„Als Betrieb war die Kunst so gut wie immer feudal“

Ste­fan Gmün­der im Gespräch mit dem Schrift­stel­ler und Foto­gra­fen Peter Tru­sch­ner.
Peter Truschner: Self Portrait

Peter Tru­sch­ner: Self Por­trait

Laut der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung han­delt es sich bei Peter Tru­sch­ner um einen Ver­tre­ter „jener aus­ster­ben­den Künst­ler­spe­zi­es, die stets aufs Gan­ze gehen muss“. Und in der Tat ist die­ser 1967 in Kärn­ten gebo­re­nen Autor, Foto­graf, Essay­ist und Dra­ma­ti­ker, der seit 1999 in Ber­lin lebt und sich in unter­schied­li­chen Spar­ten und theo­re­ti­schen Kunst­dis­kur­sen bewegt, nicht leicht zu fas­sen. Bekannt wur­de Tru­sch­ner mit sei­nen bei Zsol­nay erschie­ne­nen Roma­nen Schlan­gen­kind, Die Träu­mer und Das fünf­und­drei­ßigs­te Jahr, par­al­lel dazu ver­fass­te er Libret­ti und Thea­ter­stü­cke. Er war Regie­as­sis­tent bei Mar­tin Kusej und hat­te eine Dozen­tur an der Uni­ver­si­tät der Küns­te in Ber­lin inne. Vor eini­gen Jah­ren wand­te sich Tru­sch­ner vor allem der Foto­gra­fie zu, etwa mit dem Text- und Foto­band Bang­kok Strugg­le für den er eini­ge Mona­te in den Hin­ter­hö­fen des „Arbeits­la­gers Asi­en“ leb­te und dort den Über­le­bens­kampf in den Vier­teln der Händ­le­rin­nen, Hand­wer­ker und Arbei­ter doku­men­tier­te. Es folg­te das Foto­pro­jekt She stood the­re a Loa­ded Gun, in dem er mit dem Model Anna Pet­zer ver­schie­de­ne Facet­ten einer kom­ple­xen weib­li­chen Per­so­na aus­lo­te­te und den Foto­gra­fien Gedich­te von Emi­ly Dick­in­son bei­stell­te. Ver­gan­ge­nes Jahr erschien Tru­sch­ners Essay­band Die Mas­ke abge­nom­men. Künst­ler und Modell im 21. Jahr­hun­dert bei Vitto­rio Klos­ter­mann. Im Moment schließt Tru­sch­ner gera­de ein neu­es Foto­buch und einen Roman ab.

STEFAN GMÜNDER: Sie sit­zen gera­de über den fina­len Kor­rek­tu­ren ihres nächs­ten Romans. Soviel ich weiß, haben Sie schon 2014 damit begon­nen?

PETER TRUSCHNER: Stimmt, ich war län­ge­re Zeit schwe­rer erkrankt, der Text kam mir dar­über regel­recht abhan­den. Außer­dem gibt es beim Schrei­ben bei mir eine heik­le Pha­se: Ich habe mich an ein mög­li­ches Ende her­an­ge­tas­tet, und wenn ich das letz­te noch feh­len­de Teil fin­de, ist der Text fer­tig. Bei mir brei­tet sich ab die­sem Zeit­punkt ein gewis­ses Des­in­ter­es­se am Text aus. Ich habe fest­ge­stellt, dass mich die Ener­gie, die im Auf­bre­chen und bei der dar­auf­fol­gen­den Arbeit ins Offe­ne frei wird, per se immer mehr ange­zo­gen hat als das Ankom­men. Die­se Ein­stel­lung lässt sich auf mei­ne gesam­te künst­le­ri­sche Arbeit über­tra­gen. Im Schrei­ben habe ich mich nach der Pro­sa dem Thea­ter, der Oper und dem Essay zuge­wandt. Dazu kam par­al­lel die Foto­gra­fie, zuerst auf der Stra­ße, danach im Stu­dio.

GMÜNDER: Ihr lite­ra­ri­sches Debüt heißt Schlan­gen­kind. In der Tat wird man den Ein­druck nicht los, dass Häu­tung ein wich­ti­ges Wort für Sie und Ihr Werk ist.

TRUSCHNER: Man kann schon sagen, dass das pro­gram­ma­tisch für die Art ist, wie ich an mei­ne Arbeit her­an­ge­he. Immer wie­der eine neue Haut aus­zu­prä­gen, mich in ande­ren Kon­tex­ten und For­ma­ten noch mal neu ken­nen­zu­ler­nen. Die Kunst ist für mich dabei weni­ger ein zu erler­nen­des Hand­werk, auch wenn das Ler­nen so, wie ich vor­ge­he, nie auf­hört. Sie ist viel­mehr eins mit mei­ner Lebens­füh­rung. „Ext­i­mi­tät“ nennt Lacan die­ses inein­an­der Über­ge­hen von Exter­nem und Inti­mem.

Kon­ven­tio­nell insze­nier­te Schön­heit kann unglaub­lich öde sein. Etwa beim einst sehr erfolg­rei­chen „Pirel­li-Kalen­der“, wo bedeu­tungs­schwan­ger drein­bli­cken­de Frau­en in einer Vul­kan­land­schaft nackt in Pumps her­um­ste­hen, und kei­ner weiß, war­um.

GMÜNDER: Hat Ihnen die Viel­sei­tig­keit im Kunst­be­trieb eher genützt oder gescha­det?

TRUSCHNER: Viel­sei­tig­keit ist nicht erwünscht. Der Kunst­be­trieb ist so spe­zia­li­siert wie ande­re Berufs­zwei­ge auch. Ver­la­ge, Thea­ter und Gale­rien wol­len zuver­läs­sig belie­fert wer­den. Man soll zu einer Mar­ke mit Wie­der­erken­nungs­wert wer­den. Bes­ten­falls, dass es zu Syn­er­gie­ef­fek­ten kom­men kann wie bei Sibyl­le Berg, die Pro­sa und Stü­cke schreibt. Da bleibt es aber wenigs­tens beim Text. Wenn man jedoch zwi­schen den Küns­ten wech­selt, hat man nur Schwie­rig­kei­ten. Ich habe kaum Leu­te im Betrieb gefun­den, die das berei­chernd fin­den. Natür­lich auch, weil Spe­zia­lis­ten viel über den eige­nen Bereich, aber nur wenig über ande­re wis­sen. Das ver­un­si­chert dann.

GMÜNDER: Dazu muss man aber auch sagen, dass Sie kein Kind von Trau­rig­keit sind, in Ihren Arti­keln und Tex­ten bezie­hen Sie streit­bar Stel­lung und bie­ten Anlass zu Dis­kus­sio­nen.

TRUSCHNER: Ich habe eine gewis­se Freu­de an Schar­müt­zeln und Spek­ta­keln, die ich durch Din­ge, die ich mache oder schrei­be, immer wie­der her­vor­zu­ru­fen in der Lage bin. Eine Sei­te von mir ist extro­ver­tiert genug, um dar­an Ver­gnü­gen zu fin­den. Aber über mei­ne eigent­li­che künst­le­ri­sche Arbeit tau­sche ich mich nur mit weni­gen aus. Ich habe schon immer dar­auf geach­tet, dass nicht alle alles von mir mit­be­kom­men, dass ich einen gro­ßen Spiel­raum habe, mich frei zu bewe­gen, nicht fest­ge­legt zu wer­den.

Peter Truschner: She stood there a Loaded Gun

Peter Tru­sch­ner: Aus der Serie „She stood the­re a Loa­ded Gun“

GMÜNDER: Das hört sich jetzt aber arg harm­los an, immer­hin üben Sie in ihrer Kolum­ne „Foto­lot“ auf Per­len­tau­cher regel­mä­ßig schar­fe Kri­tik an Betriebs­grö­ßen und eta­blier­ten Insti­tu­tio­nen.

TRUSCHNER: In den ver­gan­ge­nen drei Jah­ren habe ich das „Foto­lot“ zur meist gele­se­nen deutsch­spra­chi­gen Online-Kolum­ne über Gegen­warts­fo­to­gra­fie gemacht – auch, weil ich prä­zis benen­ne, was ande­re in ihrem Umfeld nur schwer aus­spre­chen kön­nen. Die aus­ge­präg­te Ver­seil­schaf­tung des Kul­tur­be­triebs und der Rekurs auf Zeit­geist­nar­ra­ti­ve machen es vie­len schwer, ohne Rück­sicht­nah­me auf herr­schen­de Emp­find­lich­kei­ten und die eige­ne Kar­rie­re zu sagen, was sie wirk­lich den­ken, und nur das zu machen, was sie für ange­bracht hal­ten. Man kann sagen: Die auto­no­me, freie Kunst erlebt gera­de eine Kri­se. Eben­so wie das Indi­vi­du­um in Zei­ten aktu­el­ler Iden­ti­täts­po­li­ti­ken, die zwin­gend über Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit funk­tio­nie­ren. Künst­le­ri­sches Han­deln ist heu­te für den Nach­wuchs mit so vie­len Auf­la­gen ver­bun­den, es gilt so vie­le „Must Have’s“ und „No Go’s“ zu beach­ten, aus­sa­ge­kräf­ti­ge Refe­ren­zen zu sam­meln und sich dabei auch noch selbst zu ver­mark­ten, dass es sehr schwer ist, nach­hal­tig zu sich selbst zu fin­den. Aber nur dann fin­det man auch zur Kunst, und zwar in einer Wei­se, die unab­hän­gig macht von öko­no­mi­schem Erfolg, der Mei­nung der ande­ren und der Angst, zu schei­tern.

GMÜNDER: Neben dem Roman haben Sie par­al­lel an Ihrem neu­en Foto­buch She stood the­re a loa­ded Gun und am Essay Die Mas­ke abge­nom­men. Künst­ler und Modell im 21. Jahr­hun­dert gear­bei­tet. Der Essay, in dem Sie eben­so auf eige­ne Erfah­run­gen zurück­grei­fen wie auf theo­re­ti­sche Schrif­ten, ist letz­tes Jahr erschie­nen. Kann man sagen, dass es dar­in – auch – um den frag­wür­dig gewor­de­nen männ­li­chen Blick auf den nack­ten weib­li­chen Kör­per geht?

TRUSCHNER: Sie­ben­und­vier­zig Jah­re ist Lau­ra Mul­veys ein­fluss­rei­cher Essay zum „Male Gaze“ inzwi­schen schon wie­der alt. Es ist wich­tig, über die his­to­ri­schen Impli­ka­tio­nen die­ses Blicks Bescheid zu wis­sen, wenn man als Künst­ler mit Frau­en arbei­tet, die sich vor der Kame­ra aus­zie­hen. Wes­halb mein Buch auch his­to­ri­sche Abris­se zur Geschlech­ter­po­li­tik beinhal­tet – man kann im Jahr 2022 davor nicht die Augen ver­schlie­ßen. Der gesell­schaft­li­che Kampf­platz weib­li­cher Kör­per, weib­li­che Schön­heit und Sexua­li­tät bleibt im Hin­ter­grund prä­sent, auch wenn sich das dann im Lau­fe der Zusam­men­ar­beit ver­liert, da die Indi­vi­dua­li­tät des Gegen­übers stär­ker zum Aus­druck kommt.

GMÜNDER: Das heißt?

TRUSCHNER: Wenn ein Gegen­über in der Situa­ti­on ankommt, von sich aus zu expe­ri­men­tie­ren beginnt, Risi­ken ein­geht und Din­ge zum Vor­schein kom­men, die für das Gegen­über selbst über­ra­schend sind, beginnt der künst­le­risch inter­es­san­te Bereich – erst recht, wenn man, wie ich, der Arbeit gegen­über dem Ergeb­nis den Vor­zug gibt. Es ist immer das Beson­de­re, sprich­wört­lich Eigen­tüm­li­che, das inter­es­sant ist. Alles ande­re ist oft nur begab­te Knip­se­rei. Schon die Frau­en­fi­gu­ren mei­ner Roma­ne sind kom­plex und ambi­va­lent. Ich habe ein star­kes Inter­es­se am Sich-Zei­gen eines facet­ten­rei­chen Sub­jekts, erst recht durch die Nackt­heit hin­durch, was defi­ni­tiv nicht ein­fach ist.

GMÜNDER: Die Kon­stel­la­ti­on Künst­le­rin und männ­li­ches Modell schein eher sel­ten, oder täuscht das?

TRUSCHNER: Ich habe die Erfah­rung gemacht, dass vie­le Frau­en vom weib­li­chen Kör­per eben­so beses­sen sind wie Män­ner, wes­halb Frau­en, die sich selbst oder ande­re Frau­en foto­gra­fie­ren, deut­lich in der Über­zahl sind. Frau­en sind his­to­risch so sehr auf ihren Kör­per fest­ge­legt wor­den, dass der weib­li­che Kör­per und die weib­li­che Sexua­li­tät allein vom dis­kur­si­ven Stand­punkt her viel mehr Anschluss­mög­lich­kei­ten bie­ten als der hete­ro­se­xu­el­le männ­li­che Kör­per. Der muss­te bei der Arbeit und im Krieg funk­tio­nie­ren und einen Erben lie­fern, mehr war im Grun­de nicht.

Peter Truschner: The Gorgon

Peter Tru­sch­ner: Aus der Serie „The Gor­gon“

GMÜNDER: Sie beschrei­ben in Ihrem Essay eine eigen­tüm­li­che Dia­lek­tik zwi­schen Ober­flä­che und Tie­fe, unter dem, was man zu sehen glaubt, befin­det sich jede Men­ge Unsicht­ba­res.

TRUSCHNER: Die Ober­flä­che ist das Sicht­ba­re, auf das es mal mehr, mal weni­ger nahe lie­gen­de, wenn nicht kal­ku­lier­ba­re Reak­tio­nen gibt. Das führt oft zu einem ein­di­men­sio­na­len Ergeb­nis. Men­schen wol­len gut aus­se­hen, stark und sou­ve­rän wir­ken, das ist das grund­le­gen­de Bedürf­nis. Die pro­fes­sio­nel­le Foto­gra­fie ist davon abhän­gig, dass die Leu­te mit dem Ergeb­nis zufrie­den sind. Das hat aber mit Kunst nichts zu tun. Kon­ven­tio­nell insze­nier­te Schön­heit kann unglaub­lich öde sein. Etwa beim einst sehr erfolg­rei­chen „Pirel­li-Kalen­der“, wo bedeu­tungs­schwan­ger drein­bli­cken­de Frau­en in einer Vul­kan­land­schaft nackt in Pumps her­um­ste­hen, und kei­ner weiß, war­um. Es müs­sen sich in der Arbeit Bruch­si­tua­tio­nen erge­ben, wo auf den Men­schen, dem die­ser nack­te Kör­per ange­hört, Rück­schlüs­se mög­lich schei­nen: auf sei­ne Gefüh­le, sei­ne inne­ren Kon­flik­te, sei­ne Ver­gan­gen­heit. Güns­tigs­ten Falls erzählt das Gegen­über von allein über sich, dann beginnt die wirk­lich span­nen­de, aber auch gefähr­li­che Zeit eines Pro­jekts. Manch­mal kann das Gegen­über hin­ter­her das Gefühl haben, es habe zu viel von sich preis­ge­ge­ben.

GMÜNDER: Das also mei­nen Sie mit der abge­nom­me­nen Mas­ke?

TRUSCHNER: Ril­ke hat gesagt, Rodin habe dem nack­ten Kör­per die Mas­ke des Gesichts abge­nom­men, weil sich im Gesicht die Per­sön­lich­keit zeigt. Wobei es nicht nur ein phy­si­sches, son­dern auch ein gesell­schaft­li­ches Gesicht gibt, ein öffent­li­ches und ein pri­va­tes, das man zu wah­ren ver­sucht. Ein Gesicht gibt oft einen ers­ten Hin­weis dar­auf, ob etwas nicht stimmt, ob man sich unwohl fühlt oder erregt ist. Wenn man das bei­sei­te schiebt und auf den nack­ten Kör­per fokus­siert, wo gefühlt die Pro­por­tio­nen oft nicht ide­al­ty­pisch stim­men – der eine fühlt sich zu klein, die ande­re zu groß, der eine zu dick, die ande­re zu dünn –, dann ist das Gegen­über auf sei­nen Kör­per fest­ge­na­gelt. Das ist auch der Grund, war­um auf Platt­for­men wie Insta­gram so ein Wahn herrscht, was die Dar­stel­lung von Gesich­tern und Kör­pern betrifft. In die­sen Medi­en im fal­schen Moment abge­lich­tet zu wer­den, mit unvor­teil­haf­tem Aus­druck, erst recht nackt, ist ein abso­lu­tes No-Go. „Body Posi­ti­vi­ty“ ist in die­sem Zusam­men­hang eine begrü­ßens­wer­te Bewe­gung, aber künst­le­risch lei­der irrele­vant, da Zweck und Inhalt dabei eben­so deter­mi­niert sind wie beim „Pirelli“-Kalender. Ist ein State­ment von Beginn an das Ziel, beraubt man sich wich­ti­ger Momen­te künst­le­ri­schen Han­delns wie Wider­sprüch­lich­keit und Viel­deu­tig­keit

GMÜNDER: Könn­te man sagen, dass die heu­ti­ge Zeit trotz aller Expli­zi­tät auf eine ande­re Wei­se prü­de ist?

TRUSCHNER: So wie die Prü­de­rie und die Scham­gren­zen frü­her vor allem reli­giö­se Wur­zeln hat­ten, haben sie heu­te etwas mit dem kapi­ta­lis­ti­schen Zwang zur Selbst­op­ti­mie­rung zu tun, den nicht weni­ge ver­in­ner­licht haben. Nur das Bild zu zei­gen, das von Vor­teil erscheint, nur nicht auf ableh­nen­de Kom­men­ta­re sto­ßen. Glatt, unver­däch­tig, erfolg­reich. Wenn auf der ande­ren Sei­te eine Influen­ce­rin ihren Super-Hin­tern in End­los-Schlei­fe zeigt, geht das in Ord­nung, denn die har­te Arbeit, die dar­in steckt, und das Geld, das sie dann damit ver­dient, fol­gen der Logik kapi­ta­lis­ti­scher Wert­stei­ge­rung.

GMÜNDER: Ein Back­lash also?

TRUSCHNER: Eher ein Fort­schritt in punc­to Über­wa­chungs­ge­sell­schaft. Man ist erfolg­reich, wie Byung Chul Han in Anleh­nung an Hegel sagt, wenn man das Arbeits­la­ger in sich trägt, wenn man zugleich sein eige­ner Gefan­ge­ner und Wär­ter ist. Vie­le sind, wenn sie sich im öffent­li­chen Raum bewe­gen, gefühlt immer online. Das heißt, sie sind in einer Art und Wei­se poten­zi­ell sicht­bar, dass eine Kame­ra oder ein Smart­phone Bil­der von ihnen machen und sie danach im Inter­net ver­tei­len könn­te, auf die sie jeden Moment gefasst sein müs­sen. Was unter­schwel­lig einen Druck erzeugt und zugleich eine Selbst­ver­ständ­lich­keit mit sich bringt, über­wacht zu wer­den, weil man die Über­wa­chung schon ver­in­ner­licht hat. Die Ver­wirk­li­chung des Bent­ham­schen Gefäng­nis­ses nicht nur im Raum, son­dern auch in der Zeit.

Die rui­nier­ten afri­ka­ni­schen Vieh­züch­ter inter­es­sie­ren nie­mand, weder in der EU-Kom­mis­si­on noch im Post­ko­lo­nia­lis­mus-Semi­nar in Cam­bridge. Mit Achil­le Mbem­be am Tri­ni­ty Col­lege über Die Ver­damm­ten die­ser Erde zu par­lie­ren, ist da ungleich attrak­ti­ver.

GMÜNDER: Wenn man der Theo­rie glaubt, soll­te sich die Kunst kri­tisch mit den jewei­li­gen Herr­schafts­ver­hält­nis­sen aus­ein­an­der­set­zen?

TRUSCHNER: Zur aktu­el­len Neo­feu­da­li­sie­rung der Kunst gehört zwin­gend ihre Fei­gen­blatt­funk­ti­on fürs herr­schen­de Sys­tem. Wenn ein For­mat wie das Stadt­thea­ter, das in unse­ren Brei­ten­gra­den poli­tisch völ­lig irrele­vant ist, pro­kla­miert, wir arbei­ten unse­ren Sexis­mus und Ras­sis­mus auf, dann wäre das in Zei­ten, als das Estab­lish­ment noch reak­tio­när war und blei­er­ne Ver­hält­nis­se herrsch­ten, ein Auf­re­ger gewe­sen. Heu­te dient so ein Pseu­do-Akti­vis­mus einer glo­ba­li­sier­ten Öko­no­mie und einer Poli­tik, die ihr den Steig­bü­gel hält, als Fei­gen­blatt. Von der Kluft zwi­schen dem Gehalt eines Inten­dan­ten und einer jun­gen Schau­spie­le­rin ganz zu schwei­gen – sie ist poli­tisch beför­dert und steht sym­bo­lisch für die grö­ßer wer­den­de Kluft zwi­schen Reich und Arm. Wäh­rend vor­der­grün­dig Soli­da­ri­tät mit #black­li­ve­s­mat­ter zele­briert wird, gibt es eine EU-Land­wirt­schafts­po­li­tik, die die hie­si­gen Milch­bau­ern an den Rand der Ver­zweif­lung bringt, weil sie Über­schüs­se pro­du­zie­ren müs­sen, von denen sie kaum leben kön­nen, damit Fir­men wie Nest­lé und Dano­ne die­se Über­schüs­se zu preis­lich unschlag­ba­rem Milch­pul­ver ver­ar­bei­ten und expor­tie­ren kön­nen, was dann in Län­dern Afri­kas die Milch­wirt­schaft samt Vieh­züch­tern rui­niert. Die­se Black Lives inter­es­sie­ren selbst­ver­ständ­lich nie­mand, weder in der EU-Kom­mis­si­on noch im Post­ko­lo­nia­lis­mus-Semi­nar in Cam­bridge. Mit Achil­le Mbem­be an einem son­ni­gen Tag im schö­nen Innen­hof des Tri­ni­ty Col­lege über Die Ver­damm­ten die­ser Erde zu par­lie­ren, ist da ungleich attrak­ti­ver.

Sie könn­ten die Direk­tio­nen der Wie­ner Staats­oper, der Ber­li­ner Schau­büh­ne, des Stä­del­mu­se­ums Frank­furt, des Deut­schen Lite­ra­tur­in­sti­tuts Leip­zig und so wei­ter mit einem Schlag ent­las­sen – der Scha­den für die Kunst läge ziem­lich genau bei null.

GMÜNDER:  Sie mei­nen also, die Gegen­warts­kunst sei bigott?

TRUSCHNER: Die Kunst nicht, aber der Kul­tur­be­trieb. Die Kunst ist nie iden­tisch mit ihrem Betrieb und des­sen Per­so­nal gewe­sen. Das Publi­kum und der künst­le­ri­sche Nach­wuchs sol­len das nur glau­ben. Sie könn­ten die Direk­tio­nen der Wie­ner Staats­oper, der Ber­li­ner Schau­büh­ne, des Stä­del­mu­se­ums Frank­furt, des Deut­schen Lite­ra­tur­in­sti­tuts Leip­zig und so wei­ter mit einem Schlag ent­las­sen und die Läden bis auf wei­te­res schlie­ßen – der Scha­den für die Kunst läge ziem­lich genau bei null. Als Betrieb war die Kunst so gut wie immer feu­dal. Wäh­rend der Fürst in sei­ner Pracht­vil­la in der Stadt den neu­es­ten Tizi­an prä­sen­tiert hat, hat er am Land in einem Ver­ließ sei­ne poli­ti­schen Geg­ner gefol­tert, und alle wuss­ten das.

GMÜNDER: Und heu­te?

TRUSCHNER: Das meis­te Geld, das in den letz­ten drei­ßig Jah­ren in den inter­na­tio­na­len Kunst­be­trieb geschleust wur­de, kommt wie im Fuß­ball außer von den übli­chen Ver­däch­ti­gen im Wes­ten von Super­rei­chen aus Asi­en, Süd­ame­ri­ka und der ara­bi­schen Halb­in­sel, die davon leben, Res­sour­cen nicht sel­ten auf Kos­ten ande­rer aus­zu­beu­ten. Natür­lich muss man, um die­se schmut­zi­gen Betriebs­ver­hält­nis­se zu kaschie­ren, sich Nar­ra­ti­ve aneig­nen, die die Leu­te glau­ben las­sen, in der Tate Gal­lery oder im MoMA gin­ge es um Men­schen­rech­te oder gesell­schaft­li­chen Wan­del. Es gilt dabei das­sel­be wie für die deut­sche und öster­rei­chi­sche Staats­kul­tur: Per­so­nen wer­den aus­ge­tauscht, Geschlech­ter lang­sam gleich­ge­stellt, dazu ange­sag­te Nar­ra­ti­ve samt still­schwei­gend akzep­tier­ten Sprech­ver­bo­ten und ‑gebo­ten instal­liert – aber die Macht­ver­hält­nis­se und Ver­tei­lungs­struk­tu­ren dahin­ter blei­ben weit­ge­hend die­sel­ben. Alles schaut ganz neu aus wie die „Tagesschau“-Sprecherin mit fami­liä­ren Wur­zeln in Syri­en – und bleibt im Kern doch so, wie es immer war, nicht anders als bei Kon­zer­nen wie Ama­zon, wenn sie Bil­der glück­li­cher Peo­p­le of Color in ihre Wer­bung ein­spei­sen, die aber dann als Paket­bo­ten auf­grund des Pro­fit­drucks unter­wegs in Plas­tik­fla­schen pin­keln müs­sen.

GMÜNDER: Wäre es über­trie­ben, zu sagen, dass Ihr Blick stets auch ein sozio­lo­gi­scher ist?

TRUSCHNER: Ich habe mich immer gern als Empha­ti­ker gese­hen, aber mein Inter­es­se an kleins­ten und feins­ten Lebens­äu­ße­run­gen, die durch Ges­ten oder Wor­te ent­ste­hen kön­nen, bewirkt, dass ich vom gewis­ser­ma­ßen Dio­ny­si­schen schließ­lich abwei­che und ins Mikro­so­zio­lo­gi­sche über­ge­he. Im Detail ahnt man das Gan­ze, in schein­bar Neben­säch­li­chem und Peri­phe­rem. Letzt­lich hat Bour­dieu eine gan­ze Gesell­schafts­theo­rie auf den fei­nen Unter­schie­den auf­ge­baut. Mit ein Grund, war­um etwa Mrs. Dal­lo­way von Vir­gi­nia Woolf zu mei­nen Lieb­lings­bü­chern gehört, in dem alles – Erin­ne­run­gen, Pols­ter­be­zü­ge, Hand­schu­he, Bli­cke, Blu­men, Vor­hän­ge, Trä­nen – mit­ein­an­der ver­wo­ben ist, in Bezie­hung steht.

In der Coro­na-Zeit ist zudem offen­sicht­lich gewor­den, wie wenig gro­ße Tei­le der hie­si­gen Staats-Kunst den Leu­ten feh­len. Ver­ständ­li­cher­wei­se.

GMÜNDER: Ja, die fei­nen Unter­schie­de. Ande­rer­seits hat man den Ein­druck, dass heu­te der Anpas­sungs­druck an den Main­stream grö­ßer gewor­den ist?

TRUSCHNER: In ihrer Stu­die kommt Caro­lin Amlin­ger zum erwart­ba­ren Ergeb­nis, dass bei Künst­lern und Künst­le­rin­nen am Ende weni­ger das Talent als die „sozia­le Pas­sung“ zum Erfolg führt. Nicht zu hef­tig, nicht zu rechts, nicht zu links, nicht zu expe­ri­men­tell, nicht zu ero­tisch – alles nicht „zu“. Oder wie der Büh­nen­bild­ner Bert Neu­mann ein­mal sag­te: „Geil soll es sein und irgend­wie anders – aber stö­ren darf es nicht“. Der deutsch­spra­chi­ge Kul­tur­be­trieb ist dem­entspre­chend vom Haut­gout der Harm­lo­sig­keit durch­drun­gen. In der Coro­na-Zeit ist zudem offen­sicht­lich gewor­den, wie wenig gro­ße Tei­le der hie­si­gen Staats-Kunst den Leu­ten feh­len. Ver­ständ­li­cher­wei­se. Schließ­lich ist bei uns ist so gut wie alles „Mid­cult“, wie das Moritz Baß­ler nennt, eben jene Harm­lo­sig­keit, die per­fekt zur Pas­si­vi­tät der Mer­kel-Jah­re pass­te, in denen eine Gene­ra­ti­on von Erben ein­fach gehofft hat, dass sie mit Mut­ti und einer Decke über dem Kopf gut durch die Zeit­läuf­te kommt.

Die Bücher und Stü­cke, die bei uns zu wirk­lich „hei­ßen“ Kom­ple­xen wie Rechts­extre­mis­mus, Ras­sis­mus, Isla­mis­mus, Migra­ti­on oder all­ge­gen­wär­ti­ger Kor­rup­ti­on geschrie­ben wer­den, sind viel zu harm­los.

GMÜNDER: Kom­men wir zum Schluss noch mal zu Ihrem neu­en Roman.

TRUSCHNER: Er spielt im Poli­zis­ten- und Sol­da­ten­mi­lieu, han­delt unter ande­rem von trau­ma­ti­sier­ten Afgha­ni­stan-Rück­keh­rern, rech­ten Chat­grup­pen, Demons­tra­tio­nen, ille­ga­len Schieß­stän­den, Ver­haf­tun­gen. Aber auch von unter die­sen Umstän­den schwie­ri­ger Lie­be. Kurz: es geht um aktu­el­le Din­ge. Ich bin davon über­zeugt, dass man als Künst­ler in der Ver­ant­wor­tung steht, sich nicht nur in der Gegen­wart anzu­sie­deln, son­dern in ihren wun­den Stel­len her­um­zu­sto­chern. Die Bücher und Stü­cke, die bei uns zu wirk­lich „hei­ßen“ Kom­ple­xen wie Rechts­extre­mis­mus, Ras­sis­mus, Isla­mis­mus, Migra­ti­on oder all­ge­gen­wär­ti­ger Kor­rup­ti­on geschrie­ben wer­den, sind viel zu harm­los. Man scheut davor zurück, in Roma­nen, am Thea­ter und im Fern­se­hen wirk­lich schlim­me, hef­ti­ge, dazu ambi­va­len­te Din­ge auf eine for­ciert künst­le­ri­sche Wei­se zu ver­han­deln, bei der even­tu­ell nicht sofort klar wird, was heu­te ganz wich­tig ist: dass alle sofort erken­nen, dass man selbst­ver­ständ­lich auf der rich­ti­gen Sei­te steht.

In der Lite­ra­tur gibt es wie über­all natür­lich Aus­nah­men. Sie wer­den jedoch immer sel­te­ner von gro­ßen Ver­la­gen publi­ziert und sind in ihrer Sub­stanz durch das um sich grei­fen­de Sen­si­ti­vi­ty Rea­ding bedroht.

GMÜNDER: Sie den­ken, Bücher und Stü­cke die­ser Art gibt es nicht mehr?

TRUSCHNER: Film, Muse­um und Stadt­thea­ter sind in Bezug auf ihr inno­va­ti­ves Poten­zi­al dank herr­schen­der Kul­tur­po­li­tik so gut wie tot. Die Lite­ra­tur hat gesell­schaft­lich mas­siv an Bedeu­tung ein­ge­büßt und ist dar­über zu einer Kuschel­ver­an­stal­tung ver­kom­men, in der es um Stu­di­en­plät­ze, Sti­pen­di­en, Prei­se und um eine Anbie­de­rung an ange­sag­te Nar­ra­ti­ve unter dem Ein­fluss des „Sen­si­ti­vi­ty Rea­ding“ geht. Vie­le bedeu­ten­de Wer­ke wur­den erst lan­ge nach ihrem Erschei­nen (wieder-)entdeckt, Das Schloss oder Moby Dick. Woy­zeck wur­de fünf­und­sieb­zig Jah­re nach Büch­ners Tod zum ers­ten Mal auf­ge­führt – aber nur, weil der Lite­ra­tur eine Deu­tungs­ho­heit in Bezug auf ihre Zeit zuge­stan­den und nach ihr gesucht wur­de. Ange­sichts heu­ti­ger Zustän­de wird es spä­ter wohl nur weni­ge Wis­sen­schaf­ter geben, die glau­ben, dass es aus­ge­rech­net im deutsch­spra­chi­gen Raum Leu­te gab, die abseits des Betriebs für das Ver­ständ­nis ihrer Zeit gera­de­zu Unver­zicht­ba­res geleis­tet haben, dass akri­bisch danach zu suchen sich loh­nen wür­de.

Die künst­le­ri­sche Lite­ra­tur ist bei uns zu einer Beschäf­ti­gung für Insi­der gewor­den, in der es zuerst um Stu­di­en­plät­ze und Sti­pen­di­en, danach um Prei­se, Dozen­tu­ren und ein gedeih­li­ches Ein­ver­neh­men mit dem geht, was vom Feuil­le­ton übrig ist.

GMÜNDER: Wel­che Aus­wir­kun­gen wer­den der aktu­el­le Krieg und eine mög­li­che Rezes­si­on für die Kunst haben?

TRUSCHNER: Deutsch­land und Öster­reich sind Län­der, die geprägt sind von der Besitz­stands­wah­rung und der Angst vor Wohl­stands­ver­lust. Wenn das Sze­na­rio dahin­ge­hend bedroh­li­cher wird, wer­den die meis­ten alles tun, um nach­hal­tig an den (Förder-)Trögen zu ver­blei­ben oder dahin zu gelan­gen und dabei alles unter­las­sen, was sich in irgend­ei­ner Wei­se als nach­tei­lig für die Kar­rie­re erwei­sen könn­te. Das Mot­to hie­si­ger Staats­künst­ler lau­tet seit jeher ohne­hin nicht „Frei­heit der Kunst“, son­dern „Ran an den Speck“. Wer geglaubt hat, noch bie­der­mei­er­li­cher kann es hin­ter der Mas­ke des Akti­vis­mus und des Wan­dels im Kul­tur­be­trieb nicht zuge­hen, darf sich auf die nächs­ten Jah­re freu­en. Die auto­no­me Kunst wird dabei wie­der zum Feind aller: der ideo­lo­gisch ver­korks­ten Lin­ken, der von Abstiegs­ängs­ten beweg­ten Mit­te und der gewalt­be­rei­ten Rech­ten.

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Peter Tru­sch­ner, gebo­ren 1967 in Klagenfurt/Kärnten, lebt als Schrift­stel­ler und Foto­graf in Ber­lin. Für den Per­len­tau­cher schreibt er die Kolum­ne „Foto­lot“, zuletzt erschien von ihm der Lang­es­say Die Mas­ke abge­nom­men. Künst­ler und Modell im 21. Jahr­hun­dert (Klos­ter­mann Ver­lag, 2021). www.peter-truschner.net

 

Online seit: 11. Janu­ar 2023

Zuletzt geän­dert: 28. Jan. 2023