Weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Schwarzpulver

Von Lucia Geis
Dieser Beitrag entstand im Zusammenhang mit dem Seminar „Literatur- und Kulturkritik schreiben“ im Herbst 2020.

Online seit: 30. November 2020

Märchen, Gesellschaftssatire, Dystopie, Coming of Age-Geschichte? Es bleibt im Ungefähren, so wie das Wesen Johanna, das der Wind auf einen Markt herabweht und das schließlich in der Unterwelt verschwindet, nichts wissend von der Welt, in die es da geraten ist und auf der ihm Burschi, eine der Protagonist*innen des Debütromans Schwarzpulver von Laura Lichtblau begegnet.

Dieser gehört eine der drei Stimmen, die in unregelmäßig wechselnden Kapiteln mehr oder weniger chronologisch von rasanten Ereignissen rund um einen Jahreswechsel erzählen. Gleichzeitigkeiten werden in dieser etwas sperrigen Form naturgemäß auseinandergerissen. Neben Burschi, einer jungen Frau aus Bayern mit dialektalem Einschlag, sind dies die Scharfschützin Charlotte, entsprechend ihrem Beruf in einer oft zackigen parataktischen Sprache und ihr spätpubertärer Sohn Charlie, schwankend durch sein Leben zwischen Mutter und Trotz wie durch seine Sprachcodes zwischen Jugendslang und Bandwurmsätzen.

Zeit und Ort des Romans bleiben lange im Unklaren, man könnte auch sagen ein Nicht-Ort, hieße das nicht Utopie. Und auch als Berlin spät als Machtzentrum benannt wird, bleibt dies metaphorisch. Die Lebenswelten der Protagonist*innen sprechen jedoch für ein Setting in der Gegenwart: Prekäre Praktika, Yoga, Homophobie, Machismo, Psychiatrie, Esoterik, Provinz und Metropole, Populismus und sich verschärfender Radikalismus in Politik und Gesellschaft, kurz die gesamte Bandbreite gespaltener Gesellschaften. Nur eine Umdrehung weiter als 2020: Der Staat ist bereits in der Hand der Radikalen und an alles hat man sich gewöhnt.

Laura Lichtblaus Figuren sind zu Beginn des Romans in Strukturen eingebunden. Burschi in den Kontakt zu einem Ehepaar, das sie schon seit der Kindheit kennt, Charlotte in eine Bürgerwehr und deren Ideologie sowie in ihre Rolle als alleinerziehende Mutter von Charlie als ihrem unselbständigen Sohn. Die Fragilität dieser Rollen wird schon im ersten Abschnitt als Motiv des Romans angelegt, wenn Burschi davon spricht, das Leben des Ehepaars könne durch ihren heimlichen Verkauf seiner Besitztümer „ins Wanken“ geraten. Bevor es dann zu einem Wendepunkt kommt, wird der Dramaturgie eines klassischen Dramas folgend die früh erwähnte Waffe natürlich auch benutzt. Danach wird die Geschichte zunehmend abstrus, gipfelnd in Charlies kleinem Roadmovie durch Brandenburg, wo „Märchen eine richtig ungute Wendung“ nehmen können.

In diesem Abschnitt kulminiert in der Beschreibung des Todes von Onkel Gabriel auch, was den Roman wie einen Faden durchzieht: die Dichotomie von Kälte und Wärme. In Schwarzpulver ist von der ersten bis zur drittletzten Seite nahezu jede Szene von Schnee und Eis bestimmt. Selbst das Bier in der warmen Dorfkneipe muss „eiskalt“ sein. Die Gegenwelten sind geprägt von warmer Wolle, warmen Öfen und Wohnungen. Walter Benjamin zeigt in der „Einbahnstraße“, welche ungeheure Arbeit es ist, die Kälte der Dinge durch die „eigene Wärme aus(zu)gleichen“. Und auch Lichtblaus Figuren äußern ihre Emotionen und Sehnsüchte wenn überhaupt, dann ungelenk. Während Benjamin jedoch überzeugt ist, dass „der deutsche Frühling“ ewig ausbleibt, endet Lichtblaus Roman in einem wahrhaft märchenhaften Kapitel mit der nur durch den Schwarzpulvergeruch der Haut Johannas motivierten Verheißung von „langsam entstehendem Aufruhr“.

Leider schrammt der Roman stellenweise kaum am Kitsch vorbei. Aber auch der ist in der Popkultur, mit deren Sprache, Ästhetiken und Genres (Roadmovie, Videospiel) Laura Lichtblau spielt, dabei weder inhaltliche noch formale Klischees scheuend, nicht verpönt. Anything goes. Ob ein solches Spiel der Thematik gerecht wird, darüber kann man geteilter Meinung sein. Bemerkenswert ist in jedem Fall, dass die Autorin nicht in die Falle tappt, der Kälte der Gegenwart ein „Früher war alles besser“ entgegenzusetzen. Einen Höhepunkt des Romans bilden die Silvesterkapitel der drei Protagonist*Innen. Wie Burschi Johanna von einem Faschingsumzug im Dorf ihrer Kindheit erzählt, lasst ob des Miefs der Provinz und der dadurch erzwungenen „transzendentalen Obdachlosigkeit“ aller „Anderen“ frösteln. Das ist schnörkellos und dicht, und nicht cool, sondern berührend. Laura Lichtblau wollte sehr viel, weniger wäre mehr gewesen, wie solche Stellen zeigen.

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