Verdammte Scheiße, wo ist Inga?

Nobert Gst­reins Kolum­ne „Wri­ter at Lar­ge“.

Über Deutsch­land ist wie­der ein­mal der Sturm einer Lite­ra­tur­de­bat­te hin­weg­ge­gan­gen. Und jetzt? Das pas­siert alle paar Jah­re und ist nichts Beson­de­res. Wer erin­nert sich noch an das Mani­fest von Mat­thi­as Poli­ty­cki, Mar­tin R. Dean, Tho­mas Hett­che und Wer-war-der-Vier­te? Wor­um ging es da eigent­lich, wenn nicht um ein schlich­tes „Jetzt sind end­lich wir dran, Gün­ter Grass und Mar­tin Wal­ser ab in die Ren­te?“ War es Rele­vanz? Und wo sind die Roma­ne, die sie beglau­bi­gen wür­den? Spä­tes­tens mit dem Auf­tritt von Maxim Bil­ler ist dann immer Ruhe im Was­ser­glas, weil der den Deut­schen wie­der ein­mal die ewi­ge Wahr­heit hin­ein­geigt, dass sie Deut­sche sind und immer Deut­sche blei­ben wer­den, sprich Nazis, Kin­der und Enkel von Nazis, also Nazis zum Qua­drat, die sich immer noch unter­ein­an­der die Beu­te auf­tei­len. Dafür will er als „auf­rüh­re­ri­scher Jude“ geliebt und gehasst wer­den, und natür­lich tut man ihm auch den Gefal­len, ich ver­mu­te, er bekommt bei­des in reich­li­chem Maß. Dabei hat das Dani­el Gold­ha­gen einst auch nicht viel schlech­ter gesagt. Wir Öster­rei­cher sind in der Nach-Tho­mas-Bern­hard-Zeit in die­ser Bezich­ti­gung und Selbst­be­zich­ti­gung gründ­lich geschult und brau­chen schon ande­re Ban­da­gen, um davon noch beein­druckt zu wer­den. Das Deut­sche – um sein Lieb­lings­schimpf­wort zu ver­wen­den – an Maxim Bil­ler ist, dass er kei­ne Gefan­ge­nen macht und das Gelän­de gründ­lich pla­niert. Ohne Zwei­fel ist wie­der ein­mal ein neu­er Roman von ihm im Anzug, und er schafft sich Raum dafür. Mein Gott, war­um nicht? Man kann so und anders agie­ren. So hat er es schon im Jahr 2000 gehal­ten, als er Schrift­stel­ler­freun­de und ‑fein­de nach Tutz­ing ein­be­stellt hat, um ihnen dort vom Kathe­der ganz schön deutsch die Levi­ten zu lesen, was für Schwäch­lin­ge und Ver­sa­ger sie doch sei­en: „Auch du, mein Freund Rai­nald!“ Das Vor­bild für die­se Art Auf­tritt ist der jun­ge Peter Hand­ke in Prince­ton 1966, der dort den ver­sam­mel­ten „Grup­pe-47-Gran­den“ sehr lei­se und sehr schüch­tern Beschrei­bungs­im­po­tenz vor­ge­wor­fen hat. Neben ihm nimmt sich Maxim Bil­ler aller­dings wie ein Trieb- und Seri­en-Bes­ser­wis­ser aus, und man wird bei ihm den Ein­druck nicht los, er habe wenig Ahnung von dem, was er da wie­der ein­mal pau­schal kurz und klein schlägt.Zitat Norbert GstreinEhr­lich gesagt, habe ich aber schon Schlim­me­res erlebt. Ich habe mit dem „bedeu­tends­ten deutsch­spra­chi­gen Schrift­stel­ler in Frank­reich“ vie­le Aben­de in Paris ver­bracht und mit dem „bedeu­tends­ten deutsch­spra­chi­gen Schrift­stel­ler in Ita­li­en“ vie­le Nach­mit­ta­ge auf sei­nem Hof in der ita­lie­ni­schen Pro­vinz Alto Adi­ge und kann Lie­der davon sin­gen, wie es ist, wenn es unser­ei­nen über­kommt. Einer­seits tra­gisch natür­lich, die ewi­ge Ver­kannt­heit im viel zu gro­ßen Rest der Welt, ande­rer­seits aber meis­tens auch lus­tig nach der vier­ten oder fünf­ten Fla­sche Wein, meis­tens eine benig­ne Aus­prä­gung des Wahns, des­sen lan­ge gras­sie­ren­de Form die gute alte „Welt­be­rühmt­heit in Wien“ war. Maxim Bil­ler, glau­be ich im Klap­pen­text von einem sei­ner Bücher gele­sen zu haben, ist der „ein­zi­ge deutsch­spra­chi­ge Schrift­stel­ler, des­sen Geschich­ten im New Yor­ker erschie­nen sind“. Ich bestrei­te das nicht, aber man kann das Aus­maß des Abgrunds, der sich da auf­tut, erst ermes­sen, wenn man das in die Ich-Per­spek­ti­ve über­trägt und sich dazu die schreck­ge­wei­te­ten Augen einer Frau vor­stellt, die das nicht nur hun­dert­mal oder tau­send­mal, son­dern ihr gan­zes Leben lang zu hören bekommt: „Ich bin der bedeu­tends­te deutsch­spra­chi­ge Schrift­stel­ler in Frank­reich. Ich bin der bedeu­tends­te deutsch­spra­chi­ge Schrift­stel­ler in Ita­li­en. Ich bin der ein­zi­ge deutsch­spra­chi­ge Schrift­stel­ler, des­sen Geschich­ten im New Yor­ker erschie­nen sind.“

Der Bedeu­tends­te und doch nicht bedeu­tend – in Zei­ten wie die­sen –, viel­leicht ist das der Aus­gang vie­ler die­ser Debat­ten, klei­ne Män­ner mit gro­ßen Egos, und, na ja, wenn die Küchen­psy­cho­lo­gie recht hat, beson­ders klei­nen oder beson­ders gro­ßen … – aber wor­um geht es eigent­lich? Am Ende ist es wie­der ein­mal eine Rea­lis­mus­de­bat­te gewe­sen, in die in die­sem Durch­gang eine unse­li­ge Her­kunfts­de­bat­te ver­wo­ben war: Die rich­ti­gen Leu­te mit der rich­ti­gen Her­kunft soll­ten die dann natür­lich auch rich­ti­gen Bücher schrei­ben, und das klingt gleich furcht­bar wie die Auf­zäh­lung „mehr Migran­ten, mehr Juden, weni­ger Deutsch-Deut­sche“. Mich erin­nert es an eine Zuschrei­bung, die ich Paul Jandl ver­dan­ke und nach der mich mein inner­al­pi­ner Ehr­geiz einst zu Suhr­kamp gebracht habe. Zwar bestrei­tet er, es genau so gesagt zu haben, aber er hat es fast genau so geschrie­ben, mit genau die­ser Wen­dung, und genau so gemeint. Mir treibt das nach Jah­ren immer noch – mei­net­we­gen und sei­net­we­gen – die tiefs­te Scha­mes­rö­te ins Gesicht, und mein ein­zi­ger Trost ist da ein mit­ten in New York auf­ge­nom­me­nes Bild von Wil­liam Faul­k­ner, auf dem er einen Tiro­ler­hut trägt und sehr welt­män­nisch aus­sieht: grand old man. Inner­al­pi­ner Ehr­geiz, um die Folk­lo­re zu ver­deut­li­chen, ver­sus – sagen wir – ost­jü­di­sches Talent. Da könn­te Thi­lo Sar­ra­zin naht­los über­neh­men und die gan­ze Cho­se in sei­nem Sinn gründ­lich wei­ter und zugrun­de den­ken. Aber was machen wir dann, Wahl der Kopf­be­de­ckung hin oder her, mit einem Hin­ter­wäld­ler aus einer Klein­stadt in Mis­sis­sip­pi, der gleich ein paar der größ­ten Roma­ne über­haupt geschrie­ben hat? Ich weiß, Ame­ri­ka ist anders.

Sexy soll der Rea­lis­mus laut Maxim Bil­ler sein. Fragt sich nur, war­um das, was dabei her­aus­kommt, dann immer so beson­ders bie­der, beson­ders alt­ba­cken ist und die­sen beson­ders unan­ge­neh­men Geruch nach Män­ner­schweiß hat, rich­ti­gem Schweiß von rich­ti­gen Män­nern, ver­steht sich, im Gegen­satz zum exis­ten­zi­el­len Nichts die­ser nur mit Luft und Ver­bla­sen­heit par­für­mier­ten Schreib­schul-Schlap­pis aus Hil­des­heim und Leip­zig: „Wenn ich sagen will, dass ein Mann in eine Bar geht, dann sage ich das, nicht weni­ger und nicht mehr. Wenn das Meer blau ist, ist es blau, wenn eine Frau häss­lich ist, ist sie häss­lich …“ Ja, genau so ist es, Maxim Bil­ler, auf den ers­ten, etwas stump­fen Blick, aber wenn, auf den zwei­ten Blick und mit Peter Hand­ke und also natur­ge­mäß unter Trä­nen gefragt, das Meer anders-blau wäre, die Frau anders-häss­lich oder viel­leicht in Wirk­lich­keit sogar schön oder wenn es von einem Mann, der in eine Bar geht, viel Inter­es­san­te­res zu sagen gäbe als genau das? Was dann, ja, was dann, Máxi­mo?Zitat Norbert GstreinMich beschäf­tigt die Rea­lis­mus­fra­ge übri­gens schon seit dem Karl-May-Lesen mit zehn, elf, zwölf Jah­ren. Da wird gerit­ten, geschos­sen, ange­schli­chen, da wer­den Toma­hawks und Spee­re gewor­fen, da wird ums Lager­feu­er geses­sen und geges­sen, da wird gelebt und gestor­ben – ja, auch geliebt –, und mir woll­te nie in den Sinn, dass kei­ne von den vie­len Figu­ren jemals pin­keln muss­te: „Wenn ich sagen will, dass ein Mann pin­keln muss, dann sage ich das, nicht weni­ger und nicht mehr …“ Des­halb habe ich mit gro­ßem Ver­gnü­gen das Buch eines öster­rei­chi­schen Büch­nerpreis­trä­gers gele­sen, das im ame­ri­ka­ni­schen Süd­wes­ten und also gewis­ser­ma­ßen in India­ner­land spielt und mir in die­ser Fra­ge spä­te Genug­tu­ung ver­schafft. Im nur knapp über acht­zig Sei­ten umfas­sen­den Mit­tel­teil wird das The­ma erfreu­li­che neun Mal ange­spro­chen, obwohl der Erzäh­ler gleich zu Anfang ver­si­chert, er habe in der aus­ge­trock­ne­ten Gegend trotz pau­sen­lo­sen Was­ser­trin­kens nur sel­ten Harn­drang ver­spürt. Dann ist aller­dings vom Pin­keln und von Pin­kel­pau­sen und vom Sich-für-zwei-Minu­ten-Ent­schul­di­gen die Rede, dass es nur so eine Freu­de ist. Und obwohl sich der Erzäh­ler bei sei­nem Füh­rer früh schon die Erlaub­nis ein­holt, über­all pin­keln zu dür­fen, ist man gegen Ende doch dank­bar für die Beleh­rung, „dass die Ame­ri­ka­ner das Wort loo oder toi­let kaum ver­wen­den, man benutzt einen rest room“. Es ist dies alles sehr lus­tig und in vir­tuo­ser Wei­se haar­fein unter der Schwel­le ange­sie­delt, über der man nach dem Lek­tor – Whe­re are you in this Val­ley of the Shadows? – oder gleich nach einem Uro­lo­gen rufen wür­de. Dazu fin­det sich in der FAZ-Bespre­chung des Buches Die Kunst des Ehe­bruchs von Wolf­gang Matz in ande­rem Zusam­men­hang der abgrün­dig schö­ne Satz, den erst eine zukünf­ti­ge Phi­lo­lo­gie – so es dann noch eine gibt – in sei­ner vol­len Bedeu­tung erfas­sen wird kön­nen: „MATZ, SELBST EIN LEKTOR, RUFT HIER NACH DEMSELBEN.“ Der Satz ruft auch. Wir alle rufen!
„Hagen glaubt schier ver­rückt zu wer­den“, heißt es ande­rer­seits in dem dan­kens­wer­ter­wei­se vom ZEIT-Maga­zin zur Ver­fü­gung gestell­ten (lei­der gekürz­ten und von mir jetzt noch ein­mal ÄUSSERST BEHUTSAM nach­ge­kürz­ten) Vor­ab­druck von Frank Schät­zings Mega-Kra­cher Brea­king News. „Über ihm brüllt der Him­mel. Ein Dröh­nen lässt die Luft erzit­tern. Wo ist Inga? ‚Ver­damm­te Schei­ße!‘“ Wer wür­de da noch nach einem Lek­tor rufen? Das ist „enorm nah am Leben“, und dage­gen ist auch ein Maxim Bil­ler in Höchst­form ein wei­ner­li­ches deut­sches Mut­ter­söhn­chen und ein knie­wei­cher Schwäch­ling: „Ver­damm­te Schei­ße, Frank!“

Da nimmt sich auch das klei­ne Rea­lis­mus-Geplän­kel um Mar­tin Mose­bachs Roman Das Blut­bu­chen­fest, das im ver­gan­ge­nen Früh­jahr das Feuil­le­ti­on ein paar Ewig­keits­au­gen­bli­cke lang den Atem anhal­ten ließ, wie unnö­ti­ge Sophis­te­rei aus. Darf ein Autor den Bos­ni­ern in ihrem Krieg Anfang der neun­zi­ger Jah­re des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts ein­fach mir nichts, dir nichts Han­dys in die Hand drü­cken, obwohl es die damals in Wirk­lich­keit noch gar nicht gege­ben hat? Ist das in die­sem Fall ein Feh­ler (allem Anschein nach ja), der gleich den gan­zen Roman zu Fall bringt (nein), oder ein bewuss­ter Ana­chro­nis­mus (nein), der das Buch viel­leicht sogar adelt (nein) und nur die Sou­ve­rä­ni­tät des Autors bezeugt (nein)? Die rich­ti­ge Gegen­fra­ge dazu lau­tet nicht, was wir sagen wür­den, wenn jemand in sei­nem Roman ohne Not 1944 oder 1945 ein Münz­te­le­fon in eine Lager­ba­ra­cke von Ausch­witz hän­gen wür­de, viel­leicht doch ein all­zu schau­ri­ger und geschmack­lo­ser Ana­chro­nis­mus? Sie lau­tet eher, wel­ches Gerät ein rich­ti­ger Mann braucht (denn dass ein rich­ti­ger Mann Gerä­te braucht, steht außer Zwei­fel, nicht nur im Krieg), und da sind ein paar falsch pla­zier­te Han­dys ver­gli­chen mit dem, was Frank Schät­zing so alles in mehr­fa­cher Mili­tär­pa­ra­den­stär­ke auf­fährt, alle­mal eine läss­li­che Sün­de. Wis­sen Sie, was RPGs sind? Rocket-pro­pel­led gre­na­des, ver­damm­te Schei­ße!

Ver­mut­lich nur mit einem Auf­nah­me­ge­rät haben sich hin­ge­gen Durs Grün­bein und Aris Fio­re­tos über Jah­re an ver­schie­de­nen Orten der Welt zu Gesprä­chen getrof­fen, die man jetzt in dem mit klei­nen Ein­schrän­kun­gen schö­nen Band Ver­ab­re­dun­gen nach­le­sen kann. Sie spre­chen über die Wüs­te, über Lite­ra­tur, über die Medi­en, über den 11. Sep­tem­ber, über das Leben und die Lie­be und über vie­les ande­re mehr und bewe­gen sich dabei durch­aus immer auf olym­pi­schen Höhen, manch­mal gar in den Wol­ken. Nur sel­ten, oft erst nach vie­len Sei­ten wie­der, wird das Gespräch durch einen win­zi­gen Kom­men­tar unter­bro­chen. Er könn­te – eine Her­aus­ge­ber­fik­ti­on – von einem schwei­gen­den Ecker­mann stam­men, der die bei­den auf ihren Aus­flü­gen in die luf­tigs­ten Höhen beglei­tet hat und dem nichts zu sagen und fast nichts zu erklä­ren bleibt, weil sie in ihren Aus­sa­gen alles erschöp­fend abde­cken. Je nach Situa­ti­on könn­te er ihnen zu Füßen sit­zen oder hin­ter ihnen her lau­fen und ihnen manch­mal einen Spick­zet­tel zuste­cken, wenn sie in ihren gelehr­ten Aus­füh­run­gen doch nicht so sou­ve­rän über jedes Fak­tum ver­fü­gen, wie sie in jeder Lebens­la­ge den Anschein erwe­cken. Ein­mal raunt er von einem älte­ren Kol­le­gen, ohne sei­nen Namen zu nen­nen, und man weiß aus dem Zusam­men­hang, er meint Kaf­ka. Er nennt Aris Fio­re­tos ehr­fürch­tig den „Schwe­den“ und Durs Grün­bein den „Deut­schen“ – der „Sach­se“ wäre natür­lich noch schö­ner gewe­sen – und zeich­net tap­fer auf, wenn einer von ihnen ein Glas hebt. In Äonen oder über die Zeit hin­aus den­kend bleibt dem Armen, vom eigent­li­chen Gespräch und sei­nem Glanz aus­ge­schlos­sen, die undank­ba­re Rol­le nicht ein­mal des Stich­wort­ge­bers, aber er füllt sie wun­der­bar aus.

Es ist ein sehr erns­tes, sehr ernst­haf­tes Buch, das auch sei­ne komi­schen, manch­mal unge­wollt komi­schen Stel­len hat. Zwi­schen­durch ertappt man sich unwill­kür­lich bei dem Gedan­ken, dass da nicht Durs Grün­bein und Aris Fio­re­tos spre­chen, son­dern zwei Hoch­stap­ler, die sich als Grün­bein und Fio­re­tos aus­ge­ben und sich einen Scherz mit den bei­den erlau­ben. Dann weiß man, dass das auch eine Komö­die ist und dass der Text erst auf der Büh­ne sei­ne gan­zen Mög­lich­kei­ten ent­fal­ten kann. Es hat schon Grö­ße, wie Grün­bein bei­spiels­wei­se ant­wor­tet, als Fio­re­tos ihm auf einer Elb­damp­fer­fahrt in Dres­den von sei­nem ers­ten Kuss erzählt und über das küs­sen­de bzw. geküss­te Mäd­chen sagt: „Sie war das Groß-Groß-Enkel­kind eines rus­si­schen Roman­fürs­ten, weißt du, Lew Niko­la­je­witsch Tol­s­toj selbst.“ Er, Grün­bein, geht mit kei­nem Wort dar­auf ein, als hät­te Fio­re­tos etwas beson­ders Pein­li­ches von sich gege­ben, und fährt mit sei­nen an die­ser Stel­le doch etwas bae­de­ker­haft klin­gen­den Beleh­run­gen fort. „Der Fluss reiht die High­lights wie eine Per­len­ket­te auf“, sagt er über­gangs­los mit wahr­schein­lich grim­mi­ger Mie­ne. „Ursprüng­lich war das nur eine Furt, als die ers­ten sla­wi­schen Sied­ler sich hier nie­der­lie­ßen. Daher der Name der Stadt, er kommt aus dem Alt­sor­bi­schen und hat etwas mit Wald zu tun, Dickicht.“

Die­se Pro­ble­me möch­ten unse­re bewun­der­ten Freun­de von der jour­na­lis­ti­schen Zunft gern haben, wie man so sagt. Sie stem­men natur­ge­mäß ganz ande­re Gewich­te und sind nicht mit sol­chen Hirn­ge­spins­ten beschäf­tigt, son­dern üben sich in täti­ger Moral. In Ham­burg, und wahr­schein­lich nicht nur dort, kann man in der Kino­wer­bung eine jun­ge Frau sehen, die, im Taxi durch die Welt fah­rend, von ihrem Leben und ihrer Arbeit erzählt, sehr sym­pa­thisch, könn­te auch für ein Wasch­mit­tel oder ein Deo wer­ben, ehe­ma­li­ge Klas­sen­spre­che­rin viel­leicht, Toch­ter von Eltern, die sicher stolz auf sie sind, Kind mit einer Zukunft im Licht. Sie sagt, eines der für sie wich­tigs­ten The­men sei Gerech­tig­keit und sie schä­me sich manch­mal für ihre Pri­vi­le­gi­en. Schö­ner hät­te sie es auch in einem Leis­tungs­kurs in der Schu­le nicht aus­drü­cken kön­nen, viel­leicht „Moral und Bes­se­re Welt 2020“, deut­sche Nie-Wie­der-Fas­sung. Dann kommt ein Insert, aus dem man erfährt, dass sie für DIE ZEIT schreibt.

Wenn man das sieht, kann man fast nicht anders, als an zwei ihrer ehe­ma­li­gen Kol­le­gen bei der­sel­ben Zei­tung zu den­ken. Die eine hat im ver­gan­ge­nen Jahr nach einer Fehl­ent­schei­dung und dem hoch­gra­dig unpro­fes­sio­nel­len Umgang damit als Ober­bür­ger­meis­te­rin von Kiel zurück­tre­ten müs­sen. Ursprüng­lich in die Poli­tik gegan­gen, um sie – nach eige­nem Ver­ständ­nis – bes­ser, mensch­li­cher, gerech­ter zu machen, bleibt am Ende ihre ein­zi­ge Erklä­rung für das, was ihr wider­fah­ren ist, sie selbst sei bes­ser, mensch­li­cher und gerech­ter als die Poli­tik, alles in allem also zu gut dafür. Der ande­re ist der ehe­ma­li­ge Chef­re­dak­teur und Her­aus­ge­ber, der sich mit dem schö­nen und für deut­sche Ver­hält­nis­se doch ein wenig, aber viel­leicht auch nur ange­mes­sen hyper­troph klin­gen­den Titel „Edi­tor at Lar­ge“ schmü­cken durf­te. Er wur­de unlängst wegen Steu­er­hin­ter­zie­hung „im hohen sechs­stel­li­gen Bereich“ zu einer beding­ten Haft­stra­fe ver­ur­teilt und hat vor Gericht eine sehr unglück­li­che Figur abge­ge­ben. Neben den in sol­chen Fäl­len übli­chen Her­aus­re­de­rei­en, die den Intel­lekt belei­di­gen, wird von ihm der Satz in Erin­ne­rung blei­ben, er sei nicht Uli Hoe­neß. Umge­kehrt hat sich Uli Hoe­neß mei­nes Wis­sens dazu nicht geäu­ßert, aber er könn­te natür­lich immer noch von sich behaup­ten, er sei in Wirk­lich­keit der Edi­tor at Lar­ge. Dann stün­de Aus­sa­ge gegen Aus­sa­ge.

Es ist nicht ganz fair der jun­gen Frau aus der Kino­wer­bung gegen­über, aber ich sehe eine dün­ne, viel­leicht nur sanft gestri­chel­te, ohne Zwei­fel jeder­zeit wie­der aus­ra­dier­ba­re Linie, die sie mit der ehe­ma­li­gen Ober­bür­ger­meis­te­rin und dem nach sei­ner Steu­er­af­fä­re lei­der auch nur mehr ehe­ma­li­gen Edi­tor at Lar­ge ver­bin­det. Es ist nicht DIE ZEIT, neh­me ich an, das mag Zufall sein, es ist die Hal­tung, es ist das Ver­ständ­nis von Gerech­tig­keit und die Selbst­ge­rech­tig­keit in ver­schie­de­nen Abstu­fun­gen, und sei­en es nur Spu­ren­ele­men­te. Ande­rer­seits gibt es da noch einen: Hel­mut Schmidt, auch DIE ZEIT, der in einem Inter­view sagt, wenn er auf sein Leben zurück­bli­cke, habe er sich nichts vor­zu­wer­fen, was nach über fünf­und­neun­zig Jah­ren eine bewun­derns­wer­te Bilanz ist. Damit kein Miss­ver­ständ­nis auf­kommt: Es sind selbst­ver­ständ­lich alles gute Leu­te, die­se Alt- und Neo­han­sea­ten* und manch­mal ganz gegen ihr angeb­li­ches Natu­rell wild im Wind fla­ckern­den Nord­lich­ter, aber wenn ich sie so reden höre, nei­ge ich dazu, irgend­wo in mir mei­ne längst abge­tö­tet geglaub­te Erb­sün­de wie­der zum Leben zu erwe­cken, mein „mea cul­pa, mea cul­pa, mea maxi­ma cul­pa“, und die Sehn­sucht nach dem Süden ist groß wie der Som­mer.

„Ich muss jetzt fünf­zehn Jah­re Gas geben und mich künst­le­risch ver­wirk­li­chen“, sagt neben mir im Café einer, der singt oder sin­gen will und auch nicht mehr so jung ist. „Dann kann ich etwas ande­res machen.“

Hof­fent­lich klappt’s. 

* Eine klei­ne Erwäh­nung ver­dient da natür­lich nach­ge­tra­gen auch Gio­van­ni di Loren­zo, der augen­blick­li­che Chef­re­dak­teur der ZEIT (und Was-ich-noch-zu-sagen-hät­te-dau­ert-eine-Ziga­ret­te-Inter­view­part­ner von Hel­mut Schmidt), der bei den Euro­pa-Wah­len gleich zwei Mal gewählt hat, ein­mal als Ita­lie­ner, ein­mal als Deut­scher. Im Eis­kunst­lauf gibt es dop­pel­te Sprün­ge mit wun­der­schö­nen Namen wie dop­pel­ter Lutz, dop­pel­ter Axel oder dop­pel­ter Ritt­ber­ger. Irgend­et­was Der­ar­ti­ges, mit wehen­dem Sei­den­schal in die Luft gedreht, muss Gio­van­ni di Loren­zo wohl vor­ge­schwebt sein, als er sei­ne dop­pel­te Wahl auch noch öffent­lich kund­ge­tan hat … und selbst­ver­ständ­lich eine sanf­te Lan­dung auf dem wei­chen Eis unter dem tosen­den Applaus des Publi­kums. Das Pro­blem ist, dass bei Welt­meis­ter­schaf­ten und Olym­pi­schen Spie­len längst drei­fa­che und vier­fa­che Sprün­ge vor­ge­führt wer­den, wenn­gleich es für die Ham­bur­ger Meis­ter­schaf­ten ohne Zwei­fel auch so rei­chen dürf­te. Ein dop­pel­ter Di Loren­zo soll­te in Zukunft jeden­falls in kei­nem Pflicht- und in kei­nem Kür-Pro­gramm mehr feh­len. (Möge ihm das Eis weich sein!)

 

* * *

Nor­bert Gst­rein, gebo­ren 1961, lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Ham­burg. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er im Han­ser Ver­lag die Roma­ne Die gan­ze Wahr­heit (2010) und Eine Ahnung vom Anfang (2013).

Quel­le: VOLLTEXT 2/2014 (20. Juni 2014)

Online seit: 29. Janu­ar 2018

Online seit: 29. Janu­ar 2018

Zuletzt geän­dert: 29. Jan. 2018