Es muss Ruhe einkehren

Von Mat­thi­as Nawrat

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Es herrscht der­zeit eine Hys­te­rie des Neu­en vor, die Lite­ra­tur soll am bes­ten ab sofort so beschaf­fen sein wie das Inter­net, sie soll das Welt-Alles und das Welt-Jetzt total und hyper­tex­tu­ell abbil­den. Das Feuil­le­ton, das unter dem beschleu­nig­ten Wan­del zusam­men­bricht, über­trägt also sein eige­nes Gehetzt­sein auf die Schrift­stel­ler und klagt an: Ihr schreibt zu wenig über den Kapi­ta­lis­mus, ihr schreibt zu wenig über den Nah­ost­kon­flikt, ihr schreibt zu wenig über die IS-Mili­zen. Seid end­lich glo­bal und hyper­tex­tu­ell und zeit­ge­mäß und schnell, seid end­lich das Inter­net!

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Dabei muss in Wahr­heit Ruhe ein­keh­ren. Denn die for­dern­de Hal­tung des Feuil­le­tons kommt ja aus der Über­for­de­rung: Im sekünd­lich auf SPON live geti­cker­ten Welt­ge­sche­hen ver­lie­ren die Lite­ra­tur­kri­ti­ker ihre Lie­be zur Lite­ra­tur, wie das eben üblich ist im Krieg, da die Bar­ba­rei zum Nor­mal­zu­stand wird. Die Schrift­stel­ler wer­den die­se Lie­be nicht ver­lie­ren, sie wer­den auch nicht ihren Glau­ben an die Spra­che ver­lie­ren. Sie wer­den sich wei­ter­hin Zeit las­sen und nach Wor­ten suchen. Sie wer­den sich erlau­ben, Jah­re, Jahr­zehn­te abzu­war­ten, bis über­haupt ein Ort erreicht ist, von dem aus sie über­schau­en und ver­ste­hen, von dem aus sie eine Erzäh­lung vom Mensch­sein orga­ni­sie­ren kön­nen. Was küm­mert es den Vogel, was der Orni­tho­lo­ge sich von ihm wünscht.

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Der Mensch und sein Mensch­sein ist das The­ma der Lite­ra­tur, das wird sich nicht ändern. Der Mensch in sei­ner Geschicht­lich­keit (und in sei­ner Revol­te) – etwas, das mit dem Ende des Kal­ten Krie­ges ver­ges­sen wur­de, weil ein wind­ge­schütz­tes Pla­teau für das Ende der Geschich­te gehal­ten wor­den ist – wird wie­der in den Fokus rücken. Dabei geht es nicht in ers­ter Linie dar­um, dass Euro­pa sich ver­än­dert, dass sich die glo­ba­len Herr­schafts­ge­fäl­le ver­schie­ben etc., son­dern dar­um, dass der Ein­zel­ne in sei­ner fun­da­men­ta­len Kost­bar­keit je in der Geschich­te steht, und wahr­lich: sogar zur Dis­po­si­ti­on steht. Die Lite­ra­tur muss die Spra­che ent­hül­len, in der sich die­ser Umstand ver­schlei­ert durch natür­li­che Abnut­zung der Wor­te und durch ihr inne­res Ster­ben, im Kapi­ta­lis­mus und der Demo­kra­tie genau­so wie in ande­ren tota­li­tä­ren Sys­te­men. Es ist das Wesen der Spra­che, schnell ihre Mit­teil­bar­keit zu ver­lie­ren, zu sedi­men­tie­ren.

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Der Mensch begeg­net sich selbst aller­erst in der Spra­che, denn die­se ist das Medi­um allen Mensch­seins – kein Mensch­sein gibt es außer­halb einer Erzäh­lung vom Mensch­sein. Die Spra­che wälzt sich durch die Zeit, sie IST in gewis­ser Wei­se die Zeit. Die Erin­ne­rungs­schwei­fe der Wor­te müs­sen den Schrift­stel­ler stau­nen machen und ihn erschre­cken, sonst ist er nur Mit­ar­bei­ter an der Ver­här­tung des Den­kens und damit der Zustän­de. Stau­nen muss er aber auch über das, was sich in die Wor­te neu ein­drückt, mit jeder Sekun­de, mit jedem neu­en Welt­jetzt. Nur so kann der Schrift­stel­ler Bedeu­tung und die die­se Bedeu­tung tra­gen­den Nar­ra­ti­ve täg­lich ret­ten vor der Sedi­men­ta­ti­on. Die­ses Stau­nen und die­ser Schre­cken müs­sen immer wie­der an die Leser wei­ter­ge­ge­ben wer­den, der Mensch­heit zulie­be.

Was küm­mert es den Vogel, was der Orni­tho­lo­ge sich von ihm wünscht.

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Das Inter­net beschleu­nigt trotz stei­gen­der Ver­füg­bar­keit von Infor­ma­ti­on die Mas­sen­ver­dum­mung, es för­dert den Kon­for­mis­mus im Den­ken (sie­he: Kun­den, die die­sen Arti­kel gekauft haben, haben auch… etc.). Was bis­her an Reich­wei­te für die Pro­fi­teue­re der Ver­dum­mung mög­lich war (spe­zi­el­le Orte der Ver­dum­mung: Kino, Wohn­zim­mer mit Fern­se­her etc.), wird poten­ziert durch das Inter­net und noch mehr durch des­sen mobi­le Vari­an­te – wird durch letz­te­res sogar entor­tet. So dringt der Kon­for­mis­mus in alle Berei­che des All­tags (es ist ja an allen Orten gleich­zei­tig und schon immer da) und damit auch in jeden hin­ter­letz­ten Win­kel der Per­sön­lich­keit (wir exis­tie­ren im Inter­net, wir bezie­hen „Wis­sen“ und unse­re Lebens­nar­ra­ti­ve von dort, wir erfin­den uns dort.) Die Auf­ga­be der Lite­ra­tur, wenn auch von einem ver­lo­re­nen Pos­ten aus, muss in Zukunft noch ver­zwei­fel­ter sein, Nuan­cen der Wahr­neh­mung zu ermög­li­chen, Acht­sam­keit für Zwi­schen­be­rei­che des Den­kens zu erzwin­gen, die Sedi­men­te der All­tags­spra­che täg­lich wie­der auf­zu­bre­chen, hin­ter die Wör­ter zu bli­cken, auch zu fra­gen, wel­che mora­li­schen Wer­te eigent­lich die All­tags­spra­che zemen­tiert. (Arbeit an den Wor­ten und ihren luzi­den Bezie­hun­gen zuein­an­der etc.)

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Die Lite­ra­tur, die ich hier als täg­li­che Arbeit an der Mit­teil­bar­keit der Spra­che gegen ihre Sedi­men­ta­ti­on beschrei­be, wird es immer geben. Egal ob als E‑Book oder als gedruck­tes Buch oder als Tweet oder als Blog – die neu­en For­men brin­gen nichts sub­stan­zi­ell Neu­es. Um das zu ver­ste­hen, muss man sich eine ein­fa­che Fra­ge wie die­se hier stel­len: War­um berührt mich der eine Blog aus Alep­po, der ande­re aber nicht? Nicht jeder, der etwas sagt (und im Inter­net sagen vie­le etwas, wenn nicht sogar alle alles), sagt es so, dass etwas Leben­di­ges gesagt ist.

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Zur media­len Reprä­sen­tanz des Schrift­stel­lers: Der Zwang zur Selbst­aus­kunft, und dass die­se dann im Netz bleibt, für immer. Was ich vor zwei Jah­ren gesagt habe über mich, stimmt nicht mehr und berührt mich pein­lich, ist nicht mehr auf­recht­zu­er­hal­ten. Aber es steht noch auf­recht, und ich kann nur Neu­es addie­ren. Es gibt kei­ne Zeit­lich­keit im Netz, es steht alles gleich­zei­tig und gleich­wer­tig da. Muss man sich also schon im Vor­feld hüten und sei­ne Prä­senz pla­nen? Oder muss man sich von vorn­her­ein ver­wei­gern? Aber in schwa­chen Momen­ten siegt die Hoff­nung in mir jedes Mal von Neu­em, dass es mei­nem Ruhm (und in mei­nen schwa­chen Momen­ten will ich Ruhm!) hilft, auf die­sem oder jenem Blog mich zu mei­nem neu­en Buch zu äußern, oder zu irgend­ei­nem The­ma. Nur, um prä­sent zu sein. So stel­le ich mir die christ­li­che Höl­le vor: Alles und alle aller Zei­ten gleich­zei­tig an ein und dem­sel­ben Ort, bis in alle Ewig­keit.

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Mat­thi­as Nawrat, gebo­ren 1979, lebt in Ber­lin. 2012 debü­tier­te er mit dem Roman Wir zwei allein (Nagel & Kim­che). Sein im Früh­jahr erschie­ne­ner Roman Unter­neh­mer (Rowohlt) war auf der Long­list für den Deut­schen Buch­preis.

Die­ser Text ent­stand im Rah­men des Autoren­tref­fens „Schrei­ben 2020“, das vom 10. bis 12. Sep­tem­ber 2014 statt­fand. Eine Über­sicht und die Links zu den wei­te­ren Bei­trä­gen fin­den sich hier.

Quel­le: VOLLTEXT 3/2014

Online seit: 29. August 2020

Online seit: 29. August 2020

Zuletzt geän­dert: 29. Aug. 2020