„Lügenliteratur“ und „Lügenpresse“

Ein his­to­risch-kri­ti­scher Bei­trag zur aktu­el­len Fake-Debat­te. Von Felix Phil­ipp Ingold

„Jeder aus­ge­spro­che­ne Gedan­ke ist eine Lüge.“ Das viel zitier­te und viel­fach vari­ier­te Ver­dikt bringt die seit alters über­lie­fer­te Skep­sis gegen­über der Spra­che als Bedeu­tungs­trä­ger mit schlich­ten Wor­ten auf den Punkt. Aller­dings bleibt dabei unbe­rück­sich­tigt, dass Spra­che kei­nes­wegs nur zur Arti­ku­la­ti­on und Über­mitt­lung oder gar zur Her­vor­brin­gung von „Gedan­ken“ ver­wen­det wird, dass sie dar­über hin­aus die wich­ti­ge Funk­ti­on des Benen­nens, der Beschrei­bung oder auch bloß der Evo­ka­ti­on rea­ler Gegen­ständ­lich­kei­ten zu erfül­len hat. Unge­klärt bleibt außer­dem die Fra­ge, ob Gedan­ken nicht auch als sol­che, noch unaus­ge­spro­chen, lügen­haft sein kön­nen.

Niklas Luhmann © Suhrkamp Verlag

Niklas Luh­mann: Kom­mu­ni­ka­ti­on ist unwahr­schein­lich und ris­kant.
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Tat­säch­lich aber weist die Spra­che bezie­hungs­wei­se der Sprach­ge­brauch bei der begriff­li­chen Reprä­sen­ta­ti­on außer­sprach­li­cher Rea­li­en erheb­li­che Defi­zi­te auf. Zwar kann hier von „Lüge“ nicht die Rede sein, wohl aber von Defor­ma­ti­on, Reduk­ti­on, Ver­frem­dung, unstatt­haf­ter Ver­all­ge­mei­ne­rung und Ver­ein­fa­chung. Denn natur­ge­mäß ver­mag kein Name, kein Begriff sei­nem Gegen­stand im eigent­li­chen Wort­sinn voll zu „ent­spre­chen“. Die Spra­che wird der außer­sprach­li­chen Welt nie­mals „gerecht“ wer­den kön­nen, schon weil – wie einst Goe­the ange­sichts einer vor­über­zie­hen­den Wol­ken­for­ma­ti­on notier­te – „die Man­nig­fal­tig­keit so groß ist, dass sol­che zu bestim­men kei­ne Ter­mi­no­lo­gie ver­mag“.

In ihrer vor­ge­ge­be­nen Zei­chen­haf­tig­keit ver­hin­dert Spra­che die Ver­ei­ni­gung von Bezeich­nen­dem und Bezeich­ne­tem, sie ver­mag Rea­li­en bes­ten­falls zu reprä­sen­tie­ren, nicht aber unmit­tel­bar zu ver­ge­gen­wär­ti­gen. Den „Man­gel des Bezeich­nungs­ver­mö­gens oder den feh­ler­haf­ten Gebrauch des­sel­ben (da Zei­chen für Sachen und umge­kehrt genom­men wer­den)“, hat in sei­ner Anthro­po­lo­gie von 1798 auch Imma­nu­el Kant beklagt, obwohl er die Spra­che ins­ge­samt als „das größ­te Mit­tel, sich und ande­re zu ver­ste­hen“ gel­ten ließ.

Die „Lügen­pres­se“ wird sich der „Lügen­li­te­ra­tur“ wohl mehr und mehr anglei­chen, viel­leicht ergibt sich dar­aus ein neu­es publi­zis­ti­sches Gen­re, das in fer­ne­rer Zukunft die künst­le­ri­sche Bel­le­tris­tik ent­behr­lich machen und erset­zen wird?

Dass Kom­mu­ni­ka­ti­on – kor­rek­te wech­sel­sei­ti­ge Ver­stän­di­gung – durch Spra­che eher gestört denn geför­dert oder gar gewähr­leis­tet wird, hat nament­lich Niklas Luh­mann ent­ge­gen dem bestehen­den com­mon sen­se mehr­fach plau­si­bel dar­ge­tan. Luh­manns Fazit lau­tet kurz gefasst: Kom­mu­ni­ka­ti­on ist unwahr­schein­lich und ris­kant. – Mit der Spra­che