Der Angler und die Fische

Lite­ra­tur auf dem Holz­weg. Von Tho­mas Kunst
Die anhal­tend skan­da­lö­se Ver­ga­be von Lyrik­prei­sen in Deutsch­land ist einem Aus­lö­schungs­ver­fah­ren von wirk­li­cher Eigen­stän­dig­keit gleich­zu­set­zen.
Thomas Kunst © Maja Gille

Tho­mas Kunst: „Mit einem deut­li­chen Unbe­ha­gen neh­me ich zur Kennt­nis, wie eini­ge weni­ge, eigens dafür aus­er­wähl­te Dichter/innen das heim­li­che Erbe ehe­ma­li­ger Aka­de­mie­prä­si­den­ten antre­ten.“ Foto: Maja Gil­le

Vie­le Fisch­ar­ten haben ein Wan­der­ver­hal­ten ent­wi­ckelt, das es ihnen ermög­licht, die unter­schied­lichs­ten Lebens­räu­me zu nut­zen. Sie wan­dern dort­hin, wo sie die bes­ten Bedin­gun­gen für ihre jewei­li­gen Bedürf­nis­se wie Fort­pflan­zung, Auf­wuchs und Ernäh­rung vor­fin­den.

Die Grün­de für die­ses Wan­der­ver­hal­ten der Fische las­sen sich in vier Punk­ten zusam­men­fas­sen:

Ers­tens: Geschütz­te­re Nah­rungs­auf­nah­me inner­halb der mit­ein­an­der ver­bun­de­nen Was­ser­sys­te­me.

Zwei­tens: Flucht vor indis­ku­ta­blen Lebens­be­din­gun­gen in ver­seuch­ten Gewäs­sern.

Drit­tens: Die Ver­bes­se­rung der Fort­pflan­zung in ste­hen­den Gewäs­sern.

Vier­tens: Die Nie­der­las­sun­gen neu­er Staats­an­ge­hö­ri­ger in flie­ßen­den Gewäs­sern.

Fische ver­fü­gen auf ihren Überwinterungs‑, Laich- oder Nah­rungs­wan­de­run­gen über eine gute All­ge­mein­bil­dung. Fünf­und­neun­zig Pro­zent von ihnen wären an einem Fisch­ster­ben inner­halb ihrer eige­nen Gewäs­ser nicht inter­es­siert. Sie wan­dern. Wir wan­dern. Die Gedich­te wan­dern.

Wer­ner Her­zog sagt in sei­nem Buch Vom Gehen im Eis ganz am Schluss die­sen ver­häng­nis­voll gran­dio­sen Satz, den ich nie im Leben wie­der ver­ges­sen wer­de, gott­sei­dank: „Zusam­men, sag­te ich, wer­den wir Feu­er kochen und Fische anhal­ten.“

Was nicht alles, mei­ne Damen und Her­ren, in heu­ti­gen Gedich­ten so vor­zu­kom­men hat, wegen der per­ma­nen­ten Angst, eine ange­streb­te Welt­läu­fig­keit zu ver­feh­len, alles, bis auf die unbe­fan­ge­ne Ein­dring­lich­keit der täg­li­chen Ver­wun­de­rung, in ihrer ver­trau­ens­en­er­gi­schen Zunei­gung gegen­über den Din­gen und Men­schen, die in die­sem Land nicht die gerings­te Bewandt­nis haben. In kei­nem Land hier.

Der Ang­ler und die Fische. Die Geduld der Ang­ler und der Fische.

Was sind schon die Kat­zen­gold­he­ber­net­ze der Ger­ma­nis­tik und der Lite­ra­tur­kri­tik, wenn sich zwar die Iro­nie der zwei­ten Hand­lungs­ebe­ne und so was ähn­li­ches wie affir­ma­ti­ve Meta­phern­de­kon­struk­ti­on in ihnen ver­fan­gen, aber die­se Sät­ze von Ota Pavel wohl für immer zu klein und gering­fü­gig sind für ihre gestren­gen, anspruchs­vol­len Maschen:

„Bedeut­sam ist, dass vie­les aus mei­nem Leben ver­schwand, die Fische aber dar­in blie­ben. Sie ver­ban­den mich mit der Natur, in der es kei­ne lächer­lich zuckeln­de Stra­ßen­bahn der Zivi­li­sa­ti­on gibt. Heu­te weiß ich bereits, dass vie­le Men­schen nicht nur wegen der Fische angeln gehen, son­dern weil sie allein sein wol­len wie in frü­he­ren Zei­ten, dass sie noch das Rufen des Vogels und des Wil­des hören wol­len, dass sie hören wol­len, wie die herbst­li­chen Blät­ter fal­len. Als ich dort so lang­sam hin­starb, sah ich vor allem den Fluss, der mir in mei­nem Leben am meis­ten bedeu­te­te und den ich lieb­hat­te. Ich hat­te ihn so lieb, dass ich sein Was­ser in mei­ne Hand­mu­schel nahm und es küss­te, wie ein Mann eine Frau küsst. Und ich spritz­te mir den Rest Was­ser ins Gesicht und mach­te die Angel­ru­te fer­tig. Vor mir ström­te der Fluss. Der Mensch sieht zum Him­mel auf und in den Wald hin­ein, aber nie­mals sieht er in einen ordent­li­chen Fluss. Ein­zig mit der Angel­ru­te lässt sich in einen ordent­li­chen Fluss hin­ein­se­hen.“

Nur kei­ne Angst vor zu viel unge­ahn­ter Zunei­gung. Eine erreg­te Distanz wirkt in der Lite­ra­tur und im Leben ein­fach attrak­ti­ver als eine auf­ge­reg­te Gast­lich­keit. Klopf an und lieb mich nicht. Klopf nicht an und lieb mich end­lich.

Erst das Spiel der Abwei­sung macht uns sehn­suchts­nüch­tern und fort­schritts­taug­lich. Der Beginn der Fami­li­en­ent­blö­ßung. Die Zumu­tung von Ver­las­sen­heits­angst bei der Über­win­dung der Kind­heit. Das Ende der wei­ner­li­chen Schrift. Es muss ein­fach und immer wie­der die­se Wut geben, den Momen­ten die Ewig­keit anzu­ver­trau­en. Unab­hän­gig davon, ob die Momen­te dazu gera­de wie geschaf­fen wären.

Die Zim­mer­fla­schen­post eines ein­ge­spann­ten Papiers.

Das Welt­all­me­tall eines eige­nen Tons.

Gebt mir nur eine Minu­te mit den Wör­tern Sla­gel­se, Yel­da und Lu Lio­li, und ich weh­re mich umsonst dage­gen, euch süch­tig zu machen, abhän­gig von den Müdig­keits­brü­chen des Alpha­bets und einer ele­men­ta­ren Ver­stört­heit des Nach­be­tens. Die Angst vor einer vita­len Reli­gi­on. Aber kein Nach­be­ten ohne das allei­ni­ge Ver­trau­en in die Musik. Denn nur das, was als see­li­sche Ton­fol­ge emp­fun­den wird, über­springt auf Anhieb das Dog­ma­ti­sche jeg­li­cher Wie­der­ho­lung.

Die Musik der Ideen als unge­trüb­ter Erkennt­nis­ge­sang, für einen flüch­ti­gen Moment ganz da und völ­lig frei von den Belei­di­gun­gen durch das Wis­sen. Dabei ist die Unbe­fan­gen­heit der Nai­vi­tät ein viel treff­si­che­res Instru­ment zum Begrei­fen als all die­se Bil­dungs­ge­reizt­heit zwi­schen Lite­ra­tur und Phi­lo­so­phie. Es wird nicht mehr gestaunt. Es wird sich nicht mehr gewun­dert. Aber es wer­den Nach­mit­tags­se­mi­na­re belegt. Es wird geforscht. Aber schon längst ohne Kör­per.

Wie gelehrt soll­te der Schrift­stel­ler in der heu­ti­gen Zeit sein?

Wel­che Stra­pa­zen und Ent­beh­run­gen soll­te er auf sich neh­men, um von dau­er­haf­ter Aner­ken­nung ver­schont zu blei­ben?

Wel­cher Grad an Ver­rückt­heit ist not­wen­dig, um sich vom Haupt­feld der deut­schen Gegen­warts­li­te­ra­tur abzu­set­zen?

„Auf die Fra­ge, ob ein Schrift­stel­ler eine wis­sen­schaft­li­che Bil­dung haben müs­se, ant­wor­te ich nicht sehr ent­schie­den, aber immer­hin hör­bar mit Nein.
… Ich unter­schei­de nicht zwi­schen Meta­phy­sik, Theo­lo­gie, Quan­ten­phy­sik oder Werk­stoff­fes­tig­keit – denn alles strömt aus der ein­zi­gen Ingre­di­enz, die mich inter­es­siert, der Poe­sie. Alles bil­det ein ste­tes Feld der Erkennt­nis des­sen, was die Welt und was mein Leben aus­macht.“ – (Mir­cea Căr­tă­res­cu)

Es gibt sie schon lan­ge nicht mehr. Die Lebens­ent­schei­dung für die Poe­sie.

Es gibt nur noch das Nach­her, das Neben­bei der Poe­sie. Tech­no­kra­ti­sche Betrieb­sam­keit. Tra­di­tio­nel­les, syn­the­ti­sches Insis­tie­ren. Das Nach­stam­meln erfolg­ver­spre­chen­der Wid­mungs­spra­che. Das Her­auf­be­schwö­ren von mora­li­scher Attrak­ti­vi­tät. Ein abge­schlos­se­nes Stu­di­um, die Poli­tik der geziel­ten Wid­mung, eine gnä­di­ge, leicht zurück­zu­ver­fol­gen­de Tra­di­ti­on und die ver­blüf­fen­de Ähn­lich­keit mit unmit­tel­ba­rer, lite­ra­ri­scher Mit­tel­mä­ßig­keit bestim­men die heu­ti­ge Absi­che­rung zufrie­de­ner Poe­sie.

Klopf an und lieb mich nicht.

Mei­ne Sehn­sucht, mei­ne Sucht nach einer ein­fa­chen, kla­ren Spra­che ist in den letz­ten drei­ßig Jah­ren immer grö­ßer und bestän­di­ger gewor­den. Die Weg­be­glei­ter wer­den immer weni­ger. Nico­las Born. Tho­mas Brasch. Gerd-Peter Eig­ner.

Klopf nicht an und lieb mich end­lich.

Die poe­ti­sche Soli­da­ri­tät unter­ein­an­der ist heut­zu­ta­ge wohl für immer auf der Stre­cke geblie­ben. Aber wenn sie noch exis­tiert, zwi­schen den Dich­tern und den Dich­ter­ge­ne­ra­tio­nen, ergibt die­se Art der Poe­sie- und Lebens­er­wei­te­rung die höchs­te mensch­li­che und dich­te­ri­sche Inten­si­tät.

Die Unaus­tausch­bar­keit der lite­ra­ri­schen Macht­gre­mi­en hat dazu geführt, dass die Natür­lich­keit der Poe­sie vom Lite­ra­tur­be­trieb nun­mehr gänz­lich igno­riert wird.

Die Soli­da­ri­tät unter­ein­an­der als unein­ge­for­der­tes Ver­spre­chen. Wir wun­dern uns und schwär­men. Des­car­tes ist sei­ner­zeit auf den Gedan­ken gekom­men, dass die Ver­wun­de­rung die ers­te Lei­den­schaft sei. Tritt uns ein Gegen­stand zum ers­ten Mal ent­ge­gen, den wir so noch nie wahr­ge­nom­men haben, hat die Gesell­schaft für einen Augen­blick aus­ge­spielt, weil wir es sind, als Ein­zel­we­sen, die sich in einer Lei­den­schaft ver­bün­den. Die Poe­sie hat eine