Christian Thielemann dirigiert Bibi Blocksberg in gerechter Sprache

Von Mar­cel Bey­er

Bei einem klei­nen pri­va­ten Künst­ler­fest in der Haupt­stadt, zu dem ich lie­bens­wür­di­ger­wei­se kurz­fris­tig ein­ge­la­den wor­den war, begann irgend­wann ein mit einem grün­lich-grau­en, äußerst krat­zig wir­ken­den Tweed­an­zug und hand­ge­näh­ten Schu­hen wie sein eige­ner Urgroß­va­ter beklei­de­ter Jun­ge im Vor­schul­al­ter wort­los gegen den Tisch zu tre­ten, an dem eine Run­de ein­an­der nicht näher bekann­ter Erwach­se­ner zusam­men­saß. Er trat und trat, und da die ohne­hin schon ein wenig zähe Unter­hal­tung sofort erstor­ben war und nie­mand auf den Jun­gen reagier­te, for­der­te ich ihn kur­zer­hand auf, den Unsinn sein zu las­sen und wie­der zu den ande­ren Kin­dern zu gehen. Wor­auf er ganz zufrie­den ver­schwand, die Augen­paa­re der bei­den Ältes­ten am Tisch sich jedoch blitz­ar­tig mir zuwand­ten und mich fixier­ten, als hät­te ich soeben mein Lieb­lings­re­zept für geschmälz­te Kat­zen­ba­bys preis­ge­ge­ben.

Ganz abge­se­hen davon, dass ich dies nie im Leben tun wür­de, zeig­te mir mei­ne gera­de­zu tali­ba­nes­ke Reak­ti­on auf ein unschul­di­ges Kind im Grun­de nichts wei­ter, als dass mir wie­der ein­mal der ange­mes­se­ne Kon­ver­sa­ti­ons­stoff aus­ge­gan­gen war, wie ich mir ein­ge­ste­hen muss­te, und wie mir wohl jeder in der Run­de bereit­wil­lig hät­te bestä­ti­gen mögen, der noch nie in die Ver­le­gen­heit gera­ten war, eine der nach ganz zwang­lo­sen sonn­abend­li­chen Wein­ver­kos­tun­gen stets mit der Mon­tags­post zuge­stell­ten, in mus­ter­gül­ti­gem Deutsch for­mu­lier­ten Unter­las­sungs­kla­ge­an­dro­hun­gen mei­nes Anwalts in sei­nem Brief­kas­ten vor­zu­fin­den.

Ja, mir, dem Par­ty­sa­la­fis­ten, ging der Stoff aus. Ein­mal zu oft schon hat­te ich mich in die­sen Krei­sen über Men­schen lus­tig gemacht, die Musil auf der zwei­ten Sil­be beto­nen und Hof­manns­thal mit einem lan­gen ‚o‘ aus­spre­chen, um das Gespräch dann mit gespiel­ter Arg­lo­sig­keit und zur sicht­lich gro­ßen Erleich­te­rung der ande­ren Gäs­te auf den neu­en Ike­aka­ta­log zu len­ken, nur und ein vor­ab von mir bestimm­tes Opfer in der Run­de auf das Per­fi­des­te in die Kött­bull­ar­fal­le tap­pen zu las­sen.

Auch wäre es mir, gemes­sen an der zu erwar­ten­den Reso­nanz, zu umständ­lich gewe­sen, noch ein­mal dar­auf hin­zu­wei­sen, wie ver­schwin­dend gering unter den Mör­dern in Deutsch­land die Zahl beken­nen­der Free Jazz-Hörer sei, ja, mei­nes Wis­sen habe über­haupt noch nie ein lei­den­schaft­li­cher deut­scher Free Jazz-Hörer einen Mord began­gen, Free Jazz-Hörer gäl­ten, und zwar welt­weit, ins­ge­samt als äußerst fried­fer­ti­ge Ver­tre­ter unse­rer Spe­zi­es, wohin­ge­gen der Anteil der Deutschrock‑, Stones- und Springsteen­fans unter den deut­schen Mör­dern mit acht­und­vier­zig Pro­zent unge­fähr dem der Anhän­ger des volks­tüm­li­chen Schla­gers ent­spre­che, wobei an Hun­dert feh­len­de Pro­zent auf jene Men­schen ent­fie­len, die Musik grund­sätz­lich ablehn­ten und womög­lich tra­gi­scher­wei­se eben dar­um erst zu Mör­dern hät­ten wer­den müs­sen. Mei­ne bis­he­ri­gen Ver­su­che, mit einer um alle Denk­ver­bo­te berei­nig­ten Dis­kus­si­on über Gewalt­prä­ven­ti­on an genau die­sem heik­len Punkt anzu­set­zen, waren in der Ver­gan­gen­heit jedes­mal im San­de ver­lau­fen.

Dabei hät­te ich mich, einen erneu­ten Vor­stoß wagend, an die­sem Abend auf Zah­len und Fak­ten einer soeben durch die Medi­en gegan­ge­nen Stu­die stüt­zen kön­nen. Den aber­wit­zi­gen Unter­su­chungs­er­geb­nis­sen des unter Lei­tung des Trä­gers der Theo­dor Fuen­de­ling-Pla­ket­te des Bör­sen­ver­eins des Deut­schen Buch­han­dels Lan­des­ver­band Nie­der­sach­sen-Bre­men sowie aus Funk und Fern­se­hen bekann­ten Pro­fes­sors Chris­ti­an Pfeif­fer arbei­ten­den Kri­mi­no­lo­gi­schen For­schungs­in­sti­tuts Nie­der­sach­sen e. V. zufol­ge näm­lich ver­such­ten Mit­glie­der wie Sym­pa­thi­san­ten des Hele­ne-Fischer-Fan­clubs („Atem­los durch die Nacht“) ihre Lebens­part­ner immer noch mit Hil­fe des heut­zu­ta­ge jeden Dorf­po­li­zis­ten ins Blitz­ko­ma ver­set­zen­den ‚Beim Zäh­ne­put­zen im Bade­zim­mer ausgerutscht‘-Tricks ins Jen­seits zu beför­dern, wäh­rend die gene­rell als gedul­dig gel­ten­den Clap­ton­hö­rer („Lay Down Sal­ly“) dazu neig­ten, ihren gut­gläu­bi­gen Gat­tin­nen über Jah­re hin­weg mit dem Deme­ter­gü­te­sie­gel ver­se­he­ne Chlor­hühn­chen­brust zu ser­vie­ren.

Die von jeher um eine leben­di­ge Ver­bin­dung von Tra­di­ti­on und Moder­ne bemüh­ten Bay­reuth­be­su­cher („Wei­che, Wotan, wei­che“) jedoch waren,