Zwischen „Grabschändern“ und „Linksnibelungen“

Wolfgang Emmerich im Gespräch mit Michael Braun über Paul Celans Verhältnis zu Deutschland und seinen deutschen Kritikern

Online seit: 21. April 2020
Paul Celan © Wolfgang Oschatz / SV
Paul Celan: „Ich nehme niemals ein Gedicht zurück, lieber Hans Mayer.“ Foto: Wolfgang Oschatz / SV

„Das Gedicht [.. ] steht gegen Goebbels und Goll.“ Mit diesem markanten Credo wandte sich Paul Celan, der jüdische Dichter aus der Bukowina, um 1960 gegen seine Kritiker, die ihm einerseits mit antisemitischen Ressentiments und andererseits mit Fälschungsvorwürfen zusetzten. Freilich: Er hat dieses schrille Bekenntnis nie veröffentlicht, es findet sich nur in den Notizen zu seiner berühmten „Meridian“-Rede anlässlich der Verleihung des Büchner-Preises im Oktober 1960. Der ästhetisch radikalste und bedeutendste deutschsprachige Dichter in der Mitte des 20. Jahrhunderts trug schwer an den Attacken seiner Denunzianten, die sein Werk mit Fehllektüren und hanebüchenen Verleumdungen depotenzieren wollten. Claire Goll, die Frau des Surrealisten Yvan Goll, hatte schon 1953 den Vorwurf gegen Celan erhoben, er habe sich aus dem Werk ihres Mannes bedient. Im Oktober 1959 traf Celan dann der kühle Verriss seines Gedichtbandes Sprachgitter durch den Kritiker Günter Blöcker. Dass Celans Poesie der traumatischen Erfahrung des Massenmords an den europäischen Juden abgerungen war, wurde von Blöcker systematisch ausgeblendet. Der Kritiker verfügte kategorisch: „Celans Metaphernfülle ist durchweg weder der Wirklichkeit abgewonnen noch dient sie ihr.“ Er behauptete stattdessen, dass Celan „der deutschen Sprache gegenüber eine größere Freiheit als die meisten seiner dichtenden Kollegen“ habe. Es folgte eine sehr anfechtbare Begründung: „Das mag an seiner Herkunft liegen. Der Kommunikationscharakter der Sprache hemmt und belastet ihn weniger als andere. Freilich wird er gerade dadurch oftmals verführt, im Leeren zu agieren.“ Der Plagiats-Vorwurf durch Claire Goll und der Entrealisierungs-Versuch durch Günter Blöcker stürzten Celan in eine tiefe Krise. Die unterschwellig antisemitische Kritik an seinen Gedichten beschrieb er als „Grabschändung“. Die ästhetischen und politischen Verwerfungen rund um die „Goll-Affäre“, die antisemitischen Infamien, die den Dichter trafen, und seine scheiternden Dichterfreundschaften sind ein zentrales Thema in Wolfgang Emmerichs akribischer Studie Nahe Fremde. Paul Celan und die Deutschen. Emmerich, der bereits 1999 eine biografische Studie zu Paul Celan vorgelegt hat, untersucht in seinem neuen Buch durch sorgfältigste Erschließung aller erreichbaren Textquellen das Verhältnis Celans zum restaurativen Nachkriegsdeutschland und zu deutschen Intellektuellen und Schriftstellern seiner Zeit. Und er kommt zu aufregenden Ergebnissen.

MICHAEL BRAUN Es gibt eine berühmte Schlüsselszene für das Verständnis des Dichters Paul Celan, die in der Rezeption immer wieder aufgerufen wird – die Begegnung zwischen Martin Heidegger und Paul Celan am 25. Juli 1967 im Schwarzwalddorf Todtnauberg, in Heideggers Refugium. Dutzende von Celan-Interpreten haben sich an der Deutung dieser Begegnung und an dem damit verbundenen Gedicht „Todtnauberg“ abgearbeitet. Wenn man die berüchtigten „Schwarzen Hefte“ Heideggers vor Augen hat, die erst vor einigen Jahren publiziert wurden, fällt es schwer zu glauben, dass sich der jüdische Dichter für das Werk eines zutiefst antisemitisch denkenden Philosophen interessiert hat. Wie schaut man nun heute auf diese Schlüsselszene von 1967, in Kenntnis der „Schwarzen Hefte“ eines Denkers, der mit Sein und Zeit ein Jahrhundertwerk geschrieben hat, aber im Verborgenen auch ein Philosoph der Niedertracht war?

Es gibt einen Briefentwurf von Celan an Martin Heidegger, in dem er ihn als seinen „Denk-Herrn“ bezeichnet.

WOLFGANG EMMERICH Das ist eine wichtige und sehr komplexe Frage. Man kann aber jetzt Genaueres dazu sagen. Wir wissen inzwischen, dass Paul Celan seit 1954 regelmäßig und umfänglich Heideggers Werke gelesen hat. Im Vordergrund standen die Vorträge Heideggers zu Hölderlin und zum Wesen der Dichtung. Celan hat aber auch die Schrift Was heißt Denken? von 1952 gründlich studiert, und er hat Sein und Zeit gelesen. Und es gibt einen Briefentwurf von Celan von 1954, da schreibt er fast devot an Martin Heidegger, nennt ihn seinen „Denk-Herrn“. Das ist ein großes Wort, das schreibt man nicht so dahin. Der Brief ist zwar nicht abgeschickt worden – unzählige Briefe hat Celan nicht abgeschickt – , aber er ist erhalten und datiert. Und man muss das ernst nehmen. Was sind da die Anziehungspunkte für Celan gewesen im Denken Heideggers? Er hatte sich wohl in Wien schon mit Heidegger beschäftigt, denn Ingeborg Bachmann arbeitete an ihrer Dissertation über „die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie Martin Heideggers“. Man kann davon ausgehen, dass er damals Heideggers schreckliche Rektoratsrede vom April 1933 eingesehen hat. Ihm ist von Beginn an bewusst gewesen, dass dieser Mann gewissermaßen kontaminiert gewesen ist, dass er ein wirklich flammender Parteigänger der Nazis und Mitglied der NSDAP war. Nach einem Jahr ist Heidegger von seinem Rektoratsamt zurückgetreten und hat dann nur noch Vorträge gehalten und seine Werke geschrieben, er war kein Funktionsträger mehr. Aus den „Schwarzen Heften“, von denen Celan keine Kenntnis hatte, wissen wir heute, dass sich sein Denken noch radikalisiert hat in Richtung tiefgreifender antisemitischer Vorurteile. – Was hat Celan so fasziniert? Ihn faszinierte, dass Heidegger der Dichtung eine Mission und ein Wesen zugesprochen hat, das sie ganz in der Nähe des „Seins“ platzierte. Das „Sein“ ist für Heidegger ja etwas, wovon wir alle weit entfernt sind in der modernen Welt. Die Griechen, so Heideggers Vorstellung, waren diesem „Sein“ näher. Danach sieht er nur noch die Verfallsgeschichte der Menschheit, manifestiert in ihrer technologischen Entwicklung. Innerhalb dieser Verfallsgeschichte gibt es nur ein Medium, das dieses „Sein“ berühren kann – das ist die Sprache und ganz speziell die dichterische Sprache. Man hat ja auch nach „Lesespuren“ Celans geforscht, und in seiner Bibliothek finden sich zahlreiche Heidegger-Bücher, die fast alle Lesespuren tragen. Heidegger hat Celan gewissermaßen ein Angebot gemacht, nämlich mit dem, was er als Dichter schrieb, an den Urgrund unserer Welt heranzureichen. Das ist wie ein Versprechen für Celan gewesen, daran teilzuhaben. Nun ist er aber so intelligent und geschichtskundig gewesen, und kundig auch in der Geschichte der Shoah, der Massenvernichtung der europäischen Juden, dass er schnell erkannt hat, dass sich Heidegger um dieses Problem drückt. Es gibt da die Bremer Vorträge von 1947, in denen Heidegger über das Wesen der Technik spricht und zu unsäglichen Formulierungen kommt, wo er z. B. die zugrunde gehende bäuerliche Wirtschaft in eine Reihe stellt mit dem Holocaust. Das ist für ihn beides eine Anwendung unmenschlicher Technik und insofern verdammenswürdig. Diese Vorträge zur Technik hat Celan zwar 1963 erworben, aber wohl nicht gelesen. Bei der Seinsanalyse aus Sein und Zeit waren es zentrale Begriffe wie „Geworfenheit“ und „Angst“ und „Sein zum Tode“, die für ihn wichtig wurden. Die Existenzanalyse war philosophisches Neuland Ende der 1920er-Jahre. Hier hat Celan für einige Jahre seinen „Denk-Herrn“ gefunden. Er war aber auch kundig in den Diskontinuitäten und Brüchen in Heideggers Biografie, wo eben der Antisemitismus eine zentrale Rolle spielt.

BRAUN Sie haben in Ihrer Studie sehr genau die Verbindungspunkte zwischen Celan und Heidegger beschrieben – hier spielt Hölderlin eine zentrale Rolle. Beide stehen im Echoraum Hölderlins. Inwiefern unterscheiden sich die Hölderlin-Lektüren von Celan und Heidegger?

EMMERICH Celan liest ab Anfang der 1950er-Jahre Heidegger und Hölderlin parallel und bleibt auch für einige Zeit im Bann der Heideggerschen Hölderlin-Lektüre. Das muss sich geändert haben mit seiner Absage an das „schöne“ Gedicht. Das können wir relativ genau datieren. Nämlich mit den Gedichten des Bandes Sprachgitter, die zwischen 1955 und 1958 entstanden sind. In dieser Zeit beginnt sich Celan vom „Musizieren“ in der Lyrik abzuwenden. Er favorisiert nun die „grauere Sprache“, die „faktischer“ und „nüchterner“ sein will, aber zugleich einen Wahrheitsanspruch hat. Eine Sprache, die, wie Celan es in seiner Bremer Rede von 1958 sagt, durch die „tausend Finsternisse todbringender Rede“ hindurchgegangen ist, also die Erfahrung der Shoah verarbeitet hat. Hier sieht man den großen Unterschied zu Heidegger, dessen Hölderlin-Lektüre immer gleich bleibt, weil er diesen Zivilisationsbruch der Shoah nicht wirklich wahrnehmen wollte und von sich fernzuhalten suchte. Bei Celan beginnt nun eine andere Hölderlin-Lektüre. Man kann sagen: Es ist mehr oder weniger eine Absage an Hölderlin. Hölderlin bleibt eine verehrungswürdige Figur, bleibt hoch anerkannt und geliebt, aber Celan weiß: So wie Hölderlin um 1800 geschrieben hat, kann ich im Jahr 1960 nicht mehr schreiben. Celan formuliert nun eine Absage an den hymnischen Ton; das poetologische Gedicht, das uns darüber aufklärt, ist das Gedicht „Tübingen, Jänner“, entstanden im Januar 1961, nach einem Blitzbesuch bei Walter Jens. Dieses Gedicht zeugt von der großen Verehrung Celans für Hölderlin, sagt aber auch: Was ich von Hölderlin übernehmen kann, ist die Absage an die gängige Sprache der Menschen. Die funktioniert nicht mehr. Es gibt die Überlieferung, dass Hölderlin in seiner Zeit im Turmzimmer der Schreiner-Familie Zimmer gelegentlich die Formel „Pallaksch. Pallaksch“ artikuliert haben soll. Die Zeitgenossen haben es so verstanden, dass das sowohl ein JA als auch ein NEIN bedeuten konnte. Man könnte auch heute sehr oft „Pallaksch. Pallaksch“ sagen.

Frau Heidegger hat ja behauptet, sie und ihr Mann hätten nicht gewusst, dass Celan Jude sei.

BRAUN Aber gibt es nicht gerade doch Parallelen zwischen den späten Gedichten Hölderlins, die Celan mit der kryptischen Chiffre „Pallaksch. Pallaksch“ zitiert, und Celans eigenen Gedichten? Ein Sprechen in Kryptizismen, Chiffren, die erstmal einen eigenen Klangraum beanspruchen – und wir stehen staunend davor?

EMMERICH Das Gedicht „Tübingen, Jänner“ hat auch die Verse: „Käme ein Mensch zur Welt [..] er dürfte / nur lallen und lallen, / immer-, immer- / zuzu.“ Diese Sprache des Lallens, die in „Pallaksch“ schon klanglich verborgen ist, ist die noch sprechbare Sprache. Hier spielen bei Celan die Begriffe der „Immersio“ und der „Involutio“ eine Rolle, und das heißt: