Essere Draganović

Von Nor­bert Gst­rein

Am 4. Juli die­ses Jah­res war ich nicht mehr in Rom, wo ein gro­ßes Ereig­nis bevor­stand. In der Vil­la Mas­si­mo soll­te eine Künst­le­rin Ein­zug hal­ten, die zuvor mit dem Fahr­rad von Ber­lin aus dort­hin gefah­ren war. Die Rede war von einer ver­kör­per­ten Prä­senz, die in Zei­ten von Coro­na beson­ders wich­tig sei und die mich abwech­selnd an eine fleisch­fres­sen­de Pflan­ze und die Drei­fal­tig­keit den­ken ließ, schließ­lich war ich katho­lisch auf­ge­wach­sen, und schließ­lich war das Rom. Wenn man ein biss­chen goo­gel­te, stieß man schnell auf Fotos von einer paten­ten deut­schen Urlau­be­rin mit Warn­wes­te und Helm, wie es Tau­sen­de gab, aber kein Mensch konn­te wis­sen, ob sie am Ende nicht doch als Gott Vater, als Sohn oder als Hei­li­ger Geist erschei­nen wür­de, selbst­ver­ständ­lich in einer weib­li­chen Emana­ti­on. Ich hat­te jeden­falls Bil­der vom Ein­zug Jesu in Jeru­sa­lem im Kopf, und auch wenn es kein wirk­li­cher Esel war, auf dem die ver­kör­per­te Prä­senz erwar­tet wur­de, stell­te ich mir vor, wie die Sti­pen­dia­ten der Vil­la palm­we­del­schwin­gend im Park Auf­stel­lung neh­men und Madame Dra­ga­no­vić, die Direk­to­rin, die Ankom­men­de in der Toga eines römi­schen Sena­tors tri­um­phal in Emp­fang neh­men wür­de. Allein davon bekam ich Angst­zu­stän­de, ich hat­te Schweiß­aus­brü­che und ein stol­pern­des Herz, ich bete­te auf ein­mal wie­der viel in die­sen Tagen, und es waren Dank­ge­be­te, dass mir das erspart geblie­ben war. Denn die Rede war auch von einer Neu­erkun­dung der Nord-Süd-Ach­se zwi­schen Ber­lin und Rom, die die­se ver­kör­per­te Prä­senz auf ihrer hel­den­haf­ten Fahrt nicht bloß als Künst­le­rin, wie es hieß, son­dern auch als unab­hän­gi­ge For­sche­rin unter­neh­men woll­te, und es ist viel­leicht nicht nur Spiel­ver­der­be­rei, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass das Reden von einer Nord-Süd-Ach­se zwi­schen Ber­lin und Rom auf zwei ande­re Herr­schaf­ten zurück­geht, die in den Drei­ßi­ger­jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts unter die­sem Begriff ihre gran­dio­se Alli­anz geschmie­det haben, Herr Adolf Hit­ler und Signor Beni­to Mus­so­li­ni, um sie doch ein­mal mit Vor­na­men und Nach­na­men zu nen­nen.

Ich war seit Anfang Juni als Sti­pen­di­at gewis­ser­ma­ßen in den Stal­lun­gen der Vil­la Mas­si­mo, aber den­noch fürst­lich unter­ge­bracht, in einem Haus in Ole­va­no Roma­no, in den Hügeln eine Auto­stun­de außer­halb von Rom, und nach einem Tele­fo­nat mit der Direk­to­rin nur weni­ge Wochen davor in anhal­tend labi­ler Ver­fas­sung. Sie hat­te mich zu einer Video­kon­fe­renz ein­ge­la­den, und als ich ihre Ein­la­dung aus­ge­schla­gen hat­te, war schnell deut­lich gewor­den, was sie von einem Geld­emp­fän­ger hielt, der sich erlaub­te, nein zu sagen. Ich hat­te nicht gedacht, dass ich es in mei­nem Leben noch ein­mal mit einer Insti­tu­ti­on zu tun bekom­men wür­de, die mir gegen­über als Obrig­keit auf­trat, und ich hat­te nicht gedacht, dass ich für das Wort „unbot­mä­ßig“ jemals noch Ver­wen­dung haben könn­te, aber für Madame Dra­ga­no­vić gab es kei­ne ande­ren Wor­te, sie trat in unse­rem Ver­hält­nis als Obrig­keit auf, und ich war ihr gegen­über unbot­mä­ßig gewe­sen, weil ich mich ihrem Wunsch wider­setzt hat­te. Sie hat­te nicht die Macht, mir das Sti­pen­di­en­geld zu ent­zie­hen, aber im Lauf unse­res Tele­fo­nats signa­li­sier­te sie mir unmiss­ver­ständ­lich, dass sie das am liebs­ten tun wür­de, und leg­te dabei eine Hal­tung an den Tag, die man eher mit dem soge­nann­ten Mann auf der Stra­ße und dem soge­nann­ten gesun­den Men­schen­ver­stand zusam­men­brin­gen wür­de als mit einer Direk­to­rin der Vil­la Mas­si­mo.

Ich hat­te Schweiß­aus­brü­che und ein stol­pern­des Herz, ich bete­te auf ein­mal wie­der viel in die­sen Tagen, und es waren Dank­ge­be­te, dass mir das erspart geblie­ben war.

Ich saß trotz­dem bereits am Mor­gen nach mei­ner Ankunft in Ole­va­no Roma­no am Schreib­tisch und ver­such­te wie auch sonst immer und wie auch sonst über­all, durch täg­li­che Arbeit mei­ne Sta­bi­li­tät zu erhal­ten oder wie­der­her­zu­stel­len. Auch die