Literarizität qua Verdunkelung

Von Tex Rubi­no­witz
Text Rubinowitz

Tex Rubi­no­witz: Ich weiß nicht, woher die­ses dün­kel­haf­te Res­sen­ti­ment und die Ver­ach­tung gegen­über bran­chen­über­grei­fen­dem „Arbei­ten“ stammt.

Kann ich schrei­ben? Oder soll ichs blei­ben las­sen? Und mit Schrei­ben mei­ne ich nicht die Anein­an­der­rei­hung von Buch­sta­ben, Wör­tern und Sät­zen, die wie bestellt und nicht abge­holt neben­ein­an­der ste­hen, son­dern dass ich etwas zu sagen habe. Habe ich etwas zu sagen? Ich hab es nicht, es ist alles nicht der Rede wert, ich kann nur, nun ja, Wor­te neben­ein­an­der stel­len, einem von mir nicht bewusst gesteu­er­ten Instinkt fol­gend, geplant ist da gar nichts, es pas­siert, ich lau­fe gewis­ser­ma­ßen aus, und am Ende steht da viel­leicht ein unför­mi­ger, gar anma­ßen­der Text, eben etwas Aus­ge­lau­fe­nes, so wie Konsta­bler Odo. Das ist der Sicher­heits­of­fi­zier und Form­wand­ler auf Deep Space Nine: Alle acht­zehn Stun­den muss er für eine gewis­se Zeit in sei­ne flüs­si­ge Form zurück­keh­ren. Zu die­sem Zweck hat er in sei­nem Quar­tier einen Eimer, in den er sich ver­flüs­sigt. Viel­leicht könn­te man es, wenn man dis­zi­pli­nier­ter ist als ich, etwas in Form brin­gen, aber wür­de das etwas ver­än­dern? Zwei­fel sind schlim­mer als Zahn­schmer­zen. Aber Beschei­den­heit ist ein faden­schei­ni­ger Man­tel. Und Meta­phern sind über­haupt das Letz­te.

Als ich mei­nen ers­ten Roman schrieb, Ram­ses Mül­ler, in sport­li­chen zehn Tagen war ich damit fer­tig, jeden Tag 30.000 Zei­chen, schick­te ich ihn der Lek­to­rin, die ihn bestellt hat­te. Sie mein­te, dass sie und ihr Ver­lag ihn in die­ser Form nicht publi­zie­ren könn­ten, es tue ihr leid, sie kön­ne nicht wei­ter ins Detail gehen, aber er sei von vor­ne bis hin­ten eine unstruk­tu­rier­te Sua­da, und ich wol­le, wie es ihr schien „Lite­r­a­ri­zi­tät qua Ver­dun­ke­lung erzeu­gen“.

Ich fand ihn gar nicht so schlecht, weg­schmei­ßen woll­te ich ihn nicht, also hol­te ich mir von einem ande­ren Lek­tor eine gute Exper­ti­se, nicht mal gegen sei­ne Über­zeu­gung, er moch­te die Geschich­te wirk­lich. Er war gera­de arbeits­los gewor­den, weil der Ver­lag, für den er arbei­te­te und für den ich vor­her schon ein paar Geschich­ten in Antho­lo­gien ver­öf­fent­licht hat­te, gera­de in Kon­kurs gegan­gen war. Ich schrieb selbst noch zwei ande­re gute Voten unter Tarn­na­men sowie als Gegen­ge­wicht ein nega­ti­ves, damit es nicht so auf­fiel, und schick­te alles einem ande­ren Ver­lag, dem das Zeug offen­bar gefiel – ob beein­druckt durch die Exper­ti­sen ließ sich nicht her­aus­fin­den. Sie ver­öf­fent­lich­ten Ram­ses Mül­ler, er ver­kauf­te sich halb­gut (etwa 4.000 Exem­pla­re), aber kur­ze Zeit spä­ter ging auch die­ser Ver­lag in Kon­kurs.

Neu­lich las ich aus dem Buch in Wien. Der mich Ein­la­den­de, ein alter Freund, der es nicht nötig hat, mich mit Samt­hand­schu­hen anzu­fas­sen, stell­te mein Buch als das schlech­tes­te vor, das je erschie­nen sei. Ich bin rela­tiv ent­spannt was Kri­tik betrifft, einer der weni­gen Vor­tei­le des Alters, aber die­se Kri­tik war nicht sach­lich, son­dern pole­misch, sie soll­te mich über den Gegen­stand hin­aus pro­vo­zie­ren. Mein Feh­ler war wohl gewe­sen, ihm vor­her zu erzäh­len, wie schnell ich das Buch geschrie­ben hat­te, und dass der Ver­lag nun nicht mehr exis­tier­te, ich glau­be, er woll­te mei­nem Prag­ma­tis­mus eine lus­ti­ge, super­la­ti­vis­ti­sche Kro­ne auf­set­zen, plump woll­te er mir zu ver­ste­hen geben: Du bist Laie, Auto­di­dakt, noch dazu aus einer ande­ren Bran­che kom­mend (Witz­zeich­ner), du kannst das nicht, du kannst kei­ne Bücher schrei­ben, das darfst du gar nicht, das bist du nicht, also bist du auch immun gegen Schel­te, du kannst so einen Schlag leicht weg­ste­cken, weil es ja für das Buch kei­ne Berech­ti­gung gibt. Ich glau­be aber, er ist nur nei­disch, dass mir etwas leicht fällt, was er viel­leicht auch ger­ne könn­te, und dass ich schon zwei Ver­la­ge gewis­ser­ma­ßen in Schutt und Asche gelegt habe, wenn auch nicht ursäch­lich.Ich weiß nicht, woher die­ses dün­kel­haf­te Res­sen­ti­ment und die Ver­ach­tung gegen­über bran­chen­über­grei­fen­dem „Arbei­ten“ stammt. Ich ver­mu­te, es kommt von den vie­len Musi­kern, die neben­her noch malen (Ron Wood), und den musi­zie­ren­den Schau­spie­lern (Kevin Cos­t­ner); man weiß, was man davon in der Regel hal­ten soll. War­um machen die das? Weil sie unter­for­dert sind? Weil sie glau­ben, eine Dis­zi­plin zu beherr­schen rei­che aus, um spie­lend in ande­ren auch zu reüs­sie­ren? Weil sich nie­mand traut, ihnen zu erklä­ren, wie schreck­lich alles ist, dass es bes­ser wäre, es sein zu las­sen (Mot­to: Schus­ter bleib bei dei­nen Leis­ten)? In mei­nem Fall kommt natür­lich noch dazu, dass man einem Witz­zeich­ner gar nichts zutraut. Für einen Tisch­ler wäre viel­leicht alles ein­fa­cher. Har­ri­son Ford war Tisch­ler, Edmund de Waal Kera­mi­ker, bevor sie als Schau­spie­ler bezie­hungs­wei­se als Autor erfolg­reich wur­den, sie sind aber nach wie vor noch Hand­wer­ker. Wie aber wür­den wir ihre Tische und Vasen beur­tei­len, wenn sie erst nach Han Solo und dem Hasen mit den Bern­stein­au­gen damit begon­nen hät­ten? Als Aner­ken­nung für Fords Ein­satz für die Umwelt wur­den eine Amei­sen­art (Pheido­le har­ri­son­for­di) und eine Web­spin­nen­art (Cal­po­nia har­ri­son­for­di) nach ihm benannt. Wür­de man eine Amei­se nach einem Tisch­ler benen­nen? Wohl kaum. Den ein­zi­gen Mul­ti­be­gab­ten, den ich, los­ge­löst von sei­nem Werk, schät­ze, auch wenn ich glau­be, dass er ein Idi­ot ist, ist Bruce Dick­in­son. Er ist Sän­ger von Iron Mai­den, er kann eine Boing 757 flie­gen, er besitzt einen Zep­pe­lin, er war mal in der bri­ti­schen Fecht­na­tio­nal­mann­schaft, er hat meh­re­re Bücher ver­fasst, von denen The Adven­tures of Lord Iffy Boatrace das bekann­tes­te ist (40.000 ver­kauf­te Exem­pla­re). Bruce sagt: „I always fan­cied the idea of wri­ting a book, and I was bored on the road, so I sat down and star­ted at page one! About half­way through you sud­den­ly rea­li­se what it is you’re wri­ting about.“

Auch wenn ich weder fech­ten noch flie­gen kann, nur in einer Band sin­ge, die aber etwas anders klingt als die von Bruce, so erscheint mir sein unprä­ten­tiö­ser Prag­ma­tis­mus das Schrei­ben betref­fend zwin­gend logisch. Ein­fach so auf Sei­te 1 begin­nen (wo sonst?), und dann mal abwar­ten, wie sich die Geschich­te ent­wi­ckelt. Ist das nicht wie mein Aus­lau­fen? Klingt Bruce nicht immun gegen Kri­tik? Macht ein Zep­pe­lin, ein Flo­rett oder eine Amei­se, die so heißt wie du, nicht immun gegen so man­ches? Ja, hau mich nur in die Pfan­ne, ich hab immer noch mei­nen Zep­pe­lin und was hast du?

Also kann ich nun schrei­ben? Ich sags mal so: Ich kann schrei­ben, weil du es nicht kannst. Oder weil du es nicht machst. Einer muss es doch tun.

Ich bin eben der mit der Ver­dun­ke­lung, hier kommt die ägyp­ti­sche Ver­dun­ke­lung („Oph­thal­mia aegyp­ti­a­ca“), Sam­mel­na­me für ver­schie­de­ne Augen­krank­hei­ten, deren gemein­sa­mes Sym­ptom ein eit­ri­ger Katarrh der Bin­de­haut ist; auch Schleim­haut­trip­per genannt, über­zieht den sicht­ba­ren Teil des Aug­ap­fels; ist direkt über­trag­bar (durch Bli­cke), kann unheil­ba­re Blind­heit bewir­ken. Zuerst bei den fran­zö­si­sche Trup­pen 1798–1801 in Ägyp­ten beob­ach­tet, ich ken­ne sogar einen fin­ni­schen Archi­tek­ten (Her­man Walen­tin Scha­lin), der blind war, sei­ne Häu­ser sehen zwar merk­wür­dig aus, aber sie ste­hen.

Bit­te ver­steht mich doch, ich kann und will nicht anders, und will es auch nicht las­sen müs­sen, ein Was­ser­hahn ist nun mal da, dass man ihn auch dann und wann auf­dreht. Man kann einen ehr­li­chen Mann nicht auf die Knie zwin­gen, und man kann kei­ne Lite­ra­tur schrei­ben, wenn man Lite­ra­tur schrei­ben will.

* * *

Tex Rubi­no­witz, gebo­ren 1961 in Han­no­ver, lebt in Wien als Car­too­nist, Musi­ker, Rei­se­jour­na­list und Schrift­stel­ler.

Quel­le: VOLLTEXT 2/2014 (20. Juni 2014).

Online seit: 25. Janu­ar 2018

Online seit: 25. Janu­ar 2018

Zuletzt geän­dert: 24. Jan. 2018