„Ich dachte, hier ist das Leben einfach“

Mir­jam Wit­tigs Roman An der Gras­nar­be. Von Brit­ta Mühl­bau­er Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Online-Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

Noa, die Ich-Erzäh­le­rin in Mir­jam Wit­tigs Debüt­ro­man An der Gras­nar­be, die in Deutsch­land als Restau­ra­to­rin arbei­tet, lei­det unter Anfäl­len von Todes­angst. In der Stadt fürch­tet sie, Opfer eines Ter­ror­an­schlags zu wer­den, sooft sie Män­ner sieht, die dem Kli­schee­bild des isla­mis­ti­schen Ter­ro­ris­ten ent­spre­chen. Sie hofft, ihre Panik­at­ta­cken mit einer Aus­zeit auf dem Land los­zu­wer­den. Als Hel­fe­rin auf dem Hof der Aus­stei­ger Ella und Gre­gor ent­wi­ckelt sie nicht nur den Ehr­geiz, nütz­lich zu sein. Sie will auch das Ver­trau­en von Jade, der ein­zel­gän­ge­ri­schen elf­jäh­ri­gen Toch­ter des Paars gewin­nen, die sich zunächst so reser­viert und abwei­send zeigt wie die Haus- und Nutz­tie­re auf dem Hof. Als Noas Todes­angst auch in der neu­en Umge­bung auf­tritt, stellt sich die Fra­ge, ob sie ein­fach wie­der in ihr Leben zurück­keh­ren oder den ein­ge­schla­ge­nen Weg wei­ter­ver­fol­gen soll, indem sie sich noch unmit­tel­ba­rer auf die Natur ein­lässt und auf ein spi­ri­tu­el­les Erleb­nis hofft.

Wir bewe­gen uns im Bereich des natu­re wri­ting. Die­ses Gen­re, das vor allem im eng­lisch­spra­chi­gen Raum auf eine lan­ge Tra­di­ti­on zurück­blickt, ist nun auch bei uns ange­kom­men. For­schungs- und Rei­se­be­rich­te, natur­kund­li­che Repor­ta­gen, Tage­bü­cher, Erzäh­lun­gen, Roma­ne, Gedich­te, in die­sem Gen­re fin­den vie­le Text­sor­ten Platz. Was sie ver­bin­det, sind genaue Beob­ach­tung und prä­zi­se Beschrei­bung. Das Nach­den­ken über die Bezie­hung zwi­schen Mensch und Natur folgt einem öko­lo­gi­schen Erkennt­nis­in­ter­es­se und manch­mal geht es dar­über hin­aus ins Spi­ri­tu­el­le. (Die von der Autorin Judith Schal­an­sky im Ver­lag Matthes & Seitz her­aus­ge­ge­be­ne Serie Natur­kun­den demons­triert ein­drucks­voll die Band­brei­te des Gen­res.)

Mir­jam Wit­tig beschreibt das Leben auf dem Land durch und durch zeit­ge­mäß. Es ist nicht idyl­lisch. Die Arbeit ist hart, der Kli­ma­wan­del wirkt sich aus, es ist einer­seits zu tro­cken, ande­rer­seits sorgt Stark­re­gen für Über­schwem­mun­gen und Boden­ero­si­on. Bei ihrer Ankunft betrach­tet die Ich-Erzäh­le­rin die Umge­bung noch mit den Augen der Städ­te­rin, „…die ver­ein­zelt ste­hen­den Häu­ser waren aus Stein und alt, und die Bäu­me stan­den trotz des Win­ters ganz grün, als wäre die Zeit hier anders sor­tiert.“ Je mehr sie sich ein­lebt und ein­ar­bei­tet, des­to kla­rer erkennt sie, unter welch pre­kä­ren Bedin­gun­gen Ella, Gre­gor und Jade leben und arbei­ten. Noa will ler­nen und hel­fen. Ins­be­son­de­re der elf­jäh­ri­gen Jade. Das Mäd­chen ist ein­sam, voll unter­drück­ter Wut und es begeg­net den Helfer:innen, die auf der Suche nach Abwechs­lung, Aben­teu­er oder Erho­lung, auf den Hof kom­men, mit Vor­be­halt. Aber Noa ist anders. Sie wird meh­re­re Mona­te lang blei­ben und sie ist beharr­lich. Das führt zu dem ein oder ande­ren pein­li­chen Moment im Text. Ihre Annä­he­rungs­ver­su­che wir­ken wie Anbie­de­rung. Den­noch ergibt sich aus der Fra­ge, ob sie zu dem Kind durch­drin­gen wird, einer von meh­re­ren sub­ti­len Span­nungs­bö­gen, die die­sen Roman durch­zie­hen.

In kur­zen, prä­gnan­ten Schil­de­run­gen bekom­men wir einen Ein­druck davon, wie erhol­sam und gleich­zei­tig bedroh­lich Natur sein kann, wie viel Ruhe und Über­for­de­rung dar­in liegt und wie zer­stö­re­risch der Mensch ein­greift. Und wir erfah­ren eine Men­ge über Schaf­hal­tung und Gemü­se­an­bau. Mir­jam Wit­tig ver­fügt über die tref­fen­den Bezeich­nun­gen für Din­ge und Tätig­kei­ten. Da ist die Rede von Heu­schnü­ren und Kolos­trum, vom Saft der Toma­ten­stie­le, der sich beim Aus­gei­zen so tief in die Haut ein­brennt, dass man „die schil­lern­de Rep­ti­li­en­haut meh­re­re Tage nicht von den Fin­gern waschen“ kann, und davon, wie dre­ckig man von Schafs­wol­le wird, wenn man die Tie­re ein­fan­gen und die Fin­ger in den Filz schla­gen muss. Mir­jam Wit­tig schaut genau hin. Des­halb sind ihre Beschrei­bun­gen nie lang­wei­lig oder pathe­tisch.

Einen Schön­heits­feh­ler aller­dings hat die­ser sonst so öko­no­misch gebau­te Text: Noas Panik­at­ta­cken füh­ren Frem­den­feind­lich­keit als The­ma ein. Um zu unter­mau­ern, dass die Ich-Erzäh­le­rin dies­be­züg­lich über jeden Ver­dacht erha­ben ist, braucht Wit­tig unter ande­rem zwei Neben­fi­gu­ren, die schwer aus­ein­an­der­zu­hal­ten sind, und wenig Ein­druck hin­ter­las­sen. Als the­ma­ti­scher Über­bau für einen 190 Sei­ten star­ken Text wäre das The­ma Mensch und Natur umfang­reich genug gewe­sen. Kann man an der Natur gene­sen und wenn ja, wie? Wel­che Moti­ve ste­hen hin­ter dem Aus­stei­gen: nach­hal­ti­ges öko­lo­gi­sches Han­deln, Kon­sum­ver­wei­ge­rung, Eska­pis­mus? Wird die nächs­te Gene­ra­ti­on es bes­ser machen? Wer­den die Jun­gen über­haupt blei­ben? All die­se Fra­gen wirft der Text auf, man wünscht sich, die Autorin wäre an ihnen so beharr­lich und prä­zi­se dran­ge­blie­ben wie an den beein­dru­cken­den Beschrei­bun­gen.

Den­noch: Es ist span­nend zu ver­fol­gen, wie Noa ver­sucht sich ein­zu­le­ben, Bezie­hun­gen – auch ero­ti­scher Natur – zu knüp­fen, und sich von ihrer Todes­angst zu befrei­en. Im zwei­ten Teil des Romans nimmt die Hand­lung Fahrt auf, das Per­so­nal wird auf­ge­stockt, Noa setzt sich der Grenz­erfah­rung eines Hoch­was­sers aus. Wit­tigs Roman lie­fert star­ke Bil­der und Figu­ren, die in Erin­ne­rung blei­ben.

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Online seit: 31. Okto­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 1. Mai 2023