Die Dings, die Dings, die Contenance

Von Nor­bert Kröll.
„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XIV
Norbert Kröll © Ingo Pertramer

Nor­bert Kröll. Foto: Ingo Per­tra­mer

Dass Sie mich fra­gen. Das ist. Ich bin höchst zer­streut. Stimmt so nicht. Es heißt erfreut. Stimmt. Ent­schul­di­gen Sie. Die Wör­ter. Sie hören sie. Wol­len nicht direkt aus dem Loch her­aus, aus mei­nem Mund­loch. Über Umwe­ge kom­men sie. Nichts mehr direkt sagen, nichts mehr. Herz­lich will­kom­men.
Und Sie wün­schen, dass ich berich­te von dem Dings, die­sem Dings, dem Vor­fall. Gut­gut. Von Beginn an kla­re Ver­hält­nis­se schaf­fen. Und dann wären da noch die streng gehei­men Doku­men­te, nicht wahr? Span­nend das alles, äußerst span­nend. Es könn­te der Plot eines Films sein. Man hät­te ihn sich anse­hen kön­nen. Nur bin ich nicht man. Nicht län­ger. Ich bin nicht mehr da. Bin nie­mand. Und Sie sind will­kom­men. Aufs Herz­lichs­te.

Aber kei­ne Zeit zu ver­lie­ren. Genug ver­lo­ren. Hier ist mein Gehirn, die Ärz­te nen­nen die­sen Teil Sprach­zen­trum. So ist das. Da kommt alles zusam­men. Ballt sich. Bal­ler bal­ler bal­ler bamm bamm bamm. Getrof­fen hat man es, die­ses Zen­trum. Und Sie wol­len nun, dass ich berich­te. Ihnen berich­te und danach den Dings über­rei­che. Aber mit wel­chen Sät­zen? Man hat sie mir bei­gebracht. Zuerst genom­men und dann wie­der bei­gebracht. Davor habe ich sie gehabt. Im Inne­ren gehabt, die Wör­ter. Wie­der­fin­den muss­te ich sie, aus­gra­ben. Dreck Dreck, jaja, Dreck drauf, viel Schmutz muss­te ich weg­schie­ben, alles weg. Jeden Tag Übun­gen. Die Logo­pä­din, sie heißt Frau Mli­nar, net­te Frau. Sehr nett. Ich muss, wenn ich will. Wenn ich spre­chen will, muss ich. Auf­sa­gen ABCDEFGHIJKLMN OPQRSTUVWXYZ, auf­sa­gen jeden Tag. Sagt sie, muss ich. Stimmt nicht. Ande­re Übun­gen. Unbe­dingt täg­lich zu wie­der­ho­len. Die lie­be Frau Mli­nar. Sie hat sehr viel Geduld mit mir. Sie ist sehr nett. Ich habe sie gefragt, ob sie mit mir schla­fen will, aber sie möch­te lie­ber nicht. Stimmt so nicht. Stimmt. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sie­ben und so wei­ter. ABC und Wie­der­ho­lung. ABC und wie­der von vor­ne. Nein­nein, eigent­lich völ­lig ande­re Übun­gen. Aber egal. A wie Ame­ri­ka, A wie Anfang. In der ers­ten Woche bin ich bis D wie Droh­ne gekom­men. Jaja. Weil das wich­tig ist, sehr wich­tig für mich. Die­ses Wort. Ein D und ein R und dann etwas, das für sich allei­ne ste­hen kann. Fol­gen Sie mir? Also ein D, ein R plus ohne. Denn es ist nicht nur ein Wort, son­dern mein Zufall. Stimmt so nicht. Es heißt Schick­sal. Stimmt.

Sie müs­sen wis­sen: Ich habe es gelernt. Aus­wen­dig gelernt. Was ich Ihnen sagen will. Sie sind will­kom­men. Herz­lich. Heu­te gleich anmer­ken. Aus­wen­dig gelernt. Extra für Sie. Denn sonst wäre es nicht gegan­gen. Die Dings, die Dings, die Wör­ter wären nicht gegan­gen. Sie kön­nen nicht gehen, ich weiß. Her­aus­ge­gan­gen über den Zun­gen­mus­kel, so mein­te ich das. Spei­chel, immer nur Spei­chel, wie er rinnt aus dem Win­kel auf der Sei­te vom Mund­loch. Eklig. Schau­en Sie nicht hin. Ich fra­ge mich, ob Sie mich über­haupt hören. Sie nicken. Das ist schön. Ich freue mich groß­ar­tig. Stimmt so nicht. Ich habe gesagt, Sie sol­len weg­schau­en! Fünf­zehn Grad beträgt der Win­kel der Lip­pen. Stets geöff­net. Denn die­ses Loch, es ist eigent­lich im Kopf. Der Ein­tritts­win­kel, er beträgt in etwa fünf­zehn Grad. Min­des­tens. Oder fünf­zig. Es macht kei­nen Unter­schied. Da ist nichts mehr, wo etwas sein müss­te. So. Jetzt habe ich mich. Habe mich hof­fent­lich pas­send aus­ge­drückt. Damit Sie mich ver­ste­hen, ver­ste­hen Sie? Kein Sprach­zen­trum, son­dern ein Sprach­va­ku­um. Im Dings, im Dings, im Wör­ter­buch habe ich nach­ge­schla­gen unter V wie Vaku­um. Ich habe es aus­wen­dig gelernt, alles, was Sie hören sol­len, damit Sie es auf­neh­men kön­nen, auf ihrem Dings ein­spei­chern. Im Wör­ter­buch nach­ge­schaut. Ein Buch­sta­be nach dem ande­ren. Alles abge­blät­tert, jaja. Ent­schul­di­gen Sie, dass ich nicht frei reden kann. Aber es muss gesagt wer­den. Des­halb ler­nen, ler­nen und so wei­ter. Ich spre­che nun das Aus­wen­di­ge, denn inwen­dig ist nicht mehr viel vor­han­den. Auch der letz­te Rest soll nach drau­ßen. Des­halb sind Sie hier, oder etwa nicht? Wegen mei­ner Geschich­te und dem Dings, den ich Ihnen geben soll. Unbe­dingt her­ge­ben. Sehr herz­lich will­kom­men.

Haben Sie eine Ahnung, wie der zustän­di­ge Ober­arzt heißt? Sie haben kei­ne Ahnung. Ich wer­de es Ihnen ver­ra­ten: Herr Dr. Ohne, er heißt tat­säch­lich Dr. Ohne! Ist das nicht wahn­sin­nig lus­tig? Hihi­hihi, kommt aus mei­nem Mund­loch her­aus. Hören Sie es? Zuerst bohrt eine Droh­ne etwas in mich hin­ein und dann der Herr Dr. Ohne etwas aus mir her­aus. Hihi­hihi. Ein extrem lus­ti­ger Zufall, nicht? Das Leben ist sehr lus­tig. Ich lache über­aus ger­ne und viel. Wenn ich mich dar­an erin­ne­re, wie es geht. Unten ohne, so stel­le ich ihn mir vor, den Arzt, wenn er mit tie­fer Stim­me zu mir spricht. Damit sei­ne Sät­ze nicht ganz so ernst wir­ken, wis­sen Sie? Bestimmt hat er gro­ße Hoden. Solch eine tie­fe Stim­me. Extrem gro­ße Hoden muss er haben. Wie sie beim Gehen weit aus­schwin­gen. Hihi­hihi. Sei­ne Hoden, zwei Abriss­bir­nen: bal­ler bal­ler bal­ler bamm bamm bamm. Mensch sein heißt lachen kön­nen. Das habe ich gele­sen. Des­halb ver­su­che ich zu lachen. Obwohl es nicht mehr so gut geht. Sie hören es. Ist nicht so, wie es sein soll. Bin ein hal­ber Mensch. Ein biss­chen plemp­lem. Weil ich nur halb lachen kann, jaja. Das Lach­zen­trum, bestimmt wur­de es getrof­fen. Viel­leicht liegt das Lach­zen­trum im Zen­trum vom Sprach­zen­trum. Wenn das eine fut­schi­ka­to ist, dann ist das ande­re eben­so fut­schi­ka­to. Der Kater Kato geht in Fuji fut­schi­ka­to. Hihi­hihi. Sie lachen. Es ist ein Witz. Er ist sehr lus­tig. Ich habe ihn ein­stu­diert, extra für Sie, damit Sie lachen kön­nen. Sehr fein. Sie sind ein sehr fei­ner Mensch. Ich sehe das. Und Sie sind will­kom­men. Unfass­bar herz­lich.

Über mei­ne Frau muss erzählt wer­den. Ein­zig­ar­ti­ges Wesen. Trifft auf jeden Men­schen zu. Stimmt so nicht. Und über mei­ne Toch­ter muss erzählt wer­den. Lie­bes Kind. Ganz beson­ders toll. Trifft auf jedes Kind zu. Stimmt. Ich habe alles aus­wen­dig gelernt, aber ich bin auf­ge­regt. Des­halb sage ich es nicht kor­rekt. Beson­ders herz­lich. Nein dan­ke. Und ich ver­ges­se man­ches. Schon gut, schon gut. Es gesche­hen also Feh­ler beim Vor­sa­gen. Es ist kei­ne Vor­her­sa­ge, son­dern eine Nach­her­sa­ge. Es tut mir leid. Ich bin plemp­lem. Also die Toch­ter. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sie­ben … völ­lig falsch, es ist nur ein Kind. Eine Toch­ter und eine Frau. So ist das. Die Ange­hö­ri­gen kön­nen mit­ge­nom­men wer­den. Nach vier Dienst­jah­ren in Japan muss­ten wir wei­ter­zie­hen. Diplo­ma­ten­fa­mi­lie, Sie wis­sen Bescheid? Aber natür­lich. Sie sind ein fei­ner Mensch, Sie wis­sen so etwas. In der Fami­lie gibt es auch manch­mal bal­ler bal­ler bal­ler bamm bamm bamm. Nur nicht so arg. Also mit Wor­ten. Viel­leicht ist das schlim­mer. Nein, ist es nicht. Wir haben eine Dings, eine Dings gesucht, eine Pri­vat­schu­le für die Klei­ne aus­ge­sucht. Ich nen­ne kei­ne Namen. Alles bezahlt. Gut­gut. Geld spielt kei­ne Rol­le. Ich brau­che etwas, das nicht mit Geld bezahlt wer­den kann. Man kann es nicht kau­fen. Es fängt mit F wie Fuku­shi­ma an und hört mit E wie elen­di­ge Eck­schwei­ne auf. Es müss­te Dreck­schwei­ne hei­ßen. Ich weiß. Ich bin nicht plemp­lem, falls Sie das den­ken soll­ten. Aber das den­ken Sie nicht, gera­de Sie nicht. Sie sind ein fei­ner Mensch. Das spü­re ich. Mit gro­ßem Her­zen. Es ist sehr fein und sehr groß. Und äußerst herz­lich will­kom­men.

Dass Sie mich über­haupt fra­gen. Ich bin sehr trau­rig. Stimmt so nicht. Es heißt glück­lich. Stimmt. Denn auf eine Fra­ge kann eine Ant­wort gege­ben wer­den. Die Ant­wort, sie ist in mir drin­nen, aber wie soll ich sie her­aus­las­sen? Die­se eine Dings, die Dings, die­se Spe­zia­lis­tin hat gemeint Wer­ni­cke-Apha­sie, hat sie mir gesagt, das könn­te ich haben. Im Schlä­fen­lap­pen drin­nen. Ein ande­rer hat gemeint Bro­ca-Apha­sie. Denn die Sät­ze sind eher zu kurz als zu lang. Sie hören mich. Dies­mal jeden­falls Stirn­lap­pen. Bei­des lin­ke Gehirn­hälf­te. So ist das. Aber Herr Dr. Ohne behaup­tet, nein­nein, kei­ne der bei­den. Oder bei­de. Jeden­falls ein Spe­zi­al­fall. Man will kein Spe­zi­al­fall sein. Als Mensch spe­zi­ell, doch­doch, aber als Pati­ent? Schä­del-Hirn-Trau­ma, blöd gelau­fen, Pech gehabt, so ein Pech aber auch. Plemp­lem heißt das, nicht? Aber es ist bloß mei­ne Spra­che, die nicht spre­chen will. Das Den­ken selbst ist nicht betrof­fen, nein­nein. Ich kann den­ken. Das kann ich. Zum Glück, sagt Herr Dr. Ohne, habe ich kei­ne glo­ba­le Apha­sie. Da wäre dann nur noch dada im Schä­del. Nicht die Kunst­be­we­gung, son­dern das Wort, ver­steht sich von selbst. Dad­ada­da, sagen die glo­bal Betrof­fe­nen. Dad­ada­da. Und Dings sagen sie, immer­fort Dings, Dings, Dings: Ich habe irgend­wo das Dings ver­lo­ren, wo hast du denn das Dings im Dings hin­ge­legt und so wei­ter. Pein­lich. Weil denen die rich­ti­gen Dings nicht mehr ein­fal­len.

Apha­sie, haben Sie eine Ahnung, was das bedeu­tet? Über­setzt heißt es Sprach­ge­wit­ter. Stimmt so nicht. Es heißt Sprach­lo­sig­keit. Stimmt. Ich habe nach­ge­fragt, extra für Sie, zuerst nur für mich und dann nur für Sie. Herr Dr. Ohne sagt, ich soll mich nicht auf­re­gen. Aber ich will mich regen, will erregt sein, mich zuerst auf­rich­ten und dann auf­re­gen. Vor­her durf­te ich das nicht. Bei mei­ner beruf­li­chen Tätig­keit. Immer ruhig blei­ben, immer die Dings, die Dings, die Con­ten­an­ce wah­ren. Ich mag das Wort. Es ist mir geblie­ben. Vom Leben davor. Ist mein Job gewe­sen. Ruhe aus­zu­strah­len. Heu­te hin­ge­gen möch­te ich am liebs­ten aus der Haut fah­ren. Ent­schul­di­gen Sie mei­ne Empö­rung. Ich soll mich nicht, Sie wis­sen schon. Aber ich muss. Ich kann nicht davon berich­ten, ohne sie zu ver­lie­ren, die Dings, na, die­se Dings, die Con­ten­an­ce, ver­flucht noch mal! Ich muss sie ver­lie­ren, weil ich mich ver­lo­ren habe, und wenn nichts mehr da ist, ist alles bei Ihnen, auf­be­wahrt in ihrem Gerät, das mich auf­nimmt. Da bin ich dann drin­nen. Es nimmt mich ganz und voll­kom­men in sich auf. Und erst wenn es mich aus­schüt­tet, in die sozia­len Netz­wer­ke gießt, bin ich wie­der vor­han­den. Herz­li­chen Dada. Es heißt Dank. Ich weiß. Das war ein Witz. Hihi­hihi. Ich bin sehr lus­tig.

Also. Zuerst die gräss­li­che Geschich­te, dann der Daten­stick. Sie ste­hen auf gräss­li­che Geschich­ten, schät­ze ich Sie rich­tig ein? Sie müs­sen nicht den Kopf schüt­teln. Ich erken­ne die wah­re Wahr­heit, wenn ich sie erken­ne. Nun, ein­kau­fen sind wir gefah­ren. Die gan­ze Fami­lie. Die­ser eine Markt etwas außer­halb von Islam­abad. Er ist klein, aber dafür umso schö­ner. Bes­se­re Waren auch. Und nicht über­lau­fen. Jaja, ein nied­li­ches Dorf, Geheim­tipp von einer Freun­din. Darf ich Ihnen nicht nen­nen. Nur so viel, es liegt weit ab vom Schuss, obwohl es sich, wie sich spä­ter her­aus­stell­te, ganz genau exakt im Schuss befin­det. Gut im Schuss. Exak­ter Schuss von der Ato­mics MQ‑9 Droh­ne, Rea­per genannt, habe ich erfah­ren, nicht Raper, nein­nein, obwohl es genau­so gut pas­sen wür­de. Steht alles im Doku­ment. Sie wer­den es lesen. Alles am Stick gespei­chert. Die Hell­fi­re-Rake­te exakt abge­schos­sen, ihre Flug­bahn berech­net und doch unbe­re­chen­ba­res Höl­len­feu­er, ver­steht sich von selbst. Gesteu­ert von Über­see aus. Mili­tär­ba­sis in der Nähe von Las Vegas, mit­ten in der Wüs­te von Neva­da. Sie wis­sen das. Creech Air Force Base, so heißt sie. Und Ram­stein agiert als Relais­sta­ti­on, liegt in unse­rem schö­nen Nach­bar­land. Ich lang­wei­le Sie.

Ent­schul­di­gung. Ich hal­te Sie nicht für plemp­lem, falls Sie das den­ken soll­ten. Jeden­falls. Drü­ben sitzt jemand am Steu­er­knüp­pel. Kein Krüp­pel wie ich. Ein Sol­dat. Ein ech­ter Mensch. Sitzt in einem unschein­ba­ren Con­tai­ner. Tut nur sei­ne Pflicht. Und abge­seg­net vom Prä­si­den­ten. Alles abge­seg­net von oben her­ab. Alles total echt. Steht im Doku­ment, falls Sie mir nicht glau­ben. Sie wer­den es lesen. Der Befehl zu schie­ßen: bal­ler bal­ler bal­ler bamm bamm bamm. So hat es gemacht. Ganz, ganz laut in den Ohren. Drom­me­ten­rot in den Augen. Hand in Hand sind wir spa­ziert. Ich soll­te Namen nen­nen. Ich darf das. Vere­na links von mir, so heißt mei­ne Frau, und Marie, mei­ne Toch­ter, rechts von mir. Viel­leicht war es umge­kehrt. Nein­nein, war es nicht. Wie beschrie­ben ist es gewe­sen. Exakt genau so. Vere­na links, Marie rechts. Sicher­lich bestimmt. Neh­men Sie das alles auf? Gut­gut. Es ist wich­tig, weil es wich­tig ist. Bumm. So hat es dann gemacht. Bal­ler bal­ler bal­ler bamm bamm bamm, sehr sehr laut. Fun­ken­feu­er, Rauch und dre­cki­ger Dreck. Sind durch die Luft geflo­gen. Ich soll es nicht erzäh­len, sagt der Arzt, denn es regt mich anschei­nend auf. Aber ich muss. Weil der Staub und die Dings und das Geschrei. Das ver­gisst man nicht, auch wenn man danach ein ande­rer ist. Und die süßen Waren über­all ver­streut. Kann man nicht mehr ver­kau­fen, die Waren. Zer­fetzt. Völ­lig hin. Und da sehe ich, nicht weit von mir ent­fernt, auch ein Mensch zer­fetzt, völ­lig hin. Womög­lich das soge­nann­te Ziel­ob­jekt. Bestimmt ein Dings, ein Dings, ein Ter­ror­ver­däch­ti­ger. Oder kein Ver­däch­ti­ger, nein­nein, viel­leicht ein Ter­ro­rist. Fürs Mili­tär gibt es kei­nen Unter­schied. Anhand von Meta­da­ten wer­den Men­schen getö­tet. Die rech­nen sich das aus. Steht alles im Doku­ment. Eine Eins bedeu­tet über­le­ben, eine Null bedeu­tet … nun, Sie kön­nen es sich vor­stel­len. Ein Mensch kann auch ein Objekt sein, jaja, Ziel und Objekt in einem.

Muss wei­ter gesagt wer­den. Men­schen haben geschrien. Ande­re haben gehol­fen. Auch Erst­hel­fer wer­den bis­wei­len getö­tet, nein, ermor­det, das ist das rich­ti­ge Wort. Ein nach­fas­sen­der Angriff, so wird es genannt. Da bricht eine wei­te­re Rake­te durch die Wol­ken­de­cke. Kein Erbar­men. Rauch, Rauch, Rauch über­all. Und die­ser Gestank nach ver­brann­tem Fleisch. Doch die Hän­de habe ich gespürt. Links die Hand von Vere­na und rechts die Hand von Marie. Oder war es umge­kehrt? Nein­nein. So hören Sie doch zu! Ich habe Ihnen bereits gesagt, wie es gewe­sen ist, Sie ver­damm­tes … na, Sie wis­sen schon … nein­nein, bit­te ent­schul­di­gen Sie. Seit Neu­es­tem ver­lie­re ich manch­mal die … und das, obwohl ich … beson­ders extra leid. Es ist wegen der Auf­re­gung. Ich muss Ihnen nichts erklä­ren. Das Han­dy mei­ner Frau war seit dem Vor­tag kaputt. Und mei­nes ver­ges­se ich oben­drein zu Hau­se! Gera­de an die­sem Tag. Gera­de zu jener Stun­de. Kei­ne gute Idee. Zu spät sind wir drauf­ge­kom­men. Erst als Marie mit dem Dings spie­len woll­te. Aber wird schon nichts pas­sie­ren. Was soll denn groß­ar­tig pas­sie­ren? Wei­ter­fah­ren, hat Vere­na gesagt. Ein­fach wei­ter­fah­ren. Und dann auch noch ohne Chauf­feur unter­wegs zu sein. Stel­len Sie es sich vor! Wie dumm von uns. Schlech­ter Zufall. Das hät­te uns nicht zufal­len dür­fen. Kein GPS Signal. Fürs Mili­tär waren wir nicht län­ger ort­bar. Auf ihren ver­pi­xel­ten Bild­schir­men, wie unschein­ba­re Zivi­lis­ten haben wir aus­ge­se­hen, nein­nein, wir waren nicht unschein­bar, wert­los waren wir. Denn ich habe sie gespürt nach dem gan­zen Bamm-bal­ler-bal­ler-bamm-bal­ler-bal­ler-bamm-Bamm, die Hän­de, ich habe sie gespürt. Links die gro­ße Erwach­se­nen­hand, rechts die klei­ne Kin­der­hand. Die Leu­te rings­um haben geschrien und gejam­mert. Außer die, die tot waren, ver­steht sich von selbst. Und ich ganz ruhig. Oder der, der ich ein­mal gewe­sen. Vere­na und Marie auch ruhig. Alle sehr sehr ruhig. Immer die Dings, Sie wis­sen schon, die Dings wah­ren. Haben die bei­den sich von mir abge­schaut. Das mit der Dings. Und ich weiß es schon. Obwohl ich plemp­lem bin, völ­lig plemp­lem. Ich kapie­re schon, so ist das nicht. Dass die Hän­de so leicht sind. Genau genom­men ist es nur links leicht, rechts hin­ge­gen ziem­lich schwer, obwohl es umge­kehrt sein müss­te. Das kann doch nicht sein, den­ke ich mir. Und den­ke es nicht. Aber ich las­se sie mir nicht neh­men, mei­ne Fami­lie. Las­se ich nicht. Wür­den Sie las­sen? Nein­nein, wür­den Sie nicht. Denn Sie sind ein fei­ner Mensch. Sehr herz­lich will­kom­men und sehr fein.

Und nun, bit­te … bit­te machen Sie ein­fach, dass Sie es hoch­la­den. Neh­men Sie den Stick. Bit­te neh­men Sie ihn. Es sind die Daten eines Freun­des. Er ist vom Mili­tär. Mehr sage ich nicht. Kei­ne Namen. Ich ver­spre­che mich nicht. Das habe ich ihm ver­spro­chen. Bald weiß ohne­hin jeder, wer er ist, aber dann ist er nicht mehr hier, ist weit weg, längst über alle Dings. Und den Inhalt, ich habe ihn gese­hen. Das sage ich Ihnen. Vie­le Doku­men­te, groß­ar­ti­ge Zah­len. Alles, was Sie wis­sen müs­sen. Alles gespei­chert. Von etli­chen Angrif­fen, oben­drauf zu lesen in den Doku­men­ten. Hat er mir gesagt. Dass ich nur Kau­der­welsch ver­ste­he. Sie hin­ge­gen. Sie wer­den es ent­schlüs­seln. Das kön­nen Sie. Des­halb sind Sie hier, weil Sie es kön­nen. Und doch stöh­nen Sie. Ich höre es. Sie inter­es­sie­ren sich nicht für mein Gela­ber. Tun Sie nicht. Das sehe ich. Sie fin­den, mein Bla­bla muss nicht sein. Mei­ne Geschich­te, die brau­chen Sie gar nicht, habe ich recht? Sen­ti­men­ta­le Schei­ße. Soll­te ver­filmt wer­den, zu mehr taugt das nicht. Es geht Ihnen um die Doku­men­te. Des­halb hören Sie mir zu. Nur des­halb. Und ich mache Ihnen kei­nen Vor­wurf. Weil alles hoch­ge­la­den wer­den muss. Auf die­se Dings, die­se Platt­form. Auch wenn das Inter­net dem Mili­tär gehört. Das Schick­sal der Iro­nie, so sagt man doch, nicht wahr?

Und es stimmt schon. Ich bin nicht so wich­tig. Ich bin ja genau genom­men nicht ein­mal mehr da. Wegen den ande­ren muss es sein. Wegen all jenen, die noch laut auf­schrei­en wer­den oder lei­se stöh­nen. Und damit sind nicht die Ter­ro­ris­ten gemeint, nein­nein, ich spre­che von den Dings, von all den Unschul­di­gen, von den Zivi­lis­ten, den Frau­en und den Kin­dern, von den Kin­dern und den Kin­dern. Und dann spre­che ich noch von den Kin­dern und den Kin­dern. Und von den Kin­dern. Des­halb müs­sen es die Men­schen wis­sen. Alle müs­sen alles wis­sen. Da fra­ge ich mich schon, wie der Prä­si­dent das so macht. Gibt er ein Zei­chen mit dem Kopf? Ein leich­tes Nicken? Genügt das? Der Befehl wird wei­ter­ge­lei­tet und die Pilo­ten machen bamm bal­ler bal­ler bamm bal­ler bal­ler bamm bamm. Sie tun bekannt­lich nur ihre Pflicht. Sind nicht ver­ant­wort­lich. Es ist wie bei einem Video­spiel. Von dort wer­den die jun­gen Pilo­ten rekru­tiert. Kein Scherz. Obwohl ich sehr lus­tig bin. Hat man online genug Kills, dann mel­den sie sich bei dir. Bie­ten dir einen Job beim Mili­tär an. Mit viel Ehre fürs Vater­land und so wei­ter. Nach geta­ner Arbeit fah­ren die männ­li­chen Män­ner nach Hau­se zu ihren Fami­li­en. Unter­tags spie­len sie Krieg in einem Con­tai­ner und am Abend gehen sie gril­len. Nach­dem sie Men­schen gegrillt haben, da schmeckt das Steak beson­ders gut. Da fickt es sich am bes­ten. Zuerst mit der Hell­fi­re-Rake­te pene­trie­ren, dann mit der Penis­ra­ke­te. Außer man bekommt eine Orgas­mus­stö­rung. Stimmt so nicht. Es heißt Belas­tungs­stö­rung. Stimmt. Soll bei den bes­ten Sol­da­ten vor­kom­men. Schleicht sich von hin­ten an. Post­trau­ma­tisch. Und das bei all die­ser Geil­heit! Unter uns gesagt: Es ist nicht so, dass ich nicht auch geil wäre. Manch­mal sehr beson­ders sogar. Aber die net­te Frau Mli­nar, sie möch­te lie­ber nicht. Viel­leicht wegen des Spei­chels. Viel­leicht darf sie nicht. Es ist jam­mer­scha­de.

Der Prä­si­dent jeden­falls, muss er sei­ne Unter­schrift auf ein gehei­mes Doku­ment set­zen? Viel­leicht sagt er so etwas wie: In Ord­nung!, oder er sagt: Macht es!, oder: Es muss getan wer­den!, oder: Wer, wenn nicht wir?, oder: Ab mit dem Kopf! Natür­lich sagt er das alles auf Eng­lisch, ver­steht sich von selbst. Er hat ja nur wol­len, dass es gut aus­geht. Dass nur die getö­tet wer­den, die unbe­dingt getö­tet wer­den müs­sen: die bösen Men­schen. Und ich sage Ihnen. Sie kön­nen die Daten sooft aus­wer­ten wie Sie wol­len. Das kön­nen Sie. Das müs­sen Sie sogar. Aber die Zif­fern, sie haben nichts damit zu tun, nichts mit mir, nichts mit nie­man­dem. Und schon gar nichts mit dem Ster­ben. Wenn ein Leben aus­ge­drückt wird. So etwas kann nicht in Zah­len aus­ge­drückt wer­den. Eigent­lich nicht, nein. Kei­ne Zah­len vor­han­den für das Gekrei­sche und das Geplärr und das Leid und die Wut und die Trau­er und den Hass. Im Doku­ment nur zwei beschis­se­ne Ein­ser zu viel. Vere­na, das muss ich Ihnen sagen, sie ist kein böser Mensch, nicht böse gewe­sen. Auf mich manch­mal durch­aus, ja, aber ansons­ten lieb. Sehr lieb. Und Marie wäre kei­ne Dings, kei­ne Dings, na, kei­ne Scheiß­ter­ro­ris­tin gewor­den! Sicher­lich nicht. Sie nicken. Das ist nett. Aber man kann nie wis­sen, nicht wahr? Dass wir die ers­ten Euro­pä­er waren, die getrof­fen wur­den, unab­sicht­lich getrof­fen. Man hat sich bei mir ent­schul­digt. Natür­lich im Gehei­men. Nie­mand sonst weiß davon. Bis jetzt. Groß­ar­ti­ge Ent­schul­di­gung. Wie konn­te das nur und so wei­ter. Frucht­ba­rer Feh­ler. Stimmt so nicht. Furcht­ba­rer Feh­ler. Stimmt. Und dann plötz­lich die Fra­ge, war­um ich mich denn bit­te nicht rasiert hat­te. Das woll­te der Typ vom Mili­tär tat­säch­lich von mir wis­sen. Sicher­lich wäre so dem Pilo­ten auf­ge­fal­len, dass ich kei­ner von denen. Aber wo geho­belt wird, fal­len bekannt­lich Dings. Und wie dumm von mir, dass ich das Han­dy! Gera­de ich? Gera­de an die­sem Tag. Gera­de zu jener Stun­de. Bald stand das Wort Eigen­ver­schul­den im Raum. Das hät­te ich mir alles selbst ein­ge­brockt. Nun gehe es dar­um, still zu sein. Das ange­bo­te­ne Geld anzu­neh­men. Mich lei­se aus dem öffent­li­chen Leben zurück­zu­zie­hen. Die diplo­ma­ti­schen Bezie­hun­gen, die wirt­schaft­li­chen Ver­flech­tun­gen, das alles kön­ne man doch nicht aufs Spiel set­zen. Wozu vor zwölf Jah­ren mei­ne müh­sa­me Aus­bil­dung, wozu die Gefah­ren­zu­la­ge für Paki­stan, wenn ich nun nicht die Kraft hät­te, die Dings, die Dings, die Con­ten­an­ce zu wah­ren?

Ent­schul­di­gen Sie, aber da fra­ge ich mich schon, was Sie eigent­lich von mir wol­len. Ach ja, den Stick. Herz­lich will­kom­men. Und dass ich Ihnen berich­te von dem Vor­fall. Kön­nen wir gleich begin­nen? Kei­ne Zeit zu ver­lie­ren. Genug ver­lo­ren. Denn offi­zi­ell, so wol­len es die Befehls­ha­ber doch haben, so hät­ten sie es ger­ne, dass offi­zi­ell über­haupt nichts vor­ge­fal­len ist. Aber ich bin nicht deren Dings, sicher­lich nicht. Neh­men Sie das alles auf? Gut­gut. Dann wer­de ich nun schwei­gen. Stimmt so nicht. Es heißt spre­chen. Stimmt.

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Nor­bert Kröll, geb. 1981 in Vil­lach, lebt und arbei­tet in Wien und Möd­ling. Sprach­kunst-Stu­di­um an der Uni­ver­si­tät für ange­wand­te Kunst Wien. Mit­her­aus­ge­ber des Lite­ra­tur­ma­ga­zins JENNY #2 (De Gruy­ter). Forum Land Lite­ra­tur­preis 2017. Jubi­lä­ums­fonds-Sti­pen­di­at der Lite­rar-Mecha­na 2018. För­der­preis für Lite­ra­tur des Lan­des Kärn­ten 2018. Drit­ter Preis beim Feld­kir­cher Lyrik­preis 2019. Wie­ner Lite­ra­tur Sti­pen­di­um 2016 & 2020. Buch­prä­mie der Stadt Wien 2020 für Wer wir wären. Theo­dor-Kör­ner-Preis 2020. Ver­öf­fent­li­chun­gen in Lite­ra­tur-Zeit­schrif­ten und Antho­lo­gien (LICHTUNGEN, Die Ram­pe, etce­te­ra, DUM …) Der Debüt-Roman Sanf­ter Asphalt erschien 2017 im Löcker Ver­lag. Der Roman Wer wir wären erschien im März 2020 in der Edi­ti­on Ate­lier.

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 21. Mai 2021

Zuletzt geän­dert: 20. Mai 2021