Die Geburt des Textes aus dem Geiste der Schlaflosigkeit

Lucia Geis über Insom­nia von Ivo Andrić und Wun­der­hei­lun­gen von César Aria. Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Online-Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

Vor­bei sind die Jah­re der (nächt­li­chen) Stil­le. Das Nacht­le­ben ist wie­der laut, die Kri­sen unüber­hör­bar, die Mei­nungs­äu­ße­run­gen und Pro­tes­te schrill. Die zuneh­men­den Kla­gen über Schlaf­lo­sig­keit ver­wun­dern inso­fern wenig. Zwei sehr unter­schied­li­che Tex­te, die Elend und Glanz die­ses Phä­no­mens auf­grei­fen, pas­sen da wie ein (Trost-)pflaster auf die Trost­lo­sig­keit.

Ivo Andrić, ser­bi­scher Lite­ra­tur-Nobel­preis­trä­ger von 1961, hat zeit­le­bens unter Schlaf­lo­sig­keit gelit­ten. Wie­viel radi­ka­ler die­se das Leben prägt als blo­ßes Nicht-(Ein-)Schlafenkönnen, davon zeu­gen nun sei­ne von Micha­el Mar­tens her­aus­ge­ge­be­nen und über­setz­ten Nota­te in gna­den­lo­ser Uner­bitt­lich­keit. Andrić hat­te sie nie zur Ver­öf­fent­li­chung bestimmt und als Leser kommt man sich tat­säch­lich zuwei­len wie ein Voy­eur vor. Das ist unan­gehm, schmä­lert Qua­li­tät wie Erkennt­nis­ge­winn aber frei­lich nicht.

Die Qual

Denn in sei­nen den Qua­len der Schlaf­lo­sig­keit abge­run­ge­nen Tex­ten brei­tet Andrić sein Inners­tes aus, unauf­halt­sam krei­send um „schwar­ze“ Ängs­te, Spra­che und das Stumm­sein, um das Leben und den Lebens­ekel, ver­lo­re­ne Lie­be, Ein­sam­keit und Nicht-Zuge­hö­rig­keit. Sich von ihrem depres­si­ven Cha­rak­ter nicht anste­cken zu las­sen, ist schwer, denn sel­ten, sehr sel­ten gibt es Brü­che, die schmun­zeln las­sen, etwa wenn er schreibt „Unzu­frie­den­heit… war immer die Grund­la­ge mei­nes geis­ti­gen Daseins“ und vier Zei­len spä­ter „Der Mensch ist unzu­frie­den und unglück­lich, dass nicht min­des­tens zwei­mal am Tag ein Wun­der geschieht.“ Ande­rer­seits liest man sehr poe­ti­sche Abschnit­te, vor allem wenn Andrić die Träu­me sei­ner kur­zen Schlaf­pha­sen for­mu­liert.

Als Tage­buch ver­steht er sei­ne Nota­te ohne Datums- und Orts­an­ga­ben nicht, denn obwohl eif­ri­ger Leser von sol­chen, lehnt er es ab, sie zu schrei­ben: „Sei­ne Erleb­nis­se auf Papier zu befes­ti­gen, hieß für ihn, sie zu ver­klei­nern, aus­zu­trock­nen, ihr Wesen für immer zu ver­lie­ren. Ihn erin­ner­te das immer an den Ver­such, die wich­ti­ge und schwie­ri­ge Funk­ti­on des Ver­ges­sens, … zu ver­ei­teln.“ Ob man dies für bare Mün­ze neh­men kann, bleibt frag­lich, ist doch die­ser Abschnitt der ein­zi­ge des Buches, in dem Andrić  die Ich- gegen die Er-Per­spek­ti­ve tauscht und damit Distanz schafft, von der auch sei­ne Roma­ne geprägt sind. Allein stün­de er mit die­sem Plä­doy­er kei­nes­falls: Patrick Modia­no, der fran­zö­si­sche Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger, erkun­det wie in allen sei­nen Roma­nen so auch im neu­es­ten Unsicht­ba­re Tin­te die kom­ple­xe Bedeu­tung des Ver­ges­sens für das Schrei­ben.

Das Fan­tas­ti­sche

César Aira, über des­sen eige­nen Schlaf nichts bekannt ist, was in Zei­ten der Auto­fik­ti­on ange­sichts des Roman­ti­tels und der Namens­gleich­heit von Autor und Prot­ago­nist erwähnt sei, lie­fert dage­gen ein fun­ken­sprü­hen­des Wun­der­werk der Ideen, denen vor­der­grün­dig die Schlaf­lo­sig­keit bzw. der Som­nam­bu­lis­mus die Feder führt. Kon­fron­tiert uns Andrić mit oft­mals all­zu bru­tal erleb­ter Rea­li­ät, so der Argen­ti­ni­er auf absurd-komi­sche Art mit der nicht auf­recht zu erhal­ten­den Gren­ze zwi­schen Fan­ta­sie, Fan­tas­ma und Rea­li­tät. Wäh­rend Andrić von einer Nacht in die ande­re stol­pert, glei­tet Aira durch ein Laby­rinth – das Laby­rinth von Bue­nos Aires und das Laby­rinth im Kopf – den „Irr­gar­ten sei­ner ver­flos­se­nen Jugend“ – , dabei die Fra­ge, ob sein Prot­ago­nist nun zu Wun­der­hei­lun­gen fähig ist stets als Ari­ad­ne­fa­den aus­le­gend, aber nie fixie­rend.

Bei Andrić  heißt es: „Alles, was ich im Traum nie­mals ahnen und in der Wirk­lich­keit nie­mals sehen konn­te, hat mir die Schlaf­lo­sig­keit mit ihrer stum­men und fins­te­ren Spra­che gesagt.“ Damit wird er zum Über­set­zer der Unge­heu­er, die nicht der „Schlaf der Ver­nunft“, son­dern die Schlaf­lo­sig­keit gebiert. Bei Aira ist die Schlaf­lo­sig­keit dage­gen Anwalt sur­rea­ler Bil­der, von denen weder Leser noch Prot­ago­nist wis­sen, wes­sen Ursprungs sie sind. Ober­fläch­lich betrach­tet wird die Geschich­te eines Arz­tes erzählt, der den Arzt­kit­tel abge­legt hat, um zu schrei­ben, angeb­lich Wun­der­hei­lun­gen voll­brin­gen kann, ent­führt wird, und schließ­lich einen tot­kran­ken Mil­lio­när durch sei­ne Wun­der, an die der Arzt sel­ber nicht glaubt, hei­len soll und zu die­sem Zweck einen sur­rea­lis­tisch sprach­wand­le­ri­schen Tanz auf­führt.

Die Ver­nunft

Auch wenn Airas Roman mit dem Erwa­chen des schlaf­wan­deln­den Prot­ago­nis­ten in „frem­den Neben­stra­ßen, die er in Wirk­lich­keit gut kann­te“ beginnt, wird schnell deut­lich, dass der Autor sowohl die Schlaf­lo­sig­keit wie auch die Stadt Bue­nos Aires ledig­lich als Folie benutzt, auf die er sei­ne Geschich­te mit all ihren Abschwei­fun­gen ein­schreibt. Sei­ne Haupt­fi­gur ist kein Fla­neur wie ihn der deut­sche Autor Franz Hes­sel in den 1920er-Jah­ren durch Ber­lin oder Paris strei­fen ließ. Anders als bei Hes­sel lernt Airas Leser die Stadt und ihre Geschich­te nicht ken­nen. Aber er taucht in die Tra­di­ti­on der „latein­ame­ri­ka­ni­schen Phan­tas­tik“ eines Jor­ge Luis Bor­ges oder Julio Cor­tá­zar ein, die ihre Leser mit einer Mischung aus Rea­li­tät und Sur­rea­li­tät aufs Glatt­eis führ­ten. Nur die Kunst ver­mag Wun­der als sich selbst erzeu­gen­de Sys­te­me zu erschaf­fen, in Airas Fall durch Kol­li­sio­nen. Schon in dem zitier­ten zwei­ten Satz sind die „frem­den Neben­stra­ßen“ zugleich die bekann­ten und der Roman­ein­stieg lebt von wei­te­ren Gegen­sät­zen: zer­streut und auf­mer­kam, an- und abwe­send, nah und fern. An die Stel­le des von der Ver­nunft klar geschie­de­nen Ent­we­der – Oder tritt somit etwas Neu­es, das sich um des­sen Gren­zen nicht schert: die „fan­tas­ti­sche Mög­lich­keit“. Euro­päi­sche Leser mögen dar­über hin­weg­le­sen, wenn Airas Prot­ago­nist Maria­no Gron­do­na ob sei­ner Ver­nunft als Vor­bild nennt. Aber Gron­do­na ist kein Hirn­ge­spinst, son­dern war argen­ti­ni­scher Sozio­lo­ge, Anwalt und Jour­na­list, Peron-Anhän­ger, 1976 Unter­stüt­zer des Mili­tär­put­sches. Noch 2003 soll er gesagt haben: „The ratio­nal beha­vi­or, in any war, is to be on the side of the win­ners“. Wenn sol­ches Han­deln für sich die Ver­nunft in Anspruch neh­men kann, dann braucht es in der Tat eine (Lite­ra­tur der) Schlaf­lo­sig­keit, die über die Unge­heu­er gebä­ren­de Ver­nunft wacht.

Der flüch­ti­ge Augen­blick

Aira wie Andrić haben, unab­hän­gig davon, ob die Schlaf­lo­sig­keit des Autors fik­tio­nal oder real ist, aus dem Phä­no­men der Schlaf­lo­sig­keit eine beson­de­re Pro­sa ent­wi­ckelt: Aira stellt in sei­nem zu Recht ohne Gen­re­bezeich­nung publi­zier­ten Text phi­lo­so­phi­sche Abhand­lung, Far­ce und Erzäh­lung über­gangs­los neben­ein­an­der. Man könn­te ihn einen moder­nen Roman­ti­ker nen­nen, waren doch sie es, die das, was zuvor als Abwei­chung ver­pönt war, zum Wesen ihrer Lite­ra­tur gemacht haben. Bei Andrić liest man nun eine Kurz­pro­sa, die sei­nen opu­len­ten Roma­nen dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzt ist. Sein Her­aus­ge­ber spricht im Nach­wort von einer „Poe­tik der Schlaf­lo­sig­keit“ und weist auf zahl­rei­che Lei­dens­ge­nos­sen von Kaf­ka über Cioran bis Pes­soa mit ihren zum Ver­wech­seln ähn­li­chen For­mu­lie­run­gen hin.

Der Wan­de­rer Peter Hand­ke behaup­tet in sei­nem Ver­such über die Müdig­keit, über die Schlaf­lo­sig­keit sei alles gesagt. Den­noch ent­wi­ckelt er sel­ber so etwas wie eine Poe­tik der Müdig­keit. „… alles fried­li­che Gesche­hen war zugleich schon Erzäh­lung und die­se … glie­der­te sich in mei­nen müden Augen von sel­ber zum Epos…: Die Bil­der der flüch­ti­gen Welt ras­te­ten ein, eins und das ande­re, und nah­men Gestalt an.“ Und anläss­lich der Aus­zeich­nung mit dem Franz-Kaf­ka-Preis 1979 heißt es : “Aber die flüch­ti­gen Augen­bli­cke eines ja als Gesetz erfah­re­nen ANDEREN Lebens zu einem sanft nach­drück­li­chen Seins-Ent­wurf inein­an­der­zu­phan­ta­sie­ren, das allein ist es, was mir inzwi­schen als not­hel­fe­ri­sche, als die not­wen­di­ge, Lite­ra­tur vor­schwebt.” Schö­ner kann man der Lite­ra­tur nicht zu ihrem Recht ver­hel­fen – Lite­ra­tur als die phan­ta­sie­ren­de Gestal­tung der flüch­ti­gen Augen­bli­cke eines ande­ren Lebens, sei­en dies wie bei Ivo Andrić  der Angst vor den ver­pass­ten Mög­lich­kei­ten geschul­de­te Nacht­wel­ten oder die auf Irr­we­gen sich auf­tu­en­den Wun­der­wel­ten eines César Aira.

 

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Ivo  Andrić: Insom­nia. Nacht­ge­dan­ken, Paul Zsol­nay, Wien 2020.

César Aira: Die Wun­der­hei­lun­gen des Dok­tor Aira. Matthes & Seitz, Ber­lin 2020.

Online seit: 28. Juli 2023

Zuletzt geän­dert: 31. Juli 2023