Die Kritik nach dem Gemetzel

Unaus­deut­bar und schnell erle­digt, islam­feind­lich oder doch nicht, Hor­ror­vi­si­on oder Sati­re – mit dem Ein­sor­tie­ren von Michel Hou­el­le­becqs Unter­wer­fung tat sich die deutsch­spra­chi­ge Lite­ra­tur­kri­tik nach dem Mas­sa­ker an den Mit­ar­bei­tern von Char­lie Heb­do noch schwe­rer als ohne­hin schon. Von Anton Thus­wald­ner

Es muss­te schnell gehen, sehr schnell sogar, viel Zeit zum Über­le­gen blieb nicht. Am Tag, als Michel Hou­el­le­becqs Roman Unter­wer­fung in Frank­reich erschien, fand das Gemet­zel in den Redak­ti­ons­räu­men der Sati­re­zei­tung Char­lie Heb­do statt. Weni­ge Tage spä­ter war die deut­sche Aus­ga­be auf dem Markt. Ver­zö­ge­rung wur­de nicht gedul­det, die Rezen­si­on muss­te sofort, mög­lichst bevor das Buch in den Buch­lä­den aus­lag, erschei­nen. Freund­lich gesinnt mag man das als Grund neh­men, war­um die Rezen­sio­nen sich lie­ber auf das Kampf­ge­biet der Ideo­lo­gie bega­ben und war­um sich Kri­ti­ker als Sach­ver­stän­di­ge für fran­zö­si­sche Innen­po­li­tik aus­ga­ben. Roman Half­mann benennt im Hes­si­schen Rund­funk das Dilem­ma, in dem sich Rezen­sen­ten befin­den, deut­lich: „Natür­lich, ange­sichts der Anschlä­ge in Paris und auch der Pegi­da-Demons­tra­tio­nen in Deutsch­land scheint es gera­de­zu unmög­lich, den Roman als rein lite­ra­ri­sches Erzeug­nis zu lesen.“ So sieht es Cor­ne­lia Geiss­ler in der Frank­fur­ter Rund­schau auch: „Man liest das Buch unter dem Ein­druck der Ereig­nis­se, aber auch mit den bewe­gen­den Bil­dern von rie­si­gen Demons­tra­ti­on in Paris vom Sonn­tag im Kopf.“

Die eigent­li­che Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik, einen Text als etwas Gemach­tes, einem ästhe­ti­schen Pro­gramm Fol­gen­des zu unter­su­chen, wur­de ver­ges­sen. Aber war­um reden wir über­haupt von lite­ra­ri­schen For­men und von Spra­che, wenn nicht gera­de die­se ein­zig­ar­ti­gen Aus­drucks­mit­tel, in jedem Buch neu erprobt, neu erfun­den, neu durch­ge­spielt, Aus­kunft geben wür­den über die Hal­tung eines Autors, die Moral eines Tex­tes, die Zeit­er­füllt­heit eines Wer­kes, die Kri­tik an Geist und Lebens­ge­fühl einer Epo­che, die Wei­se, wie Welt erfasst und gedeu­tet wird. Alles, was in einem lite­ra­ri­schen Werk drin­steckt, ver­mit­telt sich über  Form und Spra­che. Weh dem Rezen­sen­ten, der Geschich­ten nach­er­zählt. Er hat auf dem Feld der Lite­ra­tur­kri­tik nichts ver­lo­ren. Das ist die dürf­tigs­te Art, mit Lite­ra­tur zu ver­fah­ren. „Geschich­ten erzäh­len kann mein Fern­se­her auch“, sag­te Alfred Gul­den ein­mal und mein­te, dass ein Roman mehr ist als sein blo­ßer Inhalt. Der Plot ist der Köder, der uns rein­zieht in einen Text. Die­ser aber erzählt mehr als auf den ers­ten Blick sicht­bar ist. Im Abstand von meh­re­ren Jah­ren lässt sich das an jedem Kunst­werk mit erzäh­len­der Absicht nach­wei­sen. In einer „Poli­zei­ruf 111“-Folge aus DDR-Zei­ten war ein­mal ein Kri­mi über einen Hand­ta­schen­räu­ber auf dem Fried­hof zu sehen. Ein höhe­res Maß an Ödnis ist nicht vor­stell­bar –  ist man an der rei­nen Hand­lung inter­es­siert. Aber heu­te erzählt uns der Film etwas über die DDR, was gar nicht beab­sich­tigt war, wir erfah­ren alles über eine ver­korks­te Gesell­schaft mit bie­de­rer Moral, in der es Ver­bre­chen eigent­lich nicht geben hät­te dür­fen.

Selt­sam, was sich im Fall des jüngs­ten Hou­el­le­becq ereig­net. Jeder Rezen­sent schreibt von der schlei­chen­den Isla­mi­sie­rung Frank­reichs, die in ein­präg­sa­men Sze­nen dar­ge­stellt wird, aber die Mei­nung, was wir davon hal­ten sol­len, geht stark aus­ein­an­der. Ein „Isla­mi­sie­rungs-Hor­ror­werk“ (Jürg Alt­wegg) nennt die FAZ den Roman, wäh­rend auf Spie­gel Online (Sebas­ti­an Ham­me­leh­le) hef­tig demen­tiert wird, dass er als „Schre­ckens­sze­na­rio“ zu neh­men sei. Das hin­dert den Ver­fas­ser nicht dar­an, sich im Titel für die Angst­ver­si­on zu ent­schei­den: „Gespens­ti­sche Aktua­li­tät“. Die Süd­deut­sche Zei­tung nimmt eine Zwi­schen­hal­tung ein, wenn sie von der „Unent­schie­den­heit des Romans“ spricht (Tho­mas Stein­feld). Immer­hin herrscht Einig­keit dar­über, dass eine nahe Zukunft ima­gi­niert wird, wes­halb das Schlag­wort vom „Anti­zi­pa­ti­ons­ro­man“ (Chris­to­pher Schmidt in der SZ) sei­ne Berech­ti­gung hat.

Unaus­deut­bar! Oder doch nicht?

Die lite­ra­ri­sche Form? Fehl­an­zei­ge. Gre­gor Dot­z­au­er gibt im Tages­spie­gel sei­ner Mei­nung Aus­druck, dass der Hou­el­le­becq-Roman „im bes­ten Sin­ne Lite­ra­tur“ sei. In der Begrün­dung belässt er es bei eini­gen knap­pen Anmer­kun­gen. Wir hät­ten es mit einer „in ihrer Viel­deu­tig­keit unaus­deut­ba­ren Ver­suchs­an­ord­nung“ zu tun, eine küh­ne Bemer­kung, wenn man sieht, wie rasch vie­le sei­ner Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen fer­tig waren mit dem Buch als eine durch­aus deut­ba­re Aus­le­gung einer nahen Zukunft. Über­haupt distan­ziert sich Dot­z­au­er von all den inhalts­fi­xier­ten Bespre­chun­gen, wenn er zumin­dest in Andeu­tun­gen ahnen lässt, dass sich ein Autor Gedan­ken dar­über gemacht hat, wie sich unse­re Gegen­wart in eine abseh­ba­re Zukunft wei­ter­den­ken lie­ße: „Es ist kein Roman aus der geschichts­phi­lo­so­phi­schen Vogel­per­spek­ti­ve, son­dern eine Erzäh­lung aus dem Blick­win­kel eines typi­schen Hou­el­le­becq-Hel­den“.

Im bes­ten Sin­ne Lite­ra­tur, dar­an lie­ße sich anknüp­fen. Damit begin­nen aber auch schon die Schwie­rig­kei­ten. Wie geht man mit einem Buch um, des­sen Ver­fas­ser vor allem in man­chen fran­zö­si­schen Medi­en der Vor­wurf gemacht wird, Par­tei­gän­ger des Rechts­extre­mis­mus zu sein? Immer­hin wur­den Ver­glei­che mit Lou­is-Fer­di­nand Céli­ne ange­stellt, einem aus­ge­wie­se­nen, unver­bes­ser­li­chen Anti­se­mi­ten, der erst­klas­si­ge Lite­ra­tur geschrie­ben hat. Nur, in die­ser Gesell­schaft hat Hou­el­le­becq nichts ver­lo­ren. Mit der poli­ti­schen Rech­ten hat er nichts zu schaf­fen, und an einen Roman wie Céli­nes Rei­se ans Ende der Nacht kom­men sei­ne Bücher nie her­an.

Allen Rezen­sio­nen sieht man an, wie schwer sich ihre Ver­fas­ser mit dem Fall Hou­el­le­becq tun. Ein­ver­ständ­nis herrscht nicht ein­mal in der Ein­schät­zung, ob das Buch isla­mo­phob ist oder nicht. Für Ste­fan Gmün­der im Stan­dard „wird klar, dass es sich hier nicht um ein Buch gegen den Islam, son­dern über die Kri­se der west­li­chen Demo­kra­tie han­delt.“ Auch Roman Half­mann winkt beru­hi­gend ab: „kein isla­mo­pho­ber, nicht ein­mal islam­kri­ti­scher Roman“ sei zu ver­mel­den. Nach Jürg Alt­wegg beschei­nig­te Lau­rent Joff­rin in Libé­ra­ti­on dem Autor „schrift­stel­le­ri­sche Qua­li­tä­ten“, scheu­te sich aber nicht „sei­ne Ideen zu bekämp­fen“. Nur mit den Ideen ist das so eine Sache. Dass Kri­ti­ken zu unter­schied­li­chen Ergeb­nis­sen kom­men, ist der Nor­mal­fall. Wir reden über Lite­ra­tur, weil wir das letz­te Wort über einen Autor oder ein Buch nicht gefun­den haben. Aber nicht ein­mal über so ele­men­ta­re Din­ge, ob es sich um eine Sati­re han­delt oder nicht, herrscht Klar­heit. „… das ist unüber­seh­bar Sati­re“, schreibt Cor­ne­lia Geiss­ler, Gre­gor Dot­z­au­er hält dage­gen und lobt die „intel­lek­tu­el­le Far­big­keit, die sich nicht auf sati­ri­sche Absich­ten redu­zie­ren lässt.“ Ste­fan Gmün­der nickt zustim­mend und fin­det über­haupt, dass es Hou­el­le­becq „bit­ter ernst ist. Iro­nisch gebro­chen sind höchs­tens des­sen bedingt sym­pa­thi­sche Haupt­fi­gu­ren.“ Cor­ne­lia Geiss­ler sieht die Haupt­fi­gur Fran­çois stren­ger: „Er ist unsym­pa­thisch wie die meis­ten von Hou­el­le­becqs Hel­den.“ Schwer tut sie sich schon mit dem Roman. Wenn die Ana­ly­ti­ke­rin ver­sagt, muss der Gefühls­mensch her: „Die­ses Buch lässt einen nicht unbe­rührt.“ Also gut, das neh­men wir so, doch zwei Sät­ze spä­ter preist sie die „kal­te Intel­li­genz, den unemo­tio­na­len Blick des Erzäh­lers“. Das sind doch lite­ra­ri­sche Metho­den, Distanz zu schaf­fen, eben Ein­füh­lung zu ver­mei­den, die Gefühls­ebe­ne zu ver­las­sen. Cor­ne­lia Geiss­ler schafft es, nicht unbe­rührt zu blei­ben, aber unemo­tio­nal.

Der Autor ver­liert das Inter­es­se

Dass es mehr geben muss als eine poli­ti­sche Pro­vo­ka­ti­on wis­sen Chris­to­pher Schmidt und Ste­fan Gmün­der. Wie genau gear­bei­tet der Roman ist, dar­auf weist Chris­to­pher Schmidt hin, der „ein fein geknüpf­tes Netz an Ver­wei­sen“ aus­macht und die­sen nach­spürt. Ste­fan Gmün­der übt Kri­tik nicht an der Hal­tung des Autors, er weist nach, wie der Text im Lauf der Zeit an Dyna­mik ver­liert, weil der Autor „das Inter­es­se an Ver­suchs­an­ord­nung und Haupt­fi­gur ver­liert.“ Das ist mehr, als man in han­dels­üb­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit dem Buch sonst zu lesen bekommt.

Zu einer gro­ßen Ehren­ret­tung von Autor und Roman schwingt sich Frie­de­ri­ke Gös­wei­ner in der Pres­se auf. „Ein gran­dio­ser Roman“ sei zu ver­mel­den, „lite­ra­risch ein­wand­frei kon­stru­iert“. Es folgt eine umfang­rei­che Inhalts­an­ga­be, danach kom­men doch noch kri­ti­sche Ein­wän­de: „Holz­schnitt­ar­tig kon­stru­iert“, Man­gel an Psy­cho­lo­gie, unzu­läs­si­ge Ver­knap­pun­gen. Das alles steckt die Rezen­sen­tin dann aber locker weg, weil sie Hou­el­le­becq als Zeit­dia­gnos­ti­ker schätzt, der einem sie­chen Euro­pa, in dem so jemand wie „der meta­phy­sisch obdach­lo­se Fran­çois“ sein lee­res Leben führt, einen Spie­gel vor­hält. Die Ver­tei­di­gung ist mit Furor geschrie­ben und klam­mert sich voll­kom­men an den Inhalt.

Welt­ekel und spi­ri­tu­el­le Sehn­sucht

Die Kon­zen­tra­ti­on der aktu­el­len Kri­ti­ken wird nahe­zu voll­stän­dig auf die Vor­stel­lung eines poli­tisch radi­kal umge­mo­del­ten Frank­reich gelenkt. Dabei holt Hou­el­le­becq weit aus in die Geschich­te, Lite­ra­tur­ge­schich­te jeden­falls. Fran­cois, der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler, kommt wie ein Wie­der­gän­ger des Groß­meis­ters der lite­ra­ri­schen Deka­denz, Jor­is-Karl Huys­mans, her­über. Das sieht auch Ste­fan Kis­ter in der Stutt­gar­ter Zei­tung so, wenn er meint, „bei die­sem lite­ra­tur­ge­schicht­li­chen Set­ting, in dem sich Welt­ekel und spi­ri­tu­el­le Sehn­sucht durch­drin­gen, müss­te eine Bespre­chung anset­zen.“ Kon­junk­tiv! Macht er selbst auch nicht. Für eine genaue Lek­tü­re plä­diert Jür­gen Rit­te in der NZZ. Die poli­ti­sche Dis­kus­si­on, die der Roman aus­ge­löst habe, fin­det er über­flüs­sig, weil damit der lite­ra­ri­sche Aspekt auf der Stre­cke blei­be. Als „Seis­mo­graph sei­ner Epo­che“ will er Hou­el­le­becq ver­stan­den wis­sen, und des­halb sieht er die Dis­kus­si­on des Buches als Skan­da­lon deut­lich das The­ma ver­feh­len. Jens Jes­sen von der Zeit stört an Unter­wer­fung die geplan­te Tabu­ver­let­zung, und wenn er sich dann doch her­ab­lässt, den Roman als Kunst­werk ins Auge zu fas­sen, wirft er ihm „Wursch­tig­keit in der Durch­füh­rung der lei­ten­den Idee“ vor.

Für Wolf­gang Pater­no im pro­fil ist das Buch „viel mehr als nur ein Roman“, weil es viel­fach wie ein Zau­ber­text über die Zustän­de in unse­rer euro­päi­schen Wirk­lich­keit benützt wird. Und doch unter­nimmt Pater­no nichts ande­res, als das Buch als Maß­stab an die poli­ti­sche Wirk­lich­keit zu legen. Ein eige­ner Gedan­ke kommt ihm kaum jemals unter. Lei­der kein Ein­zel­fall, son­dern gän­gig gewor­de­ne Pra­xis im Feuil­le­to­nis­ten-All­tag.

War­um aber kaum je ein Wort über die Spra­che, das eigent­li­che Ele­men­tar­teil­chen von Lite­ra­tur? Mit der Tra­di­ti­on der fran­zö­si­schen Auf­klä­rung geht es berg­ab, und Michel Hou­el­le­becq ist der Pro­phet dazu. Eine recht beque­me Auf­fas­sung von Lite­ra­tur eigent­lich.

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Anton Thus­wald­ner, gebo­ren 1956, arbei­tet als Lite­ra­tur­kri­ti­ker für die Salz­bur­ger Nach­rich­ten.

Michel Hou­el­le­becq: Unter­wer­fung. Roman. Aus dem Fran­zö­si­schen von Nor­ma Cas­sau, Bernd Wilc­zek. DuMont Buch­ver­lag, Köln 2015. 272 Sei­ten, € 22,99 (D) / 23,70 (A).

Die­ser Bei­trag erschien zuerst in VOLLTEXT 1/2015.

Online seit: 3. März 2015

Zuletzt geän­dert: 26. Okt. 2015