Aus dem Wörterbuch des Unmenschen: Der Begriff „Kulturschaffende“

Bei den Nazis war der Begriff eben­so beliebt, wie spä­ter in der DDR. Heu­te scheu­en auch die poli­tisch Kor­rek­ten nicht vor sei­ner Ver­wen­dung zurück. Micha­el Busel­mei­er über die Lieb­lings­vo­ka­bel aller Kul­tur­lob­by­is­ten.

Ich habe das Wort „Kul­tur­schaf­fen­de“, das nun fast täg­lich in Zei­tun­gen wie im Inter­net völ­lig unkri­tisch auf­taucht, immer ver­ab­scheut und gemie­den, lan­ge bevor ich um sei­ne dubio­se Her­kunft wuss­te. Es kam mir extrem grob, spie­ßig und büro­kra­tisch vor und ließ sich allen­falls iro­nisch ver­wen­den. War­um spricht man nicht ein­fach von Künst­lern, Autorin­nen, Malern? Und wes­halb benut­zen gera­de Leu­te, die sonst streng auf poli­ti­sche Kor­rekt­heit ach­ten und mit Gen­der-Ster­nen oder groß gestell­tem I jeden Text ver­un­stal­ten, einen his­to­risch so belas­te­ten Begriff ohne nach­zu­den­ken?

Zwei­fel­los zähl­te das omi­nö­se Wort zum Voka­bu­lar der Nazis. So erschien etwa 1934 im Völ­ki­schen Beob­ach­ter ein „Auf­ruf der Kul­tur­schaf­fen­den“, in wel­chem die Unter­zeich­ner, dar­un­ter Wil­helm Furtwäng­ler und Ernst Bar­lach, dem Füh­rer ewi­ge Treue gelob­ten. Kon­se­quen­ter­wei­se wur­de der Kampf­be­griff bald nach 1945 von W.E. Süs­kind, Dolf Stern­ber­ger und Ger­hard Storz in das Wör­ter­buch des Unmen­schen auf­ge­nom­men, galt fort­an als „Unwort“. Doch im tota­li­tä­ren Sys­tem der DDR kam es wie­der zu Anse­hen. So applau­dier­te die gro­ße Mehr­heit der dor­ti­gen „Kul­tur­schaf­fen­den“ 1976 der Aus­bür­ge­rung Wolf Bier­manns. Auch im Wes­ten tauch­te der Begriff in den 70er Jah­ren im Rah­men der Kul­tur­po­li­tik der Deut­schen Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei und des von ihr zeit­wei­se unter­wan­der­ten Schrift­stel­ler­ver­bands unhin­ter­fragt immer häu­fi­ger auf.

Mit solch mar­tia­li­schen Voka­beln ver­su­chen sich Künst­ler und beson­ders deren Funk­tio­nä­re bei den poli­tisch jeweils ton­an­ge­ben­den Kol­lek­ti­ven anzu­bie­dern.

Mit solch mar­tia­li­schen Voka­beln ver­su­chen sich Künst­ler und beson­ders deren Funk­tio­nä­re bei den poli­tisch jeweils ton­an­ge­ben­den Kol­lek­ti­ven anzu­bie­dern. Sie nähern sich den „Werktäti­gen“ als „Geis­testäti­ge“, als eben­so „Wer­te-Schaf­fen­de“ wie die Indus­trie­ar­bei­ter. Als selbst­er­nann­te „Arbei­ter der Stirn“ mogeln sie sich „Seit an Seit“ neben die „Arbei­ter der Faust“ und mar­schie­ren zumin­dest vir­tu­ell mit ihnen. Soll hei­ßen: Auch wir sind „soli­da­risch“ mit allen sozi­al Guten im Land, auch wir sind „Kol­le­gen“, also „gewerk­schafts­fä­hig“, „Genos­sen“ gar und kei­ne eli­tä­ren Ein­zel­gän­ger mehr, auch wir sind bereit, zuzu­pa­cken und inner­halb des Sys­tems bestimm­te Auf­ga­ben zu über­neh­men, etwa schäd­li­che Ele­men­te im Bereich der Kul­tur zu eli­mi­nie­ren.

Ich lege Wert dar­auf, kein „Kul­tur- oder Kunst­schaf­fen­der“, kein „Geis­tes­tä­ti­ger“ und kein „krea­ti­ver Kol­le­ge“ zu sein, auch kein über­bra­ves Räd­chen in irgend­ei­nem Kul­tur­ap­pa­rat, der mich, wenn ich nur lieb genug war, viel­leicht auch ein wenig finan­zie­ren und mit vir­tu­el­len Lesun­gen im Inter­net ver­sor­gen wird.

Aktu­ell wird der kon­ta­mi­nier­te Begriff, so mein Ein­druck, eher phra­sen­haft und gedan­ken­los ein­ge­setzt. Er taucht, spe­zi­ell in der Coro­na-Kri­se, über­all dort auf, wo es um die Inter­es­sen­ver­tre­tung der Bran­che geht. Er ist die Lieb­lings­vo­ka­bel aller Kul­tur­lob­by­is­ten, die sich als „Krea­ti­ve“ miss­ver­ste­hen: Lite­ra­tur­grüpp­chen, freie Kunst- und Thea­ter­ver­ei­ne, Rund­funk­re­dak­teu­rin­nen, Musi­ker, aber auch die für Kunst zustän­di­gen Funk­tio­nä­re der Grü­nen, der