun Sie es bit­te, denn seit ich hier bin, habe ich etwa die­se Anzahl künf­ti­ger Wer­ke ent­wor­fen & fin­de ein­fach nicht die Zeit, über jedes ein­zel­ne geson­dert nach­zu­den­ken“, schrieb er an den Publi­zis­ten Duy­ckinck im Dezem­ber 1850. Doch schon im ers­ten Rausch kamen ihm Beden­ken: „Aber ich weiß nicht, ob ein Buch nicht bes­ser im Hirn eines Man­nes auf­ge­ho­ben ist, als in Kalbs­le­der gebun­den – auf alle Fäl­le ist es dort bes­ser vor Kri­tik geschützt.“

Der idea­le Schreib­zu­stand, den Mel­ville sich erträum­te, stell­te sich trotz Hype­rin­spi­ra­ti­on nicht ein.

Es gab Ablen­kun­gen. Das Haus muss­te reno­viert wer­den, zum Teil leg­te Mel­ville selbst Hand an. Er ließ eine Veran­da anbau­en, zum Spott der Nach­barn an der Nord­sei­te. Wie­der war es Mount Grey­lock, der ihn zu der unge­wöhn­li­chen Ent­schei­dung brach­te. Ein klei­nes Küchen­haus wur­de errich­tet, ein Brun­nen­häus­chen, spä­ter ein Holz­schup­pen. Die Land­wirt­schaft ließ sich im ers­ten Win­ter noch gemüt­lich an. Er füt­ter­te mor­gens Pferd und Kuh mit Heu, schnitt ihnen Kür­bis­se vor, molk, sah der Kuh beim Fres­sen zu.

Im Früh­jahr aber muss­te er die Fel­der bestel­len, Pflug und Egge hand­ha­ben, Mais sähen und Kar­tof­feln set­zen. Das Schrei­ben war ihm wich­ti­ger. Manch­mal ließ er alles ste­hen und lie­gen und eil­te nach dem 250 Kilo­me­ter ent­fern­ten New York. So woll­te er zum Bei­spiel im Früh­som­mer 1851 die Arbeit an Moby-Dick been­den. Ich „wer­de mich dort in einem Zim­mer im drit­ten Stock ver­gra­ben und wie ein Skla­ve an mei­nem ‚Wal‘ wei­ter­schuf­ten, wäh­rend er schon durch die Dru­cker­pres­se läuft“ schrieb er an Hawt­hor­ne. „Die Ruhe, die küh­le Gelas­sen­heit, die stil­le, gras­wach­sen­de Stim­mung, die man eigent­lich zum Schrei­ben braucht, – die, fürch­te ich, ist mir nur sel­ten ver­gönnt. Ich ste­he unter dem Bann­fluch des Dol­lars und der Lauf­bur­sche des Teu­fels steht, arg­lis­tig grin­send, auf ewig in mei­ner Tür und hält sie halb­of­fen.“

Als Mel­vil­les unge­heu­res Roman­werk 1922 wie­der auf­ge­legt wur­de, war D. H. Law­rence einer sei­ner Leser. In den Stu­dies in Clas­sic Ame­ri­can Lite­ra­tu­re setz­te er sich in der ihm eige­nen Wei­se mit Mel­ville aus­ein­an­der. „Er rich­te­te sein Heim mit Ent­täu­schun­gen ein“, schreibt Law­rence. „Kei­ne Para­die­se mehr (…) Die Mut­ter: ein Dra­chen. Das Haus: eine Fol­ter­kam­mer. Die Gat­tin: eine Figur auf töner­nen Füßen. Das Leben: eine Art Schan­de.“ Die Dia­gno­se: Idea­lis­mus. Mel­ville konn­te nur ent­täuscht wer­den, weil er immer­zu Per­fek­ti­on anstreb­te. Ob sei­ne Lie­be zu Liz­zy wirk­lich unglück­lich war, ist kaum zu beur­tei­len. Der ein­zi­ge erhal­te­ne Brief Mel­vil­les an Liz­zy (von 1861) klingt zärt­lich: „Küs­se an die Kin­der. Hof­fe heu­te auf einen Brief von Dir, mei­ne liebs­te Liz­zy. Dein Her­man.“

Da neig­te sich die bit­te­re Zeit auf Arrowhead bereits dem Ende zu.

Ein geschla­ge­ner Mann

Sein minu­tiö­ser Bio­graf Hers­hel Par­ker schreibt schon für das Jahr 1853: „Mel­ville war der­art geschla­gen wie ein Mann es nur sein kann.“ Nach dem Desas­ter mit Moby-Dick hat­te Mel­ville Pierre oder Die Dop­pel­deu­tig­kei­ten geschrie­ben, ein mit Inzest-Fan­ta­sien spie­len­des Buch, in das er auch noch eine gute Por­ti­on sei­ner Wut über das Schick­sal sei­nes gro­ßen Wal-Romans pack­te. Pierre wur­de mit noch spit­ze­ren Fin­gern ange­fasst und es ver­kauf­te sich unter­ir­disch schlecht. Von gut zwei­tau­send­drei­hun­dert gedruck­ten Exem­pla­ren ver­kauf­te der Ver­lag Harper’s bis zum März 1853 gera­de mal zwei­hun­dert­drei­und­acht­zig Stück. Hun­dert­fünf­zig Rezen­si­ons-Exem­pla­re waren ver­schickt. Mel­ville, so rech­ne­te Harper’s ihm vor, schul­de­te dem Ver­lag rund drei­hun­dert Dol­lar. Kurz nach Pierre schrieb Mel­ville The Isle of the Cross. Der Roman wur­de vom Ver­lag zurück­ge­wie­sen, Mel­ville sprach spä­ter davon, er sei davor „bewahrt wor­den“, es zu ver­öf­fent­li­chen. Das Manu­skript ist ver­schol­len. Sei­ne Pro­sa-Pro­jek­te wur­den klei­ner, künst­le­risch blie­ben sie anspruchs­voll.

Mel­vil­les guter Name

Die finan­zi­el­le Malai­se war nur eine Sei­te der Medail­le. Her­man Mel­ville begann, für neu ent­ste­hen­de Maga­zi­ne, vor allem Putnam’s Month­ly, Erzäh­lun­gen zu schrei­ben. Die brach­ten ihm wenigs­tens ein fes­tes Sei­ten­ho­no­rar, jedoch bei Wei­tem nicht genug, um sei­ne Schul­den abzu­tra­gen. Es ent­stan­den dabei heu­te welt­be­rühm­te Wer­ke wie Bart­le­by der Schrei­ber oder Beni­to Cere­no. Als der Putnam’s‑Verleger Dix 1856 über­leg­te, Mel­vil­les Geschich­ten in einem Buch zu sam­meln, schrieb ihm sein Bera­ter Cur­tis unver­blümt: „Ich glau­be nicht, dass sich Mel­vil­les Buch beson­ders gut ver­kau­fen wird, aber er ist ein guter Name auf ihrer Lis­te. Er hat sein Pres­ti­ge ver­lo­ren – & ich glau­be nicht, dass die Put­nam-Sto­ries es wie­der auf­po­lie­ren kön­nen. (…) Ich den­ke, Sie kön­nen dabei nichts ver­lie­ren.“

So kam die Fami­lie zurück nach New York. Mel­ville atme­te noch.

1856 muss­te der Dich­ter die Hälf­te sei­nes Lan­des ver­kau­fen. Doch die Raten, die er dafür bekam, flos­sen in die Til­gung sei­ner tau­sen­de Dol­lars Schul­den. Erst 1859 blieb aus dem Ver­kauf etwas Bar­geld für sei­ne Lebens­hal­tung übrig. Der Schwie­ger­va­ter half den Mel­vil­les nun mit Cash. Noch ein­mal spä­ter wird die Farm sei­ner Frau über­schrie­ben. Mel­ville ist nur noch „Pen­sio­nist“ im Haus.

Ver­su­che, sich und die Fami­lie auf ande­re Wei­se zu ernäh­ren, schei­tern. Trotz viel Pro­tek­ti­on und Anti­cham­brie­ren beim Prä­si­den­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten bekommt er – im Unter­schied zu Hawt­hor­ne – kei­nen Pos­ten als Hono­rar­kon­sul. Als Vor­trags­rei­sen­der ver­mag er nicht, sein Publi­kum zu fes­seln. Sei­ne Gesund­heit litt. Er bekam Rheu­ma und Ischi­as-Beschwer­den. Zeit­wei­se war er unfä­hig zu arbei­ten. Bei einer Rei­se, die er auf dem Schiff sei­nes Bru­ders Tho­mas unter­nahm und die ihn um Kap Hoorn bis nach San Fran­cis­co führ­te, litt der frü­he­re Welt­um­seg­ler häu­fig unter See­krank­heit. Nach­dem 1863 klar war, dass die Mel­vil­les Arrowhead ver­las­sen muss­ten, ver­un­glück­te er mit sei­nem Wagen und brach sich das Schul­ter­blatt. Lan­ge wag­te er nicht mehr, sich in eine Kut­sche zu set­zen. Bis dahin hat­te Mel­ville als ein küh­ner, aber siche­rer Wagen­len­ker gegol­ten.

Zoll-Inspek­tor

Sein letz­ter Ein­trag in das letz­te einer Rei­se­ta­ge­bü­cher (vom Okto­ber 1860) hält den Tod eines Matro­sen fest. Die­ser „stürz­te (…) von der Groß­ma­st­rah aufs Deck & war, da er mit dem Kopf zuerst auf eine der Spie­ren prall­te, sofort tot … Es war ver­geb­lich, ihm den Kopf zu waschen – der Leib hör­te nicht auf zu blu­ten, bis wir ihn bestat­te­ten.“ Mel­ville dach­te dar­über nach, dass er tue, als wäre nichts pas­siert, „als wüß­te ich nicht, daß der Tod wirk­lich der König der Schre­cken ist … nicht für die Ster­ben­den oder die Toten, son­dern die Trau­ern­den – die Mut­ter. – Sein Schick­sal läßt sich nicht so leicht aus ihrem Her­zen waschen, wie hier sein Blut vom Deck gewa­schen wird.“

1863 hat­te es Mel­ville genau­so auf die Plan­ken gehau­en. Er annon­cier­te die Farm zum Ver­kauf. Als sich kein Inter­es­sent fand, über­nahm Her­mans Bru­der Allan sie und bot ihm im Tausch eines sei­ner Stadt­häu­ser an. Die Hypo­thek, die noch auf die­sem Stadt­haus lag, muss­te wie­der­um Her­man über­neh­men. So kam die Fami­lie zurück nach New York. Mel­ville atme­te noch. Er nahm eine fes­te Stel­le an. Fast zwan­zig Jah­re lang arbei­te­te er als Zoll-Inspek­tor acht­und­vier­zig Stun­den in der Woche bei zwei Wochen Urlaub im Jahr. Er ver­dien­te vier Dol­lar am Tag. Er wand­te sich der Lyrik zu. Nach der Arbeit schrieb er an einem Epos, das im Lauf der Jah­re auf acht­zehn­tau­send Ver­se anwuchs. Ein Ver­wand­ter zahl­te den Druck von 350 Exem­pla­ren, die meis­ten wur­den spä­ter ein­ge­stampft. Ab und zu ließ er auch einen klei­nen Band Gedich­te pri­vat dru­cken.

Als Mel­ville 1891 starb, brach­te die New York Times eine win­zi­ge Mel­dung. Sie schrieb nicht sei­nen Vor­na­men falsch, wie oft zu lesen ist, aber den Titel sei­nes viel­leicht bedeu­tends­ten Wer­kes: „Mobi­le Dick“.

Nach­lass in der Blech­do­se

Als Rent­ner kehr­te er noch ein­mal zur Pro­sa zurück. Es ent­stand die Erzäh­lung Bil­ly Budd. Eine fina­le Fas­sung konn­te er nicht mehr her­stel­len. Liz­zy ver­such­te nach sei­nem Tod ver­geb­lich, das Manu­skript zu ord­nen. Irgend­wann steck­te sie es mit ande­ren Papie­ren aus sei­nem lite­ra­ri­schen Nach­lass in eine Blech­do­se, dort wur­de es drei­ßig Jah­re nach sei­nem Tod wie­der­ent­deckt. Als Mel­ville 1891 starb, brach­te die New York Times eine win­zi­ge Mel­dung. Sie schrieb nicht sei­nen Vor­na­men falsch, wie oft zu lesen ist, aber den Titel sei­nes viel­leicht bedeu­tends­ten Wer­kes: „Mobi­le Dick“. Die­ses Buch, mit dem er alles und mehr gege­ben zu haben glaub­te, hat­te sich zu sei­nen Leb­zei­ten kaum ein­tau­send­fünf­hun­dert­mal ver­kauft. Erst als der Sturm der Avant­gar­de über die Lite­ra­tur hin­weg­ge­gan­gen war und der Ers­te Welt­krieg den Zusam­men­bruch auch eines jahr­hun­der­te­al­ten kul­tu­rel­len Zusam­men­hangs gebracht hat­te, wur­de der Roman vom wei­ßen Wal so rich­tig ent­deckt.

So lässt sich die Geschich­te von Her­man Mel­ville erzäh­len. Und wie immer bei sol­chen Geschich­ten gibt sich der Ort des Grau­ens als trü­ge­ri­sche Idyl­le. Der Him­mel strahlt, die Son­ne wärmt an die­sem Tag mei­nes Besuchs auf Arrowhead. Im Hof hebe ich heim­lich ein paar Äpfel auf, angeb­lich von zwei Bäu­men, die bereits in Mel­vil­les Obst­hof stan­den. Die roten Früch­te bede­cken die Erde fast lücken­los. Das ist eine zwei­te Les­art von Mel­vil­les Geschich­te. Sie han­delt von der Natur­ge­walt, dem Über­fluss, der Ver­schwen­dung sei­ner Pro­sa. Ist es nicht immer so, dass die Frucht ver­fau­len muss, damit der Same auf­ge­hen kann?

Es gibt noch eine drit­te Les­art von die­sem Lebens­lauf. Die­se zeigt einen Hel­den. Er kämpft einen schier aus­sichts­lo­sen Kampf um sei­ne Visi­on von der Lite­ra­tur. Er hat ein Fass voll Ideen, wit­zi­ge klei­ne und aber­wit­zi­ge gro­ße. Er jagt nach dem bes­ten ihm mög­li­chen Text – beses­sen wie Kapi­tän Ahab. Eine Wei­le lang glaubt er, dass er sei­nen Kampf gewin­nen wird. Aber das kann er nicht. Als ihm das klar wird, gibt er kei­nes­falls auf. Er stürzt sich nicht wie der von Rache­lust getrie­be­ne Kapi­tän in den siche­ren Tod. Er kämpft sei­nen Mög­lich­kei­ten gemäß wei­ter. Er weicht immer gera­de so viel zurück, wie er muss. Kei­nen Zen­ti­me­ter mehr. Er ist lis­tig. Indem er die Bür­de der Lohn­ar­beit auf sich nimmt, gewinnt er die Frei­heit vom lite­ra­ri­schen Markt. Auf einer Foto­gra­fie vom alten Mel­ville scheint er mit einem Auge schon bis in die Zeit zu sehen, in der die Welt ihm zu Füßen lie­gen wird.

Wäre es anders, gäbe es kei­nen Grund nach Arrowhead zu fah­ren, die­se alten Möbel und Wän­de anzu­schau­en, die­se Geschich­ten anzu­hö­ren und sich nach­her ein T‑Shirt zu kau­fen, auf dem steht: I would pre­fer not to – Ich möch­te lie­ber nicht. Im Unter­schied zu sei­ner Figur Bart­le­by hat Her­man Mel­ville gehan­delt.

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Tho­mas Lang, Jahr­gang 1967, lebt als Schrift­stel­ler in Mün­chen. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er den Roman Boden­los oder Ein gel­bes Mäd­chen läuft rück­wärts (2010) und die Erzäh­lung Jim (2012) bei C.H. Beck.

Quel­le: VOLLTEXT 4/2015

Online seit: 16. August 2020

Online seit: 16. August 2020

Zuletzt geän­dert: 16. Aug. 2020