Wo du wolle?

„Ich ver­such­te, mög­lichst unbe­darft zu schau­en und mein schöns­tes Armer-Leu­te-Kind-Gesicht auf­zu­set­zen, um ihm die Sache zu erleich­tern.“ Von Nor­bert Gst­rein.

Tu sei bian­co tu sei nero
tu sei qua­si jugo­sla­vo
– Gian­na Nan­ni­ni

Ich weiß nicht, ob sie in mir den Aus­län­der sahen. Es waren zwei Män­ner und eine Frau. Sie stan­den vor dem Ein­gang zur Ham­bur­ger Kul­tur­be­hör­de und rauch­ten. Ich soll­te dort meh­re­re Exem­pla­re mei­ner Bücher ablie­fern, zwölf ins­ge­samt, auf vier Pake­te ver­teilt. Dafür hat­te ich lau­ter gebrauch­te ama­zon-Ver­pa­ckun­gen ver­wen­det, und einer der drei Rau­chen­den trat mir jetzt in den Weg und frag­te, zu wem ich wol­le, er erwar­te von der Fir­ma eine Sen­dung. Damit deu­te­te er auf den ama­zon-Schrift­zug auf einem der Pake­te, und ich ertapp­te mich dabei, wie ich mich augen­blick­lich ver­hielt, als wäre ich tat­säch­lich der Aus­trä­ger. Ich ver­such­te, mög­lichst unbe­darft zu schau­en und mein schöns­tes Armer-Leu­te-Kind-Gesicht auf­zu­set­zen, um ihm die Sache zu erleich­tern. Zudem ließ ich die Schul­tern hän­gen, senk­te den Blick und bemüh­te mich sogar, ver­wa­schen undeut­lich zu spre­chen, als wäre mei­ne Mut­ter­spra­che ganz sicher nicht Deutsch. Doch der Mann hat­te sich schon ent­täuscht abge­wandt, und ich husch­te an ihm vor­bei ins Gebäu­de. Bis Weih­nach­ten waren es nur noch weni­ge Tage, wahr­schein­lich hat­te er auf die Geschen­ke für sei­ne Fami­lie gehofft, die er sich ins Amt brin­gen ließ, und ich wuss­te es zu schät­zen, dass er nicht auf die Idee kam, mich für einen Schrift­stel­ler zu hal­ten oder, viel schlim­mer, für einen rich­ti­gen Künst­ler mit Künst­ler­at­ti­tü­de, ein wenig ver­schmockt viel­leicht, wie es sich gehör­te, und Künst­ler­so­zi­al­ver­si­che­rung, das dro­hen­de Alter im Nacken, die nie­der­schmet­ternds­ten Bitt- und Bet­tel­gän­ge bei Ämtern und Behör­den noch vor mir.

Ein hal­bes Leben davor hat­te ich mir wäh­rend mei­nes Mathe­ma­tik­stu­di­ums in Inns­bruck eines Tages ein­ge­bil­det, ich müs­se für eine Zei­tung schrei­ben. Ich fackel­te nicht lan­ge und such­te die Adres­sen auf, die ich im Impres­sum der bei­den Blät­ter fand, die für mich in Fra­ge kamen. So hat­te ich es auch gemacht, als ich die Geschich­ten zur Publi­ka­ti­on anbie­ten woll­te, die ich im Som­mer nach der Matu­ra in einer Dach­kam­mer im Hotel mei­ner Eltern mit zwei Fin­gern in eine alte Olym­pia getippt hat­te. Sie waren auf dem Papier mei­nes Ski­leh­rer-Vaters geschrie­ben, am unte­ren Ende jedes Blat­tes ein etwa einen Zen­ti­me­ter brei­ter, roter Strei­fen mit der Wer­bung TYROLIA SKIBINDUNGEN, und ich hat­te damit die gan­ze Stadt abge­klap­pert, war von einer Dru­cke­rei zur ande­ren gegan­gen und über­all abge­wie­sen wor­den und irgend­wann, als mir die Ver­geb­lich­keit mei­ner Bemü­hun­gen all­mäh­lich ein­zu­leuch­ten begann, sin­ni­ger­wei­se auch bei einer TYROLIA DRUCKEREI und einem TYROLIA VERLAG gelan­det, die mir aber auch nicht hel­fen konn­ten.

Ich war also schon ein gebrann­tes Kind, aber mein Vor­stel­lig­wer­den bei den bei­den Zei­tun­gen brach­te mir im einen Fall einen Auf­trag ein, und tat­säch­lich war ich bereits am Tag dar­auf Gerichts­re­por­ter, zu einem Straf­pro­zess am Lan­des­ge­richt bestellt. Es ging um einen Ver­ge­wal­ti­gungs­ver­such, und es war eine trau­ri­ge Ange­le­gen­heit, ein unauf­hör­lich wei­nen­der Ange­klag­ter, kaum voll­jäh­rig, der eine jun­ge Frau von ihrem Fahr­rad gezerrt hat­te, der es zum Glück gelun­gen war, ihn durch ihr Schrei­en zu ver­scheu­chen, ein Gerichts­gut­ach­ter, der in Anwe­sen­heit des Delin­quen­ten über des­sen Per­sön­lich­keits­de­fi­zi­te und des­sen ein­ge­schränk­te Intel­li­genz refe­rier­te und ein­räu­men muss­te, dass er ihn alles in allem viel­leicht zwei Stun­den lang in Augen­schein genom­men hat­te, und ein Urteil, an das ich mich nicht mehr erin­ne­re. Ich schrieb einen klei­nen Bericht, schick­te ihn unter einem lächer­li­chen Pseud­onym an die Redak­ti­on und ließ nie wie­der etwas von mir hören, als er nicht abge­druckt wur­de.

Mein zwei­ter Anlauf zu einer Jour­na­lis­ten­kar­rie­re bei der ande­ren Zei­tung ende­te noch schnel­ler. Ich kam gar nicht über die Por­tiers­lo­ge hin­aus. Der Mann, der dort saß und dem ich kund­tat, ich wür­de gern für die Zei­tung arbei­ten, sah mich gar nicht an und ver­stand unter Arbei­ten jeden­falls nicht Schrei­ben. Er sag­te, er wis­se nicht, ob zur­zeit neue Aus­trä­ger ein­ge­stellt wür­den, „Kol­por­teu­re“ war das Wort, aber ich sol­le mich bei dem zustän­di­gen Herrn mel­den, womit er mir einen Namen und eine Tele­fon­num­mer gab. Auch da ver­such­te ich schon, einen Aus­druck in mein Gesicht zu legen, bei dem er gar nicht auf den Gedan­ken kom­men konn­te, ich könn­te etwas ande­res von ihm gewollt haben, soll­te er sich doch noch ent­schlie­ßen, sei­nen Blick zu heben, und mei­ne Träu­me, über die anste­hen­de Eis­ho­ckey-Welt­meis­ter­schaft zu berich­ten, über eine Miss-Wahl in Wien oder auch nur über die Ver­kehrs­un­fäl­le auf den hei­mi­schen Stra­ßen, kamen mir wie die größ­te Ver­stie­gen­heit vor.

Mei­ne Zuvor­kom­men­heit, immer mög­lichst zu ent­spre­chen, wenn mich jemand falsch ein­schätz­te, oder die Erwar­tun­gen lie­ber noch zu unter­lau­fen, als mich zu weh­ren, hat­te ich da nach mei­nen Hotel­jah­ren als Kind, in denen es eine Über­le­bens­stra­te­gie gewe­sen war, sein Ich am bes­ten aus­zu­lö­schen, längst beim Auto­stop­pen per­fek­tio­niert. Wenn die deut­schen Tou­ris­ten, die mich am Sams­tag­nach­mit­tag auf dem Weg vom Inter­nat nach Hau­se mit­nah­men, neu­gie­rig frag­ten, ob wir daheim einen Bau­ern­hof hät­ten, woll­te ich natür­lich auch ihre Welt nicht durch­ein­an­der­brin­gen, sag­te ja, obwohl es nicht stimm­te, beant­wor­te­te brav, wie vie­le Kühe und wie vie­le Schwei­ne wir hät­ten, und gab herz­zer­rei­ßen­de Geschich­ten von Franz, unse­rem Hund, und Mit­zi, unse­rer Kat­ze, zum Bes­ten. Ich sag­te nicht, dass ich aufs Gym­na­si­um ging, ich sag­te, ich gin­ge in die Land­wirt­schafts­schu­le, und mal­te ihnen Bil­der von einem schwe­ren Dasein aus, halb am Ver­hun­gern, halb aber auch im Him­mel und mit bei­den Hälf­ten tief im ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert. Manch­mal war ich drauf und dran, mein gan­zes Leben zuguns­ten einer vor­ge­stanz­ten Hei­mat- oder mei­net­we­gen auch Anti­hei­mat-Tris­tesse zu ver­ra­ten, die an ihren Rän­dern sogar für das Pit­to­res­ke taug­te, einen Schuss Roseg­ger, einen Schuss Wag­gerl und einen Schuss auch von den zeit­ge­nös­si­schen Roseg­ger-und-Wag­gerl-Nach­fah­ren, die das Land immer noch her­vor­brach­te und für gro­ße Auf­klä­rer hielt, solan­ge sie nur ein­mal links oder auch nur ver­meint­lich links gewen­det waren. Wenn es den Vor­stel­lun­gen der Gäs­te ent­sprach, zöger­te ich also auch nicht, aus mei­nem Vater einen bru­ta­len Sauf­kopf zu machen, der sei­ne Kin­der beim gerings­ten Anlass win­del­weich schlug, aus mei­ner Mut­ter eine fröm­meln­de Bet­schwes­ter und Herr­gotts­win­kel-Exis­tenz, die bei ihrem ewi­gen Ave Maria und ihren Per­le für Per­le abge­ar­bei­te­ten Rosen­krän­zen still vor sich hin ver­trock­ne­te.

Sooft mich einer frag­te: „Wohin du wol­len?“, oder gar: „Wo du wol­le?“, war es ein Ein­hei­mi­scher. Dann gab ich den Jugo­sla­wen, als den er mich ein­schätz­te, schau­te mit einem wil­den Par­ti­sa­nen-Blick aus dem Sei­ten­fens­ter und schaff­te es, so ver­stockt und ver­schlos­sen zu wir­ken, dass ich in der Regel ohne ein wei­te­res Wort durch­kam. Ich über­leg­te, ob ich schnell die Tür öff­nen und an einer Kreu­zung bei Rot aus dem Auto sprin­gen könn­te, wenn er viel­leicht doch noch fest­stell­te, dass ich ihn zum Nar­ren hielt und in Wirk­lich­keit genau der glei­che Tiro­ler Holz­kopf war wie er selbst. Am Ende blieb ich aber immer tap­fer sit­zen, und auch als mir nur ein paar Jah­re spä­ter in Ams­ter­dam der Fah­rer eines Wagens, kaum dass ich bei ihm ein­ge­stie­gen war, zwi­schen die Bei­ne fass­te und mir dabei sanft wie ein Pries­ter in die Augen sah, sprang ich nicht hin­aus, son­dern war höf­lich zu ihm, wie ich zuvor noch zu kei­nem Men­schen höf­lich gewe­sen war, um die pein­li­che Situa­ti­on mit Anstand hin­ter mich zu brin­gen, und mög­lichst ohne ihn über­haupt mer­ken zu las­sen, wie pein­lich sie war.

Aus der glei­chen Höf­lich­keit stieg ich, wie­der ein paar Jah­re spä­ter, an einem Sonn­tag­mor­gen im Lon­do­ner East End hin­ter einem Paki­sta­ni die enge Holz­trep­pe zu sei­nem Hin­ter­hof­zim­mer hin­auf. Wir waren auf der Stra­ße ins Reden gekom­men, er hat­te mich gefragt, ob ich mit ihm einen Kaf­fee trin­ken gin­ge, und als ich merk­te, dass er nicht auf einen Cof­fee Shop zusteu­er­te, war es schon zu spät. Ich woll­te nicht „so sein“ und ihn schon gar nicht falsch ver­däch­ti­gen, und des­halb fand ich mich in einem von Möbeln und Umzugs­kar­tons voll­ge­stell­ten halb­dunk­len Raum mit nur einem win­zi­gen Fens­ter auf einem löch­ri­gen Sofa wie­der, trank höf­lich sei­nen Tee, obwohl ich Angst hat­te, er könn­te mir etwas hin­ein­ge­tan haben, sag­te höf­lich ja und höf­lich nein und ent­schul­dig­te mich höf­lich, als er immer direk­ter und immer auf­dring­li­cher wur­de, mein Aus­wei­chen ins Unge­fäh­re und Harm­lo­se nicht mehr hin­neh­men woll­te und schließ­lich unum­wun­den frag­te, ob ich mir Sex auch mit einem Mann vor­stel­len kön­ne.

Lan­ge davor schon war ich in Stan­ford in einer Knei­pe namens Car­di­nal Sin gestan­den und hat­te das Glück gehabt, dass mich drei indi­sche Stu­den­tin­nen, die ich in einer ande­ren Zeit – oh weh! – womög­lich Gra­zi­en genannt hät­te, selbst für einen Paki­sta­ni gehal­ten hat­ten. Sie spra­chen mich nur des­we­gen an, so sag­ten sie zumin­dest, und wur­den mei­ne Freun­din­nen, mit denen ich in mei­nem ame­ri­ka­ni­schen Jahr vie­le Nach­mit­ta­ge und Aben­de ver­brach­te. Für eine von ihnen saß ich bei der Abschluss­fei­er als ihre Fami­li­en­ver­tre­tung im Foot­ball-Sta­di­on, und wo immer sie mich an die­sem Tag mit ihrer Robe, ihrem Barett und der stolz an ihre Brust gedrück­ten Urkun­de als ihren Cou­sin aus Bom­bay vor­stell­te, sah nie­mand einen Anlass, das in Zwei­fel zu zie­hen. Sie hieß Sohai­la, ich war ver­liebt in sie, und wenn sie mich gefragt hät­te, wäre ich ohne einen wei­te­ren Gedan­ken mit ihr nach Indi­en gegan­gen und für immer dort­ge­blie­ben, hät­te viel­leicht meh­re­re Kin­der und wür­de nicht schrei­ben, son­dern in einem fens­ter­lo­sen Kel­ler­zim­mer sit­zen und für eine Fir­ma in Ame­ri­ka Com­pu­ter pro­gram­mie­ren, was auch nicht unbe­dingt ein schlech­te­res Leben wäre.

Die drei Rau­chen­den vor dem Ein­gang zur Ham­bur­ger Kul­tur­be­hör­de lie­ßen es sich offen­sicht­lich wohl erge­hen und hat­ten schon mit ihren Weih­nachts­fe­ri­en begon­nen. Sie stan­den immer noch in der Son­ne, als ich die Pake­te abge­lie­fert hat­te, und freu­ten sich über das war­me Dezem­ber­wet­ter. Ich grüß­te sie mit einer ser­vi­len Ver­beu­gung, die wahr­schein­lich auch Robert Wal­ser oder eine von Robert Walsers Figu­ren an mei­ner Stel­le nicht bes­ser zustan­de gebracht hät­te. Sie grüß­ten in mir den Paket­bo­ten und Gehül­fen zurück, und mir fiel erst da wie­der ein, dass ich in der Woche davor auf dem Flug­ha­fen von Den­ver mei­nen eige­nen Faux­pas pro­vo­ziert hat­te. Dort hat­te sich die Luft­han­sa mit Aero­mé­xi­co den Check-in-Schal­ter geteilt, und ich hat­te zu der „mexi­ka­nisch aus­se­hen­den“ Frau, die mein Gepäck in Emp­fang nahm, scherz­haft gesagt, sie sol­le es bloß nicht nach Mexi­ko schi­cken. Im sel­ben Augen­blick konn­te ich in ihren Augen sehen, was mir unter­lau­fen war bezie­hungs­wei­se was ich da ange­stellt hat­te. Sie reagier­te mit der größ­ten Beflis­sen­heit, ver­si­cher­te mir, ich bräuch­te mich nicht zu sor­gen, und kehr­te ein Gesicht her­vor, wie ich es selbst so oft her­vor­ge­kehrt hat­te, um den ande­ren in einer ver­gleich­ba­ren Situa­ti­on die Scham zu erspa­ren. Ich ent­schul­dig­te mich, aber es war schon zu spät, und ich mach­te nichts bes­ser, als ich mein­te, sie sol­le mich nicht miss­ver­ste­hen, ich wür­de am liebs­ten selbst nach Mexi­ko flie­gen, und wo die Kof­fer lan­de­ten, sei mir herz­lich egal. Sie ließ mich reden und lächel­te nur, aber ihr Lächeln galt schon dem, der in der Rei­he hin­ter mir stand und mich in der nächs­ten Sekun­de aus ihrem Blick­feld und aus ihrem Leben schie­ben wür­de.

* * *

Nor­bert Gst­rein, gebo­ren 1961, lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Ham­burg. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er im Han­ser Ver­lag die Roma­ne Eine Ahnung vom Anfang (2013), In der frei­en Welt (2016) und Die kom­men­den Jah­re (2018).

Quel­le: VOLLTEXT 2/2018 – 16. Juli 2018

Online seit: 15. Novem­ber 2018

Online seit: 15. Novem­ber 2018

Zuletzt geän­dert: 12. Apr. 2019