„Sie sind ein Sprachfaschist!“

Tho­mas Hum­mitzsch im Gespräch mit Alban Niko­lai Herbst über Leben und Werk – anläss­lich des Erschei­nens sei­ner gesam­mel­ten Erzäh­lun­gen.
Alban Nikolai Herbst © Thomas Hummitzsch

Alban Niko­lai Herbst: „Wenn man als 15-jäh­ri­ges Mäd­chen, als alter Mann oder als Ban­ker in den Chat geht, schult das unge­mein.“ Foto: Tho­mas Hum­mitzsch

THOMAS HUMMITZSCH Sie muss­ten 1983 nur weni­ge Minu­ten nach Rai­nald Goetz’ sagen­um­wo­be­nem Auf­tritt in Kla­gen­furt lesen. Als wäre Goetz’ Akti­on nicht schon auf­se­hen­er­re­gend genug gewe­sen, haben Sie damals noch vor Ihrer Lek­tü­re die Jury ange­grif­fen. Sie war­fen den Juro­ren vor, nicht auf Goetz’ extre­me Lesung reagiert zu haben. Waren Sie schon immer so unbe­quem?

ALBAN NIKOLAI HERBST Ja, war ich. Das zieht sich durch mei­ne gan­ze Geschich­te. Als ich 1979 auf­zu­tre­ten anfing, war ich ein Außen­sei­ter, gehör­te nir­gend­wo dazu. Ich pass­te nicht in den begin­nen­den Pop und leb­te in mei­ner ganz eige­nen Welt. Qua­si auf dem Schoß von Karl­heinz Stock­hausen groß gewor­den, saß ich für mei­ne Gene­ra­ti­on im Abseits. Dazu kam, dass ich weder Mar­xist war, aber auch kein Kon­ser­va­ti­ver und erst recht nicht rechts. „Rechts“ war schon auf­grund mei­ner fami­liä­ren Her­kunft aus­ge­schlos­sen. Den­noch hing mir „der Rib­ben­trop“ jah­re­lang nach und geis­tert heu­te noch durch die Kri­ti­ken. Tat­säch­lich war ich poli­tisch von Erich Müh­sam geprägt, und von Land­au­er. Die Vor­stel­lung, dass es einen Kader gibt, der Korps­geist ver­langt, ist mir nach wie vor ein Graus. Auch jede soge­nann­te Par­tei­rä­son ist mir zuwi­der. Dass ich im Übri­gen aus einem ganz ande­ren Zweig der Rib­ben­trop-Dynas­tie stam­me, inter­es­siert noch heu­te nie­man­den wirk­lich.

So las ich mei­nen hoch aggres­si­ven, doch zu aller­erst ver­zwei­fel­ten Text qua­si noch in Rai­nald Goetz’ Blut.

HUMMITZSCH Wie war das damals in Kla­gen­furt?

HERBST Ich soll­te eigent­lich einen ande­ren Text lesen als aus Die Ver­wir­rung des Gemüts, das damals im List-Ver­lag erschien. Die­sem Roman war näm­lich ein ande­rer vor­aus­ge­gan­gen, den der Ver­lag erst hat­te haben wol­len, dann plötz­lich aber nicht mehr. Es war mein eigent­lich ers­ter und hieß – ein Titel, den ich nie habe durch­set­zen kön­nen – „Die Erschie­ßung des Minis­ters“. Den­ken Sie dran, der „deut­sche Herbst“, der mei­ne Jugend geprägt hat, lag 1982 noch nicht lan­ge zurück. Durch mei­ne Bücher geis­tern Ter­ro­ris­ten ja bis heu­te. Jeden­falls hat­te ich erst die­sen Roman ein­ge­schickt. Eine Woche spä­ter schrieb mir Hans­jörg Graf, mein ers­ter Lek­tor, dass List ihn ver­le­gen wol­le. Dann muss irgend­et­was den Ver­lag dazu bewo­gen haben, ihm das Pro­jekt wie­der aus­zu­re­den. Also rief er mich an und frag­te, ob ich nicht noch etwas ande­res hät­te. – Hat­te ich. Ich saß längst an mei­nem zwei­ten Roman. Aus dem nun soll­te ich in Kla­gen­furt lesen. Ich aber woll­te es nicht, son­dern woll­te nach wie vor den ers­ten vor­stel­len, der mir unter den Nägeln brann­te. Wobei ich natür­lich nicht ahn­te, dass die Goetz’sche Blu­t­a­rie mei­nem Auf­tritt unmit­tel­bar vor­her­ge­hen wür­de. So las ich mei­nen gleich­falls hoch aggres­si­ven, doch zual­ler­erst ver­zwei­fel­ten Text qua­si noch in sei­nem Blut und bekam dann noch einen Teil des Ärgers ab, der eigent­lich ihm galt. Nur war er da schon nicht mehr vor Ort. Im Nach­hin­ein kam her­aus, dass sein Auf­tritt eine mit Suhr­kamp geplan­te Akti­on gewe­sen war, eine „Per­for­mance“, wür­den wir heu­te sagen. Wie auch immer, ich war nicht auf den Mund gefal­len und hat­te mich ziem­lich vor­be­rei­tet. Ich kann­te die Dok­tor­ar­bei­ten der Juro­ren, sofern sie wel­che geschrie­ben hat­ten, kann­te zumin­dest deren The­men. So habe ich dann dis­ku­tiert, oder es ver­sucht – was kom­plett dane­ben­ging. Ich war aber auch ziem­lich arro­gant.

HUMMITZSCH Mei­nen Sie, Ihr Text hät­te bes­se­re Chan­cen gehabt, wenn es Goetz’ Auf­tritt nicht vor­her in der Form gege­ben hät­te?

HERBST Das hät­te schon sein kön­nen, aber ver­ges­sen wir mal nicht, dass Irre ein gran­dio­ser Text ist, Goetz’ wahr­schein­lich nach wie vor bes­tes Buch. Es gab aber noch jemand ande­ren, eine Autorin, deren Vor­trag mich beein­druck­te, und zwar Libuše Moní­ko­vá. Lei­der ist sie nun schon lan­ge tot. Man kom­pli­men­tier­te sie mit Küss die Hand, gnä Frau vom Podi­um.

HUMMITZSCH Mar­cel Reich-Rani­cki lob­te damals den inne­ren Mono­log Ihres Erzäh­lers als psy­cho­lo­gisch inter­es­sant, kri­ti­sier­te ihn zugleich aber auch als sprach­lich banal. Er sprach von einem „ambi­va­len­ten Ver­hält­nis“ zu Ihrem Text. Konn­ten Sie mit der Kri­tik etwas anfan­gen?

HERBST Reich-Rani­cki war tat­säch­lich ambi­va­lent. Ich glau­be, dass er was gemerkt hat. Aber ich spür­te eben auch sehr schnell, dass er die­se Pha­lanx mit Wal­ter Jens hat­te. Sie strit­ten sich zwar auf dem Podi­um, aber hin­ter den Kulis­sen mach­ten sie schon aus, wer zum Sie­ger gekürt wird. Das war ziem­lich deut­lich und ver­är­ger­te mich zusätz­lich. Wir haben uns spä­ter auch sehr zer­strit­ten.

HUMMITZSCH In Ihrer Lite­ra­tur fließt Doku­men­ta­ri­sches und Fan­tas­ti­sches zusam­men, Gren­zen sind kaum aus­zu­ma­chen. Kürz­lich haben wir im Zusam­men­hang mit Claas Relo­ti­us und Robert Men­as­se Debat­ten um das Ech­te und das Ver­fälsch­te erlebt. Was hal­ten Sie davon?

HERBST Ich glau­be, dass die­se Dis­kus­sio­nen etwas auf­ge­nom­men haben, das schon lan­ge schwärt. Den­ken Sie ans Inter­net. Als ich es das ers­te Mal betrat, war mir, als stie­ge ich in einen mei­ner Roma­ne.

HUMMITZSCH Wann war das?

HERBST Um die Jahr­tau­send­wen­de. Eine dama­li­ge Gelieb­te leg­te mir nach­drück­lich eine Netz­prä­senz nahe – eine sei­ner­zeit für mich völ­lig frem­de Vor­stel­lung; ich hat­te mich ja gera­de dar­an gewöhnt, mit dem Com­pu­ter zu schrei­ben. Sie hin­ge­gen argu­men­tier­te, so wie ich den­ke und schrei­be, müs­se ich ins Netz. Und pro­gram­mier­te mir mei­ne ers­te Web­site. Ziem­lich gleich­zei­tig mel­de­te sie mich bei einem Web­log-Hos­ter an, damals bei free­ci­ty. Mei­nen Vor­stel­lun­gen konn­te es aber nicht ent­spre­chen, sodass ich über die Ver­mitt­lung Oli­ver Gas­s­ners zu Knall­grau in Wien kam, twoday.net also. Da ent­stand Die Dschungel.Anderswelt. Und ich betrieb es total inten­siv. Die Zeit war aber ins­ge­samt span­nend. Par­al­lel trieb ich mich mit ver­schie­de­nen Iden­ti­tä­ten in Chats her­um und lern­te Rol­len­spra­che zu schrei­ben. Wenn man als 15-jäh­ri­ges Mäd­chen, als alter Mann oder als Ban­ker in den Chat geht, schult das unge­mein. Noch heu­te ver­fü­ge ich über Tau­sen­de Sei­ten gespei­cher­ter Chats.

Es war noch nie ein­seh­bar, war­um ein Dich­ter oder Roman­cier mehr zur poli­ti­schen Rea­li­tät zu sagen hat, als der Bäcker von der Stra­ßen­ecke.

HUMMITZSCH Kann man einem Autor wie Robert Men­as­se zum Vor­wurf machen, dass er sich Aus­sa­gen zurecht­legt, die zu sei­ner Poe­to­lo­gie pas­sen?

HERBST Nein. Ich wür­de eine Kri­tik auch frü­her anset­zen las­sen. Es war noch nie ein­seh­bar, war­um aus­ge­rech­net ein Dich­ter oder Roman­cier mehr zur poli­ti­schen Rea­li­tät zu sagen hat als der Bäcker von der Stra­ßen­ecke. Hin­ter der gegen­sätz­li­chen Annah­me steht immer noch der Gedan­ke, dass ein Dich­ter auch ein Pries­ter ist und des­halb näher an der Wahr­heit. Aber das ist Aber­glau­be – oder eben Markt. Zu Recht hat Peter Hand­ke, lan­ge vor sei­nen Ser­bi­en-Schrif­ten, gefragt, war­um