„Lügenliteratur“ und „Lügenpresse“

Ein historisch-kritischer Beitrag zur aktuellen Fake-Debatte. Von Felix Philipp Ingold

Online seit: 21. September 2019

„Jeder ausgesprochene Gedanke ist eine Lüge.“ Das viel zitierte und vielfach variierte Verdikt bringt die seit alters überlieferte Skepsis gegenüber der Sprache als Bedeutungsträger mit schlichten Worten auf den Punkt. Allerdings bleibt dabei unberücksichtigt, dass Sprache keineswegs nur zur Artikulation und Übermittlung oder gar zur Hervorbringung von „Gedanken“ verwendet wird, dass sie darüber hinaus die wichtige Funktion des Benennens, der Beschreibung oder auch bloß der Evokation realer Gegenständlichkeiten zu erfüllen hat. Ungeklärt bleibt außerdem die Frage, ob Gedanken nicht auch als solche, noch unausgesprochen, lügenhaft sein können.

Niklas Luhmann © Suhrkamp Verlag
Niklas Luhmann: Kommunikation ist unwahrscheinlich und riskant.
Foto: Suhrkamp Verlag

Tatsächlich aber weist die Sprache beziehungsweise der Sprachgebrauch bei der begrifflichen Repräsentation außersprachlicher Realien erhebliche Defizite auf. Zwar kann hier von „Lüge“ nicht die Rede sein, wohl aber von Deformation, Reduktion, Verfremdung, unstatthafter Verallgemeinerung und Vereinfachung. Denn naturgemäß vermag kein Name, kein Begriff seinem Gegenstand im eigentlichen Wortsinn voll zu „entsprechen“. Die Sprache wird der außersprachlichen Welt niemals „gerecht“ werden können, schon weil – wie einst Goethe angesichts einer vorüberziehenden Wolkenformation notierte – „die Mannigfaltigkeit so groß ist, dass solche zu bestimmen keine Terminologie vermag“.

In ihrer vorgegebenen Zeichenhaftigkeit verhindert Sprache die Vereinigung von Bezeichnendem und Bezeichnetem, sie vermag Realien bestenfalls zu repräsentieren, nicht aber unmittelbar zu vergegenwärtigen. Den „Mangel des Bezeichnungsvermögens oder den fehlerhaften Gebrauch desselben (da Zeichen für Sachen und umgekehrt genommen werden)“, hat in seiner Anthropologie von 1798 auch Immanuel Kant beklagt, obwohl er die Sprache insgesamt als „das größte Mittel, sich und andere zu verstehen“ gelten ließ.

Die „Lügenpresse“ wird sich der „Lügenliteratur“ wohl mehr und mehr angleichen, vielleicht ergibt sich daraus ein neues publizistisches Genre, das in fernerer Zukunft die künstlerische Belletristik entbehrlich machen und ersetzen wird?

Dass Kommunikation – korrekte wechselseitige Verständigung – durch Sprache eher gestört denn gefördert oder gar gewährleistet wird, hat namentlich Niklas Luhmann entgegen dem bestehenden common sense mehrfach plausibel dargetan. Luhmanns Fazit lautet kurz gefasst: Kommunikation ist unwahrscheinlich und riskant. – Mit der Sprache kommen Irrtum, Täuschung, Lüge in die Welt. – Massenmedien verzerren nicht die Realität, sie erzeugen sie. – Kommunikation ist unwahrscheinlich, obwohl wir sie unentwegt praktizieren und ohne sie nicht leben könnten.

Die Luhmannschen Beobachtungen und Thesen sind einer weit zurückreichenden sprachskeptischen und sprachkritischen Tradition verpflichtet, die ausgehend von Platons Sophist und Kratylos über die mittelalterliche Mystik bis hin zu Schopenhauer und Nietzsche, zu Mauthner und Wittgenstein reicht. Dieser autoritativen (von der rationalistischen Schulphilosophie freilich machtvoll konterkarierten) Tradition zum Trotz wird bei mündlichem wie bei schriftlichem Spracheinsatz der Signifikant dem Signifikat, das Wort dem Gegenstand tendenziell übergeordnet: Zuspitzungen, Übertreibungen, Ambivalenzen, Teilwahrheiten und Unwahrheiten kondensieren sich solcherart, gewollt oder ungewollt, oftmals zu „Lügen“, gelten jedoch weithin als ganz normale Sprachspiele. Die gegenwärtige Überfülle von Fake News und „alternativen“, also rein rhetorischen Fakten bezeugt die zunehmende Tendenz zu solcher Lügenhaftigkeit.

Wenn seriöse Nachrichtenmedien heute vermehrt als „Lügenpresse“ oder gar als „Feinde“ der offenen Gesellschaft denunziert werden, dann eben deshalb, weil sie unliebsame Fakten benennen, die den Erwartungen und Vorurteilen einer wachsenden Leserschaft zuwiderlaufen. Man glaubt, solche Fakten aus der Welt schaffen zu können, indem man sie zu Fiktionen erklärt, und umgekehrt versucht man eigene, propagandistisch redigierte Behauptungen und fixe Ideen als faktische Wahrheiten durchzusetzen. Dazu braucht es wiederum die Sprache, dafür taugt allein das Wort.

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Unter dieser unverrückbaren Prämisse ist der Fall des Spiegel-Reporters Claas Relotius, der im Herbst 2018 weithin zu Diskussionen Anlass gab, von besonderem Interesse. Während Jahren hatte Relotius erfolgreich aus vielen Teilen der Welt für das Magazin berichtet, aus Krisen- und Kriegsgebieten aller Art, aus privaten und institutionellen Räumen, stets präzise im Detail, schlüssig bei deren Bewertung, stilistisch brillant und entsprechend attraktiv zu lesen – bis man ihm, dem vielfach ausgezeichneten Vorzeigejournalisten, massive „Fakes“, das heißt die bewusste Fälschung, sogar die Erfindung angeblicher Fakten nachweisen konnte. „Es ist alles nur ein Arrangieren von Rohmaterial, vor allem fremdes [sic]“, musste Der Spiegel selbstkritisch feststellen: „Das ist die eigentliche Methode [von] Relotius.“

Theodor W. Adorno © Ilse Mayer-Gehrken / Suhrkamp Verlag
Theodor W. Adorno: Der literarische Realismus ist ein perfides Täuschungsgeschäft.
Foto: Ilse Mayer-Gehrken / Suhrkamp

Im Bereich der Belletristik sind das Arrangement „fremder“ Materialien und die zielgerichtete Verfälschung oder Neubewertung ihres Wahrheitsgehalts gang und gäbe, doch einem Literaten Unwahrheiten nachzuweisen, ist natürlich eine ganz andere Sache, als einem Journalisten Falschaussagen zur Last zu legen. Was Relotius mit dem Raffinement eines versierten Fälschers bewerkstelligte, nämlich die Ergänzung faktischer Gegebenheiten durch subjektive Vorstellungen und Projektionen, mithin eines Textes, der reale Gegebenheiten und Geschehnisse eben dadurch falsifizierte, dass er sie in genau der gleichen „realistischen“ Weise darbot, wie es derzeit die meisten literarischen Autoren tun, mit dem Unterschied nur, dass sie dafür nicht gerügt, vielmehr gerühmt werden: Ein Romancier, der falsch zählt, aussagt oder zitiert, kann dennoch, in künstlerischer Hinsicht, alles richtig machen, derweil ein Reporter dafür – vorläufig noch – seine Karriere riskiert. Die „Lügenpresse“ wird sich der „Lügenliteratur“ wohl mehr und mehr angleichen, vielleicht ergibt sich daraus ein neues publizistisches Genre, das in fernerer Zukunft die künstlerische Belletristik entbehrlich machen und vollends ersetzen wird.

Darauf scheinen viele gegenwärtig tonangebende Autoren es angelegt zu haben, allen voran Karl Ove Knausgård, aber auch, im deutschsprachigen Bereich, Juli Zeh, Natascha Wodin, Arno Geiger, Robert Menasse, Maxim Biller, Katja Petrowskaja, Olga Grjasnowa, Nino Haratischwili und beliebig viele andere, die sich quasirealistisch zwischen Fiktion und Faktografie abarbeiten. Ob Dokufiktion oder Semifiktion – die hybride Textsorte bleibt gegenüber der jeweiligen Faktenlage notwendigerweise defizitär, und zumeist vermag sie ebenso wenig den Anforderungen künstlerisch intendierter Literatur zu genügen. Das Dilemma ist altbekannt und nicht zu lösen – sich ihm zu entziehen durch seine Überbietung und Nutzbarmachung, gelingt den Wenigsten: Nabokov, Kiš, Gary, Kertész.

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Platon, ein Sprachskeptiker zwar, plädiert im dritten Buch der Politeia für eine mehrwertige Rhetorik, die je nach dem Status des Sprechers und der Staatsraison bald „wahr“, bald „lügenhaft“ sein sollte. So darf und muss die Stadt- oder Landesregierung im Interesse der Bevölkerung gezielt lügen, „und zwar, sei es der Feinde oder der eigenen Bürger wegen“, derweil ein Normalverbraucher schwere Schuld auf sich zieht, wenn er die Obrigkeit und die Öffentlichkeit belügt, eine Handlungsweise, die für das politische Gemeinwesen gleichermaßen „zerstörend und verderblich“ sei. Umgekehrt erwiesen sich offiziell verbreitete Lügen „für die Menschen als eine Art Heilmittel“, das ihnen ebenso „nützlich“ sein könne wie ihren „Regenten“.

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Die oft behauptete inhärente Lügenhaftigkeit jeglichen Spracheinsatzes wird mithin durch die gezielte Verbreitung von Unwahrheiten zusätzlich verschärft, gleichzeitig aber gerechtfertigt mit politischem Nutzen beziehungsweise politischer Notwendigkeit. Die unüberwindliche Ambivalenz sprachlicher Bedeutung erleichtert, provoziert vielleicht sogar den lügnerischen Missbrauch öffentlicher Rhetorik. Das Gegenteil dessen, was nachweislich der Fall ist, lässt sich verbal allemal problemlos behaupten: Die apodiktische Behauptung überbietet solchermaßen das ausgewogene, durch Tatsachen gestützte Argument – das ernstgemeinte und wohlbegründete, jedoch als „lügenhaft“ verunglimpfte Wort wird durch ein offenkundig falsches Widerwort konterkariert. Wort steht gegen Wort, Sprache und Faktizität driften auseinander, Tatsachen werden nach Belieben zugerichtet, mitunter schlicht geleugnet und verdrängt.

„Dass die Dichter und Erzähler die Menschen im Wesentlichen ganz falsch darstellen“, bleibt Platons Ärgernis.

Dass sich dreiste Lügen entgegen vordergründiger Evidenz nicht von selbst erledigen, dass sie vielmehr in breiten Kreisen akzeptiert und von den sozialen Medien nachhaltig weiterverbreitet werden, ist durch die aktuelle Virulenz populistischer Rhetorik hinreichend belegt, gilt aber ebenso für die hohe Diplomatie und diverse Potentaten, die in der Weltgemeinschaft das Sagen haben und für die das eigene Machtwort immer auch dessen unbedingte „Wahrheit“ impliziert. Potentaten und Populisten ziehen Profit daraus, dass wohlfeile Lügen mehrheitlich noch so gern akzeptiert und für wahr gehalten werden. „Offenbar wird man immer bezaubert“, heißt es schon bei Platon, „wenn einem etwas Falsches vorgemacht wird.“ Wer daran glaubt, eine frei erfundene beziehungsweise eine absichtsvoll erlogene „Wahrheit“ zu besitzen, glaubt in aller Regel auch daran, dass sie mit der Wirklichkeit – und umgekehrt: die Wirklichkeit mit ihr – übereinstimme.

Platon
Platon: „Offenbar wird man immer bezaubert, wenn einem etwas Falsches vorgemacht wird.“

Während Platon in seinem Dialog über das Staatswesen die politisch motivierte Lüge rechtfertigt, sofern sie „von oben“ wohlwollend vorgetragen wird, um den Bürger vor beunruhigenden Wahrheiten zu schützen, rügt er gleichzeitig die Wahrheit der Dichter, die ihr Publikum, statt es zu erbauen und im Sinn der Staatsraison es zu belehren, unnötig in Zweifel und in Ängste stürzen oder ihm horrende Phantasmen und wahnhafte Freuden vorführen, zu denen es in Wirklichkeit keine Entsprechung gebe. Derartige Verlockungen seien grundsätzlich lügenhaft und bedrohten die staatsbürgerlichen Tugenden.

Als Beispiele für solch negativistische literarische Rhetorik nennt Platon die griechische Tragödiendichtung und, an erster Stelle, Homers heroische Epen. Was er den Dichtern generell zum Vorwurf macht, ist aber keineswegs bloß die „falsche“ Darstellung der Wirklichkeit. Deren literarische Aufarbeitung mag durchaus korrekt sein, „falsch“, mithin inakzeptabel wird sie jedoch dann, wenn Verbrechen und Verrat, Schmerz und Trauer oder auch, im Gegenteil, sinnliche Ekstase und heller Wahnsinn in den Vordergrund rücken.

Unter diesem ambivalenten Gesichtspunkt erweisen sich die Literaten als unnütze, wenn nicht schädliche Mitglieder der Stadt- oder Staatsgemeinschaft: Obwohl und weil sie die Wahrheit sagen, werden sie als „Lügner“, ihre Werke als „sündhaft und unwahr“ diskriminiert. Mit kritischem Blick auf die homerischen Götter- und Heldengeschichten vermerkt Platon lakonisch: „Das alles möchten wir nicht für wahre Geschichten halten.“ Eine wahre Geschichte wäre in seiner Sicht eine mit der wirklichen Welt übereinstimmende Geschichte, dies allerdings nur dann, wenn sie vorrangig das Schöne und Gute herauskehre, das Hässliche und Ungute aber ausblende. „Dass die Dichter und Erzähler die Menschen im Wesentlichen ganz falsch darstellen“, bleibt Platons Ärgernis, und er steht nicht an, ihnen zu „verbieten, solches zu sagen“, und darüber hinaus zu „verlangen, dass sie das Gegenteil davon singen und dichten.“ Wer sich dem widersetze, den müsse man „ausscheiden“.

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Die anderweitig vielberufene und hoch eingeschätzte „Wahrheit der Literatur“ liegt freilich gerade nicht auf der Ebene realistischer Wirklichkeitsdarbietung. Die „Wirklichkeit der Literatur“ ist in jedem Fall reine Fiktion, auch wenn sie – etwa im Familien- oder Epochenroman, in Bekenntnis- und Erinnerungswerken – den Fakten noch so nahekommt. Selbstbiografen wie Augustinus und Rousseau haben dies erkannt und tiefgründig problematisiert. Literatur kann ihre Wahrheit nur innerhalb der von ihr selbst entworfenen möglichen Welten, nie aber in Bezug auf die außerliterarische Wirklichkeit behaupten. Insofern hat sie einen eigenen Realitätsstatus und untersteht einem eigenen Wahrheitsbegriff.

Wenn Theodor W. Adorno den literarischen Realismus als ein perfides „Täuschungsgeschäft“ denunziert, sollte man bedenken, dass an diesem Geschäft zahlreiche Autoren (und nicht bloß Realisten!) mit Vorsatz partizipieren, indem sie sich für künstlerische Welten- und Menschenschöpfer halten, mithin für eine quasigöttliche Instanz. Für die große Katherine Mansfield, der das moderne europäische Tagebuch und die europäische Erzählkunst gleichermaßen viel zu verdanken haben, war das Schreiben ein reales unabwendbares Schöpfungswerk: „ – ich erschaffe meine Menschen – das Leben – es ist das Leben.“

Aus realen zeitgeschichtlichen Personen werden im noch so wirklichkeitsgetreuen Text notwendigerweise wirklichkeitsferne Kunstfiguren.

Diesen theurgischen Anspruch wagt heute kein Literat mehr zu erheben. Dennoch kommt es weiterhin zu Gerichtsfällen, bei denen ein Autor, eine Autorin der „Verleumdung“ oder der „Lüge“ bezichtigt wird, nur weil sich auf Leserseite jemand mit einer literarischen Kunstfigur identifiziert und sich als solche unrichtig oder ungerecht dargestellt sieht.

Demgegenüber waren sich Witold Gombrowicz, Michel Leiris, Hans Erich Nossack, Elias Canetti, Sándor Márai, Imre Kertész und andere gewichtige Tagebuch- oder Memoirenschreiber der jüngeren Vergangenheit durchaus im Klaren darüber, dass „Aufrichtigkeit“ in schriftlich fixierter Umsetzung eine spezifische Form von „Unwahrheit“ ist. Aus realen zeitgeschichtlichen Personen werden im noch so wirklichkeitsgetreuen Text notwendigerweise wirklichkeitsferne Kunstfiguren.

Auch in fiktionalen Literaturwerken scheint indes – aller belletristischen „Lügenhaftigkeit“ zum Trotz – eine Wahrheit eigenen Rechts durchzuscheinen, die von der Wirklichkeit ihrer „möglichen Welten“ gedeckt ist. Der „phantastische“ und „magische“ Realismus, der utopische Roman, die Science-Fiction sowie – besonders prominent – der Surrealismus bieten zahllose Beispiele für diese Art fiktiver, ja „erlogener“, aber eben nicht widerlegbarer Wahrheiten. Jacques Derrida hat sich nicht gescheut, ein Gleiches für die Philosophie zu fordern: Die Idiotie müsse deren Idiom ins Dichterische changieren lassen, und generell sollte „über dem Denken ein Wahnwitz (folie) walten“. Da ist das Orakel von Delphi mit der irren Pythia nicht mehr allzu fern.

Wer jeglichen Sprachgebrauch für „lügenhaft“ hält, muss umso mehr die Schöne Literatur in ihrer Gesamtheit als ein gewaltiges Lügengebäude wahrnehmen, ein „Lügengebäude“ freilich, das gleichzeitig als ein Hort von vielerlei, auch widersprüchlichen Wahrheiten zu gelten hätte und zudem ein Generator „korrekter“ Falschaussagen wäre.

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Doch nie wird die Literatur (und auch nicht die Sprache selbst) der realen Welt tatsächlich entsprechen, ihr also gerecht werden können. Kein Ding oder Sachverhalt außerhalb des Textes wird literarisch jemals authentisch und ganzheitlich zu erfassen sein. Das Ding ist und bleibt, was es ist, jeder sprachliche oder literarische Darbietungsversuch mit Richtigkeits- und Vollständigkeitsanspruch wird daran scheitern. Die Darbietung der realen Welt leistet die Sprache und leistet auch die Sprachkunst einzig im „Gleichnis“, also immer nur gleichsam – eine letztlich triviale Einsicht, die nur einfach lehrt, dass im Spannungsfeld zwischen Ding und Wort dieses stets auch jenes sein kann.

Bei Platon ist es Sokrates, der dies illusionslos konstatiert und überdies darauf verweist, wie sinnlos es doch wäre, die Sprache, vollends die Literatur auf die Wahrheit beziehungsweise auf die Richtigkeit nichtsprachlicher und außerliterarischer Fakten zu verpflichten: „Alles nämlich würde zweifach da sein, und man würde von keinem von beiden mehr angeben können, welches das Ding selbst wäre und welches das Wort.“ Original und Fake würden solcherart ununterscheidbar. Von daher bezieht Ludwig Wittgensteins Mahnung, wonach man schweigen solle über das, was sich nicht bündig sagen lässt, ihre zeitlose Geltung. Für die künstlerische Literatur wiederum ist diese Mahnung eine permanente Provokation – Antrieb dazu, sich von der Wirklichkeit als Kriterium und Maßstab einer und nur einer Wahrheit abzusetzen, um diese eine „richtige“ Wahrheit stets von Neuem zu relativieren und sie zu erweitern durch ihre „falschen“ (fiktiven) Wahrheiten, die als Möglichkeitsformen ihren eigenen Wirklichkeitsstatus haben.

Felix Philipp Ingold arbeitet als freier Autor, Übersetzer und Herausgeber in Romain­môtier (Schweizer Jura); zuletzt erschienen von ihm der Roman Die Blindgängerin (2018) und die Kunstmonografie Körperblicke (beides bei Ritterbooks).

Quelle: VOLLTEXT 1/2019 – 24. März 2019

Online seit: 21. September 2019