Vitrinen des Grauens

Nor­bert Gst­reins Kolum­ne „Wri­ter at Lar­ge“.

Wenn ich doch nur schon eine Toten­mas­ke von mir hät­te, die ich her­ge­ben könn­te für die­se Vitri­nen des Grau­ens, die sie in Leip­zig auf­zu­stel­len geden­ken aus Anlass des soge­nann­ten Buch­mes­sen­schwer­punkts dort, wie sie vor Jah­ren in Frank­furt aus dem glei­chen Anlass ähn­li­che Vitri­nen auf­ge­stellt haben, und für die ich auf Ein­la­dung des Wie­ner Lite­ra­tur­mu­se­ums etwas bei­steu­ern soll, einen Gegen­stand, der was auch immer über mich aus­sagt oder not­dürf­tig ver­schlei­ert, dass er gar nichts über mich aus­sa­gen kann, pathe­tisch, wit­zig und pein­lich zugleich wie die­se Zei­len
.…..wenn ich Duell­pis­to­len vor­wei­sen könn­te, bereits ver­wen­de­te oder noch zu ver­wen­den­de in den kom­men­den Feh­den
.…..oder mei­net­we­gen einen Säbel
.…..oder wenn ich wenigs­tens wüss­te, wo die Bliz­zard Fire­bird geblie­ben sind, allein schon ihres Namens wegen, auf denen ich vor einem hal­ben Leben bei einem sagen­um­wo­be­nen Nebel­ren­nen, bei dem angeb­lich nur ich kla­re Sicht gehabt habe, Ski­club-Meis­ter in mei­nem Hei­mat­dorf gewor­den bin
.…..oder der Tisch­ten­nis­schlä­ger, mit dem ich als Schü­ler in der Feu­er­wehr­hal­le, in der wir trai­niert haben, die Geg­ner rei­hen­wei­se an die Wand gespielt habe
.…..die Fünf-Mark-Mün­ze mit dem Bild­nis von Gauß, die ich als Vier­zehn- oder Fünf­zehn­jäh­ri­ger ein paar Wochen lang offen über der Brust getra­gen habe
.…..prin­ceps mathe­ma­ti­corum
.…..Suz­a­nas jugo­sla­wi­scher Pass
.…..die Erst­aus­ga­be von Heming­ways A Fare­well to Arms
.…..Geschenk einer kali­for­ni­schen Unfall­chir­ur­gin
.…..das Edel­weiß­ab­zei­chen des staat­lich geprüf­ten Ski­leh­rers mit dem Namen mei­nes Vaters, der auch mein Name ist
.…..Eis­pi­ckel und Seil mei­nes Groß­va­ters
.…..die Bru­nel­len, die ich mei­ner Groß­mutter gepflückt habe
.…..die Zieh­or­gel mei­nes Onkels Jakob
.…..wenn ich nur wüss­te, wo all das geblie­ben ist, auf wel­chen Abfall­hal­den, in wel­chen Lager­hal­len, Bana­nen­schach­teln und Kar­tons, in wel­chen Par­al­lel­wel­ten mei­ner Umzü­ge
.…..The Solace of Open Spaces
.…..Melit­ta Brez­nik
.…..I once was mar­ried to her
.…..but we didn’t tell
.…..we went down to City Hall
.…..in San Fran­cis­co
.…..whe­re it was done in half an hour
.…..and the year was 1991
.…..und ach, auch Paul Nizon samt sei­nem „Ver­rat“
.…..mit und ohne Anfüh­rungs­zei­chen
.…..Ver­rat am Leben
.…..Ver­rat an der Welt
.…..très fran­çais et un peu …
.…..com­ment dites-vous ?
.…..un peu …
.…..das signier­te Exem­plar von Clau­de Simons Die Aka­zie
.…..au con­trai­re
.…..die signier­ten Exem­pla­re von Antó­nio Lobo Antu­nes’ Mein Name ist Legi­on und Was werd ich tun, wenn alles brennt?
.…..die lee­re Whis­key­fla­sche, die ich eines Abends von Faul­k­ners Grab in Oxford, Mis­sis­sip­pi, habe mit­ge­hen las­sen und am Mor­gen dar­auf reu­mü­tig wie­der zu den ande­ren lee­ren Fla­schen gestellt habe
.…..ein ver­hee­ren­des Sym­bol
.…..mein ers­tes Bücher­re­gal, kei­nen Meter lang, direkt über mei­nem Bett
.…..als das Kind noch Kind war und nicht wuss­te, dass es Kind war
.…..wie der Dich­ter sagt
.…..die Fotos, die ich von Suz­a­na in der Abend­son­ne auf den Fel­sen am Strand von Mali Lošinj gemacht habe
.…..ihre Augen
.…..der Schnapp­schuss von mir als Fünf­jäh­ri­gem mit Schnitt­lauch­fri­sur, abste­hen­den Ohren und einem Lachen, das trotz des einen schwar­zen Schnei­de­zahns ein Lachen wie nur je eines war
.…..ja, wenn ich nur wüss­te, wo
.…..die Schreib­ma­schi­ne, die ein ame­ri­ka­ni­scher Gast im Hotel mei­ner Eltern ver­ges­sen hat und die ich nach Ame­ri­ka zurück­ge­bracht habe, um dort auf ihr mein ers­tes Buch zu schrei­ben
.…..alles ver­schol­len, alles ver­lo­ren
.…..genau­so wie der wei­ße Ted­dy­bär, den ich auf dem Foto im Arm hal­te, auf dem mei­ne Mut­ter mich im Arm hält
.…..die Cow­boy­stie­fel aus Schlan­gen­le­der von Jil San­der, spitz wie Sti­let­te, die Suz­a­na mir von einem Res­te­ver­kauf mit­ge­bracht hat und die ich nach ein­ma­li­gem Tra­gen zu einem Spott­preis auf dem Floh­markt an den letz­ten deut­schen Wes­tern­hel­den oder Karl-May-Leser ver­kauft habe, obwohl ich spä­ter in Texas oder New Mexi­co mit ihnen sicher gro­ße Auf­trit­te hät­te haben kön­nen
.…..die Woll­so­cken, auf denen ich als Ver­mes­sungs­ge­hil­fe über das nack­te Glet­scher­eis gegan­gen oder eher wohl gewan­delt bin, wenn es mir für mei­ne Turn­schu­he zu glatt wur­de
.…..die adi­das, eines der vie­len Paa­re, immer die glei­chen, weiß mit blau­en Strei­fen, mit denen ich sonst mit mei­nen Brü­dern und Cou­sins vie­le Nach­mit­ta­ge lang Fuß­ball gespielt habe und bei denen sich immer der ers­te Strei­fen auf der rech­ten Sei­te bald schon abzu­lö­sen begann
.…..alles nicht mehr zu haben
.…..und ja
.…..jetzt müss­te der Kirsch­baum blü­hen
.…..und der Schnee sich ver­zie­hen
.…..auch die Kir­schen nicht, die mein Vater jedes Jahr in der Kir­schen­zeit gekauft hat, als wäre das allen ande­ren ver­wehrt und es brauch­te einen wie ihn, es brauch­te sei­ne gan­ze Raf­fi­nes­se, um etwas so Unglaub­li­ches zustan­de zu brin­gen wie Kir­schen zu kau­fen und sich dar­über auch noch zu freu­en
.…..mei­ne ers­ten Schul­hef­te mit den Zeich­nun­gen mei­ner Mut­ter
.…..der Schutz­en­gel, den sie mir bei der Tau­fe umge­hängt haben
.…..vier­zehn­ka­rä­ti­ges Gold
.…..das Tage­buch, das ich vor mei­nem ers­ten Flug nach Ame­ri­ka ver­brannt habe, aus Angst, ich könn­te abstür­zen und jemand es fin­den und lesen
.…..mein Kapu­zen­pull­over mit der Auf­schrift STANFORD, den mir mei­ne indi­sche Freun­din zum Abschied von dort geschenkt hat
.…..der Ško­da Octa­via, mit dem ich zu so vie­len Lesun­gen gefah­ren bin und immer und grund­sätz­lich zu noch nacht­schla­fe­ner Zeit von den Lesun­gen wie von einem Tat­ort wie­der weg, mein Dienst­wa­gen, der mehr ein Flucht­fahr­zeug war und bei dem beim Kilo­me­ter­stand von 370.000 zuerst die Kupp­lung und dann die Zylin­der­kopf­dich­tung „gegan­gen“ ist
.…..zwi­schen einem Lite­ra­tur­haus und dem ande­ren
.…..vor manch­mal fünf Besu­chern
.…..neun­mal um die Erde
.…..er wür­de sich als Schau­stück sicher präch­tig machen
.…..oder als Mahn­mal
.…..für die plötz­li­chen Panik­at­ta­cken
.…..oder das Kli­ma
.…..Schweiß­aus­brü­che auf der Auto­bahn
.…..der Ško­da mit der im Kin­der­gar­ten gebas­tel­ten, bun­ten und in der Son­ne grau ver­welk­ten Blu­me mei­ner Toch­ter auf dem Arma­tu­ren­brett
.…..aber es ist nichts mehr davon da
.…..nichts, gar nichts
.…..und weil mit gebrauch­ten Kon­do­men, gekau­ten Kau­gum­mis oder viel­leicht gar mit etwas nur halb Ver­dau­tem nie­mand eine Freu­de hät­te
.…..es sei denn, es könn­te einer bewei­sen, es hand­le sich um das geplatz­te Kon­dom sei­ner Eltern, des­sen exis­ten­ti­el­le Fol­ge und Lebens­witz und Unglück für die Welt er selbst ist
.…..bleibt mir nur eine Haar­lo­cke aus der Zeit, als ich noch Locken hat­te oder zumin­dest Haar
.…..blei­ben vier oder fünf schnell hin­ge­wor­fe­ne Zei­len, die ich Gedicht nen­ne oder eben gera­de nicht Gedicht, wenn sich das mehr schickt
.…..mei­ne Schnaps­glä­ser mit dem Tiro­ler Adler
.…..ein paar Ziga­ret­ten­kip­pen mit falsch appli­zier­ten Lip­pen­stift­spu­ren, die mich zum Ver­däch­ti­gen machen
.…..(im Jagd­schloss des Prin­zen, der ein Drei­zehn­ter unter den Hein­ri­chen war und den Staat zer­schla­gen woll­te, wur­de neben des­sen rus­si­scher Freun­din ein gewis­ser Nor­bert G. fest­ge­nom­men, lese ich in der Zei­tung, und dass es nicht ich war, ist eine Behaup­tung)
.…..bleibt ein Mar­me­la­den­glas mit abge­kie­fel­ten Blei­stift­stum­meln als Beweis mei­nes unbe­ding­ten Glau­bens an die Nach­welt
.…..oder Ewig­keit
.…..an das Ver­schwin­den von allem
.…..bleibt der mili­tär­graue Kawe­co Sport, leicht in der Hand, mit dem ich dies schrei­be
.…..bleibt der gewich­ti­ge Graf von Faber-Cas­tell aus Per­nam­buk­holz und Sil­ber mit der Gra­vur „Dr. Sieg­fried Unseld, 1. Juli 2000“ auf sei­ner Kap­pe, den mir Ulla Ber­ké­wicz geschenkt hat, als wir noch on spea­king terms waren, und mit dem ich jetzt groß­mäch­tig und halb oder eher wohl drei Vier­tel iro­nisch, ein Vier­tel ernst, wie es sich für eine sol­che Tätig­keit gehört, mei­ne Bücher signie­re, ohne je zu wis­sen, ob das ein Segen ist oder ob ich damit einen Fluch auf mich zie­he, der für alle Zukunft mein Ver­der­ben bringt oder womög­lich, Tod und Teu­fel, längst schon gebracht hat
.…..bleibt die Mög­lich­keit, dass ich mich mit einer Ver­beu­gung vor Mari­na Abra­mo­wić selbst in eine die­ser Vitri­nen set­ze und gegen Bezah­lung eines klei­nen Obo­lus für die ohne Zwei­fel zahl­rei­chen, ja, mas­sen­haft erwar­te­ten Besu­cher der Aus­stel­lung wahl­wei­se ein Kell­ner- oder Haus­meis­ter­lä­cheln oder das eines Kunst­kom­mis­si­ons­prä­si­den­ten mit sei­nen klein­ka­rier­ten Win­kel­zü­gen in mein Gesicht zau­be­re, was am Ende auf ein und das­sel­be hin­aus­läuft, und die Natio­nal­hym­ne sin­ge, die öster­rei­chi­sche oder auf Wunsch auch jede ande­re, oder allen zu erklä­ren ver­su­che, war­um die­se Vitri­nen eine sol­che Angst in mir aus­lö­sen und dass die­se Vitri­nen­angst nichts ande­res als Todes­angst ist, Ver­nich­tungs- und Selbst­ver­nich­tungs­angst, und sich nur ein wirk­lich Unsterb­li­cher davon frei­ma­chen kann, ein musen­ge­küss­tes Ori­gi­nal­ge­nie, wie es sie in unse­rem Land, ob selbst­er­nannt oder amt­lich ver­fügt, zu Tau­sen­den und Aber­tau­sen­den gibt.

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Nor­bert Gst­rein, gebo­ren 1961, lebt als Schrift­stel­ler in Ham­burg. Zuletzt erschie­nen die Roma­ne Als ich jung war (Han­ser, 2019), Der zwei­te Jakob (Han­ser, 2021) und Vier Tage, drei Näch­te (Han­ser, 2022).

Online seit: 2. März 2023

Zuletzt geän­dert: 6. März 2023