Zur Erde drängt doch alles

Erin­ne­run­gen an Pau­lus Böh­mer. Von Alban Niko­lai Herbst Er ver­wen­de­te das damals noch ver­pön­te Wort „Dich­tung“. Sonst wur­de gern von „Text“ und „Text­ar­bei­tern“ gespro­chen.
Paulus Böhmer und Alban Nikolai Herbst vor Böhmers Gartenhaus, 1985.

Pau­lus Böh­mer und Alban Niko­lai Herbst vor Böh­mers Gar­ten­haus, 1985.
Foto: © Alban Niko­lai Herbst

Ich lern­te Pau­lus Böh­mer 1983 ken­nen, knapp zwei Jah­re nach­dem ich von Bre­men nach Frank­furt am Main gezo­gen war. Bei List war mein ers­ter Roman erschie­nen, und aus mei­nem tat­säch­lich ers­ten Roman, der damals noch „Die Erschie­ßung des Minis­ters“ hieß, hat­te ich soeben in Rai­nald Goet­zens Kla­gen­fur­ter Blut vor­ge­tra­gen. Dem Ver­band Deut­scher Schrift­stel­ler ange­schlos­sen, doch mit mei­nem Umzug nicht nur den Namen gewech­selt, son­dern genau­so den Lan­des­ver­band, kann­te ich in dem neu­en nie­man­den und nahm des­halb an den unsäg­lich ner­ven­den Frank­fur­ter Sit­zun­gen teil, obwohl ich längst vor­her, zum Unwil­len eini­ger, for­mu­liert hat­te, der Ver­band bestehe vor allem aus schrei­ben­den Stu­di­en­rä­ten, ‑rätin­nen gab es da weni­ge, und Ange­stell­ten zoo­lo­gi­scher Gär­ten. Dazu kamen aller­lei Bar­den. Um Dich­tung ging es qua­si nie. Man ver­mied sie, um nicht Unei­nig­keit zu ris­kie­ren, woll­te Gewerk­schaft sein, war vor allem poli­ti­sche Gesin­nung. Tat­säch­lich hat­te der „VS“ – eine his­to­ri­sche Leis­tung – die Künst­ler­so­zi­al­kas­se geschaf­fen, mein Leben lang ein Segen.

Die Sit­zun­gen wur­den von Funk­tio­nä­ren im Wort­sinn durch­ge­ses­sen. Das konn­te schon mal fünf Stun­den dau­ern. Wes­halb ein Groß­teil der tat­säch­li­chen Schrift­stel­ler erst gar nicht erschien.

Die Sit­zun­gen wur­den von Funk­tio­nä­ren im Wort­sinn durch­ge­ses­sen. Das konn­te schon mal fünf Stun­den dau­ern. Wes­halb ein Groß­teil der tat­säch­li­chen Schrift­stel­ler erst gar nicht erschien, mit Aus­nah­me der von all den „lin­ken“ Aus­sit­ze­rei­en deut­lich gequäl­ten Ursu­la Kre­chel.

Doch plötz­lich saß da ein Rie­se an Gestalt, in schwe­rer, mit grel­lem Hawaii gefüt­ter­ter Leder­ja­cke, das sper­ri­ge, nicht min­der schwe­re Haar als hal­be Elvi­stol­le auf der Stirn, sein mas­si­ves Gesicht in drei­hun­dert­fünf­und­sech­zig Fal­ten gefurcht, wahr­schein­lich für jeden Tag eine. Und die­se Hän­de! Bag­ger­schau­feln, aber weich, ja tat­zig, lagen sie irgend­wo auf. Ein Mann als Erschei­nungs­ge­walt. Saß da und grum­mel­te, die Mie­ne bewölk­ter und bewölk­ter, umwölkt auch der dün­nen Ziga­ret­ten hal­ber, die er unent­wegt rauch­te. Bis­wei­len ließ er ein Äch­zen ver­neh­men. Es war Pau­lus Böh­mer.

Künf­ti­ge Freun­de hät­ten ver­schie­de­ner nicht sein kön­nen. Ich war vom Dan­dy-Ästhe­ti­zis­mus geprägt, immer in Anzug mit Kra­wat­te. War die­se rot, so auch das Band mei­nes Hutes. Außer­dem spa­zier­te ich mit Geh­stock durch die Stadt. Er hör­te Rol­ling Stones und die Beat­les, hat­te sei­nen Sohn nach Bob Dylan benannt. Ich hing dem spä­ten Beet­ho­ven an, Mahler, Stock­hausen, Jar­rett, ging lei­den­schaft­lich in die Oper, die er, was ich nicht wis­sen konn­te, haß­te. Indes auch er von mir nichts wis­sen konn­te außer dem, was er sah.

Er war sie­ben­und­vier­zig, ich acht­und­zwan­zig. Von einem Allen Gins­berg hat­te ich nie was gehört, den Namen Wal­ter Höl­le­rers erst recht nicht, des­sen Ber­li­ner poe­ti­scher Schmie­de Böh­mer ent­stamm­te. Ich, wenn ich zurück­se­he, fing gera­de an, er hat­te auf­ge­hört und fing erneut an. Dazwi­schen hat­te eine inten­si­ve Zeit als Maler gele­gen, hat­te der har­te Alko­ho­lis­mus gele­gen, der ihn hät­te Frau und Kind kos­ten kön­nen und gekos­tet bei­nah hat­te. Gemein­sam war uns nur, doch kam dies erst spä­ter her­aus, je unse­re schwer in den Natio­nal­so­zia­lis­mus ver­strick­ten Familien‑, also Her­kunfts­ge­schich­ten – etwas, das ihn bis zu sei­nem Tod eben­so poe­tisch bestimmt hat wie mich, den es gleich­falls bis zum Tod bestim­men, zumin­dest mit­be­stim­men wird.

Er ver­wen­de­te das damals noch ver­pön­te Wort „Dich­tung“. Sonst wur­de gern von „Text“ und „Text­ar­bei­tern“ gespro­chen.

Ahn­te er dies, als er mich ansprach? Mei­nem Künst­ler­na­men war die Her­kunft so wenig anzu­mer­ken wie dem sei­nen. – Und doch! Als wir Luft schnap­pen gin­gen, trat der unge­heu­re Mann auf mich zu. „Auch du bist ein Dich­ter, was wol­len wir hier?“, frag­te er zu mir hin­ab. Ich hat­te das Gefühl, mei­nen Kopf in den Nacken legen zu müs­sen. „Lass uns gehen“, sag­te er nicht, nein beschloss es, ent­schied er.

Im Mosel­eck, glau­be ich, Mosel- / Ecke Mün­che­ner Stra­ße, spra­chen wir zum ers­ten Mal über Dich­tung. Es war frap­pie­rend: Auch er, wie ich, ver­wen­de­te das damals noch ver­pön­te Wort. Sonst wur­de gern von „Text“ und „Text­ar­bei­tern“ gespro­chen. Das nann­te Pau­lus – das Wort ward zu sei­nem, unab­wend­bar, Mono­pol – „Unfug“.

Er lud mich in sein von sei­ner israe­lisch-deut­schen Frau Lydia reprä­sen­tier­tes und ori­en­ta­lisch-mär­chen­haft bemut­ter­tes Reich; sie und ich lieb­ten ein­an­der sofort. So etwas pas­siert stets auf den ers­ten Blick. Auch spä­te­re Unhel­lig­kei­ten zer­stö­ren es nicht, allen­falls kön­nen sie’s stö­ren. – Pau­lus schenk­te mir sei­ne Bücher, sah in die mei­nen. Ich stürz­te in den rhyth­mi­schen Bil­derts­una­mi sei­ner wogen­den Ver­se. Alles hier war mit allem ver­knüpft, schwang mit jeder und jedem. Tren­nung war Täu­schung, die Böh­mer demas­kier­te. Sei­ne Dich­tung hebt Hier­ar­chien glü­hend auf.

Wir began­nen gemein­sa­me Pro­jek­te. Musi­ka­lisch tra­fen wir uns beim Free Jazz bzw. dem, was Heinz Sau­er „free music“ nann­te. Wir ent­wi­ckel­ten Auf­tritts­stra­te­gien und führ­ten für das Jour­nal Frank­furt in Böh­mers Gar­ten­schup­pen, in dem er bis­wei­len auch über­nach­te­te, ein maga­zin­sei­ten­lan­ges Inter­view mit Mari­ka Kili­us, bei dem sie nicht zuge­gen: Zum Eise drängt, Am Eise hängt Doch alles. Sie hat­te zur Dich­tung eh nichts zu sagen.

Ich wuss­te von Anfang an: ein Gigant. Mit wel­cher Ein­schät­zung ich, abge­se­hen von dem treu­en Hans-Jür­gen Lin­ke, noch allein auf wei­ter Flur stand. Es waren damals qua­si nur wir bei­de, die über sei­ne Bücher schrie­ben. Noch in mei­ner Ber­li­ner Zeit ab Mit­te der Neun­zi­ger hör­te ich zu ihnen fast nur Abfäl­li­ges. Sei­ne alten Mit­strei­ter, etwa Gün­ter Bru­no Fuchs, waren längst nicht mehr am Leben oder hat­ten sich wie Uve Schmidt, der gleich Böh­mer in den Kreis um V.O. Stomps gehört hat­te, in publi­zis­ti­sche Nischen zurück­ge­zo­gen. Wie­der­um war, was Böh­mers Ruf begrün­den wür­de, damals noch unkar­tier­te Saha­ra. O Iro­nie der Lite­ra­tur­ge­schich­te! Er hat das Inter­net gehasst, ihm aber zu ver­dan­ken, dass ihn die jun­gen nach­rü­cken­den und nach­ge­rück­ten Dich­te­rin­nen und Dich­ter ent­deck­ten. Plötz­lich schrieb Moni­ka Rinck.

Paulus Böhmer in den 1980er-Jahren, auf dem Bild links mit seiner Frau Lydia © Alban Nikolai Herbst

Pau­lus Böh­mer in den 1980er-Jah­ren, auf dem Bild links mit sei­ner Frau Lydia.
Fotos: © Alban Niko­lai Herbst

In den Acht­zi­gern war dar­an nicht zu den­ken. Wir mach­ten qua­si Dada ohne Wir­kung, doch hat­ten, sie­he Frau Kili­us, eini­gen poe­ti­schen Spaß. Hin­zu kam, dass Böh­mer, über den schon zur Leb­zeit selbst legen­dä­ren Adam Sei­de, Lei­ter des neu­ge­grün­de­ten Frank­fur­ter Lite­ra­tur­bü­ros wur­de, dem heu­ti­gen Hes­si­schen Lite­ra­tur­fo­rum, und es fast zwei Jahr­zehn­te lang blieb. Die Bild woll­te ein Inter­view, wel­ches Böh­mer im Bei­sein eines jun­gen, um Rat bit­ten­den Naiv­chens gab, das – unterm Namen Adam Bit­burg – wie­der­um ich gab. Wir beöl­ten uns nach­her vor Lachen. Die Leu­te von der Bild hat­ten es gedruckt wie geschluckt.

Sofort folg­te eine wei­te­re „Per­for­mance“, Quar­tett­col­la­ge aus Böh­mer, Uve Schmidt, dem Neu­da­da­is­ten Man­fred Stein­bren­ner und mir. Dazu der Kon­tra­bas­sist Ste­fan Mümp­fer. Es war eine von mir aus­ge­klü­gel­te Mon­ta­ge aus Tex­ten u. a. Bram Sto­kers, Ernst Blochs, Hans-Jür­gen Syber­bergs, dem Alten und dem Neu­en Tes­ta­ment, dazu eben Böh­mers, Schmidts, Stein­bren­ners: Dra­cu­la ist ein post­mo­dern­der Dich­ter aus Deutsch­land, ja, mit Schluss-„d“ im „modern“. Damit tour­ten wir. Lei­der hat nie­mand mit­ge­schnit­ten, das Stück ist ver­lo­ren, allein als Par­ti­tur noch da. Stein­bren­ner gab der Per­for­mance die Stac­cat­ofar­be sei­nes Mar­der­wit­zes, Schmidt vier- bis fünf­fa­che Ritt­ber­ger fie­ser For­mu­lie­run­gen, Pau­lus Böh­mer die melan­cho­li­sche, doch unent­wegt in ihm bro­deln­de Wut. Dazu impro­vi­sier­te Mümp­fer Wag­ners Par­si­fal, den er mit dis­so­nan­ten Exzes­sen durch­zupf­te. Ein zwei­tes Stück, eben­falls von mir col­la­giert, kam in sel­ber Beset­zung hin­zu: Der Anti-Aton.

Bald saßen Böh­mer und ich als „Pro­fi-Rat­ge­ber“ jun­ger Dich­te­rin­nen und Dich­ter in den Semi­na­ren des Jun­gen Lite­ra­tur­fo­rums erst Hes­sens, dann Hes­sen-Thü­rin­gens – einer gera­de­zu Kader­schmie­de, aus der Danie­la Danz, Ricar­da Jun­ge, Tho­mas Hett­che, Mai­ke Wet­zel und vie­le ande­re her­vor­gin­gen; auch der Lyri­ker Jan Vol­ker Röh­nert, heu­te ein maß­geb­li­cher Inter­pret des Böh­mer­schen Werks. Sie alle haben Pau­lus Böh­mers Tem­pe­ra­ment erlebt, teils ins Mark scho­ckiert, wenn er unver­se­hens los­platz­te, als hätt’ ein Zeus sich echauf­fiert – was eben auch so war: Sein Ärger war Natur­ge­walt. Wenn er cho­le­risch aus der Sit­zung stürm­te, warf er schon mal Stüh­le um. So ernst nahm er alle. Dass es „doch nur“ jun­ge Men­schen waren, hin­ter den Ohren noch zau­ber­haf­tes Grün, spiel­te für ihn kei­ne Rol­le. Gleich vor der Dich­tung jung und alt, erfah­ren oder uner­fah­ren. Wer die­se Hal­tung aus­hielt, begann mit Böh­mer eine Freund­schaft.

Als ich nach Ber­lin ging, locker­te sich unse­re Bezie­hung all­mäh­lich. Nicht nur die Ent­fer­nung und ein pri­va­ter Vor­be­halt – gegen eine Lie­be, die Böh­mer als mei­nen qua­si Ehe­bruch ansah – waren der Grund, son­dern er lehn­te mei­nen Weg in das Inter­net ab, das ich mir poe­tisch zu erobern begann. Es war eine ihm frem­de Spra­che, die er eben­so ver­ab­scheu­te wie die der von ihm bespöt­tel­ten und schwer beschimpf­ten Reli­gio­nen. Iro­nie der Lite­ra­tur­ge­schich­te. Was sei­nen – spä­ten, viel! zu spä­ten – Ruhm begrün­de­te, mar­kiert zugleich das Ende nicht nur sei­ner, son­dern einer Ära ins­ge­samt. Die Erde war sehr kalt, in der wir ihn am 15. Dezem­ber letz­ten Jah­res begru­ben.

Ich war kein Mensch, ich war kein Tier,
ich war ’ne Rol­le Clo­pa­pier.
Ich war nie älter als fünf­zehn.
Als mei­ne Mut­ter starb, leuch­te­te sie.
Noch ein­mal. Auf.
Die Kat­zen blie­ben, eine gan­ze Nacht lang,
still.

(Pau­lus Böh­mer, No Home, 2019 op. posth.)

 

* * *

Alban Niko­lai Herbst, gebo­ren 1955 in Ref­rath, lebt als Schrift­stel­ler in Ber­lin. Zuletzt erschien Wan­de­rer. Erzäh­lun­gen I (Sep­ti­me, 2019).

Pau­lus Böh­mer: No Home
Ver­lag Engst­ler, Ostheim/Rhön 2019.
288 Sei­ten, € 38 (D) / € 39,10 (A).

Quel­le: VOLLTEXT 1/2019 – 24. März 2019

Online seit: 26. Sep­tem­ber 2019

Online seit: 26. Sep­tem­ber 2019

Zuletzt geän­dert: 11. Dez. 2019