Literatur von Unbefugten

Mit Futur II zeigt die Grup­pe Ja, Panik, wie ein gegen­warts­re­le­van­tes Schrei­ben jen­seits der gän­gi­gen Lite­ra­tur aus­se­hen kann. Von Uwe Schüt­te.
Das Kollektiv als Autor: Die Gruppe Ja, Panik

Das Kol­lek­tiv als Autor: Die Grup­pe Ja, Panik

Wir stei­gen aus
Wir stei­gen ein
Denn wer zu lan­ge Gespenst spielt
Wird bald sel­ber eines sein
(Andre­as Spechtl/ Ja, Panik)

Eigent­lich wis­sen es alle, aber den­noch soll­te man es noch­mals aus­spre­chen: Die deutsch­spra­chi­ge Gegen­warts­li­te­ra­tur – in wei­ten Tei­len ist sie ein Trau­er­spiel. Lang­wei­lig­keit, Kli­schees, Feig­heit und man­ches mehr ste­chen einem in die Augen, wenn man die Ver­lags­vor­schau­en durch­blät­tert. Dafür ver­ant­wort­lich sind vie­le Grün­de (Digi­ta­li­sie­rung des Guten­berg­uni­ver­sums, abneh­men­de Lite­r­a­ri­sie­rung, die Ein­heits­wa­re der Insti­tuts­zög­lin­ge aus Hil­des­heim und Leip­zig etc.), vor allem aber eines: das Aus­blei­ben lesens­wer­ter, auf­re­gen­der, klu­ger Bücher, die eine Axt für das gefro­re­ne Meer in uns wären.

Nichts­des­to­trotz erschei­nen jede Sai­son natür­lich gute bis groß­ar­ti­ge Bücher, nur ent­ge­hen die­se den meis­ten Lesern, weil sie unter­halb des Radars der eta­blier­ten Rezen­si­ons­ka­nä­le des Lite­ra­tur­feuil­le­tons blei­ben. Ein veri­ta­bles Bei­spiel dafür lie­fert das im Ver­bre­cher Ver­lag erschie­ne­ne Buch Futur II, als des­sen Ver­fas­ser ein als „Die Grup­pe Ja, Panik“ fir­mie­ren­des Kol­lek­tiv­sub­jekt ver­ant­wort­lich zeich­net. Wer Ahnung von guter Musik hat, weiß Bescheid: Es ist die vom Bur­gen­land via Wien nach Ber­lin über­sie­del­te Rock­band Ja, Panik, die in dem Buch auf ihre nun­mehr zehn­jäh­ri­ge Exis­tenz zurück­blickt.

Im Ver­lauf die­ser Deka­de hat sich die Grup­pe kon­se­quent von Album zu Album zu einer der erstaun­lichs­ten Bands der deutsch­spra­chi­gen Musik­sze­ne ent­wi­ckelt. Dafür ver­ant­wort­lich ist nicht nur die Musik, wie zuletzt auf den Mei­len­stei­nen DMD KIU LIDT (Die Mani­fes­ta­ti­on des Kapi­ta­lis­mus in unse­rem Leben ist die Trau­rig­keit) und Liber­ta­tia nach­zu­hö­ren, son­dern eben­so die mul­ti­l­in­gua­len, anspie­lungs­rei­chen Tex­te. Der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Chris­toph Jür­gen­sen etwa befin­det, dass die Grup­pe „sich durch vir­tuo­se Bezug­nah­men auf das enor­me Archiv der popu­lä­ren Kul­tur als bemer­kens­wer­tes­te Nach­fol­ger sol­cher Dis­kurs­rock­bands wie Blum­feld und Toco­tro­nic“ erwei­sen.

Die Grup­pe Ja, Panik umfasst, neben Sän­ger und Song­schrei­ber Andre­as Spechtl, Ste­fan Pabst am Bass und Sebas­ti­an Janata an den Drums, sowie die unlängst dazu­ge­kom­me­ne Lau­ra Lan­der­gott an den Key­boards. Wie bei einem Kon­zert trägt auch im Buch jedes Mit­glied einen unver­zicht­ba­ren Teil zum End­re­sul­tat bei: Lan­der­gott inter­viewt alte Weg­ge­fähr­ten der Band, Pabst und Janata ver­su­chen im Band­ar­chiv inter­es­san­te Doku­men­te aus der Anfangs­pha­se aus­zu­gra­ben, wäh­rend Front­mann Spechtl sich einen Monat lang in eine Stadt am Ran­de Euro­pas ver­kriecht, um dort nicht nur über die Geschich­te von Ja, Panik, son­dern eben­so über sein Leben als Künst­ler sowie die gegen­wär­tig herr­schen­de Ord­nung der sozia­len, kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Din­ge nach­zu­den­ken.

Die Ergeb­nis­se die­ser unter­schied­li­chen Bei­trä­ge tau­schen die Band­mit­glie­der per E‑Mail gegen­sei­tig aus, wor­aus sich das Buch als ein qua­si moder­ni­sier­ter Brief­ro­man dann als Col­la­ge der Text­bot­schaf­ten und ange­häng­ten Doku­men­te ergibt. Ein durch­aus ambi­tiö­ses Kon­zept also, das dezi­diert von den Scha­blo­nen abweicht, aus denen Musi­ker­au­to­bio­gra­fien und Band­ge­schich­ten ansons­ten gestanzt sind; auf­grund der expe­ri­men­tel­len Anla­ge und dem An-spruch auf Authen­ti­zi­tät ist es frei­lich auch anfäl­lig für ein kläg­li­ches Schei­tern.

Gera­de wenn man es nicht dar­auf anlegt, als regu­lä­rer Schrift­stel­ler zu reüs­sie­ren, kann man zu  bemer­kens­wer­ten Schreib­wei­sen fin­den.

Die­se Sor­ge wird von Bas­sist Pabst ein­gangs ange­spro­chen: Wenn das Pro­jekt ins Sto­cken gerät, „dann ist das auch ein teil vom ergeb­nis“, das doku­men­tiert wer­den muss, denn soll­te eine nach­träg­li­che edi­to­ri­sche Inter­ven­ti­on statt­fin­den, „dann könnt­ma ja gleich alles faken“. Dass die­se Beden­ken gerecht­fer­tigt sind, doku­men­tiert Futur II auf eine zuneh­mend ent­blö­ßen­de Wei­se: Was Pabst bei sei­ner