Der tierische Migrant

Ste­fa­no Ric­cis auto­fik­tio­na­ler Comic Die Geschich­te des Bären. Von Tho­mas Ball­hau­sen

Ste­fa­no Ric­cis wun­der­ba­re Geschich­te des Bären sie­delt im Limi­na­len, in den Zonen des Über­gangs zwi­schen Auto­fik­ti­on und Geschichts­er­fah­rung, zwi­schen media­lem Ereig­nis und lite­ra­ri­scher Umschrift: 2006 war die Jagd auf den aus einem Natio­nal­park aus­ge­bro­che­nen Braun­bä­ren Bru­no, der aus dem Tren­ti­no bis zu sei­ner Erle­gung in Bay­ern nord­wärts wan­der­te, Teil einer span­nungs­ge­la­de­nen Bericht­erstat­tung. Wur­de Bru­no, der zum „Pro­blem­bä­ren“ sti­li­sier­te tie­ri­sche Migrant, am Ende zu einem prä­pa­rier­ten Muse­ums­stück, so wird das titel­spen­den­de, ange­schos­se­ne Tier bei Ric­ci geret­tet – und fin­det in der Han­se­stadt Ham­burg eine neue Hei­mat. Die Wirk­macht der Fik­ti­on macht aus dem wil­den Ein­wan­de­rer eine fass­ba­re, erin­ner­ba­re Figur, sie wird Teil von Ric­cis Comic, der in sei­ner for­ma­len Gestal­tung und inhalt­li­chen Aus­rich­tung gleich­falls dem Prin­zip der Grenz­über­schrei­tung ver­pflich­tet ist: So ent­fal­tet sich Die Geschich­te des Bären über opu­len­te Dop­pel­sei­ten, die auf den ers­ten Blick mehr der Male­rei denn der neun­ten Kunst ver­pflich­tet schei­nen.

Das Ver­heim­lich­te und das Ver­ges­se­ne

Tech­nisch per­fekt kom­men Krei­de, Acryl, Tusche und eine Viel­falt wei­te­rer Mate­ria­li­en sei­ten­fül­lend zum Ein­satz. Die Text­dar­stel­lun­gen fal­len im Ver­hält­nis zu den Bil­dern klein aus, sie sind For­men der Ver­dich­tung – die, je düs­te­rer sie gera­ten, auch schon schwarz sein kön­nen. Das Ver­heim­lich­te und das Ver­ges­se­ne sind Schlüs­sel­be­grif­fe die­ses dunk­len, doch bezau­bern­den Buches, das rasche Wech­sel zwi­schen Orten und Zei­ten vor­nimmt, frem­de, doch träu­me­risch ver­traut schei­nen­de Räu­me aus­ge­stal­tet und gar nicht anstrebt, alles zu Ende erklä­ren zu wol­len. Die mate­ri­al­be­ton­te Mon­ta­ge­ar­beit des Buchs hat in der Mischung aus auto­bio­gra­fi­schen Ele­men­ten, erzäh­le­ri­scher Geschichts­stif­tung und der indi­vi­du­el­len Ver­hand­lung his­to­ri­scher Epi­so­den ein kla­res inhalts­spe­zi­fi­sches Gegen­ge­wicht.

Zwi­schen Ben­ja­min und Pinoc­chio

Die per­sön­li­chen Erfah­run­gen Ric­cis, der mit der Arbeit an dem Buch begann, als er von Ita­li­en nach Deutsch­land über­sie­del­te, sind hier eben­so ein­zu­rech­nen wie die vie­len ein­ge­floch­te­nen geschicht­li­chen Null­stun­den und Neu­an­fän­ge. Der Kunst­griff, Tie­re als anthro­po­mor­phe Akteu­re agie­ren zu las­sen, ermög­licht dem Künst­ler nicht nur auf ein Reser­voir fabel­haf­ten Vor­wis­sens zurück­zu­grei­fen, son­dern auch die Inte­gra­ti­on sei­ner man­nig­fal­ti­gen Bezü­ge zum The­men­kreis der Kind­heit. Hier ste­chen zwei Wer­ke her­vor, die – wenig zufäl­lig, möch­te man mei­nen – eben­falls auf die Län­der Ita­li­en und Deutsch­land ver­wei­sen: Einer­seits fin­den sich kla­re Bezü­ge zu Car­lo Col­lo­dis Le avven­ture di Pinoc­chio, ande­rer­seits auf Wal­ter Ben­ja­mins post­hum ver­öf­fent­lich­te Ber­li­ner Kind­heit um neun­zehn­hun­dert.

Ric­cis Ver­bin­dung zum genann­ten Kin­der­buch­klas­si­ker um den höl­zer­nen Jun­gen ist dabei nicht nur in der Ent­wick­lungs­ge­schich­te des Prot­ago­nis­ten, son­dern etwa auch in den in der Buch­erst­aus­ga­be ent­hal­te­nen, durch­aus mons­ter­rei­chen Illus­tra­tio­nen Enri­co Maz­z­an­tis zu fin­den. Ric­cis Bil­der fal­len frei­lich wenig hell aus, doch sein tie­ri­sches alter ego, ein als Sani­tä­ter wir­ken­der Hase, der auch auf dem Cover des Buchs prangt, ist wie Pinoc­chio eine Figur des Dazwi­schen, der Ver­wand­lung und der Ver­än­de­rung. Ben­ja­mins Büch­lein, das in kur­zen, poe­ti­schen Epi­so­den das Stau­nen über die Welt und die Erin­ner­bar­keit des Erleb­ten greif­bar macht und nicht zuletzt des­halb immer wie­der zu erneu­ter Lek­tü­re ver­führt, ist eben­falls in mehr­fa­cher Hin­sicht mit Ric­cis Buch ver­floch­ten: Neben der deut­lich aus­ge­stell­ten, refle­xi­ven Hal­tung des Schrei­ben­den und der Ver­wei­ge­rung einer klas­sisch anmu­ten­den, retro­spek­tiv glät­ten­den Auto­bio­gra­fie ste­hen vor allem die Poe­tik der Mon­ta­ge und die Prä­for­mie­rung geschicht­li­cher Erfah­run­gen durch Bil­der im Vor­der­grund.

Ent­stell­te Welt der Kind­heit

Der sich selbst „dem Geschlecht der Schwel­len­kun­di­gen“ zurech­nen­de Ben­ja­min will die Ver­wi­schun­gen gar nicht aus­blen­den, viel­mehr zielt er ganz dar­auf ab, „der Bil­der hab­haft zu wer­den“. Die­ses Ansin­nen, „die gan­ze ent­stell­te Welt der Kind­heit“ ein­zu­fan­gen, über­setzt sich bei Ric­ci in eine offen­ge­leg­te, auf Über­la­ge­run­gen aus­ge­rich­te­te Mon­ta­ge­ar­beit. An die Stel­le einer auto­ri­ta­ti­ven Chro­no­lo­gie rückt eine viel­schich­ti­ge Kar­to­gra­fie. Die vom Bären beschrit­te­nen Grenz­re­gio­nen und die ver­schol­le­nen Län­der der Kind­heit ver­schmel­zen zu einem Buch, das nicht zuletzt auch die Fra­ge auf­wirft, was wir uns von einem Comic erwar­ten dür­fen.

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Tho­mas Ball­hau­sen, gebo­ren 1975, lebt als Autor und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler in Wien.

Ste­fa­no Ric­ci: Die Geschich­te des Bären.
Aus dem Ita­lie­ni­schen von Myri­am Alfa­no.
avant-ver­lag, Ber­lin 2014.
432 Sei­ten, € 34,95 (D) / € 36 (A).

Quel­le: VOLLTEXT 4/2015

Online seit: 4. Mai 2022

Online seit: 4. Mai 2022

Zuletzt geän­dert: 5. Mai 2022