Das „O“ bei Hölderlin

Nor­bert Gst­reins Kolum­ne „Wri­ter at lar­ge“

Nach wochen­lan­ger Höl­der­lin-Lek­tü­re habe ich end­lich Ben Ler­ners Essay The Hat­red of Poet­ry gele­sen, um viel­leicht etwas zu fin­den, was mir all das nicht Ver­stan­de­ne zumin­dest ein biss­chen erklärt. Dar­in gibt es den, wie ich glau­be, bezwin­gen­den und nahe­zu tau­to­lo­gi­schen Gedan­ken, dass jedem Gedicht das Schei­tern ein­ge­schrie­ben sei allein wegen des unmä­ßi­gen Anspruchs, der an das Gedicht gestellt wer­de und den das ein­zel­ne Gedicht nie ein­lö­sen kön­ne, oder anders gesagt: Die Unmög­lich­keit eines Gedichts ist die Bedin­gung sei­ner Mög­lich­keit. Wie auch immer man es defi­nie­ren mag, als einen Ver­such des Dich­ters, ins Tran­szen­den­te vor­zu­sto­ßen, als höchs­te Form des Selbst­ge­sprächs, in dem sich der Mensch sei­ner Mensch­lich­keit bewusst wird, als poli­ti­schen Spreng­satz, der die Welt ver­än­dert, es ist mit die­sem Anspruch zum Schei­tern ver­ur­teilt. Das Pro­blem ist durch Vir­tuo­si­tät nicht aus der Welt zu schaf­fen, denn der Befund ist ein­deu­tig: „Poet­ry isn’t hard, it’s impos­si­ble“, was den Dich­ter zu einer „tra­gi­schen Figur“ macht und das Gedicht immer zu einem „Aus­weis sei­nes Ver­sa­gens“: „The poet, by his very cla­im to be a maker of poems, is the­r­e­fo­re both an embar­rass­ment and accu­sa­ti­on.“ Die Vor­stel­lung von einem idea­len Gedicht, das ein Dich­ter viel­leicht gera­de noch im Traum auf­sa­gen könn­te, lässt jede Rea­li­sie­rung schal erschei­nen, und des­halb kann die äußers­te Lie­be zur Dich­tung nur auf­recht­erhal­ten wer­den mit einer „pla­to­ni­schen Ver­ach­tung“ für das ein­zel­ne Gedicht.

Natür­lich haben die Dich­ter Stra­te­gien ent­wi­ckelt, um die­sem Para­do­xon zu ent­kom­men. Die ein­fachs­te ist das Ein­ge­ständ­nis samt dem Ver­such, die­ses Ein­ge­ständ­nis frucht­bar zu machen: „Ich weiß, dass die Welt viel grö­ßer und schö­ner und viel klei­ner und schreck­li­cher ist, als ich je mit Wor­ten sagen könn­te, aber wenn ihr mir trotz­dem zuhö­ren wollt …“ Es ist in der Pro­sa im Übri­gen nicht anders: Man schreibt einen Roman alle­mal ent­spann­ter, wenn man sich selbst beschwich­tigt, dass es nicht die­ser Roman sei, in dem man die Lite­ra­tur neu erfin­de, son­dern der nächs­te oder über­nächs­te, in dem es dann um alles gehen wer­de – eine immense Erleich­te­rung, ein Frei­brief, dann doch wie­der an dem Roman zu arbei­ten, an dem man gera­de arbei­tet und der am Ende nicht mehr ist als eben wie­der nur ein Roman und also eine Ent­täu­schung.

Ande­re Aus­we­ge sind die in das Genia­li­sche oder viel­leicht nur in den Kitsch des ver­meint­lich Genia­li­schen, in den Wahn oder in das Ver­stum­men, die nicht sau­ber von­ein­an­der zu schei­den sind. Es gibt immer noch roman­ti­sche Köp­fe, in denen die Vor­stel­lung her­um­spukt, der höchs­te Punkt dich­te­ri­scher Inte­gri­tät sei erst dann erreicht, wenn man irgend­wann die emp­fun­de­ne Dif­fe­renz respek­tie­re und mit dem Dich­ten auf­hö­re. Die letz­te Kon­se­quenz wäre der Selbst­mord, der sich dann wie­der zu einem Frei­tod ver­klä­ren lie­ße, weil ein Dich­ter sich natür­lich nicht ein­fach umbringt wie jemand, der kei­ne Wahl hat, son­dern sein Ende selbst­ver­ständ­lich wählt und mit der Wahl ver­edelt. Oder man lässt sich auf eine Wei­se auf das Spiel mit dem Unend­li­chen ein, das mit end­li­chen Mit­teln nicht zu gewin­nen ist, dass man dafür sein eige­nes See­len­heil ver­kauft, nicht der ers­te und nicht der letz­te Dok­tor Faus­tus, und muss mit der Befürch­tung leben, „daß es mir nicht geh’ am Ende, wie dem alten Tan­ta­lus, dem mehr von Göt­tern ward, als er ver­dau­en konn­te“.

Was also tun mit der Grö­ße und dem Hero­is­mus und den Göt­tern und Hel­den, dem heh­ren Gesang?

Das schreibt Höl­der­lin vor sei­nem Auf­bruch zu einer Fuß­rei­se nach Bor­deaux im Dezem­ber 1801, wo er eine Haus­leh­rer­stel­le antre­ten soll und von der er nicht ein­mal ein hal­bes Jahr spä­ter wie­der zurück­kehrt, an sei­nen Freund Casi­mir Ulrich Boeh­len­dorff: Tan­ta­lus also, in der Selbst­wahr­neh­mung schon vor sei­ner Abrei­se, der sich an den Tisch der Göt­ter gedrängt hat und dafür von ihnen in den Hades gesto­ßen wird. Man weiß nicht, was Höl­der­lin in Frank­reich wider­fah­ren ist, aber sein Zustand bei der Rück­kehr ist besorg­nis­er­re­gend, Freun­de spre­chen von sei­nem ver­wahr­los­ten Äuße­ren und machen sich Gedan­ken über sei­ne all­ge­mei­ne Erschöp­fung und Nie­der­ge­schla­gen­heit, eine nicht mehr über­seh­ba­re Zäsur in sei­nem Leben, ein Bruch vor dem end­gül­ti­gen Zusam­men­bruch, auf den er da schon zuzu­steu­ern scheint. Man weiß auch nicht, was er dort gese­hen hat, weil er sich dar­über nicht aus­lässt, man weiß statt­des­sen, was er sehen woll­te. Das kann man in einem ande­ren Brief an Boeh­len­dorff fin­den, geschrie­ben ein paar Mona­te nach sei­ner Rück­kehr, und es ist ein Blick in Höl­der­lins Wunsch- und Fan­ta­sie- und Inspi­ra­ti­ons­welt, die Welt der Anti­ke, des alten Grie­chen­land, die er aus­ge­rech­net in Bor­deaux, am ande­ren Ende des Kon­ti­nents, ent­deckt haben will. „Das Ath­le­ti­sche des süd­li­chen Men­schen, in den Rui­nen des anti­quen Geis­tes, mach­te mich mit dem eigent­li­chen Wesen der Grie­chen bekann­ter; ich lern­te ihre Natur und ihre Weis­heit ken­nen, ihren Kör­per, die Art, wie sie in ihrem Kli­ma wuch­sen, und die Regel, womit sie den über­müt­hi­gen Geni­us vor des Ele­ments Gewalt behü­te­ten …“, schreibt er. „Der Anblick der Anti­quen hat mir einen Ein­druk gege­ben, der mir nicht allein die Grie­chen ver­ständ­li­cher macht, son­dern über­haupt das Höchs­te der Kunst …“

In sei­nem luzi­den Buch Höl­der­lins Geis­ter unter­nimmt Karl-Heinz Ott es, die­se Grie­chen­landsehn­sucht durch eine Rea­li­täts­prü­fung zu dekon­stru­ie­ren. Natür­lich reicht es nicht, sich auf eine Welt zu beschrän­ken, die alles ist, was der Fall ist, aber es scha­det bei den Höl­der­lin­schen Höhen­flü­gen nicht, eine siche­re Ver­bin­dung mit der Wirk­lich­keit her­zu­stel­len. Das Ott­sche Ernüch­te­rungs­pro­gramm beginnt mit Tho­mas Jef­fer­son, dem Ver­fas­ser der ame­ri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung und drit­ten Prä­si­den­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten, der sich ein paar Jah­re vor Höl­der­lin in Bor­deaux auf­hält und dort nicht den alten Grie­chen begeg­net, son­dern sich für die Win­ze­rei inter­es­siert und nicht genug detail­lier­te Kennt­nis­se über die Kunst des Wein­baus sam­meln kann. „Die in end­lo­sen Rei­hen gepflanz­ten Reb­stö­cke misst er mit dem Meter­stab: Sie sind 3 1/2 Fuß hoch, die Trau­ben fan­gen unge­fähr 1 1/2 Fuß über dem Boden an zu wach­sen“, schreibt Ott voll Ver­gnü­gen an der Kon­kre­ti­on, und man weiß, dass er nicht nur vom Wein­bau spricht, wenn er zum Fazit kommt: „Das alles muss [Tho­mas Jef­fer­son] wis­sen, um aus­rech­nen zu kön­nen, was es heißt in Ame­ri­ka Wein anzu­bau­en.“

Enden tut das Gan­ze mit einer eben­so beklem­men­den wie auf­schluss­rei­chen Anek­do­te über Mar­tin Heid­eg­ger, dem Grie­chen­land- und Höl­der­lin-Begeis­ter­ten, der sich nach jah­re­lan­gem Wider­stand Anfang der Sech­zi­ger­jah­re von sei­ner Frau zu einer Ägä­is-Kreuz­fahrt über­re­den lässt und zuletzt nur noch wider­wil­lig die Land­gän­ge mit­macht, weil ihm das moder­ne Grie­chen­land mit sei­nen (nicht-tou­ris­ti­schen) Grie­chen und tou­ris­ti­schen Nicht-Grie­chen, die so wenig mit den mythi­schen Hero­en zu tun haben, den Blick in die Anti­ke ver­stellt.

Mit­ten in der Nacht auf einer Auto­bahn, Heid­eg­ger mit Heid­eg­gers Stim­me, der über Höl­der­lin spricht.

Was also tun mit der Grö­ße und dem Hero­is­mus und den Göt­tern und Hel­den, dem heh­ren Gesang, von dem einem anhal­tend schwind­lig wer­den kann, so tief ist die Kla­ge in fal­schen, gott­lo­sen Zei­ten zu leben und es gel­te die Göt­ter buch­stäb­lich wie­der her­bei­zu­sin­gen im Gesang des Gedichts? Mit­ten in der Nacht auf einer Auto­bahn und Bru­no Ganz im Ohr, der Gedich­te Höl­der­lins liest, sei­ne wei­che, ein­schmei­cheln­de Stim­me … Mit­ten in der Nacht auf einer ande­ren Auto­bahn mit Jens Har­zer und Hype­ri­on, wie­der eine zärt­li­che, dies­mal jugend­li­che, schmach­tend melan­cho­li­sche Stim­me, die Stim­me eines grie­chi­schen Jüng­lings, will man im Tau­mel schon den­ken, die einen in ihrer Kla­ge über das Apo­dik­ti­sche hin­weg­hö­ren lässt, bis man dann doch nicht mehr weg­hö­ren kann, weil sich in dem Ser­mon immer wie­der eine her­ri­sche Ableh­nung der Wirk­lich­keit Bahn bricht, die sich nicht gemäß den Wün­schen des Sän­gers ver­hält, mit­ten in der Nacht auch Sät­ze wie die­se, Sät­ze, das wäre die unzu­läs­si­ge und sich dann doch auf­drän­gen­de bio­gra­fi­sche Inter­pre­ta­ti­on, von einem Dich­ter, der zu wenig Aner­ken­nung bekommt: „Der Gott in uns, dem die Unend­lich­keit zur Bahn sich öff­net, soll stehn und har­ren, bis der Wurm ihm aus dem Wege geht? Nein! nein! Man frägt nicht, ob ihr wollt! Ihr wollt ja nie, ihr Knech­te und Bar­ba­ren! Euch will man auch nicht bes­sern, denn es ist umsonst! man will nur dafür sor­gen, daß ihr dem Sie­ges­lauf der Mensch­heit aus dem Wege geht. O! zün­de mir einer die Fackel an, daß ich das Unkraut von der Hei­de bren­ne! die Mine berei­te mir einer, daß ich die trä­gen Klöt­ze aus der Erde spren­ge!“ Figu­ren­re­de, gewiss, und Hype­ri­on wen­det sogleich beschwich­ti­gend ein: „Wo mög­lich, lehnt man sanft sie auf die Sei­te …“, will sagen, man muss ja nicht gleich zu äußers­ter Gewalt grei­fen, aber doch ist da die­se Dau­er­über­hit­zung bei gleich­zei­ti­ger Käl­te durch Abs­trak­ti­on. Wür­den Sta­tu­en so spre­chen, wenn man sie im alten Grie­chen­land mit einem Zau­ber­stab in Bewe­gung set­zen könn­te, und haben die Göt­ter Höl­der­lins nicht auch etwas Robo­ter­haf­tes, denen die Men­schen immer­hin vor­aus­ha­ben, dass sie sich umbrin­gen kön­nen, so Pli­ni­us der Älte­re, so Karl-Heinz Ott?

Mit­ten in der Nacht dann wie­der auf einer ande­ren Auto­bahn, Heid­eg­ger mit Heid­eg­gers Stim­me, der über Höl­der­lin spricht und auf des­sen Begriffs­ge­bäu­de sein eige­nes Gebäu­de wuch­tet, einen bis in den Him­mel ragen­den Turm von Babel errich­tet über sei­nem pos­tu­lier­ten Geviert aus Him­mel und Erde, Men­schen und Göt­tern, in dem sich alles abspielt. Es ist die Auf­nah­me einer Rede, die er am