Neulich las ich „Vaterhaus“ von Bea Dieker

Von Andre­as Mai­er.

Neu­lich las ich Vater­haus von Bea Die­ker und traf auf eine Stel­le, in der das Kind in eine Besen­kam­mer gesperrt wird. Ich begann über Besen­kam­mern nach­zu­den­ken. Ich wer­de öfter gefragt, wie Erin­ne­rung funk­tio­niert. Das Eigen­tüm­li­che an Erin­ne­rung ist, dass man sie nicht nach­prü­fen kann, ohne sie zu ver­än­dern. Denn dann gin­ge sie von einer Erin­ne­rung mit all ihren Mög­lich­kei­ten in Wis­sen über. Dem Wis­sen fehlt im Gegen­satz zur Erin­ne­rung aber der Mög­lich­keits­raum. Eine Erin­ne­rung dage­gen ist beweg­lich und hat eine Geschich­te.

In unse­rem Haus gab es ein­deu­tig kei­ne Besen­kam­mer, das heißt, ich konn­te nicht in eine sol­che ein­ge­sperrt wor­den sein. Die kleins­ten Räu­me in unse­rem Haus waren die bei­den Gäs­te­toi­let­ten, aber ich kann mich nicht erin­nern, jemals in einer sol­chen ein­ge­sperrt wor­den zu sein. Mei­ne Eltern kön­nen mich nicht ein­ge­sperrt haben.

Jedoch habe ich so ein gewis­ses, wie soll ich sagen, Erin­ne­rungs­ge­fühl. Ich sehe etwas Wei­ßes vor mir, wohl eine wei­ße Tür, und eine Trep­pe. Viel­leicht eine Kam­mer unter­halb einer Trep­pe. Zugleich ist es luf­tig. Irgend­wo ist Grün.

Ich weiß nicht, wie oft sich die Groß­fa­mi­lie traf, alle waren stolz auf die­se Groß­fa­mi­lie, ich ver­ste­he so etwas ja bis heu­te nicht, sehe ich Fotos von damals, wird mir noch heu­te übel.

Im Haus in der Uhland­stra­ße, in dem mein Onkel mit sei­ner Mut­ter leb­te, gibt es eine sol­che Kam­mer. Man kann dar­in ste­hen, sich aber nicht umdre­hen, und wenn man aus ihr etwas her­aus­ho­len will, betritt man sie nicht eigent­lich, son­dern bleibt auf der Tür­schwel­le ste­hen und greift hin­ein. Erleuch­tet wird sie von einer nied­rig hän­gen­den Glüh­bir­ne in blo­ßer Fas­sung.

Hier muss ich aller­dings sagen, dass ich zum einen die­se Kam­mer Jah­re mei­nes Lebens selbst als Besen­kam­mer benutzt habe, auch noch, als ich die Orts­um­ge­hung begann, mir aber nie die Erin­ne­rung an ein dor­ti­ges Ein­ge­sperrt­sein zur Kind­heits­zeit kam. Es ist da auch nichts luf­tig, die Kam­mer hat kein Fens­ter. Ich habe zeit­wei­se in mei­nem Leben viel geputzt. Immer, wenn alles in mei­nem Leben in Unord­nung war, habe ich ange­fan­gen, das Haus zu put­zen, von oben bis unten, was etwa zwei kom­plet­te Tage gebraucht hat. Ich hat­te ein­mal Rus­sin­nen zu Gast (sol­che, denen man den Sekt ein­schen­ken muss, weil sie sich nie­mals selbst ein­schen­ken wür­den, und die sich beschwe­ren, wenn die Würst­chen nicht gepellt sind), und sie konn­ten