Das Gewicht der Zeit

Lek­tü­re­no­ti­zen von Mar­tin Prinz zu Sibyl­le Berg, Micha­el Krü­ger, Vir­gi­nie Despen­tes, Dže­vad Karaha­san u.a.

Sibyl­le Berg: GRM
16. April 2019: Tags­über, ges­tern, die ers­ten Lese­stun­den in Sibyl­le Bergs Buch GRM, Unter­ti­tel: „Brain­fuck“. Abends der Brand der Kathe­dra­le. Das Dach ist weg, schon ist es Sym­bol. Von Zusam­men­halt ist die Rede, vom Über­bau. Wel­cher Über­bau? Den Dächern der Kir­che gilt mein Alarm nicht, so bestür­zend ihr Zusam­men­bruch kunst­his­to­risch sein mag. Eben­so wenig ihrem tran­szen­den­ta­len Über­bau, des­sen Schein­hei­lig­keit eine in jedem Sinn unter­drü­ckend ande­re Erzäh­lung als jene der Kunst­ge­schich­te schrieb. In Wirk­lich­keit brennt es woan­ders. Und so sehr ich mich vor dem Pathos der Sät­ze scheue, es bren­ne all­täg­lich, führt dar­an beim Gedan­ken an das „Brand-aus“ im Lon­do­ner Armen-Hoch­haus doch kein Weg vor­bei. Es brennt zwi­schen den Geschlech­tern und den Klas­sen. Es brennt das Leben als der eige­ne Hut. Nur geben das die wenigs­ten zu. Sibyl­le Berg greift in die Wun­de.

Öster­rei­chi­sches Staats­ar­chiv: Fas­zi­kel 997, HM-Allg. 1904
Im Jahr 1904 spe­ku­lier­te die rus­si­sche Regie­rung mit einem „klei­nen und sieg­rei­chen Sieg“ gegen Japan, um den Rich­tung Revo­lu­ti­on steu­ern­den sozia­len Span­nun­gen noch die Ver­lo­ckung natio­na­ler Tri­um­ph­eu­pho­rie ent­ge­gen­zu­hal­ten. Kaum mehr als zwei Mona­te nach Beginn des Rus­sisch-Japa­ni­schen Krie­ges, der letzt­lich fast ein­ein­halb Jah­re dau­er­te und auf­grund der still­schwei­gen­den Ver­wick­lung so gut wie aller Welt­mäch­te in der neue­ren For­schung als Welt­krieg Null bezeich­net wird, berich­te­te der Vize-Kon­sul Öster­reich-Ungarns aus St. Peters­burg an das k.u.k. Han­dels­mi­nis­te­ri­um, „selbst die Opti­mis­ten kön­nen sich nicht mehr der Über­zeu­gung ver­schlie­ßen, dass Russ­land in einen schwe­ren lang­wie­ri­gen Krieg ver­wi­ckelt ist, des­sen Fol­gen gar nicht abzu­se­hen sind“. Erlit­ten auch vie­le Indus­trie­zwei­ge durch den Krieg gro­ßen Scha­den, zögen doch „jene Bran­chen, deren Erzeug­nis­se zur Deckung der man­nig­fa­chen Kriegs­be­dürf­nis­se die­nen, einen mehr oder weni­ger gro­ßen Nut­zen aus dem Kriegs­zu­stan­de“. So eröff­ne der Krieg auch „dem Aus­lan­de sehr güns­ti­ge Kon­junk­tu­ren“.

Bos­ni­en und Her­ze­go­wi­na: Stra­ßen­kar­te 1:200000
13.8.22: Das letz­te Gebäu­de vor der EU-Außen­gren­ze, noch auf kroa­ti­schem Gebiet, ist ein Ein­kaufs­zen­trum. Über die Asphalt­flä­chen des lee­ren Park­plat­zes schiebt eine Frau ihr Fahr­rad, Ein­kaufs­kör­be vor­ne und hin­ten. Dop­pelt, wie nach der Gren­ze die Häu­ser in geis­ter­haf­tem Dop­pel­pack auf den Grund­stü­cken ste­hen wer­den. Neben der zer­schos­se­nen, aus­ge­brann­ten Kriegs­rui­ne stets ein Neu­bau­z­wil­ling. Als kön­ne es kein „an-stel­le“ geben.

Franz Lett­ner: Aus der Arbei­ter­be­we­gung im Trai­sen­tal
Ein schma­ler Band, faden­ge­hef­tet, dün­nes Papier, klei­ne Buch­sta­ben­grö­ße auf eng gesetz­ten Zei­len. Allein das grel­le, leucht­far­be­ne Rot deu­tet auf unauf­hör­li­che Unru­he dar­in hin. Das dün­ne Buch setzt im spä­ten 19. Jahr­hun­dert ein und erzählt anhand einer klei­nen Ort­schaft in einem Vor­al­pen­tal Welt­ge­schich­te. Trai­sen, wie der Ort nach dem Fluss des Tales heißt, war 1890 eine Ort­schaft mit 1340 Ein­woh­nern, von denen gera­de ein­mal 300 in Indus­trie­be­trie­ben beschäf­tigt waren und Eisen ver­ar­bei­te­ten. Die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung setz­te sich jedoch aus Hand­wer­kern, Gewer­be­trei­ben­den, (Klein-)Bauern sowie ihren Knech­ten, Mäg­den und Dienst­bo­ten zusam­men. Obwohl deren Zahl in den zwei­ein­halb Jahr­zehn­ten bis zum Ers­ten Welt­krieg sogar abnahm, soll­te sich die Ort­schaft in die­sen 25 Jah­ren mehr als ver­dop­peln. Haupt­fak­tor dafür war die Indus­tria­li­sie­rung, wie die Beschäf­tig­ten­zahl im größ­ten Indus­trie­be­trieb des Ortes zeigt, ver­viel­fach­te sie sich doch zwi­schen 1894 und 1911 von knapp 200 auf über 1.200. Bei genaue­rem Blick auf Zah­len und Fak­ten ent­puppt sich der gewohn­te Begriff „Indus­tria­li­sie­rung“ jedoch schnell als Ablen­kungs­ma­nö­ver. Zu prä­zi­se sind Zeit und Zahl der Beschäf­tig­ten­ex­plo­si­on mit der Umstel­lung der größ­ten Fabrik des Ortes auf Waf­fen­pro­duk­ti­on in jenem Jahr ver­bun­den, in dem der Rus­sisch-Japa­ni­sche Krieg begann: 1904. Ein Jahr­zehnt spä­ter der nächs­te Schub von 1200 auf 6000. Die Jah­res­zahl dazu lau­tet 1914 und das Wort Welt­krieg.

Mar­ko Pleš­nik: Bos­ni­en und Her­ze­go­wi­na (Rei­se­füh­rer)
Der Blick von den  Anhö­hen von Naho­re­vo über die Haupt­stadt. Unge­zähl­te Male moch­ten Män­ner der bos­nisch-ser­bi­schen Armee hier in die Son­ne geblickt haben. Auf knapp 1000 Meter See­hö­he bereit zum Abfeu­ern. Die Son­nen­strah­len über den Wol­ken, und die klei­nen Figu­ren der Men­schen Sara­je­vos im ver­meint­lich schüt­zen­den Abend­schat­ten. Wäh­rend über­all anders in Euro­pa das Ende des Kal­ten Kriegs gefei­ert wur­de, hat­te hier eine schier mit­tel­al­ter­lich anmu­ten­de Bela­ge­rung begon­nen. Prak­tisch, dass sich EU-Euro­pa kurz davor jene Maas­tricht-Kri­te­ri­en ver­ord­net hat­te, unter denen sich jedes poli­ti­sche Selbst­bild im Nu in Luft auf­ge­löst hat­te.

Dže­vad Karaha­san: Tage­buch der Über­sied­lung
Karahasans Haus liegt nahe dem Park­platz, an dem wir bei jeder Fahrt in die Stadt hin­un­ter den Wagen abstell­ten, und nahe den Bra­chen, die Krieg und Bela­ge­rung in der Stadt bis heu­te hin­ter­las­sen. Mari­jin dvor wur­de als Vier­flü­gel­haus mit Pla­ta­nen und Blu­men­gär­ten im Innen­hof Ende des 19. Jahr­hun­derts vom Zie­ge­lei­en-Besit­zer August Braun erbaut und nach sei­ner Frau benannt. Bald dar­auf hieß das gan­ze umlie­gen­de Vier­tel Marind­vor. Als ich mich nach eini­gen Tagen in der Stadt digi­tal auf die Suche nach Mari­jin dvor mach­te, erkann­te ich es als eines der ers­ten Gebäu­de wie­der, in deren Ein­schuss­lö­cher ich schon am ers­ten Abend gestarrt hat­te, als wir vom Park­platz kom­mend die Fas­sa­den eines neu­erbau­ten Invest­ment­un­ge­tüms namens „Sara­je­vo Shop­ping-Cen­ter“ umrun­det hat­ten.
Ich hät­te es erken­nen müs­sen, hät­te ich nicht bloß die Ein­schuss­lö­cher vor Augen gehabt. So blind­lings nahe, wie einem der­ar­ti­ge Löcher immer dann rücken, wenn der Krieg dahin­ter unbe­greif­lich bleibt, wäh­rend ich den Schrift­zug über dem Haupt­por­tal des Hau­ses nicht ein­mal gestreift hat­te: „Mari­jin dvor“. Tags dar­auf tran­ken wir Kaf­fee in der Bar am hin­te­ren Eck des wuch­ti­gen, nach allen vier Sei­ten lang gestreck­ten Hau­ses, pas­sier­ten die Magri­bi­ja-Moschee, deren alte Stei­ne Karaha­san nach Gra­na­ten­tref­fern gehol­fen hat­ten, die Kel­ler­fens­ter Mari­jin dvors abzu­de­cken, über­quer­ten einen Ska­ter­park und die nächs­te Stra­ße vor jenem moder­nis­ti­schen Rot­kreuz-Gebäu­de aus den Zwan­zi­ger­jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts, das von Helen Bal­da­sar als Gesund­heits­zen­trum geplant wor­den war, in dem ganz selbst­ver­ständ­lich auch ein Kino Platz haben soll­te. 1992 war es gleich im ers­ten Jahr der Bela­ge­rung schwer getrof­fen wor­den, wie­der her­ge­stellt 2010, mit Aus­nah­me des Kinos – den­noch waren nun bei­der­seits der offe­nen Türen Pla­ka­te affi­chiert, die wie Film­pla­ka­te aus­sa­hen und uns nicht vor­bei­ge­hen lie­ßen.
MARIUPOL stand in gro­ßen Let­tern über dem Kriegs­mo­tiv des Pla­kats. Drin­nen im nack­ten, ein­rich­tungs­lo­sen Foy­er jun­ge Leu­te, die kei­nen Ein­tritt kas­sier­ten, nur für Fra­gen da waren. Im Kino­saal dann Bil­der in schwe­ben­der Hän­gung. Man sol­le sie nur berüh­ren, hat­te man uns mit­ge­ge­ben. Auf die Zie­gel­wän­de des bis heu­te im Roh­bau der Reno­vie­rung ver­blie­be­nen Kino­saals die Bil­der noch ein­mal in gro­ßer Pro­jek­ti­on. Auf­nah­men der im März noch in Mariu­pol ver­blie­be­nen Foto­jour­na­lis­ten Mstys­lav Cher­nov und Evge­niy Malo­let­ka: kur­ze Video­pas­sa­gen und Foto­gra­fien von Tod, Grau­en und Ver­zweif­lung. Krieg – kein Wort mehr.

Vir­gi­nie Despen­tes: Das Leben des Ver­non Subutex 1–3