Lücken

Von Rena­te Sil­ber­er. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XXIX
Renate Silberer © detailsinn

Rena­te Sil­ber­er. Foto: © detail­sinn

In der Kin­der­se­rie Pan Tau1 gibt es eine Fol­ge, in der Men­schen ihre Mün­der ver­lie­ren. Sie fal­len ein­fach aus den Gesich­tern, doch bevor sie auf dem Boden auf­schla­gen, öff­nen sich die Lip­pen, und die Mün­der flie­gen davon wie Schmet­ter­lin­ge.

Schon den­ke ich an Kind­heit und Wie­se, Löwen­zahn, die Far­be Gelb, an das Unge­wis­se in die­ser Sze­ne, das Bedroh­li­che, an die ver­reg­ne­ten Nach­mit­ta­ge und an Pala­tschin­ken essen. Die hell­blaue Email­le-Brat­pfan­ne mei­ner Groß­mutter aus den 1960er Jah­ren, ihr Leben lang hat sie nur die­se eine Pfan­ne ver­wen­det, deren Innen­sei­te sich mit jeder Mahl­zeit mehr und mehr zer­kratz­te. Die Pala­tschin­ken sind immer ein klein wenig ange­brannt, aber nir­gend­wo habe ich jemals bes­se­re geges­sen. Zum Rei­ni­gen hat sie Was­ser mit Ata auf­ge­kocht, eine Zeit­lang dahin­kö­cheln las­sen und der Geruch nach Fett­res­ten und Rei­ni­gungs­mit­tel hat sich in ihrer Küche ver­brei­tet: Ich woll­te nie, dass sie lüf­tet.

Heu­te glau­be ich nicht mehr, dass die Mün­der in der Serie tat­säch­lich zu Schmet­ter­lin­gen wur­den, aber damals ist es mir so erschie­nen, und die Idee, dass sowohl das Nicht­ge­sag­te, als auch das bereits Gesag­te ein­fach davon­flie­gen könn­ten und dadurch an Bedeu­tung ver­lie­ren oder gewin­nen, viel­leicht spä­ter zurück­keh­ren, sich ver­wan­deln, meh­re­re Mög­lich­kei­ten in sich ver­ei­nen könn­ten, nicht nur das Eine oder das Ande­re sein, die­se Idee hat begon­nen, sich in mir aus­zu­brei­ten.

Pan Tau war der Freund der Kin­der, er konn­te zau­bern, sobald er sei­nen Melo­nen­hut dreh­te, ver­än­der­te er sei­ne Grö­ße, pass­te etwa in die Jacken­ta­sche eines Kin­des, das ihn gera­de brauch­te, und blieb bei ihm als Hel­fer mit freund­li­chem Blick. Spre­chen konn­te er nicht, als Pan­to­mi­me hat­te er ande­re Mög­lich­kei­ten, sich mit den Kin­dern zu ver­stän­di­gen.

Oma hat mich an der Hand genom­men, wenn wir zum Bäcker gegan­gen sind, hat sie für sich ein klei­nes Haus­brot gekauft, für mich eine Maril­len­go­lat­sche, die ich meis­tens schon in der Bäcke­rei auf­ge­ges­sen habe, es waren die frü­hen 1980er Jah­re. Die Kirch­turm­glo­cken haben zu jeder Vier­tel­stun­de geläu­tet, die Nach­barn sind am frü­hen Abend auf den Holz­bän­ken vor ihren Häu­sern geses­sen, die Män­ner haben Bier getrun­ken und sich über die Gar­ten­zäu­ne hin­weg unter­hal­ten. Ihre Frau­en haben dane­ben sit­zend gestrickt und wenig gespro­chen. Oma ist eben­so auf der Holz­bank vor dem Haus geses­sen. Sie hat auch Bier getrun­ken und sich in die Män­ner­ge­sprä­che ein­ge­mischt. Als Wit­we war sie in den Struk­tu­ren des Dor­fes den Män­nern gleich­be­rech­tigt. Es wur­de gelacht. Ein­mal hat sie eine Ziga­ret­te geraucht. Ich habe mei­ne Fin­ger oft in ihren Hän­den gewärmt und manch­mal habe ich gedacht, viel­leicht ist sie ja in Wirk­lich­keit ein Bär.

In ihrer Küche habe ich Pan Tau geschaut und war irri­tiert von den feh­len­den Mün­dern, den Lücken in den Gesich­tern, unheim­lich haben die Men­schen aus­ge­se­hen, ich erin­ne­re mich noch an mei­ne Auf­re­gung, als ich Oma her­bei­ge­ru­fen habe, sie zu mir gekom­men ist, ich mich an ihrer Schür­ze fest­ge­hal­ten habe, sie nicht wei­ter reagiert hat. Schau, die Mün­der flie­gen, habe ich geru­fen und ich weiß nicht mehr, ob es lachen­de Mün­der waren, schma­le, brei­te oder rot bemal­te, viel­leicht waren sie in Auf­ruhr wie ein her­um­schwir­ren­der Bie­nen­schwarm. Wer­den sie zu den Men­schen zurück­keh­ren, habe ich Oma gefragt, wie­der hat sie nichts gesagt. Und ich habe sie ange­se­hen und mir vor­ge­stellt, wie es wäre, wenn auch sie kei­nen Mund hät­te und ich auch nicht und wir alle nicht und ob wir dann wie Gespens­ter wären, unvoll­stän­dig, als könn­te mit dem Fort­flie­gen des Mun­des auch etwas Leben­di­ges aus uns ver­schwin­den.

Das Leben im Dorf war nach kla­ren Vor­ga­ben geord­net, jedes Mit­glied hat­te sei­nen Platz in der Gemein­schaft, der unver­rück­bar schien. Woll­te jemand die ihm zuge­wie­se­ne Posi­ti­on ver­än­dern, war mit Wider­stand zu rech­nen. Die Geburt bestimm­te den Bil­dungs­weg, für Frei­zeit­un­ter­hal­tung war gesorgt: Bäue­rin­nen waren in der Gold­hau­ben­grup­pe, Kin­der waren erst in der katho­li­schen Jung­schar, spä­ter in der Land­ju­gend, Bur­schen hat­ten die Mög­lich­keit der frei­wil­li­gen Feu­er­wehr bei­zu­tre­ten oder dem Fuß­ball­ver­ein. Der Sport­ver­ein war offen für alle. Mäd­chen war es erlaubt zu minis­trie­ren, aber nicht Fuß­ball zu spie­len. Unter­neh­me­risch Täti­ge grün­de­ten einen Ten­nis­club, dem Gewer­be­trei­ben­de und Ange­stell­te bei­tre­ten durf­ten, deren Frau­en und deren Kin­der. Den ande­ren blieb der Zugang zum Ten­nis ver­wehrt und das, zumin­dest nach außen hin, unwi­der­spro­chen. Die­se grund­le­gen­de Bereit­schaft, sich in ein bestehen­des Gefü­ge ein­zu­ord­nen, wur­de als gesun­der Men­schen­ver­stand bezeich­net. Pan Tau, der zwar sprach­lo­se, aber ver­stän­di­gungs­be­rei­te Held einer wie aus der Zeit gefal­le­nen Mär­chen­er­zäh­lung, schien sich nicht von die­sem gesun­den Men­schen­ver­stand ver­ein­nah­men zu las­sen. Er folg­te sei­ner Neu­gier und das woll­te ich auch.

Die Fas­zi­na­ti­on der ver­wan­del­ten Mün­der, die Ver­knüp­fun­gen, die sie in mir wach­ge­ru­fen hat­ten, plötz­lich konn­te ich mir vor­zu­stel­len, dass all die Zitro­nen­fal­ter, Tag­pfau­en­au­gen und Gro­ßen Och­sen­au­gen, die ich schon allein ihrer Namen wegen bewun­der­te, im Gar­ten so gern beob­ach­te­te und mit denen ich, sobald einer von ihnen zu sehen war, ein Stück die Wie­se ent­lang lief, immer hin­ter­her, als wür­den wir Fan­gen spie­len, dass die­se Schmet­ter­lin­ge viel­leicht ein­mal Mün­der gewe­sen waren oder es eines Zau­bers wegen gar noch immer waren und sie jeder­zeit zu spre­chen begin­nen konn­ten, wenn, hier wuss­te ich nicht wei­ter, aber den Ein­fall woll­te ich kei­nes­falls auf­ge­ben, und ich begann dar­über nach­zu­den­ken, wor­über Schmet­ter­lin­ge als Mün­der spre­chen könn­ten und was mein Mund als Schmet­ter­ling sagen wür­de.

Viel­leicht habe ich damals ange­fan­gen, das Schwei­gen zu bemer­ken. All die nicht gesag­ten Wor­te, die wie Lücken zwi­schen den Men­schen zu klaf­fen schie­nen, auch zwi­schen Oma und mir. Sie hat­te die wär­men­de Hand eines Bären, aber da war auch ihr Für-sich-Behal­te­nes, das Ver­schlos­se­ne, die Wor­te, die sie nicht her­vor­brach­te, die den­noch in ihr waren und die, wie ich spä­ter hoff­te, dar­auf war­te­ten, end­lich gesagt wer­den zu kön­nen. Für sie hät­te es einen Mund gebraucht oder gar einen Schmet­ter­ling, der bereit gewe­sen wäre, sich auf­zu­fä­chern, um die­ses Wag­nis ein­zu­ge­hen.

Pan Tau hat sei­ne Spra­che gefun­den. Die her­um­schwir­ren­den Mün­der sind zu ihm geflo­gen, er hat ihre Ein­drü­cke auf­ge­nom­men und begon­nen aus­zu­spre­chen. Sei­nen Melo­nen­hut und damit sei­ne Zau­ber­kraft hat er dafür auf­ge­ge­ben, aber das stör­te ihn nicht. Er woll­te lie­ber das Spre­chen behal­ten. Mit einem Mund in Bewe­gung, bereit zur Begeg­nung.

* * *

1 Pan Tau ist Haupt­prot­ago­nist der gleich­na­mi­gen Kin­der­se­rie, die von 1966 bis 1978 als deutsch-tsche­cho­slo­wa­ki­sche Kopro­duk­ti­on des WDR, der Pra­ger Fil­mu­stu­di­os Bar­ran­dov und des tsche­cho­slo­wa­ki­schen Fern­se­hens ent­stand. Im Dezem­ber 1970 wur­de sie das ers­te Mal im deut­schen Fern­se­hen aus­ge­strahlt.

* * *

Rena­te Sil­ber­er, geb. 1975, lebt in Linz. 2017 erschien der Erzähl­band Das Wet­ter hat vie­le Haa­re bei Kre­mayr und Sche­ri­au. Für Ihre Gedich­te und Pro­sa­ar­bei­ten wur­de sie mit diver­sen Sti­pen­di­en aus­ge­zeich­net. 2010 war sie für den Lyrik­preis Mün­chen nomi­niert. 2013 erhielt sie den Rau­ri­ser För­de­rungs­preis. Die Arbeit an ihrem Debü­to­man Hotel Weit­blick, der im März 2021 bei Kre­mayr und Sche­ri­au erschien, wur­de mit einem Jubi­lä­ums­fonds­sti­pen­di­um der Lite­rar-Mecha­na und einem Pro­jekt­sti­pen­di­um des Bun­des­kanz­ler­am­tes geför­dert.

* * *

„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 3. Sep­tem­ber 2021

Zuletzt geän­dert: 5. Sep. 2021