Präauer streamt: „The Lady In The Tutti Frutti Hat“

Spä­ter kom­men Rie­sen­ba­na­nen zum Ein­satz, sie wer­den, stets in For­ma­ti­on, in die Höhe gehal­ten, abge­senkt, alle syn­chron, auf­ge­stellt zu einem neu­en Spa­lier.

So beginnt der Traum von der Süd­see, vom exo­ti­schen Leben, wo Affen in den Pal­men hocken, die Jäck­chen und Hut tra­gen, flink sind sie wie Hotel­pa­gen, und die Pal­men, von denen aus sie die Gäs­te regis­trie­ren, sind voll von rei­fen Bana­nen, und die Blät­ter der Pal­men, die sind aus grü­nem Satin. Am Boden, im Sand, da lie­gen die Frau­en, sie haben ein Bein ange­win­kelt und die Arme hin­ter dem Kopf ver­schränkt, sie tra­gen gol­de­ne Röcke wie aus Tüll und bauch­freie Blu­sen mit Rüschen­är­meln und je ein gro­ßes gel­bes Tuch im Haar, oben gekno­tet nach der Art des bra­si­lia­ni­schen Bai­a­na-Kos­tüms. Da lie­gen sie zwi­schen den Pal­men, unge­zählt, viel­leicht drei, vier Dut­zend, und die ers­te wird gleich­sam wach und springt auf, als ein Krei­schen zu hören ist wie von Möwen oder von ande­ren Affen oder wie von einem quiet­schen­den, knar­zen­den Musik­in­stru­ment. Und die­se eine, die auf­ge­sprun­gen ist, die läuft auch nach vor­ne, läuft durchs Meer, durch eine Art Zufluss viel­leicht, der so wenig tief ist, dass sie davon nicht nass wird, auf eine vor­ge­la­ger­te Insel zu, gleich fol­gen ihr die ande­ren, sie bewe­gen sich mit stei­fen Glied­ma­ßen und ange­spann­ten Mus­keln. Sie bewe­gen sich, wie man sich nur in der Mit­te des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts bewegt hat, geo­me­trisch-tur­ne­risch und mit durch­ge­streck­ten Knien, wie es im deutsch­spra­chi­gen Raum auch die so bie­der lebens­fro­hen Kess­ler-Zwil­lin­ge vor­ge­führt haben.

Die­se eine, die vor­ge­lau­fen ist, sie winkt, sie winkt wie Land-in-Sicht, nein, wie Schiff-ahoi, sie winkt in die Fer­ne, wo sie uns erspäht hat, sie winkt mit einem Arm­ru­dern in der Luft, das die Gespannt­heit ihres gan­zen Kör­pers wel­len­ar­tig erfasst. Schon haben die ande­ren sie erreicht, sie tra­gen die glei­chen Klei­der alle­samt, sie sind eine Armee aus Frau­en in bau­schi­gen, dabei zu kur­zen Klei­dern, ein Wort wie ‚zurz‘ möch­te man erfin­den statt ‚zu kurz‘, so knapp sind sie und so wenig Zeit bleibt, um die Din­ge zu beschrei­ben, denn es geht schon wei­ter, mit seit­wärts rudern­den Armen lau­fen sie, läuft die gold­glän­zen­de Frau­en­ar­mee auf lan­gen Bei­nen, Bei­ne bis in den Him­mel, Bei­ne bis zu den grü­nen Satin­tü­chern der Palm­blät­ter hin­auf jeden­falls. Und nun, zuerst unge­ord­net, for­miert sich die­se Armee, es bil­den sich Rei­hen oder Schlan­gen, par­al­lel posi­tio­niert bau­en sie gleich ein Spa­lier, jemand wird hier freu­dig erwar­tet und bald in Emp­fang genom­men. Die Frau­en nei­gen sich nun gemein­sam nach rechts, sie lugen nach vor­ne, sie wol­len was sehen. Sie win­ken rechts, als wären ihre Hän­de selbst wie­der Satin­tü­cher, die ein­fach bloß im Wind schau­keln, und sie win­keln jeweils den lin­ken Arm ab und stüt­zen sich so in der Tail­le ab. Wir hören Musik, Musi­cal-Melo­dien, von einem Orches­ter gespielt. Hier Frau­en auf­ge­reiht, dort Pal­men auf­ge­reiht, naht­los und in einer Rei­he inein­an­der über­ge­hend, als wäre alles das­sel­be: Frau und Baum.

Oh, etwas kommt auf uns zu, ein Wagen, ein Fuhr­werk, zwei Rin­der sind vor­ge­spannt, eine Erschei­nung, ein ästhe­ti­sches Spek­ta­kel, flan­kiert von Män­nern in hel­len Plu­der­ho­sen und gel­ben Pira­ten­tü­chern auf dem Kopf kommt da eine Frau gefah­ren, sie sitzt auf einem Berg von Bana­nen, dem Bana­nen­berg, und sie trägt das schöns­te aller Kos­tü­me, näm­lich einen schwar­zen lan­gen Rock, eine schwar­ze Blu­se über dem Bauch gekno­tet, rote Früch­te um den Hals gedreht als Ket­te und dazu einen Hut aus Bana­nen, aus dem auch die roten Früch­te selbst wie­der­um zu wach­sen schei­nen, mehr kle­bend als bau­melnd. Mit einem brei­ten Lachen fährt sie näher auf ihrem Bana­nen­berg­thron, ers­te Hula-Ges­ten füh­ren uns von den Kos­tü­men Süd­ame­ri­kas wie­der in die Kari­bik oder dort­hin, wo alles wächst, was, das sug­ge­rie­ren die Bil­der, anders ist, bun­ter, selt­sa­mer, schö­ner, frem­der. In ein erfun­de­nes Land, irgend­wo im ver­meint­lich hei­ter-sorg­lo­sen Süden. Es sind die Vier­zi­ger­jah­re in Tech­ni­co­lor, und es ist Car­men Miran­da, die gleich zu sin­gen beginnt, und sie trägt ihren berühm­ten, famo­sen, unver­wech­sel­ba­ren Tut­ti-Frut­ti-Hut auf dem Kopf: „I won­der why does ev’rybody look at me / And then begin to talk about a Christ­mas tree?“, wer sie ansieht, sprä­che gleich von Christ­bäu­men, wun­dert sie sich da.

Car­men Miran­da, 1909 in Por­tu­gal gebo­ren, auf­ge­wach­sen in Bra­si­li­en und dort in den 30ern zur Car­ne­val-Sän­ge­rin avan­ciert, star­te­te ihre Broad­way-Kar­rie­re 1939 und gab in den 40ern in zahl­rei­chen Hol­ly­wood­pro­duk­tio­nen sin­gend, tan­zend und fei­xend die exo­tisch über­höh­te Neben­rol­le, die in ihren Klei­dern, mit ihren Arm­rei­fen, Fri­su­ren, Hüten, mit ihren rot geschmink­ten Lip­pen und ihren rol­len­den Augen den eta­blier­ten Stars, jene blon­der, bra­ver, ame­ri­ka­ni­scher, den Rang ablief. Auf You­tube fin­det man sie heu­te wie­der, nach­dem ihre Film­kar­rie­re Ende der Vier­zi­ger­jah­re zu Ende ging und Car­men Miran­da Mit­te der Fünf­zi­ger­jah­re jung ver­starb. Auf https://www.youtube.com/watch?v=TLsTUN1wVrc singt sie wie­der mit Tut­ti-Frut­ti-Hut, eben­dort zu fin­den ist Beneath the Tut­ti Frut­ti Hat, eine BBC-Doku­men­ta­ti­on über Leben und Wir­kung. Der Song zum Hut stammt aus dem Musi­cal­film The Gang’s All Here von 1943, die gro­tesk-komi­sche und ein­falls­rei­che Stu­dio-Cho­reo­gra­fie besorg­te Bus­by Ber­ke­ley, Frau­en und Bana­nen fest im Griff, unter­wegs durch das far­ben­präch­ti­ge Grau­en die­ser Exo­tis­mus­höl­le. Im Kreis hocken sie ein­mal, die Tän­ze­rin­nen, und hal­ten die Bana­nen Miran­da unter die Nase, die mit zwei Schle­geln dar­auf zu spie­len beginnt wie auf einer Marim­ba. Spä­ter kom­men Rie­sen­ba­na­nen zum Ein­satz, sie wer­den, stets in For­ma­ti­on, in die Höhe gehal­ten, abge­senkt, alle syn­chron, auf­ge­stellt zu einem neu­en Spa­lier.

Oh und wie­der oh, nun sehen wir die Sze­ne­rie von oben, Frau­en lie­gen in Stern­for­ma­ti­on auf dem blau­en Boden, Bana­nen kom­men wie geflo­gen, nein, her­bei­ge­tra­gen, in Stau­den über­kopf, zahl­los, sie sen­ken sich kreis­för­mig nie­der auf die stern­för­mig lie­gen­den Frau­en, wo hat man sowas je geseh’n. Öff­nen, schlie­ßen, öff­nen, schlie­ßen, von oben erge­ben Frau­en und Bana­nen ein sich stän­dig ver­än­dern­des Man­da­la. Chö­re sin­gen hell ah-ah. Miran­da sitzt nun wie­der auf ihrem Bana­nen­berg und bewegt nur ihre Lip­pen und Augen, und ihre Hän­de tan­zen, als wür­den auch ihre Fin­ger selbst ein klei­nes Bana­nen­bal­lett imi­tie­ren wol­len.

Wo Frau­en noch Bäu­me sind und Män­ner noch Bana­nen tra­gen, dort liegt die­se Land­schaft, wie gemalt für das Sei­den­pa­pier, in das man Blut­oran­gen wickelt. Am Ende der Melo­die haben die Tän­ze­rin­nen ihre Schul­dig­keit getan, sie lau­fen zurück auf ihre Satin­blatt­pal­men­in­sel, auf der sie sich nun wie­der schla­fen legen. Nur eine wird wach blei­ben in der süd­ame­ri­ka­ni­schen Hol­ly­wood-Süd­see aus Plas­tik, Papier und Kolo­ni­al­wa­ren und wei­ter­tan­zen, es ist Car­men Miran­da, die Dame mit dem Obst­hut.

 

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Tere­sa Prä­au­er ist Autorin und bil­den­de Künst­le­rin in Wien. Sie assis­tiert der Geburt der Kunst aus dem Müll des Inter­nets. Erich-Fried-Preis 2017.

Quel­le: VOLLTEXT 1/2018 – 26. März 2018

Online seit: 20. Mai 2019

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Zuletzt geän­dert: 20. Mai 2019