Am Rande der Welt

Roland Ber­big im Gespräch mit Micha­el Braun über den Brief­wech­sel von Gün­ter Eich mit Rai­ner Bram­bach
Günter Eich © Nimbus, Kunst und Bücher

Gün­ter Eich, Schluch­see, Mai 1950. Foto: Nim­bus, Kunst und Bücher

Der Dich­ter Gün­ter Eich (1907–1972) steht seit eini­ger Zeit nicht mehr auf der Agen­da des Lite­ra­tur­be­triebs. Er fir­miert heu­te in Lexi­ka als „Kahlschlag“-Literat und erfolg­rei­cher Hör­spiel­au­tor der Nach­kriegs­zeit, der sich im Spät­werk hin­ter immer kür­ze­ren Gedich­ten und kryp­ti­schen „Maul­wür­fen“ ver­bar­ri­ka­dier­te. Das lite­ra­tur­ge­schicht­li­che Nach­le­ben des schwer­mü­ti­gen Skep­ti­kers Eich schien sich zu ver­dun­keln, als es 1993 zu einem Zer­würf­nis zwi­schen dem Suhr­kamp Ver­lag und dem desi­gnier­ten Her­aus­ge­ber der Eich-Brief­aus­ga­be, dem im Sep­tem­ber 2020 ver­stor­be­nen Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Axel Vier­egg kam. Vier­egg hat­te bei sei­ner Archiv­arbeit den Antrag auf Ein­tritt in die ­NSDAP ent­deckt, den Eich am 1. Mai 1933 gestellt hat­te, am glei­chen Tag übri­gens wie Her­bert von Kara­jan und Mar­tin Heid­eg­ger. Eich wur­de damals aber nicht in die Nazi-Par­tei auf­ge­nom­men, mög­li­cher­wei­se weil der Andrang so groß war. Bei sei­nen wei­te­ren For­schun­gen kam Vier­egg zu einem sehr kri­ti­schen Befund, die geplan­te Brief­aus­ga­be wur­de auf Eis gelegt. Der Ber­li­ner Eme­ri­tus Hans Die­ter Zim­mer­mann hat im Heft 3/2021 von Sinn und Form an die­sen Fall erin­nert.

Nach drei­ßig Jah­ren wird nun end­lich die Blo­cka­de um die Brie­fe Eichs auf­ge­ho­ben. Der klei­ne Schwei­zer Nim­bus Ver­lag, der von Bern­hard Ech­te, dem ehe­ma­li­gen Lei­ter des Robert Wal­ser-Archivs geführt wird, hat die Tür zu den ver­schlos­se­nen Brief­schaf­ten Eichs geöff­net. Der wohl umfang­reichs­te Brief­wech­sel Eichs, näm­lich der mit sei­nem Schwei­zer Dich­ter­freund Rai­ner Bram­bach (1917–1983), liegt jetzt in einer akri­bisch kom­men­tier­ten Aus­ga­be vor. Als Her­aus­ge­ber fun­giert der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Roland Ber­big, dem wir bereits eine pro­fun­de Eich-Bio­gra­phie (Am Ran­de der Welt) ver­dan­ken, die 2013 bei Wall­stein erschie­nen ist.

MICHAEL BRAUN Drei Jahr­zehn­te lang konn­ten die Brie­fe des gro­ßen Dich­ters und Hör­spiel­au­tors Gün­ter Eich wegen eines Zer­würf­nis­ses zwi­schen dem Suhr­kamp Ver­lag und dem desi­gnier­ten Her­aus­ge­ber der geplan­ten Brief­ausgabe nicht erschei­nen. Jetzt wird die Tür zu den ver­schlos­se­nen Brief­schaf­ten Eichs geöff­net, aber nicht bei Suhr­kamp, son­dern im Schwei­zer Nim­bus Ver­lag. Wie ist es zu die­ser Aus­ga­be gekom­men?

Gün­ter Eich woll­te ursprüng­lich im Grab des Anar­chis­ten Michail Baku­nin bestat­tet wer­den.

ROLAND BERBIG Wie so oft spiel­te der Zufall eine Rol­le. Plötz­lich erge­ben sich, meist uner­war­tet, Mög­lich­kei­ten – und unver­se­hens glückt, was lan­ge Zeit aus­ge­schlos­sen schien. Dass ein in der Schweiz ansäs­si­ger Ver­lag sich für die­sen Brief­wech­sel gewin­nen ließ, hat­te nicht zum Gerings­ten damit zu tun, dass einer der Kor­re­spon­den­ten, Rai­ner Bram­bach, in Basel leb­te und ein Schwei­zer mit deut­schen Wur­zeln war. Dem Suhr­kamp Ver­lag kommt das Ver­dienst zu, mit Gün­ter Eich gleich zwei Werk­aus­ga­ben ver­an­stal­tet zu haben: die ers­te kurz nach sei­nem Tod, die zwei­te, als sein Nach­lass zugäng­lich gemacht wur­de. Der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Axel Vier­egg hat in den frü­hen Neun­zi­ger­jah­ren die­se zwei­te, revi­dier­te Eich-Aus­ga­be besorgt, das bleibt ein Glücks­um­stand. Bei die­ser Arbeit war er auf zahl­rei­che Brie­fe Eichs gesto­ßen, er sam­mel­te sie sys­te­ma­tisch und plan­te einen Band mit etwa 350 bis 400 Brie­fen Eichs. Die Lek­to­rin Eli­sa­beth Bor­chers, die den Dich­ter außer­or­dent­lich schätz­te, enga­gier­te sich, der Ver­lag eben­falls. Er hoff­te, einen ihr wich­ti­gen deut­schen Schrift­stel­ler mit die­ser Aus­ga­be im lite­ra­ri­schen Gespräch zu hal­ten. Es gibt sehr vie­le wun­der­ba­re Eich-Brie­fe, sie ver­zau­bern durch Klar­heit und durch einen gänz­lich anstren­gungs­frei­en, gewis­ser­ma­ßen natür­li­chen Humor. Alles ver­sprach eine Neu­ent­de­ckung des Dich­ters. Die Brief­aus­wahl ver­sprach, einen schrift­stel­le­ri­schen Wer­de­gang vol­ler Eigen­ar­ten nach­zu­zeich­nen. Dabei muss­te auch die Zeit vor 1945 in den Blick gera­ten. Wer sich für Eich inter­es­sier­te, wuss­te, dass er zwi­schen 1933 und 1939/40 für den Reichs­rund­funk gear­bei­tet hat, war man sich über den Umfang auch eher im Unkla­ren. Als Vier­egg 1993 einen Essay über die­se Arbeits­pha­se Eichs ver­öf­fent­lich­te und als das Hör­spiel Rebel­li­on in der Gold­stadt, eine Auf­trags­ar­beit, im sel­ben Jahr gefun­den und wie­der­aus­ge­strahlt wur­de, gab es hef­ti­ge Debat­ten über das ‚rich­ti­ge‘ Eich-Bild in der feuil­le­to­nis­ti­schen Öffent­lich­keit. Nicht ohne Häme spiel­te man den Rund­funk­au­tor wäh­rend der NS-Zeit gegen den radi­ka­len Poe­ten der Fünf­zi­ger- und Sech­zi­ger­jah­re aus. In die­ses Kon­flikt­feld geriet Vier­eggs Brief­band-Vor­ha­ben. Soweit mir die Aus­ein­an­der­set­zung bekannt ist, deren Doku­men­te im Mar­ba­cher Archiv über­lie­fert sind, erhob die Fami­lie Eichs Ein­spruch gegen die bio­gra­fi­sche Kon­struk­ti­on, die der Her­aus­ge­ber mit der Aus­wahl und Anord­nung der Brie­fe vor­ge­nom­men hat­te. Wir nei­gen in unse­rem Beruf dazu, Autorin­nen und Autoren wie ‚Figu­ren‘ zu behan­deln, und glau­ben, aus den uns bekann­ten Über­lie­fe­run­gen ihr Leben in Erzäh­lung zu ver­wan­deln. Das ist ris­kant und birgt Uner­laub­tes, ganz unab­hän­gig davon, wel­cher Zweck ver­folgt wird. Eich passt in kei­ne „Erzäh­lung“, so gut sie gemeint ist oder welch schlech­te Absich­ten sie ver­folgt. Dass die Fami­lie Eichs mit einem Ein­spruch ihrer Irri­ta­ti­on Aus­druck ver­lie­hen hat, ist nicht nur juris­tisch ihr gutes Recht. Ich hat­te vor eini­gen Jah­ren eine schö­ne Begeg­nung mit Mir­jam Eich im Kreis von Stu­die­ren­den, die sich alle inten­siv mit Gün­ter Eich beschäf­tigt hat­ten. Wir bau­ten aus den Archiv-Fund­stü­cken Deu­tungs­häu­ser mit Fens­ter in alle Him­mels­rich­tun­gen. Und Mir­jam Eich hör­te sich das alles lächelnd an, um end­lich in einer Art see­li­scher Vor­nehm­heit zu sagen: „Für mich ist Gün­ter Eich nicht der Dich­ter – er ist mein Vater.“ Das hat mich sehr berührt, und es berührt mich immer noch.

BRAUN Wel­chen Stel­len­wert hat jetzt die­ser Brief­wech­sel mit Rai­ner Bram­bach inner­halb der über­lie­fer­ten Kor­re­spon­denz Gün­ter Eichs?

BERBIG Tage­bü­cher und Brief­schaf­ten sind in Archi­ven immer heiß begehrt. Man ver­mu­tet, dort „Eigent­li­ches“ zu fin­den. Als ich Eich für mich ent­deck­te, habe ich sein Werk in Semi­na­ren ange­bo­ten, auch in Edi­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen. So fuhr ich wie­der­holt mit Stu­die­ren­den in das Deut­sche Lite­ra­tur­ar­chiv nach Mar­bach. Dort wird der Eich-Nach­lass auf­be­wahrt. Im Jubi­lä­ums­jahr 2007 (hun­derts­ter Geburts­tag des Dich­ters) haben wir ein dick­lei­bi­ges Heft her­aus­ge­ge­ben, bei­na­he aus­schließ­lich mit bis dahin unbe­kann­tem Archiv­ma­te­ri­al. Bei die­ser Gele­gen­heit waren wir wie­der und wie­der auf die­se Bram­bach-Kor­re­spon­denz gesto­ßen. Im dop­pel­ten Sin­ne. Eigent­lich hat­ten wir gar nicht spe­zi­ell danach gesucht, aber dann führ­te die­se oder jene Spur direkt zum Kon­vo­lut. Sein beson­de­rer Reiz war, dass nicht nur die Brie­fe Brambachs, was nahe gele­gen hät­te, dort lager­ten, son­dern auch die Eichs. Bram­bach hat­te sie Jah­re nach Eichs Tod (1972) dort selbst über­ge­ben. Des­halb nimmt die­se Kor­re­spon­denz inner­halb des Nach­las­ses eine Son­der­stel­lung ein. Ihm zur Sei­te zu stel­len – bei aller Unver­gleich­bar­keit – ist viel­leicht nur der Brief­wech­sel zwi­schen Gün­ter Eich und Ilse Aichin­ger. Er ist tief bewe­gend und von sel­te­ner Schön­heit. Ob er ein­mal ver­öf­fent­licht wird, wer weiß. Die Kor­re­spon­denz mit Bram­bach brauch­te lan­ge Zeit, bis sie als Buch erschei­nen konn­te. Von Beginn an unter­stütz­ten die Erben das Vor­ha­ben – aber sein Umfang und sein Kom­men­tie­rungs­be­darf bedeu­te­ten eine Her­aus­for­de­rung. Aber es hat sich gelohnt: weil uns Eich hier auf eine unge­wöhn­li­che Wei­se ent­ge­gen­tritt. Er öff­net gewis­ser­ma­ßen die Fens­ter zu sei­nem Brief­part­ner weit. Wir erle­ben, wie aus einer Bekannt­schaft eine Befreun­dung und dann eine Freund­schaft wird. Bram­bach, ein Jahr­zehnt jün­ger, begeg­net dem nam­haf­ten Eich in Bewun­de­rung. Und der denkt nicht dar­an, den Base­ler gön­ner­haft auf Distanz zu hal­ten. Er liest kri­tisch, was der ihm anver­traut – und steht nicht an, sogar selbst an des­sen Ver­se Hand und Feder anzu­le­gen. Er hat, so der Ein­druck, den Wil­len, aus dem Brief­freund das zu machen, was des­sen sehn­lichs­ter Wunsch ist: einen Dich­ter. Den auf­zu­spü­ren und frei­zu­le­gen, schreibt Eich Brie­fe, die sich wie poe­ti­sche Lehr­stü­cke en minia­tu­re lesen.

BRAUN Viel­leicht noch ein­mal eine kur­ze Rück­blen­de zum Brief­schrei­ber Eich. Es gibt den erwähn­ten spek­ta­ku­lä­ren, damals kon­tro­vers dis­ku­tier­ten Essay von Axel Vier­egg Der eige­nen Fehl­bar­keit begeg­net. Gün­ter Eichs Rea­li­tä­ten 1933–1945 (Edi­ti­on Ise­le, Eggin­gen 1993). Ken­nen Sie Eich-Brie­fe aus der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus?

BERBIG Ja, vor allem die an sei­ne bei­den Freun­de Mar­tin Rasch­ke und Adolf Artur Kuh­nert, mit denen er per­sön­lich wie beruf­lich ver­bun­den war. Er ist dort immer ein iro­ni­scher Mensch, der Distanz benö­tigt und früh sei­ne Gabe zur poin­tier­ten Iro­nie erkennt und nutzt. Da fin­det sich in der deut­schen Brief­kul­tur jener Zeit nicht viel Kon­kur­renz. Wer nach pro-natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Äuße­run­gen fahn­det, wird nicht viel Glück haben. Der Ges­tus, sich in die beruf­li­chen Gege­ben­hei­ten zu schi­cken, über­wiegt – immer gekop­pelt mit der Kla­ge, zum eigent­li­chen Dich­ten nicht zu kom­men. Sie fin­den eine Hal­tung: Wir las­sen uns auf den Betrieb ein, wir hal­ten uns den Betrieb aber auch vom Leib. Man ist Schrei­ben­der, man lebt von die­sem Schrei­ben. Wer Erfah­rung mit Dik­ta­tu­ren hat, hält sich im Ab­urteilen zurück. Das hat Ver­füh­re­ri­sches, es schafft auch ein Publi­kum. Aber zu die­sem Publi­kum möch­te ich nicht gehö­ren.

BRAUN Okay, das ist ein prä­gnan­tes State­ment. Bei die­sem fas­zi­nie­ren­den Brief­wech­sel zwi­schen Bram­bach und Eich fällt auf, in wel­chen geis­ti­gen Gegen­sät­zen sich die bei­den Dich­ter bewe­gen. Ich habe in Ihrem Kom­men­tar mit gro­ßem Inter­es­se gele­sen, dass Armin Moh­ler, ein gro­ßer Reak­tio­när und Apo­lo­get der „Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on“ im Grun­de der ers­te Men­tor von Rai­ner Bram­bach war. Wie hat das auf die Freund­schaft von Eich und Bram­bach zurück­ge­wirkt? Wel­chen Ein­fluss hat Armin Moh­ler die ers­ten fünf, zehn Jah­re die­ses Brief­wech­sels gehabt?

Eich, dem nach der Rede eisi­ger Wind aus der geho­be­nen Gesell­schaft ent­ge­gen­blies, hat das bereits über­wie­se­ne Hono­rar zurück­ge­zahlt.

BERBIG Moh­ler war ein Grenz­gän­ger (und Deser­teur), aller­dings ein ande­rer Deser­teur und Grenz­gän­ger als Bram­bach, der in den frü­hen Jah­ren auch zwi­schen der Schweiz und Deutsch­land – not­ge­drun­ge­ner­ma­ßen – zu pen­deln gezwun­gen war. Bram­bach hat­te Vor­fah­ren in Deutsch­land, ist aber in der Schweiz, in Basel gebo­ren. Es war für ihn aus­ge­spro­chen schwie­rig gewe­sen, die Schwei­zer Staats­bür­ger­schaft zu bekom­men. Da gab es eine lan­ge Pro­zess­ge­schich­te. In mei­ner Ein­lei­tung skiz­zie­re ich sie kurz. Isa­bel­le Schürch und Isa­bel Koell­reu­ter haben im Dio­ge­nes Ver­lag eine wun­der­ba­re klei­ne Bram­bach-Bio­gra­fie ver­öf­fent­licht, dort lässt sich das detail­liert nach­le­sen. Zurück zu Armin Moh­ler: Er ging, bevor das Drit­te Reich zer­schla­gen wur­de, aus der Schweiz nach Deutsch­land, wur­de sogar SS-Mit­glied und nahm