Laura Lichtblau – „Schwarzpulver“

Von Laris­sa Plath Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

Den kal­ten Win­ter­ta­gen um den Jah­res­wech­sel kommt seit jeher eine beson­de­re mytho­lo­gi­sche Bedeu­tung zu. ‚Rauh­näch­te‘ wer­den die zwölf Näch­te zwi­schen dem zwei­ten Weih­nachts­fei­er­tag und dem Fest der Hei­li­gen Drei Köni­ge genannt. Es ist die Zeit der Weis­sa­gun­gen und Bräu­che, der Ver­än­de­rung und Erneue­rung. „Wäh­rend der Rauh­näch­te klop­fen die Geis­ter am Dies­seits an, […] sie schwe­ben über unse­ren Stra­ßen. Wäh­rend der Rauh­näch­te ist alles wan­del­bar“, heißt es am Anfang von Lau­ra Licht­b­laus Schwarz­pul­ver. Das Motiv ver­leiht dem düs­te­ren Set­ting eines in naher Zukunft lie­gen­den Ber­lin, in dem die „urba­ne Dys­to­pie“ (so der Klap­pen­text) ange­sie­delt ist, die Atmo­sphä­re einer Zwi­schen­welt – und damit eine Unbe­stimmt­heit, die sich im Roman auf meh­re­ren Ebe­nen aus­drückt.

Unter Füh­rung der rechts­po­pu­lis­ti­schen „Par­tei“ gehö­ren in die­sem dys­to­pi­schen Sze­na­rio reak­tio­nä­res Gedan­ken­gut, Ras­sis­mus, Miso­gy­nie und die Ableh­nung von Diver­si­tät genau­so zur Tages­ord­nung wie die Über­wa­chung der Bürger*innen. Was zu den bestehen­den Ver­hält­nis­sen geführt hat, lässt der Roman offen, die Aus­wir­kun­gen der poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung bekom­men die Figu­ren auf unter­schied­li­che Wei­se zu spü­ren. Über die Namen der drei Protagonist*innen Bur­schi, Char­lie und Char­lot­te sind die ein­zel­nen Kapi­tel der jewei­li­gen Figur zuge­ord­net und wer­den aus der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Was sie alle gemein­sam haben ist eine Art Gleich­gül­tig­keit, die erst durch das Auf­tau­chen einer wei­te­ren Per­son und die dar­auf­fol­gen­den Ver­stri­ckun­gen aus dem Lot gebracht wird und sie zum Han­deln bringt.

Bur­schi, die eigent­lich Eli­sa heißt, küm­mert sich als Gesell­schaf­te­rin um ein altes Ehe­paar, hängt den Erin­ne­run­gen an ihre Kind­heit in einem bay­ri­schen Berg­dorf nach und ver­liebt sich in die mys­te­riö­se Johan­na. Der 19-jäh­ri­ge Char­lie arbei­tet als Prak­ti­kant bei einem Hip-Hop-Label, möch­te im Job vor­an­kom­men und sich gleich­zei­tig von sei­ner Mut­ter Char­lot­te eman­zi­pie­ren. Die­se hat ihre beruf­lich und pri­vat geschei­ter­ten Lebens­ent­wür­fe hin­ter sich gelas­sen und sorgt nun als Prä­zi­si­ons­schüt­zin der Bür­ger­wehr „für siche­re Stra­ßen und Recht und Kon­trol­le“. Mis­tel­sprit­zen und Alko­hol ver­hel­fen Char­lot­te zur nöti­gen Aus­ge­gli­chen­heit, ihr kaum aus­ge­präg­tes poli­ti­sches Bewusst­sein kaschiert sie durch phra­sen­haf­te Aus­sa­gen und ihre Lieb­lings­vo­ka­bel „ziel­füh­rend“. Mit der Poli­tik der Regie­rung habe ihr Ein­satz nichts zu tun: „Wir hat­ten uns übers Inter­net gefun­den, alle­samt unru­hig und besorgt“, erin­nert sich Char­lot­te an die Geburts­stun­de der Bür­ger­wehr, eine Ver­ei­ni­gung, die dif­fu­se Ängs­te ihrer Mit­glie­der kana­li­siert.

Eben die­se Vag­heit trifft auf den gesam­ten Roman zu und macht die Aus­sa­ge von Schwarz­pul­ver schwer fass­bar. Ob es aus­reicht, offen­sicht­li­che Par­al­le­len zur Gegen­wart auf­zu­grei­fen, sie im der­zeit belieb­ten Gen­re der Dys­to­pie lite­ra­risch zu ver­ar­bei­ten und eine War­nung zu impli­zie­ren, ist frag­lich. Wenn Schwarz­pul­ver in einer dro­hend nahen Zukunft ange­sie­delt ist, wie­so wer­den dann aktu­el­le Ent­wick­lun­gen und Ten­den­zen, die sich in der Rea­li­tät abzeich­nen, wenig wei­ter­ge­dacht, wir­ken zum Teil gar wie aus der Zeit gefal­len (Denun­zia­ti­on und die ana­chro­nis­ti­schen Über­wa­chungs­maß­nah­men des „Amts für Staats­mo­ral“ bei­spiels­wei­se erin­nern eher an Sta­si-Metho­den). Oder ist die anfäng­li­che Gleich­gül­tig­keit der Figu­ren bereits das Resul­tat einer weit­aus effek­ti­ve­ren Form der Kon­trol­le, in deren Fol­ge Kri­tik und Akti­vis­mus ohne­hin schon kei­ne Rol­le mehr spie­len?

Es braucht eine Figur wie Johan­na, um Ver­än­de­rung in den All­tag der ande­ren zu brin­gen, aber auch hier sind die Asso­zia­tio­nen mit Blick auf ihre berühm­te Namens­vet­te­rin nicht klar ein­zu­ord­nen: Für die einen Sym­bol­fi­gur des Wider­stands, wird Jean­ne d’Arc auch von der rechts­na­tio­na­len Par­tei Front Natio­nal als natio­na­les Sym­bol ver­ein­nahmt. Auf einen mög­li­chen Umbruch, eine mit Zer­stö­rung ein­her­ge­hen­de Erneue­rung weist auch der mehr­deu­ti­ge Titel hin: Schwarz­pul­ver wur­de ab dem Beginn der Neu­zeit ver­mehrt ein­ge­setzt und mar­kiert einen his­to­ri­schen Wen­de­punkt, an dem bis­he­ri­ge Gefü­ge aus­ein­an­der bra­chen und Krie­ge durch neue Mili­tär­tech­ni­ken bru­ta­ler wur­den. Von „lang­sam ent­ste­hen­dem Auf­ruhr“ ist am Ende des Romans die Rede. Ob er ver­pufft oder Spreng­kraft ent­wi­ckelt, bleibt offen.

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Online seit: 31. Okto­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 1. Mai 2023