Sein wildestes Buch

Zu Tho­mas Manns Dok­tor Faus­tus. Von Nor­bert Gst­rein
Thomas Mann 1937 © C arl van Vechten

Tho­mas Mann, 1937

Er hat es selbst sein wil­des­tes Buch genannt und die Über­ra­schung kund­ge­tan, wie einer denn in sei­nem Alter sein wil­des­tes Buch schrei­ben kön­ne, immer­hin näher­te er sich sei­nem neun­und­sech­zigs­ten Jahr, als er damit begann. Das Prä­di­kat könn­te in mehr­fa­cher Hin­sicht zutref­fen. Einer­seits ist ein Buch, in dem der Teu­fel auf­tritt, per se ein wil­des Buch, und viel­leicht sogar noch mehr, wenn sich ein Gespräch mit dem Teu­fel am Ende als Selbst­ge­spräch her­aus­stellt, mit dem aller­dings wahr­haf­ti­gen Teu­fels­pakt und Ver­dikt gegen die eige­ne Per­son, kei­nen Men­schen zu lie­ben.

Ande­rer­seits ist es ein wil­des Buch, weil es vor dem Hin­ter­grund von wil­den Zei­ten eine wil­de Geschich­te erzählt und dabei Aus­bli­cke auf die schreck­li­che Rea­li­tät in den Jah­ren sei­nes Ent­ste­hens gibt mit der immer deut­li­cher sich abzeich­nen­den deut­schen Nie­der­la­ge im Krieg und den damit nur wei­ter ein­her­ge­hen­den Ver­hee­run­gen und letz­ten sinn­lo­sen Schlä­gen gegen alle Mensch­lich­keit. Ein wil­des Buch ist es auch „als auto­bio­gra­phi­sche Dich­tung, als reli­gi­ös tief auf­ge­wühl­tes Bekennt­nis­werk, das mich bei­na­he das Leben gekos­tet hät­te“, wie der Autor es selbst ein­schätzt, also als Selbst­be­fra­gung eines Künst­lers, der abwägt, wie viel Käl­te es braucht, um die für das Werk not­wen­di­ge Hit­ze zu erzeu­gen. Aber für Tho­mas Mann muss der Dok­tor Faus­tus natür­lich und wohl auch vor allem des­halb ein wil­des Buch gewe­sen sein, weil dem hoch reflek­tier­ten Roman­cier in vor­ge­rück­tem Alter Mög­lich­kei­ten des Romans bewusst wer­den, die ein­mal mehr die Form erwei­tern und außer­halb des eigent­li­chen Kern­ge­biets des Gen­res zu lie­gen schei­nen, irgend­wo in dem nie wirk­lich genau defi­nier­ten Grenz- und Über­schnei­dungs- und Über­la­ge­rungs­ge­biet von Fak­ten und Fik­tio­nen, das