Fischfabrik

Von Lucy Fri­cke.
Ich ver­su­che mich zu erin­nern an das sieb­zehn­jäh­ri­ge Mäd­chen, das in der Fisch­fa­brik stand. An eine Jugend, die nichts ande­res war als ein Absturz.
Lucy Fricke © Susanne Schleyer / autorenarchiv.de

Lucy Fri­cke: Die Angst vor dem Absturz ist eine ande­re, wenn man von dort unten kommt. Foto: Susan­ne Schley­er / autorenarchiv.de

Es soll kei­nen Ver­rat geben, kein Selbst­mit­leid, kei­nen fal­schen Stolz. Ein klu­ger Schrift­stel­ler sag­te mir ein­mal, die bes­ten Tex­te schrei­be man, nach­dem die Eltern tot sind, und wahr­schein­lich stimmt das. Ich habe den Feh­ler gemacht, zu den­ken, über die eige­ne Her­kunft lie­ße sich leicht schrei­ben. Viel­leicht wäre das so, wenn ich rück­sichts­los sein könn­te und wenn ich mich nicht so weit von mei­ner frü­he­ren Welt, mei­nem frü­he­ren Ich ent­fernt hät­te. Aber dann wäre nie­mand auf die Idee gekom­men, mich um einen sol­chen Text zu bit­ten, dann wür­de ich über­haupt nicht schrei­ben, son­dern immer noch in einer Fisch­fa­brik in einem Ham­bur­ger Rand­be­zirk ste­hen. Erst jetzt, da ich glau­be, dem ent­kom­men zu sein, den soge­nann­ten Auf­stieg geschafft zu haben, wage ich es. Jetzt, da ich ein­ge­la­den wer­de zu Emp­fän­gen, Preis­ver­lei­hun­gen, Din­ner­par­tys, bei denen das Gefühl des Fremd­seins trotz­dem nicht ver­schwin­det. Ich traue ihm nicht, dem Platz, auf dem ich sit­ze, unbe­dingt sit­zen woll­te.

Jeden Mor­gen stand das Mäd­chen um sechs Uhr in der Fabrik, panisch vor Angst, so zu sein wie all jene, mit denen es ver­wandt war.

Ich ver­su­che mich zu erin­nern an das sieb­zehn­jäh­ri­ge Mäd­chen, das in der Fisch­fa­brik stand. An eine Jugend, die nichts ande­res war als ein Absturz, von dem ich nur in Fet­zen berich­ten kann. Mir ist die Chro­no­lo­gie abhan­den­ge­kom­men, als wären jene Jah­re ein Stru­del, aus dem nur ab und zu mein Kopf auf­taucht. Nur von die­sen Momen­ten kann ich erzäh­len. Es gibt kei­ne Fotos die­ser Jugend. Als hät­te sie im Ver­bor­ge­nen statt­ge­fun­den, auf die­ses Mäd­chen hat nie­mand eine Kame­ra gerich­tet. Es gibt auch kei­ne Freun­de aus der Zeit, ich habe irgend­wann ent­schie­den, alles und alle hin­ter mir zu las­sen. Ich habe das voll­zo­gen, was man einen Schnitt nennt. Mein Leben zer­fällt in zwei Tei­le.

* * *

In Gum­mi­stie­feln und mit schwe­rer Plas­tik­schür­ze starr­te das Mäd­chen in die­sen rie­sen­haf­ten Kübel vol­ler Frut­ti di Mare. Es stach eine klei­ne Schau­fel hin­ein und begann die vor­bei­fah­ren­den 100-Gramm-Scha­len zu fül­len. Neben ihm das Fließ­band, vor ihm 200 Kilo Mee­res­ge­tier. Das Schlimms­te war nicht der Ekel, das Schlimms­te war die Angst, dass alles so blei­ben wür­de, wie es in die­sem Moment war. Das Mäd­chen mach­te die­se Arbeit nicht, um sein Taschen­geld auf­zu­bes­sern, um im Som­mer nach Spa­ni­en in den Urlaub zu fah­ren. Son­dern weil es nichts ande­res konn­te – weil es mit­ten im Leben stand, ohne Aus­bil­dung und Schul­ab­schluss. Weil es kei­ne Rich­tung mehr sah, in die es hät­te gehen kön­nen. Das Mäd­chen fühl­te sich genau­so erlo­schen wie all die Men­schen, die es bis­her ver­ach­tet hat­te. Es ver­stand, dass stump­fe Arbeit die Kraft besaß, einen kom­plett aus­zu­schal­ten, so mür­be zu machen, dass man sogar den Gedan­ken dar­an ver­lor, etwas zu ändern. Jeden Mor­gen stand es um sechs Uhr in der Fabrik, panisch vor Angst, so zu sein wie all jene, mit denen es ver­wandt war. Angst, dass sich nie etwas ändern wür­de, dass es ein Ent­kom­men nicht gab.

Eine Vari­an­te jener Angst treibt mich heu­te noch um, als könn­te ich jeder­zeit wie­der dort ste­hen. Als könn­te sich das jet­zi­ge Leben als Miss­ver­ständ­nis oder Illu­si­on her­aus­stel­len, als könn­te ich alles Erreich­te jeder­zeit wie­der ver­lie­ren, als wür­de es mir am Ende gar nicht gehö­ren. Ein ein­zi­ger fal­scher Schritt, eine fal­sche Ent­schei­dung, und ich bin­de mir wie­der die Plas­tik­schür­ze um. Die Angst vor dem Absturz ist eine ande­re, wenn man von dort unten kommt.

* * *

Wenn ich mich an jenes Mäd­chen erin­ne­re, den­ke ich das Wort aus­ge­träumt. Es hat sich aus­ge­träumt, klei­ne Dame. Ich weiß nicht, ob jemand die­sen Satz zu mir gesagt hat, ob ich ihn mir selbst gesagt habe, jeden­falls fühl­te ich mich damals so. Will­kom­men in der Rea­li­tät, will­kom­men an dem Platz, der dir zusteht. Die­se Angst, dass das stimm­te, dass mehr ein­fach nicht drin war. Angst kann einen läh­men, sie kann aber auch der Beginn eines Auf­be­geh­rens sein. Ein Anlass zur Flucht.

Damals habe ich mei­ne Kraft über­schätzt, viel­leicht auch nur die Wid­rig­kei­ten unter­schätzt, die zahl­los sein kön­nen bei dem Ver­such zu ent­kom­men. Hät­te ich gewusst, wie schwer es sein wür­de, wäre ich viel­leicht geblie­ben, und das wäre mein größ­ter Feh­ler gewe­sen.

Es war ein Nach­mit­tag im Win­ter, als das Mäd­chen davon­lief, weg von der Gewalt, dem Schnaps und dem Unsag­ba­ren, wie es schon oft davon­ge­lau­fen war, in einem Park die Näch­te ver­bracht hat­te, bis die Poli­zei es auf­griff und in den Wagen bug­sier­te. Die Mut­ter es abhol­te vom Revier, wütend, ver­zwei­felt und irgend­wann nur noch stumm. Doch jetzt war das Mäd­chen sech­zehn Jah­re alt gewor­den, und es rann­te los, wuss­te nicht, wohin, schlief auf irgend­ei­nem Sofa, in sei­nem Schlaf­sack auf dem Boden eines frem­den Zim­mers, in Woh­nun­gen von Fami­li­en, die ihre Feri­en im Süden ver­brach­ten, manch­mal blieb nur der Park oder der Tre­sen einer Bar, die nie­mals schloss.

Das Mäd­chen ver­stand lang­sam, dass ein Absturz auch nur die logi­sche Fol­ge von Abläu­fen war, jeder Absturz war ein Pro­zess, doch was es nicht ver­stand, war die feh­len­de Kon­trol­le, der Ver­lust der Dis­zi­plin, die es immer gehabt hat­te, die Ers­te in der Fami­lie, die aufs Gym­na­si­um ging, eine Stre­be­rin, allein in ihrem Zim­mer, die sich immer mehr ent­fern­te von den Men­schen in den ande­ren Zim­mern, die fest dar­an glaub­te, dass sie mit bes­ten Noten abschlie­ßen und an die Uni gehen wür­de.

Das Mäd­chen, das sich für etwas Bes­se­res gehal­ten hat­te, sah sich jetzt beim Fal­len zu.

Jeden Tag war es mit sei­nem gro­ßen Ruck­sack in die Schu­le gegan­gen, immer öfter viel zu spät, dann tage­lang gar nicht, zu müde war es von den Jobs, abends die Küche eines Restau­rants auf St. Pau­li, nachts eine McDonald’s‑Filiale am ZOB.

Von den Eltern gab es kein Geld, die Mut­ter konn­te nicht, der Vater woll­te nicht, und so schnell wur­den kei­ne Eltern ver­klagt. Das Jugend­amt hat­te mit den Schul­tern gezuckt und gesagt: Bis wir das alles durch­ha­ben, sind Sie voll­jäh­rig. Das Mäd­chen war nie wie­der hin­ge­gan­gen.

Ich erin­ne­re mich an Mona­te der Wut, eine unkon­trol­lier­ba­re Wut, die sich auf den Stra­ßen, in Kämp­fen gegen das Sys­tem und gegen die Staats­ge­walt ent­lud, es wur­den Stei­ne gewor­fen und Autos ange­zün­det. Es war ein Hass auf Insti­tu­tio­nen, zu denen auch die Fami­lie zähl­te. Ein Hass, der aus Hilf­lo­sig­keit erwuchs, aus dem Gefühl, längst nicht mehr dazu­zu­ge­hö­ren, nie dazu­ge­hört zu haben. Wenn man ein­mal aus der Kur­ve fliegt, las­sen sie einen nicht so ein­fach mehr rein. Nie­mand fragt nach den Grün­den, wenn du dich nicht anstän­dig benimmst.

***

Noch heu­te erken­ne ich mich in jedem, der auf sei­nem Schlaf­sack am Stra­ßen­rand oder in U‑Bahnhöfen hockt und nach Geld fragt, die jun­gen und die alten Frau­en, und immer den­ke ich: Das bin ich gewe­sen. Das könn­te ich sein. War­um bin ich es nicht?

Ich wer­de die Ver­wun­de­rung nicht los, die Distanz zu dem, was ich bin, und dem, was ich war, und viel­leicht auch zu der Welt im Gan­zen, als hät­te ich kei­ne Basis, kei­ne Wur­zeln, kei­nen Halt. Ich ste­he immer ein wenig stau­nend und irri­tiert am Rand mit einer sanf­ten Ungläu­big­keit, und selt­sa­mer­wei­se ver­die­ne ich genau damit mein Geld.

* * *

An den Raum, in den man mich ein­lud, kann ich mich nicht erin­nern, nur dass die Tische da drin­nen zu einem Qua­drat ange­ord­net waren und das Mäd­chen an einer Sei­te Platz zu neh­men hat­te, die Leh­rer auf der ande­ren Sei­te kamen ihm wie Figu­ren aus einem fer­nen Leben vor. Es wird der Direk­tor gewe­sen sein, der dem Mäd­chen mit­teil­te, dass es wegen Fehl­stun­den der Schu­le ver­wie­sen wur­de, es waren 185 Stun­den in einem hal­ben Jahr, und es hat­te War­nun­gen gege­ben, immer wie­der, die hat­te es gehört, gele­sen und ver­stan­den – es hat­te nur nichts ändern kön­nen. Ihm war die Kraft aus­ge­gan­gen. Nicht mal mehr ein Jahr bis zum Abitur, und jetzt ver­ließ es die Schu­le ohne Abschluss. Man wünsch­te ihm alles Gute.

Eine unkon­trol­lier­ba­re Wut, die sich auf den Stra­ßen, in Kämp­fen gegen das Sys­tem und gegen die Staats­ge­walt ent­lud, es wur­den Stei­ne gewor­fen
und Autos ange­zün­det.

Wor­an ich mich heu­te noch erin­nern kann, ist ein über­wäl­ti­gen­des Gefühl von Trotz. Eine wüten­de, bocki­ge Ener­gie. Ein ein­zi­ges: Das wird euch noch leid­tun!

* * *

Ich erin­ne­re mich an die­ses Gefühl so genau, weil es mich seit­dem nie ver­las­sen hat. Noch immer reagie­re ich auf Ableh­nung, Schei­tern,