Neue, alte Welt

Laura Lichtblau entwirft in ihrem Roman Schwarzpulver eine dunkle Zukunftsvision. Schauplatz ist Berlin, wo die regierende Partei das Patriarchat feiert und eine bewaffnete Bürgerwehr Angst und Schrecken in der Bevölkerung verbreitet. Von Lucia Schöllhuber
Dieser Beitrag entstand im Zusammenhang mit dem Seminar „Literatur- und Kulturkritik schreiben“ im Herbst 2020.

Online seit: 30. November 2020

Dystopien haben eines gemeinsam: die Welt, wie wir sie kannten, gibt es nicht mehr. Im Abgleich mit der Gegenwart ist das Schreckensszenario in der Regel aber zeitlich weit genug entfernt, als dass man sich demnächst selbst darin wiederfinden würde. Anders in Laura Lichtblaus literarischem Debüt Schwarzpulver. Der Zukunftsentwurf, der da über Berlin gelegt wird, enthält nichts, was nicht bereits heute schon in unserer Gesellschaft angelegt wäre. Statt futuristischer Elemente lässt an manchen Stellen gar die Vergangenheit grüßen.

Vor allem Charlotte, die zentrale, von insgesamt drei Figuren, die abwechselnd die Erzählung vorantreiben, gibt ein schauerlich präzises Bild eines Typus’ ab, der uns neuerdings auf jeder Anti‐Corona-­Demo die Faust entgegenreckt: In der besorgten Mutter, die nach einer erfolglosen Karriere als Keramikerin in die Bürgerwehr eingetreten und sich binnen 24 Tagen zur Präzisionsschützin umschulen ließ, drückt sich aufs Trefflichste die ambivalente Mischung von völkischem Gedankengut, brauner Esoterik und einer ausgewachsenen Paranoia aus. Zu den Anfängen der Bürgerwehr erinnert sie sich: „Wir hatten uns übers Internet gefunden, allesamt unruhig und besorgt“ und betrachtet sich dabei selbst „in warmem, liebevollem Licht“. Das diffuse Gefühl der Bedrohung ist allerdings auch in der Gründungsstunde der Bürgerwehr, bei einem „schönen Racletteessen“ im Wohnzimmer der Internetbekanntschaft Bernd, nur schwer auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen – der eine klagt über anonymes Urinieren in seinem Vorgarten, die andere über drogenkontaminierte Abziehbilder und „Bernd hatte verschiedene Sorgen, aber sein größtes Problem war rückblickend wohl die Langeweile.“

Wesentlich klarer, um nicht zu sagen: holzschnittartig einfach, gibt sich da die radikale Partei an der Macht, die auch vorgibt, wogegen die Bürgerwehr vorzugehen hat. Das ist alles, was nicht in die Schablone altgedienter Rollenbilder von Mann und Frau mit entsprechendem Machtgefälle passt sowie einer spaßbefreiten Kultur entspricht, die ausländisches Essen genauso ablehnt wie Anglizismen oder Musik auf der Straße – kurz: alles Diverse. Diese Leitkultur mitzutragen, gar zu verteidigen, gelingt Charlotte, die sich als Alleinerziehende per se in einem Dilemma befindet, nur mit Cognac und Mistelspritzen. Das Wort „zielführend“ wirkt dabei autosuggestiv in ihrem inneren Monolog, der das ganze Geschehen begleitet, bis er sich mit der jugendsprachlich gehaltenen Innenperspektive von Charlie, ihrem Sohn, abwechselt und sich schließlich weiter „schwinghangelt“ zu Burschi, einer jungen Frau, deren Allgäuer Herkunft idiomatisch Nachdruck verliehen wird.

Beide folgen zwar selbst alternativen sowie gleichsam prekären Lebensentwürfen – Burschi ist eine homosexuelle Gesellschafterin bei einem älteren Ehepaar deren Sachen sie im Internet verscherbelt, Charlie ein gerade dem Teenageralter entwachsener Hiphop-­Narr mit unbezahltem Praktikum bei einem Label, der versucht, sich aus der symbiotischen Beziehung mit der neurotischen Mutter zu lösen. Doch um tatsächlich so etwas wie Hoffnung oder das vage Gefühl einer Revolution aufkommen zu lassen, braucht es die fantastische Figur der Johanna. Die Liebhaberin von Burschi ist ein Wesen, das zur magischen Zeit der Rauhnächte plötzlich da ist und genauso schnell wieder verschwindet. Eine, die beim Liebesspiel im Hotelzimmer darauf besteht, die Schuhe anzubehalten – Burschi ist sich gewiss, darunter Hufe zu ertasten. Eine, die sich nicht anpasst und Fragen stellt, anstatt sich im totalitären Regime durchzuwursteln: „Wie kommt es, dass diese beknackte Partei hier regiert? Was haben die gegen mich? Mögen sie keine Leute mit Stil? Keine Frauen in Trainingsanzug?“ Eine, deren Haut nach Schwarzpulver riecht.

Auch wenn es ansatzweise zum Showdown kommt: Offen bleibt, wohin das führt. Und wenn das in der Komposition etwa dem entspricht, was von einem Debüt zu erwarten ist, so wiegt das das lyrische Sprachrepertoire der 1985 in München geborenen Autorin auf. Wo sich Schneeflocken stapeln, bauschige Haargummis auf Halbmast stehen oder sich Häuser hinter Platanen und Kiefern ducken, blättert man gerne Seite um Seite und wartet gespannt auf das nächste Buch.

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