Zahlen und Werte

Aus Nor­bert Gst­reins neu­em Roman Der zwei­te Jakob

Es gibt Din­ge, von denen ich nie gedacht hät­te, dass ich sie jeman­dem erzäh­len wür­de, und wenn ich sie hier doch nie­der­schrei­be, so nur, um die vor­an­ste­hen­de Geschich­te, die viel­leicht eine Bio­gra­fie erset­zen kann, wahr­haf­ti­ger zu machen. Jeder muss damit umge­hen, wie er es am bes­ten ver­mag, aber ich habe die Krank­heits­be­rich­te selbst von geschätz­ten Kol­le­gen meis­tens nur beklem­mend gefun­den. Da ist einer ein wirk­lich gro­ßer Schau­spie­ler, da gehört er jah­re- oder sogar jahr­zehn­te­lang zum Ensem­ble eines der renom­mier­tes­ten Häu­ser, da hat er ein Dut­zend Rol­len in gelieb­ten Fil­men gespielt, und auf ein­mal ver­traut er sich der Bou­le­vard­pres­se an, oder er hat viel zu lan­ge schon ein Ver­hält­nis mit ihr gepflegt, so dass sie so tun kann, als hät­te er sich ihr anver­traut und dürf­te jetzt hin­ein­ge­packt zwi­schen Wer­bung für Staub­sauger, Bil­lig­fleisch, Intim­wä­sche und viel­leicht sogar Dil­dos oder irgend­wel­chen Stöp­seln für den Hin­tern mit einem Foto, das ihn tat­te­rig und mit schüt­te­rem Haar zeigt, vor aller Welt sei­nen gera­de dia­gnos­ti­zier­ten Krebs, den erlit­te­nen Schlag­an­fall oder Herz­in­farkt bekla­gen. Dann wird ihm beschei­nigt, dass er ein Titan auf sei­nem Gebiet sei, ein Kämp­fer und selbst­ver­ständ­lich auf dem Weg der Bes­se­rung, und wenn sei­ne Pro­mi­nenz dafür aus­reicht, bekommt er spä­ter noch einen oder zwei klei­ne Berich­te, manch­mal schon ein biss­chen unge­dul­dig, dass er über­haupt noch am Leben ist, und irgend­wann stirbt er und bleibt bis dahin nur mehr der Fall, zu dem er sich selbst gemacht hat. Man­che schrei­ben ein gan­zes Buch dar­über, und nicht, dass das nicht jedem unbe­nom­men sei, wenn es ihm hilft, nicht, dass die Ver­la­ge damit nicht viel­leicht sogar Kas­se machen, wie man so sagt, aber es ist doch fast immer ein Trau­er­spiel, und man wür­de den Leu­ten am liebs­ten noch im nach­hin­ein raten, es sein­zu­las­sen und nicht den Feh­ler zu bege­hen, das Ster­ben oder gar den Tod zum wich­tigs­ten Teil ihres Lebens zu machen, nur weil sie sonst nichts erlebt haben.

Die Nach­richt oder eigent­lich auch nur die Erin­ne­rung dar­an, dass ich ster­ben wür­de, hät­te mir nie­mand bes­ser über­brin­gen kön­nen als sie.

Ich muss vor­aus­schi­cken, mit wel­chem Unbe­ha­gen es mich erfüllt, wenn ich erzäh­len will, dass ich seit über zwei­ein­halb Jah­ren alle drei Mona­te zu einer Ärz­tin ging und nie­man­dem etwas davon ver­riet, nicht ein­mal Luzie. Die Ter­mi­ne hat­te ich mir mit rotem Stift im Kalen­der ein­ge­tra­gen und sie dann, weil mir das zu alar­mis­tisch erschien, grün über­schrie­ben. Sie hat­te ihre Pra­xis in einer Alt­bau­woh­nung am Ost­rand der Stadt, und ich leg­te Wert dar­auf, mich wie für ein Ren­dez­vous zu klei­den, wenn ich zu ihr muss­te, will sagen, wie für ein regel­rech­tes Stell­dich­ein in einer Zeit vor mei­ner Geburt, Anzug, Kra­wat­te, Man­schet­ten­knöp­fe, gera­de­so, als könn­te ich dem Tod damit ein Schnipp­chen schla­gen, und natür­lich auch ihr. Ich war schon davor jähr­lich ein­mal zu ihr oder einer ihrer Kol­le­gin­nen gegan­gen, und der Befund war stets der glei­che gewe­sen: „Dass Ihre Zahl immer schlech­ter wird, muss ich Ihnen nicht sagen, aber ange­sichts Ihrer Zahl sind die Wer­te gut“, bis das eines Tages nicht mehr galt. Als Zahl bezeich­ne­te sie mein Alter, und die Wer­te waren die Wer­te, aber sie schlu­gen plötz­lich nach oben aus und muss­ten fort­an in kür­ze­rem Abstand über­prüft wer­den.

Die Nach­richt oder eigent­lich auch nur die Erin­ne­rung dar­an, dass ich ster­ben wür­de, hät­te mir nie­mand bes­ser über­brin­gen kön­nen als sie. Denn noch wäh­rend die Ärz­tin sag­te, es sei etwas mit den Wer­ten, sah sie mich auf eine Wei­se an, dass mir sofort klar war, sie hat­te alle nur mög­li­chen Reak­tio­nen, die es dar­auf gab, schon hun­dert­mal gese­hen, und ich muss­te mich erst gar nicht bemü­hen, mit einer unmög­li­chen ori­gi­nell zu sein. Dass etwas nicht stim­men konn­te, war mir schon klar gewe­sen, weil sie dies­mal die Unter­su­chungs­er­geb­nis­se nicht am Tele­fon durch­ge­ben woll­te, son­dern mich bat, noch ein­mal in die Pra­xis zu kom­men. Ungläu­big­keit, Trä­nen in den Augen, ein Zusam­men­bruch, Flucht ins Sen­ti­men­ta­le, Wut, aber Wut auf wen, trot­zi­ge Stär­ke, und selbst wenn das eine bloß gespielt wäre, um das ande­re zu über­de­cken, es wür­de ihr ohne Zwei­fel nicht ent­ge­hen.

„Machen Sie nicht so ein Gesicht“, sag­te sie, als ich nichts erwi­der­te, und ich wuss­te nur, dass ich ein Gesicht gemacht hat­te, aber ich wuss­te nicht, wel­ches. „Es könn­te Sie viel schlim­mer tref­fen.“

Dann kam der Spruch, von dem ich mich seit­her frag­te, ob sie ihn nur zu mir gesagt hat­te oder ob sie auf ihre etwas rup­pi­ge Art alle damit auf­zu­hei­tern ver­such­te, denen sie die Mit­tei­lung machen muss­te, dass eine ande­re Uhr in Gang gesetzt wor­den war.

„Sie könn­ten eine um drei­ßig Jah­re jün­ge­re Gelieb­te haben. Das wäre eine Kata­stro­phe, von der Sie sich wirk­lich nicht mehr erho­len wür­den. Sie wür­de Sie frü­her ins Grab brin­gen als jede Krank­heit.“

Damit erhob sie sich hin­ter ihrem Schreib­tisch und nahm mich genau­er in den Blick, ein Blick, vor dem ich unter kei­nen Umstän­den bestehen konn­te.

„Sie brau­chen nicht zu lachen“, sag­te sie, obwohl ich gar nicht gelacht hat­te. „So etwas gibt es alle Tage. Wenn ich die Orang-Utans mit ihren Püpp­chen nur sehe, könn­te ich im Strahl kot­zen. Sie haben kei­ne Ahnung,