Laura Lichtblau – „Schwarzpulver“

Lau­ra Licht­blau hält der euro­päi­schen Gesell­schaft mit ihrem Debüt­ro­man Schwarz­pul­ver in Form einer düs­te­ren Dys­to­pie den Spie­gel vor. Doch die inhalt­li­che Fins­ter­nis wird von far­ben­präch­ti­ger Sprach­akro­ba­tik durch­bro­chen, sodass ein Zusam­men­spiel von Hel­lig­keit und Dun­kel­heit ent­steht. Von Lisa Men­sing Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

Drei Prot­ago­nis­ten füh­ren die Leser*innen durch die Geschich­te um ein Ber­lin, das von einer rechts­kon­ser­va­ti­ven Par­tei und ihrer Aus­ge­burt „Bür­ger­wehr“ trak­tiert wird. Da gibt es Bur­schi, eine aus Bay­ern stam­men­de jun­ge Frau mit einem Hang zu dia­lek­tal gefärb­ter und poe­tisch anmu­ten­der Spra­che; Char­lie, einen unbe­zahl­ten Hip-Hop-Label-Prak­ti­kan­ten und Char­lot­te, ihres Zei­chens kon­ser­va­tiv-eso­te­risch ange­hauch­te Prä­zi­si­ons­schüt­zin der Bür­ger­wehr – und Char­lies Mut­ter.

Wäh­rend Bur­schi auf­grund ihrer Homo­se­xua­li­tät und Char­lie wegen sei­ner Begeis­te­rung für Sprech­ge­sang und Sys­tem­kri­tik typi­sche Feind­bil­der des Ber­li­ner Regimes sind, ist Char­lot­te eine Ver­fech­te­rin der besorg­ten Bür­ger­schaft und über­zeug­te Befür­wor­te­rin der neu­en Sicher­heits­vor­keh­run­gen im Land. Die in einer Sinn­kri­se ste­cken­de ehe­ma­li­ge Künst­le­rin hat die Chan­ce einer 24-tägi­gen Aus­bil­dung zur Prä­zi­si­ons­schüt­zin ohne zu zögern ergrif­fen und sich der Bür­ger­wehr ange­schlos­sen, um ihren in Abna­be­lung befind­li­chen Sohn vor den Gefah­ren der Welt zu schüt­zen.

Mit­hil­fe der drei Per­spek­ti­ven erschließt Lau­ra Licht­blau den Leser*innen eine durch­aus rea­lis­ti­sche und mög­li­che Zukunft für das eige­ne Land. Sexis­mus, Ras­sis­mus und Kon­ser­va­tis­mus bestim­men das Par­tei­pro­gramm und das Leben der Bür­ger. Gen­der­ge­rech­te Spra­che und Angli­zis­men sind ver­pönt, Mann und Frau müs­sen sich zur Fort­pflan­zung ver­ei­nen, ganz gleich, ob die Frau nun will oder nicht, und knüp­peln­de Bür­ger­wehr­ler sind die rech­te Hand der rech­ten Par­tei.

Bei die­sem beun­ru­hi­gen­den Sze­na­rio räumt Licht­blau inhalt­li­chen und sprach­li­chen Beson­der­hei­ten und Absur­di­tä­ten jedoch genü­gend Raum ein und hat auf die­se Wei­se kei­ne han­dels­üb­li­che Dys­to­pie, son­dern einen erfri­schen­den Roman geschaf­fen, der stel­len­wei­se durch­aus mit dem magi­schen Rea­lis­mus zu koket­tie­ren scheint. Denn da wäre zum Bei­spiel Johan­na, Objekt Bur­schis Lie­be, die der eige­nen Aus­sa­ge zufol­ge „durch eine Lücke in die Welt gestürzt“ ist, und den „Absprung nicht ver­pas­sen [darf], wenn es soweit ist“. So ploppt Johan­na in der einen Sze­ne qua­si aus dem Nichts und löst sich in der nächs­ten nahe­zu in Rauch auf. Eine rap­pen­de, mas­kier­te Oppo­si­tio­nel­le voll­führt in ihrer Frei­zeit höchs­te Eis­lauf­kunst und das nahe­zu tot­ge­sag­te Pär­chen, deren Gesell­schaf­te­rin Bur­schi ist, lebt einem Wun­der gleich buch­stäb­lich län­ger. Die­se fan­tas­ti­schen Ele­men­te füh­ren jedoch stel­len­wei­se zu einer gewis­sen Undurch­sich­tig­keit des Plots, was der Stim­mung des Romans aber kei­nen Abbruch tut.

Die­se Stim­mung wird näm­lich vor allem durch Licht­b­laus ver­spiel­ten Umgang mit Spra­che erzeugt, die ihrem Namen mit unzäh­li­gen Licht­be­schrei­bun­gen und unty­pi­schen Farb­be­nen­nun­gen alle Ehre macht. So beschreibt Licht­blau einen Hund als „tee­far­ben“, Augen als „was­ser­hell“ und der Him­mel zeigt sich in „Lösch­pa­pier­blau, das die Dun­kel­heit Stück für Stück auf­saugt“, wäh­rend Char­lot­te das Licht der Later­nen blu­tig erscheint.

Über­zeugt Licht­blau auf der einen Sei­te durch sprach­li­che Spie­le­rei­en wie „schon nach dem ers­ten, eis­kal­ten Schluck war mir unzu­ver­läs­sig zumu­te“ und Wort­schöp­fun­gen à la „Eier­uh­ren­sa­lon“ und „Streich­holz­schach­tel­kam­mer“, schießt sie mit ihren Wort­ex­pe­ri­men­ten doch manch­mal auch über das Ziel hin­aus, wenn sie von „Licht­schacht­licht“ spricht oder einem Prot­ago­nis­ten ein etwas plat­tes „Bock auf Bock­wurst“ in den Mund legt.

Ins­ge­samt weiß Lau­ra Licht­blau mit ihrer laut­ma­le­ri­schen und außer­ge­wöhn­li­chen Spra­che jedoch zu über­zeu­gen. Für jede Figur hat sie eine eige­ne Art des Spre­chens kon­zi­piert. Der jun­ge Char­lie ver­sucht sich in sei­ner puber­tä­ren Unsi­cher­heit an Cool­ness und der Aneig­nung des Wor­tes „extra­or­di­när“, Char­lot­te drückt sich am liebs­ten „ziel­füh­rend“ und „zweck­dien­lich“ aus und Bur­schi dia­lek­tiert poe­tisch vor sich hin und wirft dem Leser auch ein­fach mal ein baye­ri­sches „dram­hap­pert“ an den Kopf. Und über die­se cha­rak­te­ri­sie­ren­den Merk­ma­le legt Licht­blau als ver­bin­den­des Ele­ment ihre eige­ne Expe­ri­men­tier­freu­de. Der düs­ter-dys­to­pi­sche Plot und die aus­ge­leb­te Lust an Spra­che gehen glück­li­cher­wei­se eine stim­mungs­vol­le Sym­bio­se ein und erzeu­gen ein wun­der­lich-fan­tas­ti­sches Lese­er­leb­nis, das bei aller Freu­de am Wort jedoch nie den bedroh­li­chen Zustand unse­rer Gesell­schaft unter den Tisch kehrt.

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Online seit: 30. Novem­ber 2020

Zuletzt geän­dert: 1. Mai 2023