Wo du wolle?

„Ich versuchte, möglichst unbedarft zu schauen und mein schönstes Armer-Leute-Kind-Gesicht aufzusetzen, um ihm die Sache zu erleichtern.“ Von Norbert Gstrein.

Online seit: 15. November 2018

Tu sei bianco tu sei nero
tu sei quasi jugoslavo
– Gianna Nannini

Ich weiß nicht, ob sie in mir den Ausländer sahen. Es waren zwei Männer und eine Frau. Sie standen vor dem Eingang zur Hamburger Kulturbehörde und rauchten. Ich sollte dort mehrere Exemplare meiner Bücher abliefern, zwölf insgesamt, auf vier Pakete verteilt. Dafür hatte ich lauter gebrauchte amazon-Verpackungen verwendet, und einer der drei Rauchenden trat mir jetzt in den Weg und fragte, zu wem ich wolle, er erwarte von der Firma eine Sendung. Damit deutete er auf den amazon-Schriftzug auf einem der Pakete, und ich ertappte mich dabei, wie ich mich augenblicklich verhielt, als wäre ich tatsächlich der Austräger. Ich versuchte, möglichst unbedarft zu schauen und mein schönstes Armer-Leute-Kind-Gesicht aufzusetzen, um ihm die Sache zu erleichtern. Zudem ließ ich die Schultern hängen, senkte den Blick und bemühte mich sogar, verwaschen undeutlich zu sprechen, als wäre meine Muttersprache ganz sicher nicht Deutsch. Doch der Mann hatte sich schon enttäuscht abgewandt, und ich huschte an ihm vorbei ins Gebäude. Bis Weihnachten waren es nur noch wenige Tage, wahrscheinlich hatte er auf die Geschenke für seine Familie gehofft, die er sich ins Amt bringen ließ, und ich wusste es zu schätzen, dass er nicht auf die Idee kam, mich für einen Schriftsteller zu halten oder, viel schlimmer, für einen richtigen Künstler mit Künstlerattitüde, ein wenig verschmockt vielleicht, wie es sich gehörte, und Künstlersozialversicherung, das drohende Alter im Nacken, die niederschmetterndsten Bitt- und Bettelgänge bei Ämtern und Behörden noch vor mir.

Ein halbes Leben davor hatte ich mir während meines Mathematikstudiums in Innsbruck eines Tages eingebildet, ich müsse für eine Zeitung schreiben. Ich fackelte nicht lange und suchte die Adressen auf, die ich im Impressum der beiden Blätter fand, die für mich in Frage kamen. So hatte ich es auch gemacht, als ich die Geschichten zur Publikation anbieten wollte, die ich im Sommer nach der Matura in einer Dachkammer im Hotel meiner Eltern mit zwei Fingern in eine alte Olympia getippt hatte. Sie waren auf dem Papier meines Skilehrer-Vaters geschrieben, am unteren Ende jedes Blattes ein etwa einen Zentimeter breiter, roter Streifen mit der Werbung TYROLIA SKIBINDUNGEN, und ich hatte damit die ganze Stadt abgeklappert, war von einer Druckerei zur anderen gegangen und überall abgewiesen worden und irgendwann, als mir die Vergeblichkeit meiner Bemühungen allmählich einzuleuchten begann, sinnigerweise auch bei einer TYROLIA DRUCKEREI und einem TYROLIA VERLAG gelandet, die mir aber auch nicht helfen konnten.

Ich war also schon ein gebranntes Kind, aber mein Vorstelligwerden bei den beiden Zeitungen brachte mir im einen Fall einen Auftrag ein, und tatsächlich war ich bereits am Tag darauf Gerichtsreporter, zu einem Strafprozess am Landesgericht bestellt. Es ging um einen Vergewaltigungsversuch, und es war eine traurige Angelegenheit, ein unaufhörlich weinender Angeklagter, kaum volljährig, der eine junge Frau von ihrem Fahrrad gezerrt hatte, der es zum Glück gelungen war, ihn durch ihr Schreien zu verscheuchen, ein Gerichtsgutachter, der in Anwesenheit des Delinquenten über dessen Persönlichkeitsdefizite und dessen eingeschränkte Intelligenz referierte und einräumen musste, dass er ihn alles in allem vielleicht zwei Stunden lang in Augenschein genommen hatte, und ein Urteil, an das ich mich nicht mehr erinnere. Ich schrieb einen kleinen Bericht, schickte ihn unter einem lächerlichen Pseudonym an die Redaktion und ließ nie wieder etwas von mir hören, als er nicht abgedruckt wurde.

Mein zweiter Anlauf zu einer Journalistenkarriere bei der anderen Zeitung endete noch schneller. Ich kam gar nicht über die Portiersloge hinaus. Der Mann, der dort saß und dem ich kundtat, ich würde gern für die Zeitung arbeiten, sah mich gar nicht an und verstand unter Arbeiten jedenfalls nicht Schreiben. Er sagte, er wisse nicht, ob zurzeit neue Austräger eingestellt würden, „Kolporteure“ war das Wort, aber ich solle mich bei dem zuständigen Herrn melden, womit er mir einen Namen und eine Telefonnummer gab. Auch da versuchte ich schon, einen Ausdruck in mein Gesicht zu legen, bei dem er gar nicht auf den Gedanken kommen konnte, ich könnte etwas anderes von ihm gewollt haben, sollte er sich doch noch entschließen, seinen Blick zu heben, und meine Träume, über die anstehende Eishockey-Weltmeisterschaft zu berichten, über eine Miss-Wahl in Wien oder auch nur über die Verkehrsunfälle auf den heimischen Straßen, kamen mir wie die größte Verstiegenheit vor.

Meine Zuvorkommenheit, immer möglichst zu entsprechen, wenn mich jemand falsch einschätzte, oder die Erwartungen lieber noch zu unterlaufen, als mich zu wehren, hatte ich da nach meinen Hoteljahren als Kind, in denen es eine Überlebensstrategie gewesen war, sein Ich am besten auszulöschen, längst beim Autostoppen perfektioniert. Wenn die deutschen Touristen, die mich am Samstagnachmittag auf dem Weg vom Internat nach Hause mitnahmen, neugierig fragten, ob wir daheim einen Bauernhof hätten, wollte ich natürlich auch ihre Welt nicht durcheinanderbringen, sagte ja, obwohl es nicht stimmte, beantwortete brav, wie viele Kühe und wie viele Schweine wir hätten, und gab herzzerreißende Geschichten von Franz, unserem Hund, und Mitzi, unserer Katze, zum Besten. Ich sagte nicht, dass ich aufs Gymnasium ging, ich sagte, ich ginge in die Landwirtschaftsschule, und malte ihnen Bilder von einem schweren Dasein aus, halb am Verhungern, halb aber auch im Himmel und mit beiden Hälften tief im vergangenen Jahrhundert. Manchmal war ich drauf und dran, mein ganzes Leben zugunsten einer vorgestanzten Heimat- oder meinetwegen auch Antiheimat-Tristesse zu verraten, die an ihren Rändern sogar für das Pittoreske taugte, einen Schuss Rosegger, einen Schuss Waggerl und einen Schuss auch von den zeitgenössischen Rosegger-und-Waggerl-Nachfahren, die das Land immer noch hervorbrachte und für große Aufklärer hielt, solange sie nur einmal links oder auch nur vermeintlich links gewendet waren. Wenn es den Vorstellungen der Gäste entsprach, zögerte ich also auch nicht, aus meinem Vater einen brutalen Saufkopf zu machen, der seine Kinder beim geringsten Anlass windelweich schlug, aus meiner Mutter eine frömmelnde Betschwester und Herrgottswinkel-Existenz, die bei ihrem ewigen Ave Maria und ihren Perle für Perle abgearbeiteten Rosenkränzen still vor sich hin vertrocknete.

Sooft mich einer fragte: „Wohin du wollen?“, oder gar: „Wo du wolle?“, war es ein Einheimischer. Dann gab ich den Jugoslawen, als den er mich einschätzte, schaute mit einem wilden Partisanen-Blick aus dem Seitenfenster und schaffte es, so verstockt und verschlossen zu wirken, dass ich in der Regel ohne ein weiteres Wort durchkam. Ich überlegte, ob ich schnell die Tür öffnen und an einer Kreuzung bei Rot aus dem Auto springen könnte, wenn er vielleicht doch noch feststellte, dass ich ihn zum Narren hielt und in Wirklichkeit genau der gleiche Tiroler Holzkopf war wie er selbst. Am Ende blieb ich aber immer tapfer sitzen, und auch als mir nur ein paar Jahre später in Amsterdam der Fahrer eines Wagens, kaum dass ich bei ihm eingestiegen war, zwischen die Beine fasste und mir dabei sanft wie ein Priester in die Augen sah, sprang ich nicht hinaus, sondern war höflich zu ihm, wie ich zuvor noch zu keinem Menschen höflich gewesen war, um die peinliche Situation mit Anstand hinter mich zu bringen, und möglichst ohne ihn überhaupt merken zu lassen, wie peinlich sie war.

Aus der gleichen Höflichkeit stieg ich, wieder ein paar Jahre später, an einem Sonntagmorgen im Londoner East End hinter einem Pakistani die enge Holztreppe zu seinem Hinterhofzimmer hinauf. Wir waren auf der Straße ins Reden gekommen, er hatte mich gefragt, ob ich mit ihm einen Kaffee trinken ginge, und als ich merkte, dass er nicht auf einen Coffee Shop zusteuerte, war es schon zu spät. Ich wollte nicht „so sein“ und ihn schon gar nicht falsch verdächtigen, und deshalb fand ich mich in einem von Möbeln und Umzugskartons vollgestellten halbdunklen Raum mit nur einem winzigen Fenster auf einem löchrigen Sofa wieder, trank höflich seinen Tee, obwohl ich Angst hatte, er könnte mir etwas hineingetan haben, sagte höflich ja und höflich nein und entschuldigte mich höflich, als er immer direkter und immer aufdringlicher wurde, mein Ausweichen ins Ungefähre und Harmlose nicht mehr hinnehmen wollte und schließlich unumwunden fragte, ob ich mir Sex auch mit einem Mann vorstellen könne.

Lange davor schon war ich in Stanford in einer Kneipe namens Cardinal Sin gestanden und hatte das Glück gehabt, dass mich drei indische Studentinnen, die ich in einer anderen Zeit – oh weh! – womöglich Grazien genannt hätte, selbst für einen Pakistani gehalten hatten. Sie sprachen mich nur deswegen an, so sagten sie zumindest, und wurden meine Freundinnen, mit denen ich in meinem amerikanischen Jahr viele Nachmittage und Abende verbrachte. Für eine von ihnen saß ich bei der Abschlussfeier als ihre Familienvertretung im Football-Stadion, und wo immer sie mich an diesem Tag mit ihrer Robe, ihrem Barett und der stolz an ihre Brust gedrückten Urkunde als ihren Cousin aus Bombay vorstellte, sah niemand einen Anlass, das in Zweifel zu ziehen. Sie hieß Sohaila, ich war verliebt in sie, und wenn sie mich gefragt hätte, wäre ich ohne einen weiteren Gedanken mit ihr nach Indien gegangen und für immer dortgeblieben, hätte vielleicht mehrere Kinder und würde nicht schreiben, sondern in einem fensterlosen Kellerzimmer sitzen und für eine Firma in Amerika Computer programmieren, was auch nicht unbedingt ein schlechteres Leben wäre.

Die drei Rauchenden vor dem Eingang zur Hamburger Kulturbehörde ließen es sich offensichtlich wohl ergehen und hatten schon mit ihren Weihnachtsferien begonnen. Sie standen immer noch in der Sonne, als ich die Pakete abgeliefert hatte, und freuten sich über das warme Dezemberwetter. Ich grüßte sie mit einer servilen Verbeugung, die wahrscheinlich auch Robert Walser oder eine von Robert Walsers Figuren an meiner Stelle nicht besser zustande gebracht hätte. Sie grüßten in mir den Paketboten und Gehülfen zurück, und mir fiel erst da wieder ein, dass ich in der Woche davor auf dem Flughafen von Denver meinen eigenen Fauxpas provoziert hatte. Dort hatte sich die Lufthansa mit Aeroméxico den Check-in-Schalter geteilt, und ich hatte zu der „mexikanisch aussehenden“ Frau, die mein Gepäck in Empfang nahm, scherzhaft gesagt, sie solle es bloß nicht nach Mexiko schicken. Im selben Augenblick konnte ich in ihren Augen sehen, was mir unterlaufen war beziehungsweise was ich da angestellt hatte. Sie reagierte mit der größten Beflissenheit, versicherte mir, ich bräuchte mich nicht zu sorgen, und kehrte ein Gesicht hervor, wie ich es selbst so oft hervorgekehrt hatte, um den anderen in einer vergleichbaren Situation die Scham zu ersparen. Ich entschuldigte mich, aber es war schon zu spät, und ich machte nichts besser, als ich meinte, sie solle mich nicht missverstehen, ich würde am liebsten selbst nach Mexiko fliegen, und wo die Koffer landeten, sei mir herzlich egal. Sie ließ mich reden und lächelte nur, aber ihr Lächeln galt schon dem, der in der Reihe hinter mir stand und mich in der nächsten Sekunde aus ihrem Blickfeld und aus ihrem Leben schieben würde.

Norbert Gstrein, geboren 1961, lebt als freier Schriftsteller in Hamburg. Zuletzt veröffentlichte er im Hanser Verlag die Romane Eine Ahnung vom Anfang (2013), In der freien Welt (2016) und Die kommenden Jahre (2018).

Quelle: VOLLTEXT 2/2018 (16. Juli 2018)

Online seit: 15. November 2018