Rezension: „Schwarzpulver“ von Laura Lichtblau

Von Simo­ne Bon­garts Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

Lau­ra Licht­b­laus Roman­de­büt „Schwarz­pul­ver“ kata­pul­tiert uns in ein fins­te­res Ber­lin, in dem sich drei Figu­ren jeweils aus der Ich-Per­spek­ti­ve mit ihrem eige­nen Leben auf eine sehr spe­zi­el­le Art mit Ver­ant­wor­tung und Selbst­auf­ga­be her­um­zu­schla­gen haben. Anstel­le von Kapi­tel­über­schrif­ten sind es die drei Namen Bur­schi, Char­lot­te und Char­lie, die die knapp 200 Sei­ten in Abschnit­te unter­tei­len. Nach dem jewei­li­gen Namen geht der Fliess­text los, zunächst – einer Unter­über­schrift ähn­lich – unter­stri­chen, bis dann nach einem abrup­ten Zei­len­um­bruch der Unter­strich weg­fällt:

„BURSCHI / Mei, mei, mei, so ein Schmarrn, sage ich, und
der Char­lie schaut mich groß an und sagt, Was ist das? – Post vom Amt, sage ich ihm, vom Minis­te­ri­um für Volks­ge­sund­heit. Ja bist du dep­pert. Die wol­len mich bera­ten, in mei­ner Libi­do. (…)“

Bur­schi heisst eigent­lich Eli­sa, Char­lot­te nennt ihren Sohn Karl lie­ber Char­lie – wie eine Ver­nied­li­chung ihres eige­nen Namens. Auch durch den Nach­na­men knüpft die Autorin das sym­bio­ti­sche Band der bei­den, denn Karls Vater bleibt für ihn ein unbe­kann­ter, obwohl die­ser in Wien lebt. Venus – so der Nach­na­me von Karl und Char­lot­te – steht für Bei­des: sowohl für das mytho­lo­gi­sche Urbild der Lie­be, als auch für destruk­ti­ve Ener­gien. Es geht um Wider­sprüch­lich­kei­ten, die rasch auf­ein­an­der fol­gen, oder eben inner­halb eines Namens auf­plop­pen: Char­lot­te ist in der Namens­be­deu­tung mit Tüch­tig­keit und mit Frei­heit ver­bun­den. Auto­ri­tä­res Han­deln steht ein­ge­for­der­ter Unter­wer­fung gegen­über. Alles ist mit Allem ver­wo­ben – die gewähl­te Spra­che ist der Spie­gel der Gesell­schafts­ver­hält­nis­se: nur sel­ten wird wirk­lich gespro­chen, wenn, dann wird die Schrift kur­siv – in Form von inne­ren Mono­lo­gen, denn mit­ein­an­der Reden gehört nicht zum Kon­zept des hier ski­zier­ten dys­to­pi­schen Staa­tes. Genau das haben die Prot­ago­nis­ten ver­in­ner­licht, denn es scheint als nicht not­wen­dig erach­tet zu wer­den: „wir ver­stan­den uns in unse­rer Angst, und das genüg­te“ – heisst es ein­mal in einer der Pas­sa­gen aus Sicht von Char­lot­te – als sie zu einer Kon­fe­renz von ihrem „Arbeit­ge­ber“ nach Wien geschickt wird. Ihre Auf­ga­be ist es, das Ber­li­ner Sicher­heits­kon­zept der Bür­ger­wehr auch für Öster­reich anzu­prei­sen.

Alles was pas­siert ist auf eine Wei­se bedeu­tungs­schwer, wird aber zugleich in Fra­ge gestellt – nicht nur auf der inhalt­li­chen Ebe­ne. Lau­ra Licht­blau, die bereits neben einem Kin­der­buch Lyrik und kür­ze­re Pro­sa her­aus­ge­ge­ben hat, scheint eine ganz eige­ne Sprach­bil­der­welt für die­sen Roman kre­iert zu haben. Emo­tio­nen, die in dem restrik­ti­ven Außen nicht exis­tie­ren dür­fen, spie­geln sich wie Pole und Anti-Pole in dem jewei­li­gen Geflecht von Bezie­hun­gen und auch ganz oft in Pflan­zen-Meta­phern: ein „orga­ni­scher Wider­stands­dün­ger“ fällt Bur­schi bei­spiels­wei­se ins Auge, als sie eine Kas­sie­re­rin mit Arm­rei­fen in den Far­ben schwarz rot und gelb sieht. Der Begriff der Dys­to­pie ist nicht nur in der Lite­ra­tur ein alt­be­kann­ter, son­dern auch im Bereich der Medi­zin geläu­fig: Orga­ne, die sich nicht an der ana­to­misch rich­ti­gen Posi­ti­on befin­den, also eine zunächst unüb­li­che Lage von Gewe­ben oder Orga­nen. „Zunächst“ des­halb, weil es auch sein kann, dass es sich in die kor­rek­te Posi­ti­on noch ein­fin­det, und man den fal­schen Ort dann als „Zustand der Unrei­fe“ beschreibt. Genau das scheint auch in Lau­ra Licht­b­laus Roman­de­büt die Fra­ge: wann und wodurch sind die Per­so­nen so sehr in Ent­wick­lungs­schrit­ten ste­cken geblie­ben, dass eine Rei­fung in das Erwach­se­nen­le­ben nicht voll­stän­dig erfol­gen konn­te.

Zeit­lich ist das gesam­te Set­ting in die Wochen um den Jah­res­wech­sel ange­legt. Schwarz­pul­ver, ein explo­si­ves Gemisch, das über der gan­zen Umbruchs­pha­se zu schwe­ben scheint. Frü­her gab es den Aber­glau­ben, dass die­ses spe­zi­el­le Pul­ver einem zu Mut ver­hel­fen soll­te. Ob genau das hier anklingt, wenn es geruch­lich von einer Figur gegen Ende des Buchs, nach Syl­ves­ter – ins Neue Jahr wei­ter­ge­tra­gen wird? Es ist Johan­na, die Gelieb­te von Bur­schi, die durch ihren Namen an die Sym­bol­fi­gur des Wider­stands erin­nern mag.

Die­se per­ma­nen­te Span­nung zwi­schen über­eif­ri­ger Anpas­sung an das was dem eige­nen Selbst so gar nicht zu ent­spre­chen scheint, und der spür­ba­ren Anstren­gung der­sel­ben Figur, sich inner­halb ihres Rah­mens zu behaup­ten, lässt einen den­noch alles Ande­re als hoff­nungs­froh zurück. Daher der Wunsch, dass der nächs­te Roman von Lau­ra Licht­blau, mit ihrem wage­mu­ti­gen Stil und der Kunst Din­ge und Per­so­nen zusam­men­zu­füh­ren, die einem so völ­lig fern schie­nen, einem dann viel­leicht in einer phan­tas­tisch erschaf­fe­nen Uto­pie begeg­net.

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Online seit: 31. Okto­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 1. Mai 2023