Planetare Opposition

Mit Georg Klein und Rein­hard Jirgl legen gleich zwei bedeu­ten­de deut­sche Schrift­stel­ler einen Mars­ro­man vor. War­um? Von Tho­mas Lang

Es gab schon bes­se­re Zei­ten für die Zukunft. Heut­zu­ta­ge wird sie gern mal von der Gegen­wart über­holt. Die Halb­wert­zeit lite­ra­ri­scher Zukunfts­pro­gno­sen ist dras­tisch zurück­ge­gan­gen. Wer sich auf der Basis unse­res Wis­sens ein Bild von den kom­men­den Zei­ten macht, läuft leicht Gefahr, mit sei­nen Vor­stel­lun­gen, jeden­falls den tech­ni­schen, schon bei der Publi­ka­ti­on zum alten Eisen zu gehö­ren. Die­ser Umstand, so wird häu­fig ange­nom­men, hat zur Kri­se der Sci­ence-Fic­tion-Lite­ra­tur bei­getra­gen. Inzwi­schen nähert sie sich gern dem Fan­ta­sy-Gen­re an – viel­leicht weil in die­ser Spar­te das Dog­ma der Wahr­schein­lich­keit, das die erzäh­len­de Lite­ra­tur seit Jahr­hun­der­ten prägt, noch wei­ter mar­gi­na­li­siert ist als im Bereich der SF. (Ein ande­res, sehr ori­gi­nel­les Aus­weich­ma­nö­ver prä­sen­tier­te jüngst Haru­ki Mura­ka­mi in 1Q84: eine mög­li­che, gegen­über der gewe­se­nen leicht ver­än­der­te Ver­gan­gen­heit.)

Nicht nur unse­re tech­ni­schen Fan­ta­sien ver­al­ten bald schnel­ler, als wir sie fest­hal­ten kön­nen. Auch unser Wis­sen über das Welt­all wächst rapi­de an. 1969 betrat zum ers­ten Mal ein Men­schen­we­sen im dicken Raum­an­zug den Erd­tra­ban­ten (ein Schelm, wer Zwei­fel dar­an hegt). 1929 in Fritz Langs Frau im Mond waren die Men­schen noch ohne Sau­er­stoff­ge­rät und Schutz­klei­dung übers luna­re Land gelau­fen. Sei­ner­zeit erschien das wis­sen­schaft­lich nicht abwe­gig. Der Mars, lite­ra­risch 1744 zum ers­ten Mal bereist, schien Fern­be­ob­ach­tun­gen zufol­ge arti­fi­zi­el­le Struk­tu­ren wie lan­ge Kanä­le und Rui­nen rie­si­ger Bau­wer­ke auf­zu­wei­sen. Man hielt sie nur zu gern für den Beweis der Exis­tenz von intel­li­gen­tem Leben dort, wenn nicht heu­te, dann vor lan­ger Zeit. Vor­bei, vor­bei ist es mit die­ser bunt beleb­ten Welt.

Mars

1976 lan­de­ten die Viking-Son­den auf dem Mars und zeig­ten ihn als trost­lo­se Wüs­te. Zu unse­rer Zeit fährt ein futu­ris­tisch anmu­ten­des Auto über sei­ne Ober­flä­che. Curio­si­ty ist das Schwei­zer Mes­ser der Mars­wis­sen­schaft, wie ein Ent­wick­ler selbst sagt. Er spek­to­gra­fiert, nimmt und ana­ly­siert Pro­ben, foto­gra­fiert, zeich­net Wet­ter­da­ten auf. Auch wenn er nur eini­ge Kilo­me­ter in einem rela­tiv geschütz­ten Kra­ter zurück­le­gen soll, wer­den sei­ne Mes­sun­gen unser Bild vom roten Pla­ne­ten noch wesent­lich modi­fi­zie­ren.

Im letz­ten Drit­tel des 18. Jahr­hun­derts rück­te der Mars durch die Beob­ach­tun­gen des Astro­no­men Her­schel erst so recht in den Fokus der Astro­no­men. (Die­se Infor­ma­ti­on sowie die meis­ten über die Ent­wick­lung der Mars­li­te­ra­tur ent­neh­me ich dem 1984 bei Hey­ne erschie­ne­nen, lesens­wer­ten Buch Das Jahr­hun­dert der Mar­sia­ner von Hel­ga Abret und Luci­an Boia.) Die Fan­ta­sie der Wis­sen­schaft­ler über den klei­nen Pla­ne­ten blüh­te hef­tig auf. Sie beschrie­ben nicht sel­ten para­die­si­sche Land­schaf­ten auf dem Mars. Die Lite­ra­tur lie­fer­te dazu extra­ter­res­tri­sche Wesen am Fließ­band. Dem fran­zö­si­schen Medi­um Hélè­ne Smith gelang es um die Wen­de zum 20. Jahr­hun­dert sogar, die Spra­che der Mar­sia­ner inklu­si­ve eines kom­plet­ten Alpha­bets auf­zu­zeich­nen. Gehol­fen hat es wenig. Nie­mals konn­ten wir die Bewoh­ner des roten Pla­ne­ten kon­tak­tie­ren.

Heu­te glau­ben wir gewiss, dass es eine Intel­li­genz auf dem Mars nicht geben kann – wie­wohl die For­scher der NASA es für sehr wahr­schein­lich hal­ten, mit­hil­fe von Curio­si­ty auf Spu­ren von mar­sia­ni­schem Leben zu sto­ßen. Das ist ver­ständ­lich, denn ver­sie­gen­de Flüs­se von Gel­dern sind ein har­tes Fak­tum für die For­schung. Und wer möch­te der NASA ein mars­ähn­li­ches Schick­sal wün­schen?

Dem fran­zö­si­schen Medi­um Hélè­ne Smith gelang es um die Wen­de zum 20. Jahr­hun­dert, die Spra­che der Mar­sia­ner inklu­si­ve eines kom­plet­ten Alpha­bets auf­zu­zeich­nen.

Mit der Idee vom intel­li­gen­ten Leben auf dem Mars star­ben die lite­ra­risch gezeug­ten Mar­sia­ner weit­ge­hend aus. Doch gleich gab es ein neu­es Pro­jekt: Ter­ra­forming, die Ver­än­de­rung der Lebens­be­din­gun­gen auf dem roten Pla­ne­ten hin zu men­schen­ver­träg­li­chen Umstän­den. Der berühm­te Arthur C. Clar­ke beschäf­tig­te sich in posi­ti­ver Wei­se damit. Pflan­zen­kul­tu­ren sol­len in Pro­jekt: Mor­gen­rö­te den auf dem Mars feh­len­den Sau­er­stoff pro­du­zie­ren und ein Mars­mond soll in eine Art Mini­son­ne ver­wan­delt wer­den, die den Pla­ne­ten für tau­send Jah­re hei­zen könn­te. Der deut­sche Autor Franz Lud­wig Neher schuf in den 1950ern eine auf Wern­her von Brauns Ideen basie­ren­de Tech­nik­fan­ta­sie über eine Mars­lan­dung von For­schern, die ohne Ergeb­nis­se, krank, erschöpft, ent­täuscht von einem lebens­feind­li­chen Pla­ne­ten zurück­keh­ren. Die Idee von einer wei­te­ren neu­en Welt, die es zu ent­de­cken und aus­zu­beu­ten gel­te, ist bei ihm pas­sé.

Was treibt also in Zei­ten der Welt­raum­de­pres­si­on gleich zwei deut­sche Autoren auf den Mars? Wel­che Pflan­zen gedei­hen heut­zu­ta­ge in der dünn gewor­de­nen Atmo­sphä­re sci­ence-fik­tio­na­ler Fan­ta­sie? Bei­de, Rein­hard Jirgl und Georg Klein, sind