Der Angler und die Fische

Literatur auf dem Holzweg. Von Thomas Kunst
Die anhaltend skandalöse Vergabe von Lyrikpreisen in Deutschland ist einem Auslöschungsverfahren von wirklicher Eigenständigkeit gleichzusetzen.

Online seit: 13. Mai 2019
Thomas Kunst © Maja Gille
Thomas Kunst: „Mit einem deutlichen Unbehagen nehme ich zur Kenntnis, wie einige wenige, eigens dafür auserwählte Dichter/innen das heimliche Erbe ehemaliger Akademiepräsidenten antreten.“ Foto: Maja Gille

Viele Fischarten haben ein Wanderverhalten entwickelt, das es ihnen ermöglicht, die unterschiedlichsten Lebensräume zu nutzen. Sie wandern dorthin, wo sie die besten Bedingungen für ihre jeweiligen Bedürfnisse wie Fortpflanzung, Aufwuchs und Ernährung vorfinden.

Die Gründe für dieses Wanderverhalten der Fische lassen sich in vier Punkten zusammenfassen:

Erstens: Geschütztere Nahrungsaufnahme innerhalb der miteinander verbundenen Wassersysteme.

Zweitens: Flucht vor indiskutablen Lebensbedingungen in verseuchten Gewässern.

Drittens: Die Verbesserung der Fortpflanzung in stehenden Gewässern.

Viertens: Die Niederlassungen neuer Staatsangehöriger in fließenden Gewässern.

Fische verfügen auf ihren Überwinterungs-, Laich- oder Nahrungswanderungen über eine gute Allgemeinbildung. Fünfundneunzig Prozent von ihnen wären an einem Fischsterben innerhalb ihrer eigenen Gewässer nicht interessiert. Sie wandern. Wir wandern. Die Gedichte wandern.

Werner Herzog sagt in seinem Buch Vom Gehen im Eis ganz am Schluss diesen verhängnisvoll grandiosen Satz, den ich nie im Leben wieder vergessen werde, gottseidank: „Zusammen, sagte ich, werden wir Feuer kochen und Fische anhalten.“

Was nicht alles, meine Damen und Herren, in heutigen Gedichten so vorzukommen hat, wegen der permanenten Angst, eine angestrebte Weltläufigkeit zu verfehlen, alles, bis auf die unbefangene Eindringlichkeit der täglichen Verwunderung, in ihrer vertrauensenergischen Zuneigung gegenüber den Dingen und Menschen, die in diesem Land nicht die geringste Bewandtnis haben. In keinem Land hier.

Der Angler und die Fische. Die Geduld der Angler und der Fische.

Was sind schon die Katzengoldhebernetze der Germanistik und der Literaturkritik, wenn sich zwar die Ironie der zweiten Handlungsebene und so was ähnliches wie affirmative Metapherndekonstruktion in ihnen verfangen, aber diese Sätze von Ota Pavel wohl für immer zu klein und geringfügig sind für ihre gestrengen, anspruchsvollen Maschen:

„Bedeutsam ist, dass vieles aus meinem Leben verschwand, die Fische aber darin blieben. Sie verbanden mich mit der Natur, in der es keine lächerlich zuckelnde Straßenbahn der Zivilisation gibt. Heute weiß ich bereits, dass viele Menschen nicht nur wegen der Fische angeln gehen, sondern weil sie allein sein wollen wie in früheren Zeiten, dass sie noch das Rufen des Vogels und des Wildes hören wollen, dass sie hören wollen, wie die herbstlichen Blätter fallen. Als ich dort so langsam hinstarb, sah ich vor allem den Fluss, der mir in meinem Leben am meisten bedeutete und den ich liebhatte. Ich hatte ihn so lieb, dass ich sein Wasser in meine Handmuschel nahm und es küsste, wie ein Mann eine Frau küsst. Und ich spritzte mir den Rest Wasser ins Gesicht und machte die Angelrute fertig. Vor mir strömte der Fluss. Der Mensch sieht zum Himmel auf und in den Wald hinein, aber niemals sieht er in einen ordentlichen Fluss. Einzig mit der Angelrute lässt sich in einen ordentlichen Fluss hineinsehen.“

Nur keine Angst vor zu viel ungeahnter Zuneigung. Eine erregte Distanz wirkt in der Literatur und im Leben einfach attraktiver als eine aufgeregte Gastlichkeit. Klopf an und lieb mich nicht. Klopf nicht an und lieb mich endlich.

Erst das Spiel der Abweisung macht uns sehnsuchtsnüchtern und fortschrittstauglich. Der Beginn der Familienentblößung. Die Zumutung von Verlassenheitsangst bei der Überwindung der Kindheit. Das Ende der weinerlichen Schrift. Es muss einfach und immer wieder diese Wut geben, den Momenten die Ewigkeit anzuvertrauen. Unabhängig davon, ob die Momente dazu gerade wie geschaffen wären.

Die Zimmerflaschenpost eines eingespannten Papiers.

Das Weltallmetall eines eigenen Tons.

Gebt mir nur eine Minute mit den Wörtern Slagelse, Yelda und Lu Lioli, und ich wehre mich umsonst dagegen, euch süchtig zu machen, abhängig von den Müdigkeitsbrüchen des Alphabets und einer elementaren Verstörtheit des Nachbetens. Die Angst vor einer vitalen Religion. Aber kein Nachbeten ohne das alleinige Vertrauen in die Musik. Denn nur das, was als seelische Tonfolge empfunden wird, überspringt auf Anhieb das Dogmatische jeglicher Wiederholung.

Die Musik der Ideen als ungetrübter Erkenntnisgesang, für einen flüchtigen Moment ganz da und völlig frei von den Beleidigungen durch das Wissen. Dabei ist die Unbefangenheit der Naivität ein viel treffsicheres Instrument zum Begreifen als all diese Bildungsgereiztheit zwischen Literatur und Philosophie. Es wird nicht mehr gestaunt. Es wird sich nicht mehr gewundert. Aber es werden Nachmittagsseminare belegt. Es wird geforscht. Aber schon längst ohne Körper.

Wie gelehrt sollte der Schriftsteller in der heutigen Zeit sein?

Welche Strapazen und Entbehrungen sollte er auf sich nehmen, um von dauerhafter Anerkennung verschont zu bleiben?

Welcher Grad an Verrücktheit ist notwendig, um sich vom Hauptfeld der deutschen Gegenwartsliteratur abzusetzen?

„Auf die Frage, ob ein Schriftsteller eine wissenschaftliche Bildung haben müsse, antworte ich nicht sehr entschieden, aber immerhin hörbar mit Nein.
… Ich unterscheide nicht zwischen Metaphysik, Theologie, Quantenphysik oder Werkstofffestigkeit – denn alles strömt aus der einzigen Ingredienz, die mich interessiert, der Poesie. Alles bildet ein stetes Feld der Erkenntnis dessen, was die Welt und was mein Leben ausmacht.“ – (Mircea Cărtărescu)

Es gibt sie schon lange nicht mehr. Die Lebensentscheidung für die Poesie.

Es gibt nur noch das Nachher, das Nebenbei der Poesie. Technokratische Betriebsamkeit. Traditionelles, synthetisches Insistieren. Das Nachstammeln erfolgversprechender Widmungssprache. Das Heraufbeschwören von moralischer Attraktivität. Ein abgeschlossenes Studium, die Politik der gezielten Widmung, eine gnädige, leicht zurückzuverfolgende Tradition und die verblüffende Ähnlichkeit mit unmittelbarer, literarischer Mittelmäßigkeit bestimmen die heutige Absicherung zufriedener Poesie.

Klopf an und lieb mich nicht.

Meine Sehnsucht, meine Sucht nach einer einfachen, klaren Sprache ist in den letzten dreißig Jahren immer größer und beständiger geworden. Die Wegbegleiter werden immer weniger. Nicolas Born. Thomas Brasch. Gerd-Peter Eigner.

Klopf nicht an und lieb mich endlich.

Die poetische Solidarität untereinander ist heutzutage wohl für immer auf der Strecke geblieben. Aber wenn sie noch existiert, zwischen den Dichtern und den Dichtergenerationen, ergibt diese Art der Poesie- und Lebenserweiterung die höchste menschliche und dichterische Intensität.

Die Solidarität untereinander als uneingefordertes Versprechen. Wir wundern uns und schwärmen. Descartes ist seinerzeit auf den Gedanken gekommen, dass die Verwunderung die erste Leidenschaft sei. Tritt uns ein Gegenstand zum ersten Mal entgegen, den wir so noch nie wahrgenommen haben, hat die Gesellschaft für einen Augenblick ausgespielt, weil wir es sind, als Einzelwesen, die sich in einer Leidenschaft verbünden. Die Poesie hat eine große Verantwortung gegenüber der gesprochenen und geschriebenen Sprache.

Die Genauigkeit in der Poesie, beim Sprechen und Schreiben führt dazu, dass wir uns ständig darüber vergewissern können, ob uns, ohne dass wir passives und unreflektiertes Wortmaterial benutzen, eine Fortbewegung in unserem Denken gelungen ist oder ob wir jedes Mal wieder unbemerkt mit unseren starren, halbfertigen Gedanken über die Runden gekommen sind. Dann brauchen wir uns auch nicht mehr zu wundern. Aber wir wundern uns und schwärmen. Unabhängig davon, ob ein Schwärmen über die Genauigkeit beim Reden gerade eine kommunikative Lieblingsdisziplin der Gesellschaft sein kann oder nicht. Klopf nicht und komm. Es muss einfach und immer wieder diese Freundlichkeit geben, unserer Sprache auch Gastlichkeit anzuvertrauen. Gebt mir nur eine Minute mit Liebe, und ich wehre mich umsonst dagegen, euch süchtig zu machen, abhängig von einer kleinen Vergangenheit in Liebe. Die Erinnerung ist zuständig für das Schwärmen. Und die Gleichzeitigkeit des Schwärmens ist das verbindlichste Glück innerhalb einer Kommunikation. Die Passion, die Leidenschaft, diese rauschhafte Hingabe an eine von allen verantwortungsfreien Einwänden gereinigte Sprache aus Liebe ist mehr Politik, als sie in der heutigen Gesellschaft erwünscht und gefördert wird. Aber solange es eine Philosophie der Absicherung, den moralisierenden Geruch von Ambitioniertheit und honorierter Kalkulation gibt, tritt die Poesie der Gesellschaft nicht zu nahe. Wo bleibt die Wahrnehmungsentschädigung für die Treue des Zweifelns, für die natürliche Einfachheit des Staunens.

Es ist kein Zufall, dass die Literatur und Poesie, die ohne moralische und ideologische Rückversicherung auskommt, ständig dem Vorwurf ausgesetzt ist, zu apolitisch zu sein, sich nicht genügend um die Welt zu kümmern. Diese Literatur und Poesie muss deshalb auch weiter unter anerkennungswidrigen Vorzeichen auf ihre Bewährungs-Chance hoffen, aber dass sie überleben wird, ist gewiss. Diese kaum sichtbaren Vorgänge der Unterdrückung, unter der geduldigen Ausschaltung einer sich Gott sei Dank über jegliches Mittelmaß hinwegsetzenden Literatur, einer gültigen und menschlichen Einzelformulierung, haben als Wahrnehmungsverweigerung eine politische Dimension.

„Den westdeutschen Literaturbetrieb mag ich nicht, dieses Dealen mit Sprache und Theorien usw. alles nur purer sinnlich-leerer Akademismus, Zweitsysteme, die sich aufblähen zu Erstsystemen … daran ist die Literatur, an zu viel Theorie, eingegangen hier. Die ‚Kultur‘ wird verwaltet. Wörter und Sprache sind Geschäft. Aber Dichter sind nicht Belieferer von Universitätsseminaren oder Massenmedien. Dass das heute oft so gehandelt wird, ist eine Perversion.“ – (Rolf Dieter Brinkmann)

Kategorien wie Besessenheit, Leidenschaftlichkeit, Intensität und Kühnheit scheinen im gegenwärtigen Lyrikdiskurs kaum noch zu existieren. Die gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber Lyrikern und Lyrikerinnen mit einer abgeschlossenen wissenschaftlichen Ausbildung ist wesentlich höher als gegenüber Lyrikerinnen und Lyrikern ohne diese Bildungsnachweise. Die Zeit der Autodidakten ist ein für alle Mal vorbei. Die Geschichte des Schwafelns hat längst begonnen.

Heere von akademisch aufgeblähten Biografien stehen sich gegenüber.

Die Hinterhältigkeit der Netzwerke. Die Solidarität als Front, aber nie mehr als Auffanglager.

Die seit Jahren anhaltende, skandalöse Vergabe von Lyrikpreisen in Deutschland vernichtet gleichzeitig Lebensabschnittswerke von Dichtern und ist demzufolge einem verantwortungslosen Auslöschungsverfahren von wirklicher Eigenständigkeit gleichzusetzen.

Mit einem deutlichen Unbehagen nehme ich zur Kenntnis, wie einige wenige, eigens dafür auserwählte Dichter/innen oder ähnliche Kulturfunktionäre das heimliche Erbe ehemaliger Akademiepräsidenten antreten, was Machtfülle und Ämterhäufung betrifft, einige wenige, eigens dafür auserwählte Dichter/innen, die flächendeckend von Berlin bis Südtirol in zahlreichen Kuratorentätigkeiten und Jury- oder Vorjuryauftritten die demonstrative Beschneidung der poetischen Wanderwege ihren eigenen, apodiktischen Spielregeln unterwerfen.

Es muss einfach und immer wieder diese Wut geben, den Momenten die Ewigkeit anzuvertrauen. Die Sturheit der von uns verwendeten Wörter ist viel wesentlicher als ihr Stolz. Der Stolz hört nicht zu. Die Sturheit nimmt auf. Erst die Solidarität mit der Sturheit und Eleganz des gestaltenden Geistes führt zur Wiedererkennung einer Einzelsprache.

„Fühlt man sich selbst als liebendes Subjekt, das danach strebt, in Freundschaft, in Zärtlichkeit aufzugehen, dann erscheint dem gegenüber das Schreiben als eine schrecklich trockene, gewaltsame und unerträgliche Tätigkeit, die sich ständig am Rande der Arroganz, der dogmatischen Behauptung bewegt.“ – (Roland Barthes)

Es muss einfach und immer wieder diese Wut geben, den Momenten die Ewigkeit anzuvertrauen. Unabhängig davon, ob die Momente dazu gerade wie geschaffen wären.

Zorn ist für mich ein Grundwort. Wenn ich zornig bin, ergreife ich vehement Partei für die Dinge, die trotz des höchsten Leistungsniveaus gegenüber bizarr hochgeputschten Mittelmäßigkeiten in Demut verrecken würden.

Diese Haltung macht einen zum Außenseiter, zum bloßen Lamentierer, zum ständigen Grantler, zum scheinbar Missgünstigen. Dabei wird oft übersehen, dass es nicht der Neid ist, der einen in diese Not treibt, sondern die Liebe, für die es ein immerwährendes Unding darstellt, allen Ungerechtigkeiten im Leben so gesellschaftskonform wie nur möglich aus dem Wege zu gehen. Wenn ich nicht zornig wäre, würde mir der Mut, weiter als Dichter existieren zu wollen, sinnlos erscheinen. Ich bin immer zornig. Komplimente, die ich im Fieber mache, in einer leidenschaftlichen Gefühlsaufwallung, haben viel eher das Zeug dazu, bildungstheoretisch nicht so ernstgenommen zu werden wie die lauen Solidaritätsbekundungen unter Festaktteilnehmern. Wenn ich aufhöre, zornig zu sein, liebe ich nicht mehr.

„Heute ist die leidenschaftliche, romantische Liebe außer Mode. Sie hat wahrscheinlich ein großes Publikum. Aber sie ist nicht mehr in Mode, wird also nicht mehr unterstützt von den wichtigen theoretischen oder reflexiven oder ideologischen Diskursen, die unsere Zeit hervorgebracht hat.“ – (Roland Barthes)

In einer Zeit, in der es eher darauf ankommt das Ideenlose spektakulär zu gestalten, taxierter Raffinesse und einem vordergründigen Streben nach Anerkennung zu huldigen, ist es den wenigsten von uns gegeben, Aufmerksamkeit zu erregen. Ich meine damit keineswegs eine Aufmerksamkeit, die lediglich durch irgendeine Form von Betroffenheitsnötigung hervorgerufen wurde. Mir ist aufgefallen, dass die Performancetauglichkeit der Dichter inzwischen zur höchsten Geselligkeitskategorie ausgerufen worden ist. Wer sich heute bei einer Lesung nicht mehr in einem Boot über eine nur schwach ausgeleuchtete Bühne rudern lässt, wer sich nicht traut, beim Lesen sogar noch zu singen oder seine Texte mit gleichzeitigen Multimediadarbietungen andickt, hat schon verloren. Das finde ich zutiefst bedauerlich. Aber trotzdem sollte jede Illusion auch weiterhin ein Recht auf Zuversicht haben, auf die Zuversicht, dass die Dichter die Sprechartisten um Jahrhunderte überleben werden.

„Wie kommt es, dass sie so gut sprechen, wo sie doch so schlecht schreiben?“ – (Alain Robbe-Grillet)

Das treue und trotzige Dasein schon längst vorhandener, aber ständig unterschlagener Poesie. Paulus Böhmer. Kurt Kusenberg. Ulrich Zieger. Ernst Herhaus. Joachim Zelter. Artur Becker. Peter Wawerzinek.

Die Wegbegleiter aber werden immer weniger. Tommaso Landolfi. Djuna Barnes. Inger Christensen. Robert Kelly. Benjamin Tammuz. Florjan Lipuš.

John Cheever. Ágota Kristóf.

Dichter wie Rolf Dieter Brinkmann, Nicolas Born und Thomas Brasch würden wohl heutzutage besprechungslos auf der Strecke bleiben, keine Villa-Massimo-Stipendien oder sonstige Anerkennungen aufzuweisen haben.

Es ist offensichtlich, dass diese Art von Poesie, innerhalb der vielen anderen begehbaren Spielformen, im deutschen Literaturkritiksystem seit einigen Jahren nicht mehr die geringste Beachtung findet. Die Eitelkeit des Dechiffrierens und das Reviergehabe einer attraktiv daherkommenden Wissens- und Erwiderungsschmeichelei zwischen Literaturkritik und Autor, die ständige Beibehaltung von innerbetrieblich anerkannter Bewertungs- und Befähigungsfäulnis durch die Unaustauschbarkeit der literarischen Machtgremien, die Lebensentrückung und die Standfotos akademischer Unversehrtheit sowie die biederen und auch kühnen Verschwommenheiten des Ungefähren haben dazu geführt, dass die Natürlichkeit und Ungespreiztheit der Poesie vom Literaturbetrieb nunmehr gänzlich ignoriert und überdies noch nicht mal mehr als tragbare Gegenposition zu den berechenbaren, lyrischen Geläufigkeitsmustern aus kokettem Zeitgeistgeblinzel und Gelehrigkeitsduselei herangezogen wird. Ich fordere Schneeflächen als Widerspiegelungsterritorien der Literaturkritik. Schneeflächen und keine mit bildungsdemonstrativen Ornamenten aufgefüllten Gleichsetzungsfelder. Was sind das für Zeiten, in denen eine lateinische Zeile von Augustinus mehr wert sein soll als eine einfache Arbeiterin. Deutschland im Winter. Mehr geht zur Zeit wirklich nicht.

Warum eigentlich nie ein Wort darüber verlieren: über die Siegermentalität der „Glätte“ in der deutschen Literatur, über die Provokationen durch Nichtanpassung an die herrschenden Literaturförderungssysteme.

Poesie bedarf nicht länger des überambitionierten intellektuellen Gegenschlags, die Poesie bedarf nicht mehr länger einer überaus selbstgefälligen, sich ohne ihr accessoire-haftes Geschwafel über Poesie zu Tode langweilenden, sich selbst überschätzenden, oft so jämmerlichen Literaturkritik.

Meine Definition vom Gedicht lautet: „Ein Gedicht ist erst dann ein Gedicht, wenn mich die gewöhnlichsten Dinge in ihm auf das Heftigste
irritieren.“

Biedere Verschwommenheit führt das Ungefähre immer sicher ins Ziel.

Warum wird sich immer wieder so schnell zufriedengegeben mit dem „ganz guten“ Gedicht. Weil das „ganz gute“ Gedicht die Anbiederung an die Versöhnung mit der literarischen Gesellschaft vollzieht, einer Gesellschaft, in der das „zu gute“ Gedicht schon längst jedes Mitspracherecht verloren hat.

Mich beruhigt die Kategorie des „zu guten“ Gedichts nur allzu sehr, da sie mir die einzige Erklärung dafür zu sein scheint, dass überragende Dichter wie Ulrich Zieger zeitlebens so derart jämmerlich ignoriert worden sind, von einem Literaturbetrieb übersehen, der es auch weiterhin für nötig erachtet, Kühnheit, sture Unbeirrbarkeit und Illusionsfrechheit in der Sprache als rebellische, aber niederzuhaltende Nichtigkeiten abzutun.

„Gedemütigte Menschen tun so, als sei das, was sie nicht erreichen können, gar nicht erstrebenswert.“ – (Isaiah Berlin)

Das Prinzip der Durchlässigkeit und Mehrfachnutzung von Poesie ist mir fremd. Wenn es Schiffe gibt, die kein Wasser hereinlassen, muss es auch Schiffe geben, die das Wasser nicht mehr herauslassen. Klopf nicht an und liebe mich endlich.

Der Angler und die Fische. Die Geduld des Anglers und der Fische.

Die Angelrute in einem ordentlichen Fluss.

Zimmerflaschenpost und Weltallmetall.

„Zusammen, sagte ich, werden wir Feuer kochen und Fische anhalten.“

 

Thomas Kunst, geboren 1965 in Stralsund, lebt als Schriftsteller in Leipzig. Zuletzt erschienen der Roman Freie Folge (Jung und Jung, 2015) und der Gedichtband Kolonien und Manschettenknöpfe (Suhrkamp, 2017). Bei dem hier abgedruckten Text handelt es sich um seine Eröffnungsrede zum Lyrikpreis Meran 2018.

Quelle: VOLLTEXT 2/2018 – 29. Juni 2018

Online seit: 13. Mai 2019