Verehrungserwartung und Verehrungsnötigung

Ein offe­ner Brief an Paul Nizon. Von Nor­bert Gst­rein
Paul Nizon, Norbert Gstrein © Jerry Bauer, Gustav Eckart

Paul Nizon, Nor­bert Gst­rein. Fotos: Jer­ry Bau­er, Gus­tav Eck­art

Lie­ber Paul Nizon,

wir haben ein­mal eine Freund­schaft gehabt, und irgend­wann haben wir sie nicht mehr gehabt, und jetzt lese ich in Ihrem Jour­nal*, auf mich bezo­gen, das Wort „Vater­mord“ und lese das Wort „Ver­eh­rungs­er­ge­ben­heit“. Es sind bei­des kei­ne schö­nen Wor­te, das eine wegen sei­ner Bru­ta­li­tät und sei­nes all­zu gro­ßen Gewich­tes nicht, das ande­re, das aller­dings viel über Sie und Ihr Wunsch­den­ken ver­rät, wegen sei­ner Kleb­rig­keit. Dazu kommt noch das Wort „Ver­rat“, das Sie mir anhän­gen, und weil Sie das öffent­lich machen, wer­den Sie ver­ste­hen, dass ich es nicht unwi­der­spro­chen hin­neh­men kann. Zwar schie­le ich nicht in ähn­lich pani­scher Wei­se auf die Nach­welt, wie Sie es tun, und schon gar nicht beab­sich­ti­ge ich in Ihrer Art, vor deren Toren Auf­stel­lung zu neh­men und bei jeder sich bie­ten­den Gele­gen­heit zu wie­der­ho­len, wie ver­kannt ich sei, und mich mit mei­ner emp­fun­de­nen Zukurz­ge­kom­men­heit so lan­ge auf­zu­drän­gen, bis man mich viel­leicht doch durch­schlüp­fen lässt, weil kei­ner mehr das Jam­mern ertra­gen kann, aber für die paar Leu­te, die es hören wol­len, liegt mir an einer Rich­tig­stel­lung.

Wir kön­nen gern von „ver­eh­ren“ spre­chen, doch dann ist das rich­ti­ge Wort nicht „Ver­eh­rungs­er­ge­ben­heit“, son­dern „per­ma­nen­te Ver­eh­rungs­er­war­tung“, viel­leicht sogar „Ver­eh­rungs­nö­ti­gung“, „Ver­eh­rungs­zwang“, und unse­re Geschich­te ist auch eine Geschich­te dar­über, dass ich mich dem mehr und mehr zu ent­zie­hen ver­sucht habe. Sie kön­nen sich nur schwer eine Freund­schaft um ihrer selbst wil­len vor­stel­len, es geht Ihnen immer auch um Instru­men­ta­li­sie­rung, um Nütz­lich­keit und Nutz­bar­ma­chung noch im Kleins­ten zu Ihrer ewi­gen Eigen­ver­grö­ße­rung, und es hat mich eini­ge Anstren­gung gekos­tet, mich von Ihnen nicht zu einem die­ser Paris­fah­rer, Apo­lo­ge­ten und Hand­lan­ger Ihrer Selbst­ver­klä­rung machen zu las­sen, denen Sie seit Jahr­zehn­ten Ihre Geschich­ten buch­stäb­lich in die Feder oder viel­mehr in die Tas­ta­tur dik­tiert haben und nach wie vor dik­tie­ren, das immer glei­che Sum­pern über das Ihnen angeb­lich wider­fah­re­ne Unrecht, zuwe­nig wahr­ge­nom­men wor­den zu sein. Ich habe mir die­se Geschich­ten ange­hört, am Anfang mit offe­nen Ohren, aber ich habe sie hun­dert­mal von Ihnen zu hören bekom­men, und beim hun­derts­ten Mal ist kei­ne Geschich­te mehr eine gute Geschich­te. Zu einer rich­tig schlech­ten Geschich­te wird sie spä­tes­tens dann, wenn sie mit der stän­di­gen und immer drän­gen­de­ren Erwar­tung an einen ver­bun­den ist, dass man hin­aus­ge­he in die Welt und sie wie ein Jün­ger oder wie ein Sek­ten­mit­glied ganz und gar unkri­tisch wie­der­ho­le und ver­brei­te.

Viel­leicht sind Sie ver­kannt, lie­ber Paul Nizon, viel­leicht oder, wie ich glau­be, eher aber auch nicht. Auf jeden Fall haben Sie es mit Ihrer ver­meint­li­chen Ver­kannt­heit und dem unauf­hör­li­chen Ver­wei­sen dar­auf wei­ter gebracht als ande­re, die wirk­lich ver­kannt sind, und es ist Ihnen gelun­gen, immer neue Minis­tran­ten zu rekru­tie­ren, die Ihren Ser­mon nach­ge­be­tet haben, „der wich­tigs­te deutsch­spra­chi­ge Autor in Paris, der zu Hau­se unter­schätzt wird“ und den gan­zen ande­ren Holun­der, das gan­ze ande­re Bla­bla, das kaum mehr jemand ernst­haft über­prüft hat. Für eine Ihrer letz­ten Rekru­tie­run­gen haben Sie mich noch gefragt, wie ich den Kan­di­da­ten ein­schätz­te, ob ich glaub­te, er sei einer sol­chen Rekru­tie­rung über­haupt wür­dig. Dabei hät­ten Sie natür­lich jeden genom­men mit der, wie Sie so schön, nein, sehr unschön sagen, not­wen­di­gen „Ver­eh­rungs­er­ge­ben­heit“, und ich hof­fe, Sie hören wenigs­tens in der Wie­der­ho­lung, wie absto­ßend das Wort in Ihrer Ver­wen­dung ist und wel­ches vor­gest­ri­ge Zeugs man im Kopf haben muss, um in die­sen Kate­go­rien zu den­ken, irgend­wo zwi­schen Ste­fan Geor­ge und dem Kai­ser von Chi­na.

Dazu hat sich jetzt auch noch einer ein­ge­stellt, der den lan­ge schon in einer Ihrer Selbst­ver­wechs­lun­gen her­um­spu­ken­den