Zur Erde drängt doch alles

Erinnerungen an Paulus Böhmer. Von Alban Nikolai Herbst
Er verwendete das damals noch verpönte Wort „Dichtung“. Sonst wurde gern von „Text“ und „Textarbeitern“ gesprochen.

Online seit: 26. September 2019
Paulus Böhmer und Alban Nikolai Herbst vor Böhmers Gartenhaus, 1985.
Paulus Böhmer und Alban Nikolai Herbst vor Böhmers Gartenhaus, 1985.
Foto: © Alban Nikolai Herbst

Ich lernte Paulus Böhmer 1983 kennen, knapp zwei Jahre nachdem ich von Bremen nach Frankfurt am Main gezogen war. Bei List war mein erster Roman erschienen, und aus meinem tatsächlich ersten Roman, der damals noch „Die Erschießung des Ministers“ hieß, hatte ich soeben in Rainald Goetzens Klagenfurter Blut vorgetragen. Dem Verband Deutscher Schriftsteller angeschlossen, doch mit meinem Umzug nicht nur den Namen gewechselt, sondern genauso den Landesverband, kannte ich in dem neuen niemanden und nahm deshalb an den unsäglich nervenden Frankfurter Sitzungen teil, obwohl ich längst vorher, zum Unwillen einiger, formuliert hatte, der Verband bestehe vor allem aus schreibenden Studienräten, -rätinnen gab es da wenige, und Angestellten zoologischer Gärten. Dazu kamen allerlei Barden. Um Dichtung ging es quasi nie. Man vermied sie, um nicht Uneinigkeit zu riskieren, wollte Gewerkschaft sein, war vor allem politische Gesinnung. Tatsächlich hatte der „VS“ – eine historische Leistung – die Künstlersozialkasse geschaffen, mein Leben lang ein Segen.

Die Sitzungen wurden von Funktionären im Wortsinn durchgesessen. Das konnte schon mal fünf Stunden dauern. Weshalb ein Großteil der tatsächlichen Schriftsteller erst gar nicht erschien.

Die Sitzungen wurden von Funktionären im Wortsinn durchgesessen. Das konnte schon mal fünf Stunden dauern. Weshalb ein Großteil der tatsächlichen Schriftsteller erst gar nicht erschien, mit Ausnahme der von all den „linken“ Aussitzereien deutlich gequälten Ursula Krechel.

Doch plötzlich saß da ein Riese an Gestalt, in schwerer, mit grellem Hawaii gefütterter Lederjacke, das sperrige, nicht minder schwere Haar als halbe Elvistolle auf der Stirn, sein massives Gesicht in dreihundertfünfundsechzig Falten gefurcht, wahrscheinlich für jeden Tag eine. Und diese Hände! Baggerschaufeln, aber weich, ja tatzig, lagen sie irgendwo auf. Ein Mann als Erscheinungsgewalt. Saß da und grummelte, die Miene bewölkter und bewölkter, umwölkt auch der dünnen Zigaretten halber, die er unentwegt rauchte. Bisweilen ließ er ein Ächzen vernehmen. Es war Paulus Böhmer.

Künftige Freunde hätten verschiedener nicht sein können. Ich war vom Dandy-Ästhetizismus geprägt, immer in Anzug mit Krawatte. War diese rot, so auch das Band meines Hutes. Außerdem spazierte ich mit Gehstock durch die Stadt. Er hörte Rolling Stones und die Beatles, hatte seinen Sohn nach Bob Dylan benannt. Ich hing dem späten Beethoven an, Mahler, Stockhausen, Jarrett, ging leidenschaftlich in die Oper, die er, was ich nicht wissen konnte, haßte. Indes auch er von mir nichts wissen konnte außer dem, was er sah.

Er war siebenundvierzig, ich achtundzwanzig. Von einem Allen Ginsberg hatte ich nie was gehört, den Namen Walter Höllerers erst recht nicht, dessen Berliner poetischer Schmiede Böhmer entstammte. Ich, wenn ich zurücksehe, fing gerade an, er hatte aufgehört und fing erneut an. Dazwischen hatte eine intensive Zeit als Maler gelegen, hatte der harte Alkoholismus gelegen, der ihn hätte Frau und Kind kosten können und gekostet beinah hatte. Gemeinsam war uns nur, doch kam dies erst später heraus, je unsere schwer in den Nationalsozialismus verstrickten Familien-, also Herkunftsgeschichten – etwas, das ihn bis zu seinem Tod ebenso poetisch bestimmt hat wie mich, den es gleichfalls bis zum Tod bestimmen, zumindest mitbestimmen wird.

Er verwendete das damals noch verpönte Wort „Dichtung“. Sonst wurde gern von „Text“ und „Textarbeitern“ gesprochen.

Ahnte er dies, als er mich ansprach? Meinem Künstlernamen war die Herkunft so wenig anzumerken wie dem seinen. – Und doch! Als wir Luft schnappen gingen, trat der ungeheure Mann auf mich zu. „Auch du bist ein Dichter, was wollen wir hier?“, fragte er zu mir hinab. Ich hatte das Gefühl, meinen Kopf in den Nacken legen zu müssen. „Lass uns gehen“, sagte er nicht, nein beschloss es, entschied er.

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Im Moseleck, glaube ich, Mosel- / Ecke Münchener Straße, sprachen wir zum ersten Mal über Dichtung. Es war frappierend: Auch er, wie ich, verwendete das damals noch verpönte Wort. Sonst wurde gern von „Text“ und „Textarbeitern“ gesprochen. Das nannte Paulus – das Wort ward zu seinem, unabwendbar, Monopol – „Unfug“.

Er lud mich in sein von seiner israelisch-deutschen Frau Lydia repräsentiertes und orientalisch-märchenhaft bemuttertes Reich; sie und ich liebten einander sofort. So etwas passiert stets auf den ersten Blick. Auch spätere Unhelligkeiten zerstören es nicht, allenfalls können sie’s stören. – Paulus schenkte mir seine Bücher, sah in die meinen. Ich stürzte in den rhythmischen Bildertsunami seiner wogenden Verse. Alles hier war mit allem verknüpft, schwang mit jeder und jedem. Trennung war Täuschung, die Böhmer demaskierte. Seine Dichtung hebt Hierarchien glühend auf.

Wir begannen gemeinsame Projekte. Musikalisch trafen wir uns beim Free Jazz bzw. dem, was Heinz Sauer „free music“ nannte. Wir entwickelten Auftrittsstrategien und führten für das Journal Frankfurt in Böhmers Gartenschuppen, in dem er bisweilen auch übernachtete, ein magazinseitenlanges Interview mit Marika Kilius, bei dem sie nicht zugegen: Zum Eise drängt, Am Eise hängt Doch alles. Sie hatte zur Dichtung eh nichts zu sagen.

Ich wusste von Anfang an: ein Gigant. Mit welcher Einschätzung ich, abgesehen von dem treuen Hans-Jürgen Linke, noch allein auf weiter Flur stand. Es waren damals quasi nur wir beide, die über seine Bücher schrieben. Noch in meiner Berliner Zeit ab Mitte der Neunziger hörte ich zu ihnen fast nur Abfälliges. Seine alten Mitstreiter, etwa Günter Bruno Fuchs, waren längst nicht mehr am Leben oder hatten sich wie Uve Schmidt, der gleich Böhmer in den Kreis um V.O. Stomps gehört hatte, in publizistische Nischen zurückgezogen. Wiederum war, was Böhmers Ruf begründen würde, damals noch unkartierte Sahara. O Ironie der Literaturgeschichte! Er hat das Internet gehasst, ihm aber zu verdanken, dass ihn die jungen nachrückenden und nachgerückten Dichterinnen und Dichter entdeckten. Plötzlich schrieb Monika Rinck.

Paulus Böhmer in den 1980er-Jahren, auf dem Bild links mit seiner Frau Lydia © Alban Nikolai Herbst
Paulus Böhmer in den 1980er-Jahren, auf dem Bild links mit seiner Frau Lydia.
Fotos: © Alban Nikolai Herbst

In den Achtzigern war daran nicht zu denken. Wir machten quasi Dada ohne Wirkung, doch hatten, siehe Frau Kilius, einigen poetischen Spaß. Hinzu kam, dass Böhmer, über den schon zur Lebzeit selbst legendären Adam Seide, Leiter des neugegründeten Frankfurter Literaturbüros wurde, dem heutigen Hessischen Literaturforum, und es fast zwei Jahrzehnte lang blieb. Die Bild wollte ein Interview, welches Böhmer im Beisein eines jungen, um Rat bittenden Naivchens gab, das – unterm Namen Adam Bitburg – wiederum ich gab. Wir beölten uns nachher vor Lachen. Die Leute von der Bild hatten es gedruckt wie geschluckt.

Sofort folgte eine weitere „Performance“, Quartettcollage aus Böhmer, Uve Schmidt, dem Neudadaisten Manfred Steinbrenner und mir. Dazu der Kontrabassist Stefan Mümpfer. Es war eine von mir ausgeklügelte Montage aus Texten u. a. Bram Stokers, Ernst Blochs, Hans-Jürgen Syberbergs, dem Alten und dem Neuen Testament, dazu eben Böhmers, Schmidts, Steinbrenners: Dracula ist ein postmodernder Dichter aus Deutschland, ja, mit Schluss-„d“ im „modern“. Damit tourten wir. Leider hat niemand mitgeschnitten, das Stück ist verloren, allein als Partitur noch da. Steinbrenner gab der Performance die Staccatofarbe seines Marderwitzes, Schmidt vier- bis fünffache Rittberger fieser Formulierungen, Paulus Böhmer die melancholische, doch unentwegt in ihm brodelnde Wut. Dazu improvisierte Mümpfer Wagners Parsifal, den er mit dissonanten Exzessen durchzupfte. Ein zweites Stück, ebenfalls von mir collagiert, kam in selber Besetzung hinzu: Der Anti-Aton.

Bald saßen Böhmer und ich als „Profi-Ratgeber“ junger Dichterinnen und Dichter in den Seminaren des Jungen Literaturforums erst Hessens, dann Hessen-Thüringens – einer geradezu Kaderschmiede, aus der Daniela Danz, Ricarda Junge, Thomas Hettche, Maike Wetzel und viele andere hervorgingen; auch der Lyriker Jan Volker Röhnert, heute ein maßgeblicher Interpret des Böhmerschen Werks. Sie alle haben Paulus Böhmers Temperament erlebt, teils ins Mark schockiert, wenn er unversehens losplatzte, als hätt’ ein Zeus sich echauffiert – was eben auch so war: Sein Ärger war Naturgewalt. Wenn er cholerisch aus der Sitzung stürmte, warf er schon mal Stühle um. So ernst nahm er alle. Dass es „doch nur“ junge Menschen waren, hinter den Ohren noch zauberhaftes Grün, spielte für ihn keine Rolle. Gleich vor der Dichtung jung und alt, erfahren oder unerfahren. Wer diese Haltung aushielt, begann mit Böhmer eine Freundschaft.

Als ich nach Berlin ging, lockerte sich unsere Beziehung allmählich. Nicht nur die Entfernung und ein privater Vorbehalt – gegen eine Liebe, die Böhmer als meinen quasi Ehebruch ansah – waren der Grund, sondern er lehnte meinen Weg in das Internet ab, das ich mir poetisch zu erobern begann. Es war eine ihm fremde Sprache, die er ebenso verabscheute wie die der von ihm bespöttelten und schwer beschimpften Religionen. Ironie der Literaturgeschichte. Was seinen – späten, viel! zu späten – Ruhm begründete, markiert zugleich das Ende nicht nur seiner, sondern einer Ära insgesamt. Die Erde war sehr kalt, in der wir ihn am 15. Dezember letzten Jahres begruben.

Ich war kein Mensch, ich war kein Tier,
ich war ’ne Rolle Clopapier.
Ich war nie älter als fünfzehn.
Als meine Mutter starb, leuchtete sie.
Noch einmal. Auf.
Die Katzen blieben, eine ganze Nacht lang,
still.

(Paulus Böhmer, No Home, 2019 op. posth.)

 

Alban Nikolai Herbst, geboren 1955 in Refrath, lebt als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschien Wanderer. Erzählungen I (Septime, 2019).

Quelle: VOLLTEXT 1/2019 – 24. März 2019

Online seit: 26. September 2019

Paulus Böhmer: No Home
Verlag Engstler, Ostheim/Rhön 2019.
288 Seiten, € 38 (D) / € 39,10 (A).