Man muss auch let go!

Von Sabi­ne Scholl. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 73

Iii­ich hab Hit­ler per­sön­lich gese­hen, die Frau im Video tippt sieb­zig Jah­re danach mit dem Zei­ge­fin­ger wie­der­holt auf ihre grü­ne Brust, streckt danach den rech­ten Arm: So! In der Bis­marck­stra­ße habe ich ihn gese­hen, wir haben aus dem Fens­ter geschaut, das Auto ist ein­ge­bo­gen, sie bil­det die Kur­ve mit ihrem Arm nach, von der Land­stra­ße. Wo er dann hin­ge­fah­ren ist, weiß ich nicht, wirft bei­de Ober­ar­me hoch. Ich hab gese­hen, sie blickt nach unten, hält sich mit den Fin­gern am Kinn fest, schnieft, nach­denk­lich, die Stim­me kippt fast, das war sehr natio­nal­so­zia­lis­tisch, Linz, spe­cial.

Sabine Scholl © Uta Tochtermann

Sabi­ne Scholl.
Foto: Uta Toch­ter­mann

Weil es kei­ne Ver­bin­dung gege­ben hat­te zwi­schen dem Wis­sen um die Ver­fol­gung von jüdi­schen Men­schen und Orten, die mir als Kind ver­traut waren, weil die Aus­lö­schung also gelun­gen war, tipp­te ich „Jüdi­sches Leben Linz“ in die Such­ma­schi­ne und stieß auf Stü­cke der Bio­gra­phie eines Mäd­chens samt Fotos und Vide­os. Ich nann­te es Lot­te. Mein Vater war im Jahr des „Anschlus­ses“ Öster­reichs ans Deut­sche Reich zwei Jah­re alt, mei­ne Mut­ter ein Jahr dar­auf gebo­ren. Mit der Wald­heim-Affä­re began­nen in Wien, wo ich stu­dier­te, die Fra­gen. Als ein Pro­fes­sor wis­sen woll­te, wie sich mei­ne Eltern zum Natio­nal­so­zia­lis­mus ver­hal­ten hät­ten, begann ich zu stot­tern. Bis­lang hat­te ich ver­mie­den über mei­ne Her­kunft zu erzäh­len, die mir inmit­ten von bür­ger­li­chen Kom­mi­li­to­nin­nen beschä­mend vor­kam. Ich soll­te beken­nen, von Land­ar­bei­tern abzu­stam­men. Der Ver­weis auf mei­ne Eltern, deren Leben mit dem Krieg gera­de erst begon­nen hat­te, nütz­te mir nichts. Was war mit dei­nen Groß­el­tern, lau­te­te die nächs­te Fra­ge. Ich drucks­te her­um. Die Ver­bre­chen hat­ten weit ent­fernt vom Dorf statt­ge­fun­den, mein­te ich.

Auf dem Bild­schirm bil­det die Frau in Grün mit zwei anein­an­der­ge­leg­ten Hand­ober­flä­chen eine Wand, oben waren die Wohn­räu­me, die­ser Dok­tor, sie klopft mit dem Fin­ger auf die Stuhl­leh­ne, der mein Kin­der­arzt war, immer wenn sie den Namen Hit­ler aus­spricht, streckt sie ihren rech­ten Arm. Für die Sze­ne von Lot­tes Ver­trei­bung aus Linz stel­le ich mir ein Kaf­fee­haus in der Nähe des Lin­zer Haupt­plat­zes vor, mit Eck­bän­ken aus Plüsch, wo man geschützt sitzt und den­noch die Ein­gangs­tür im Blick hat, durch die Jugend­li­che her­ein­dran­gen, um jüdi­sche Gäs­te zu ver­ja­gen. Ich wäh­le die Per­spek­ti­ve eines Kin­des, das ich nicht kann­te. Die­se Sze­ne hat die Frau, die ich am Bild­schirm beob­ach­te­te, nie erzählt.
Doch sie berich­tet vom Kom­men­tar des Vaters zum Ein­marsch, imi­tiert sei­ne Bewe­gung, er kreuzt die Fin­ger, sie führt die Hän­de nach unten, so hat er gemacht und gesagt, das ist unser Ende. Fast lächelt sie dabei, in Erin­ne­rung an den Papa, den sie lieb­te. So, die­se Bewe­gung, wie­der­holt sie, na, ich über­treib nicht. Dann gequält, der Schmerz steckt hin­ter ihrem Lächeln, sie ver­wan­delt sich in das Mäd­chen, das sie war, streckt den Zei­ge­fin­ger aus, spricht mit ungläu­big klei­ner Stim­me, der Kin­der­arzt, der Arzt, die­ser Arzt, der mich so oft behan­delt hat, und jetzt trägt er die Arm­bin­de, greift sich an den lin­ken Ober­arm, mit dem Haken­kreuz, hier, nie hät­te ich das geglaubt, das schreck­li­che Stau­nen, ein Ille­ga­ler war er, etwas erleich­ter­ter nun der Ton, ja. Und hat die Uni­form anschei­nend schon zuhau­se gehabt, wenn er sie von heut auf mor­gen ange­zo­gen hat. Hält sich wie­der die Hand ans Kinn, streicht mit einem Fin­ger unter ihrer Nase auf und ab, atmet hef­tig aus, schaut schräg nach unten, dort ist sie die Erin­ne­rung, schließ­lich meint sie, ent­las­tend: Fescher Mann war er, wie ein Schau­spie­ler hat er aus­ge­schaut.

Die Frau in Grün erin­nert sich mit ihrem Kör­per. Führt eine Hand an ihren Hin­ter­kopf, als sie vom schwar­zen Haar des Dienst­mäd­chens spricht, das die­se auf­ge­steckt trug, dreht ihre Hand, als sie erzählt, dass das Mäd­chen spä­ter heim­lich durch den Hin­ter­ein­gang schlich, um Essen zu brin­gen: Wir waren gut zu ihr, sie hat ihr eige­nes Zim­mer gehabt. Sie streift dabei den Ring vom Fin­ger und steckt ihn wie­der auf. Inter­es­sier­te aus Linz hat­ten die aus ihrer Stadt Ver­jag­te in Jeru­sa­lem besucht, Gesprä­che mit ihr geführt, sie gefilmt, die Fil­me ins Netz gestellt. Die Gefilm­te rich­tet ihren Blick nach oben. Ich war die ein­zi­ge, ein­zi­ge Jüdin in der Klas­se. Und ich hab schlecht gelernt. Sie hält ihre Hän­de neben­ein­an­der vor ihren Kör­per, in Brust­hö­he wie ein Kind, wenn es vorm Leh­rer steht, Hand­flä­chen nach unten. Als sie schlecht gelernt aus­spricht, klatscht sie sich mit der einen Hand auf die ande­re, wie der Leh­rer es tat, um sie dafür zu bestra­fen. Er hat mir mit dem Rohr­stock hier gege­ben. Und schlägt sich neu­er­lich auf die Fin­ger. Der Rab­bi­ner, der nach Eng­land geflüch­tet ist, war streng. Die Frau in Grün spricht vom Anschlag auf die Syn­ago­ge. Die Sze­ne von dem Hebrä­isch imi­tie­ren­den Maro­deur, die ich im Roman beschrei­be, stammt nicht von ihr, son­dern aus den Erin­ne­run­gen eines jüdi­schen Lin­zers an die Nacht des Pogroms, die er in den 1970er-Jah­ren auf­ge­schrie­ben und ver­öf­fent­licht hat. Bis dahin hat­te es in Selbst­er­zäh­lun­gen Ober­ös­ter­reichs meist gehei­ßen, dass Jüdin­nen und Juden nur in Wien mal­trä­tiert wur­den. Die grün­ge­klei­de­te Frau belehrt mich eines Bes­se­ren. Das war furcht­bar, das ist ein Trau­ma, das ist für immer, hält sich das Kinn, als sie vom Feu­er spricht. Die­se Flam­men, wie die her­über­ge­zün­gelt sind, wel­len­ar­ti­ge Bewe­gun­gen mit den Hän­den in Rich­tung ihres Gesichts, um Got­tes­wil­len, wir ver­bren­nen, ihre Stim­me hebt sich. Wie­der die Hand als Wand, um eine gerin­ge Ent­fer­nung anzu­zei­gen, die die Woh­nung des Rab­bi­ners von der Syn­ago­ge trenn­te. Die Bücher alle am Boden, eine leich­te Bewe­gung, die ein Wer­fen andeu­tet, das hab ich alles gese­hen. Das ist mir noch so leb­haft vor Augen. Sie nickt hef­tig.
Die Mama muss­te zur Toi­let­te und im Stie­gen­haus ein SS-Mann, setz­te ihr den Revol­ver an, der Zei­ge­fin­ger der Erzäh­len­den geht zur Stel­le am Hals, schräg hin­ter dem lin­ken Ohr. Wir sind zurück in den Salon, die Durch­su­chung, da hat man sit­zen müs­sen, die Bet­ten, eine Dreh­be­we­gung der Hand, man ahnt Matrat­zen, die umge­dreht wer­den, um nach Wert­sa­chen zu suchen. Schließ­lich grei­fen die Fin­ger ihrer bei­den Hän­de inein­an­der, hal­ten sich fest, und dann der SS-Mann, ein ehe­ma­li­ger Kun­de, weist sei­nen Kol­le­gen zurecht: „Geh, lass die Sara in Rua“, sie streckt den Arm von sich, abwei­sen­de Bewe­gung mit der fla­chen Hand. Ihr Mann sitzt eh schon im Lager. Unver­gess­lich, schüt­telt den Kopf. Mei­ne Mut­ti, ja, war die Sara. Julia hat sie gehei­ßen.

Die alte Frau ent­sinnt sich ihrer Rol­le am Lan­des­thea­ter, wo sie als Mäd­chen getanzt hat­te und singt: Hein­er­le Hein­er­le i hob ka Göd. Mua­ta i möch­te jetzt zum Kas­perl lau­fen. Jahr­zehn­te spä­ter kann sie den Text noch aus­wen­dig. Immer wie­der bringt sie eine Zei­le aus ihrem Gedächt­nis her­vor. Wenn sie vom Bett­vor­le­ger spricht, zeich­net sie die­sen mit Ges­ten in die Luft. Ich habe vie­le Freun­din­nen gehabt, sagt sie, und greift nach dem grü­nen Stein an ihrer Ket­te. Die Jade, eine Erin­ne­rung an Shang­hai? Sie ballt die Fäus­te, bringt sie nahe vors Kinn und schüt­telt sie leicht: Da haben wir Zuflucht gefun­den, bei die­ser Tan­te. Und die konn­te nicht locker­las­sen von ihrer ele­gan­ten Woh­nung. Sie zieht die Schul­tern hoch, den Kopf ein, Schutz­ge­bär­de, das Bedürf­nis der Tan­te nach Sta­gna­ti­on, die Fäus­te ver­wan­deln sich in zwei fla­che Hän­de, par­al­lel gehal­ten, ein Weg tut sich auf, ein Tun­nel, also ist sie in den Ofen mar­schiert, beim Wort Ofen geht die Stim­me sehr hoch. Wir haben alles ste­hen las­sen, haben wir uns geret­tet. Ja? Man muss auch let go. Ihre Fäus­te schlie­ßen und öff­nen sich schnell.

Viel­leicht für die Aus­rei­se nach Shang­hai auf­ge­nom­men, fand ich auf der Web­sei­te ein Pass­fo­to von Lot­tes Vater. Ohne Zuver­sicht ist in sei­nen Augen alles ent­hal­ten, was er an Demü­ti­gun­gen im Lager ertra­gen haben muss­te. Für das Foto ver­sucht er, die Lip­pen an den Win­keln hoch­zu­zie­hen, ein Lächeln zu imi­tie­ren, das dadurch nur ver­geb­li­cher wird. Die Auf­nah­me ist ver­bli­chen, bräun­lich, fle­ckig, auf die Flä­che sei­nes wei­ßen Ober­hem­des ist in Groß­buch­sta­ben mit roter Tin­te geschrie­ben: DIED 1–9‑42.

In der Aus­stel­lung über jüdi­sches Exil in Shang­hai foto­gra­fie­re ich das Zwei­te Klas­se Ticket für eine Über­fahrt auf einem Schiff des Lloyd Tri­es­ti­no. Es kos­te­te für zwei Erwach­se­ne und zwei Kin­der über 10 Jah­re ins­ge­samt 250,- Pfund. 10 Pro­zent Fami­li­en­ra­batt. Dazu wur­den rund 3000,- Reichs­mark zu einem Kurs von 12,- umge­rech­net. Am 28. März 1939 wur­de das Ticket aus­ge­stellt. Das Schiff ver­ließ den Hafen am 12. April 1939 um 1 Uhr nach­mit­tags. Ein paar Mona­te dar­auf wur­de mei­ne Mut­ter gebo­ren.

Lot­te kann sich auch als alte Frau an vie­le Ein­zel­hei­ten erin­nern: In Shang­hai war die japa­ni­sche Besat­zung, sie haben ohne Visum, die Hand­flä­chen dem Kör­per zuge­wandt, die Fin­ger machen ein­la­den­de Bewe­gun­gen, die Leu­te ein­rei­sen las­sen. Vier Wochen auf dem Meer, sogar die Sta­tio­nen des Schif­fes kennt sie noch, zählt sie auf. Und es war schon kein Platz mehr und da hat sie sich nie­der­ge­kniet die Mut­ti, der Zei­ge­fin­ger rich­tet sich auf einen ima­gi­nä­ren knien­den Kör­per, etwa zwei Meter von dem Kind, das Lot­te damals war, ent­fernt. Und hat sei­ne Knie umfasst, sie macht einen sehr gro­ßen Bogen mit bei­den Armen. Wir haben bekom­men die letz­ten zwei Sit­ze in der öko­no­mi­schen Klas­se. Außer­halb des Bild­aus­schnit­tes des Vide­os ist ein nie enden­des, zustim­men­des hm hm hm der Inter­viewe­rin zu hören, das den Fluss des Erzäh­lens mit in Gang hält.

Ich füge Rudolf in die Erzäh­lung, einen jugend­li­chen Freund Lot­tes. Von ihm hat­te ich das ers­te Mal über jüdi­sches Exil in Shang­hai erfah­ren. Mei­ne Beschrei­bun­gen des halb­wüch­si­gen begab­ten Sport­lers, der mit sei­ner Mut­ter nach Shang­hai geflüch­tet war, brin­gen einen unech­ten Rudolf her­vor, weil ich den wirk­li­chen nur als alten Men­schen kann­te. Den güti­gen, lus­ti­gen, coo­len, ame­ri­ka­ni­schen Rudolf in kurz­är­me­li­gen, karier­ten Hem­den mit Hosen­trä­gern, unse­ren Dozen­ten an der Uni­ver­si­tät. Wir haben ihn bewun­dert. Wegen sei­ner Box­küns­te war er aus Shang­hai nach Kriegs­en­de auf ein gutes Col­lege in die USA gelangt, stu­dier­te Phi­lo­so­phie, erlang­te eine Pro­fes­sur und kehr­te irgend­wann nach Wien zurück. Ich leg­te eines mei­ner Rigo­ro­sen bei ihm ab.

In der Aus­stel­lung foto­gra­fie­re ich ein A4-Blatt, maschi­nen­be­schrie­ben. Aus­wan­dern­de muss­ten an die Devi­sen­stel­le im ers­ten Bezirk in Wien eine Auf­stel­lung der Din­ge schi­cken, die sich in ihren Kof­fern befan­den. Es ging um die „Aus­fuhr von Gegen­stän­den“ kann ich dem Stem­pel ent­neh­men, der rechts unten prangt. Mit Unter­schrift. Es muss­te gemel­det wer­den, wenn man statt eines Pel­zes lie­ber drei neue Hem­den mit­neh­men woll­te. Es muss­te ange­ge­ben wer­den, wie alt das Klei­dungs­stück aus dem Besitz des Aus­wan­dern­den zum Zeit­punkt der Aus­rei­se war, als wären das Wer­te, die dem Deut­schen Reich ver­lo­ren­gin­gen, Wer­te, die gestoh­len wur­den, obwohl doch recht­mä­ßig erwor­ben. Der Kauf eines Hem­des wur­de für die Aus­ge­son­der­ten mit einem Mal zur staats­feind­li­chen Hand­lung. Die Lis­te der für das Rei­se­ge­päck zuge­stan­de­nen Din­ge eines männ­li­chen Aus­wan­de­rers ent­hielt Fol­gen­des: 1 Akten­ta­sche, 2 Kof­fer, 1 Pap­pen­de­ckel Hut­schach­tel, 5 Anzü­ge alt, 2 Über­rö­cke alt, der Pelz wur­de gestri­chen, 10 Hem­den alt, plus 3 neue. 8 Unter­ho­sen alt, 12 Paar Strümp­fe alt, dazu 6 Paar neue, 15 Taschen­tü­cher alt, 1 Mor­gen­rock alt, 3 Pyja­mas alt, 10 Kra­wat­ten alt, 2 Hosen alt, 1 Som­mer­ho­se und eine Leder­ho­se alt, 1 Rasier­zeug alt, 3 Hand­tü­cher alt, 1 Pull­over alt, 5 Paar Schu­he alt, 1 paar Haus­schu­he alt, 2 Hüte alt.

Mit mei­ner Toch­ter durch­su­che ich die Räu­me des Wie­ner Jüdi­schen Muse­ums, wir tra­gen Mas­ken über Nase und Mund. Eigent­lich soll­ten wir uns jetzt in Shang­hai befin­den. Aber das Virus mach­te einen Auf­ent­halt unmög­lich. Wir kön­nen nicht rei­sen. Mei­ne Toch­ter hät­te dort stu­diert, ich hät­te sie besucht. Obwohl ich weiß, dass es kaum mehr Spu­ren des jüdi­schen Exils gibt. Trotz­dem hät­te ich nach­ge­forscht, wäre mit mei­ner Toch­ter durch die Märk­te gestreift. Wegen des Virus befin­den wir uns wei­ter­hin in Wien. Betrach­ten Lebens­res­te von jüdi­schen Men­schen, die in Wien nicht blei­ben durf­ten. Sie muss­ten nach Shang­hai. Wie immer spre­chen mich vor allem die ori­gi­na­len Doku­men­te an, weni­ger die Kopien. Kopien sind blo­ße Infor­ma­ti­on. Ech­te Schrift­stü­cke haben Fle­cken und unre­gel­mä­ßi­ge Schrift­zei­chen, sie machen den Zeit­raum deut­lich, der zwi­schen damals und heu­te liegt. Auf die Über­see­kis­te ist die ehe­ma­li­ge Wie­ner Adres­se der geflüch­te­ten Fami­lie in wei­ßen Buch­sta­ben gemalt. Ich betrach­te das blaue Jäck­chen eines geflüch­te­ten jüdi­schen Kin­des. Die­ses Stück Baum­woll­stoff in der Far­be des Him­mels hat Jahr­zehn­te über­dau­ert; wahr­schein­lich sogar den Kör­per des Men­schen, der es trug. Ich foto­gra­fie­re die Sti­cke­rei auf einem Tisch­tuch. Ein sehr dün­ner, fast durch­sich­ti­ger natur­far­be­ner Baum­woll­stoff. Mit Kreuz­stich wur­de eine Tem­pel­an­la­ge mit Pago­den, Was­ser­we­gen, Bäu­men und Wol­ken gestickt, über allem drei chi­ne­si­sche Schrift­zei­chen. Wie sehr ich es auch gehasst habe, in Hand­ar­bei­ten unter­rich­tet zu wer­den, so habe ich doch gelernt, wie­viel Anstren­gung und Schweiß die­se Tätig­keit bedeu­tet, und dass es beim Gelin­gen dar­auf ankommt, all die Mühen unge­se­hen zu machen. Fast wie beim Schrei­ben. Es müs­sen alle Fäden in glei­chem Maß fest­ge­zurrt wer­den, damit der Stoff sich nicht wellt oder spannt, alle Strän­ge sorg­fäl­tig ver­näht. Nichts darf abste­hen. In der Auf­re­gung im Muse­um stel­le ich mich unge­schickt an, so dass die Schat­ten mei­ner Fin­ger, die das Han­dy hal­ten, auf den Stoff fal­len. Eine Annä­he­rung?

Den reich bestick­ten japa­ni­schen Wand­be­hang im Muse­um will ich nicht sehen, obwohl ich, als ich in Japan leb­te, nicht genug bekom­men konn­te von Tex­ti­li­en. Über die Bru­ta­li­tät der Japa­ner muss mir kei­ner was erzäh­len. Ich habe viel dar­über gele­sen, aus Erin­ne­run­gen von Men­schen aus Län­dern erfah­ren, die kolo­ni­siert wur­den, von sinn­lo­sen Bau­pro­jek­ten, die nur dazu dien­ten, Men­schen zu ver­nich­ten. Sel­ten habe ich von Japa­nern selbst dar­über gehört. Sie befin­den sich immer noch im Zustand, in dem sich Deut­sche und Öster­rei­cher in den 1950er Jah­ren befan­den. Kei­ner weiß was vom Krieg, außer dass es Hel­den gab, und die erbar­mungs­wür­digs­ten Opfer waren alle­mal die auf­grund von ame­ri­ka­ni­schen Atom­bom­ben Umge­kom­me­nen. Mir wird heiß unter der Mas­ke, mit der ich mich und ande­re Anwe­sen­de schüt­zen soll­te. Vor Anste­ckung.

Noch wäh­rend ich in den USA leb­te, hör­te ich wäh­rend eines Besuchs in Wien ein Gespräch zwi­schen Ame­ri­ka­nern beim Heu­ri­gen. Ich woll­te mei­nen Sohn, damals ein Baby, in einem lee­ren Neben­raum in den Schlaf wie­gen. Spä­ter bemerk­te ich, dass einer aus der Grup­pe Rudolf war, der hier gar nicht mehr sou­ve­rän wirk­te. Er beklag­te sich, dass Wien vol­ler Nazis wäre, dass sich nichts geän­dert hät­te. Es klang ver­bit­tert. Als Pro­fes­sor war er immer offen gewe­sen, gut gelaunt, der tol­le Typ, mit allen Was­sern gewa­schen. In die­sem Moment wur­de mir klar, dass die Krän­kung, damals geäch­tet und ver­trie­ben wor­den zu sein, für immer andau­ert.

Am Bild­schirm beob­ach­te ich die Frau in Grün, hin­ter ihr Zim­mer­pflan­zen. Sie lächelt. 2007 lau­tet das Insert. Ich samm­le Stü­cke ihrer Bio­gra­phie und fül­le die Lücken mit wei­te­ren Recher­chen auf, obwohl ich nicht dabei war, als sie aus ihrem Gedächt­nis Res­te her­vor­hol­te, klei­ne Blit­ze, Gefüh­le, die sich zu Bil­dern for­men. Sie wur­de weit ent­fernt von Linz alt. Auf der Web­sei­te ist das Foto der bei­den vor der Grab­stel­le ste­hen­den Frau­en zu sehen: Wie klein die Flä­che in der Frem­de ist, die ihrem gelieb­ten Toten zuge­dacht wird. Die Auf­nah­me wur­de aus einem Album mit schwar­zen Kar­ton­sei­ten her­aus­ge­ris­sen, Kle­be­flä­chen sind an der Rück­sei­te wei­ter sicht­bar. Ein paar Zei­len dar­auf gekrit­zelt: Was sagt ihr mei­ne Teu­ren, wie schlecht wir bei­de da aus­se­hen. Wel­che Krän­kung, dass wir unse­ren guten Papi ver­lo­ren haben. Dann ein lan­ger schwar­zer Strich, eine Abgren­zung. Dar­un­ter: Es war im Album schon. Grab­stät­te mei­nes Edi’s 1942. Shang­hai. Und in der lin­ken unte­ren Ecke: Auf­ge­schrie­ben März 1943. Das Durch­ein­an­der an Inschrif­ten zeigt die Ver­stö­rung der Frau­en.

Vie­le Jah­re nach der Wald­heim-Affä­re traf ich in Chi­ca­go einen als Jugend­li­chen von Nazis Ver­trie­be­nen, nun in den USA leben­den Autor. Ich stell­te mich vor, erzähl­te, dass ich nicht immer in Metro­po­len gelebt hat­te, son­dern auf dem Land auf­ge­wach­sen war, unter Bau­ern in Öster­reich. Small­talk. Wütend ent­geg­ne­te er, dass es mir nichts nüt­zen wür­de, mich als harm­lo­ses Zopf­mäd­chen im Dirndl­kleid vor­zu­stel­len. Er hät­te die­se Unschulds­ma­sche so satt. Dem wüten­den Über­le­ben­den in Chi­ca­go konn­te ich damals nichts erwi­dern. Ich tue es nun. Auch wenn ich Luft für ihn bin. Oder noch schlim­mer. Die jüdi­sche Lin­ze­rin lebt nicht mehr. Aber ihr Zeug­nis ist erhal­ten.

Aus unver­öf­fent­lich­ten Fuß­no­ten zum Roman „Die im Schat­ten, die im Licht“, weiss­books Ber­lin 2022

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Sabi­ne Scholl stu­dier­te Ger­ma­nis­tik, Geschich­te, Thea­ter­wis­sen­schaf­ten, leb­te und lehr­te in Por­tu­gal, den USA, Japan, Wien und Ber­lin. Ihre Essays erschei­nen auf Zeit­On­line und im Stan­dard. Sie ist Mit­glied in Jurys, schreibt Rezen­sio­nen, lehrt Lite­ra­ri­sches Schrei­ben. Zuletzt publi­zier­te sie den Essay­band Leben­di­ges Erin­nern – Wie Geschich­te in Lite­ra­tur ver­wan­delt wird 2021 im Son­der­zahl-Ver­lag, Wien, sowie den Roman Die im Schat­ten, die im Licht (2022, weiss­books-Ver­lag, Ber­lin).

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„Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, VOLLTEXT und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest sowie eine För­de­rung der Stadt Wien als Bei­trag zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se ermög­licht. Die ursprüng­lich für ein Jahr geplan­te Serie wird nun zur Hin­füh­rung auf den Öster­reich-Schwer­punkt der Leip­zi­ger Buch­mes­se bis März 2023 fort­ge­setzt.

Online seit: 8. Juli 2022

Zuletzt geän­dert: 15. Juli 2022