Kleine Liebeserklärung an das Gedicht

Von Jochen Jung

Online seit: 24. April 2018
Jochen Jung (c) Fotowerk Aichner
Jochen Jung. Foto: Fotowerk Aichner

Gedichte sind seltsam unbeliebt. Sie sind ja keine Romane. Gedichte sind klein. Aber oho. Das finden freilich nicht viele, fragen Sie sich mal selbst. Die meisten finden Gedichte offenbar igitt; als säßen sie immer noch in der Schule und müssten bis übermorgen die ganze Latte auswendig lernen. Dabei sind Gedichte kleine Überraschungseier. Sie sind aha. Zwar sieht man ihnen schon von Weitem das Leckere an, weiß aber ja nicht wirklich, was drin ist und ob das für einen das Richtige ist. Sie sind nicht jedermanns und jederfrau Sache. Wäre ja wirklich auch noch schöner. Aber vielleicht auch nicht, würde man ja eh nicht glauben.

Gedichte sehen harmlos aus. Sind sie aber nicht. Und das nicht, weil einige von ihnen Kirchenlieder, Nationalhymnen oder Marschtexte sein oder werden können. Nein, sondern weil selbst die lieblichsten, ja bescheidensten unter ihnen unbedingt gelesen werden wollen. Sie haben sich extra ihr Reimkostüm an- oder ausgezogen, drängen sich an deine Schulter und möchten umarmt, also wenigstens gelesen werden. Dann schau mer mal.

Und sag nicht, Du hast grad keine Zeit. Es zu lesen dauert nicht länger als ein Whisky. Es zu begreifen, nicht länger als ein Achtel Riesling; es wirklich zu begreifen, einen Schluck (also gleich) oder eine Flasche (also gar nicht oder nie, weil du – leider gibt es das – zu blöd für Sprache bist). Im Übrigen dauert das Gedicht nicht beim Lesen und Begreifen, sondern hinterher, danach. Das Gedicht hat so etwas Einprägliches, nicht unbedingt das ganze, aber diese Wendung oder jenes Bild. Oder eben das, was die in einem angerichtet haben, die sogenannte Empfindung, das Wettergefühl, der Ausblick, der Einblick und die Einsicht, die schmerzhafte Erinnerung. Ja, Gedichte können auch Aua! sein.

Gedichte sind altmodisch? Von mir aus. So wie Butter, Wein, Ehe und Spazierengehen. War fast alles immer schon gut. Nicht so gut ist (oder finde ich), dass Gedichte untereinander nicht immer nett sind und manchmal das Modische das Alte über die Kante zu schieben versucht. Aber von wegen: unter dem Tisch sitzen zwei Leser, Mann und Frau, mit aufgespanntem Netz und fangen es auf. Weißt du noch? Aber natürlich.

Gedichte sind manchmal leider wirklich nur so und so. Wie alles, sowieso. Wenn sie aber so sind, wie sie sein können, dann sind sie hier und jetzt. Dann ist wirklich über allen Wipfeln Ruh. Dann war nichts umsonst, und man hat auch nicht umsonst gewartet. Nein, nicht auf das Ende. Im Gegenteil, jedes Gedicht ist ein Anfang. Erst fühlt es sich an wie eine Erfrischung, dann wie unter der Dusche, dann wie im Lieblingsmeer.

Seltsame Vögel

Mit langsamen kleinen Schritten erinnern Gedichte daran, wie wohl Bewegung tut – es muss ja nicht immer gleich Bergsteigen sein. Man verfolgt die kleinen Spuren neugierig wie ein Hund (oder, Madame, wie eine Katze). Man merkt, da ist etwas, auf das man sich einlassen kann, soll, will. Und kaum dass man den Fuß in den Abdruck des Vorgängers gesetzt hat, spürt man das Zügige, will weiter. Dahinter wartet vielleicht ein Waldgasthof mit Stuhl, Tisch und Wasserflasche.

Gedichte sind bunt. Sie lieben alle Farben. Am liebsten sind ihnen natürlich Blau und Grün. Rot ist nur als Fleck erlaubt. Und achtern Busch sitzt einer, der liebt Gelb. Wie es überhaupt bei Gedichten immer eine oder einen gibt, die das gern hat, was andere liegen lassen. Links oder rechts (rinks oder …).

Jochen Jung: Gedichte sind altmodisch? Von mir aus. So wie Butter, Wein, Ehe und Spazierengehen.

Womit wir bei den Gedichte-Dichtern sind. Also den – heute meist – Dichterinnen. Seltsame Vögel. Aber Vögel. Sie können fliegen, tun es, zeigen es. Dass sie nicht immer guter Laune sind, liegt nur an ihrem Unausgeschlafensein. Kein Wunder, wenn sie die halbe Nacht mit der (dem) Muse herumgemacht haben, ein One-Night-Stand, den sie gern mit Standing Ovations nicht grad verwechseln, aber doch. Gedichte kommen nun einmal nicht nach Fahrplan in den Kopf (und schon gar nicht per Wunschzettel). Sie (die Teile, die Schrauben und Muttern) fallen immer als Plötzlichkeit ein, erwartet, aber ungeplant. Auf einmal und (vielleicht) für immer. Es ist Gnade und Glück. Auch Begnadet- und Beglücktsein. So wie wenn am Strand des Lieblingsmeeres die erste Welle auf die Füße kommt. Im Sommer, nicht im Winter. So wie eine ordentliche Überweisung. So wie der Weg zur Hölle, und auf einmal steht man vor einem Umleitungsschild, das nach oben zeigt.

Das finden Sie jetzt alles grad mal gar nicht. Für Sie sind Gedichte fremd – hoffentlich, denn dann erst lernt man sich kennen (ja, gegenseitig), freundet sich an. Sie finden, die haben was Eitles, Eingebildetes – gewiss, jemand hat da Bilder zusammengerückt zu einer schönen Galerie, die ihm selbst gefällt. Und Sie finden, Gedichte haben etwas Museales – ja, sicher, siehe eben. Gedichte können alt sein, sehr alt. Die Wörter können sogar uralt sein. Die Sprache manchmal auch, aber nicht immer. Und die des gelungenen Gedichts ist immer neu, auch wenn sie alt aussieht (oder sich so gebärdet). Aber tatsächlich ist das, was man früher Experimentierfreude nannte und was immer der schöne Versuch war, den Möglichkeiten der Sprache und unseres Aufnahmevermögens auf die Spuren zu kommen, ein bisschen sehr vergessen. Der Roman von heute weiß nichts mehr von Proust oder Joyce. In der Lyrik sieht das – Gott und vor allem den Lyrikerinnen sei Dank – inzwischen ganz anders aus.

Drohne mit Zünder

Dabei ist Sprache doch das, was wir alle sein wollen: eine Person. Ein Jemand, ein Etwas, das Gedicht ist etwas, so klein kann es gar nicht sein, es hat etwas. Bemerkt etwas. Es fliegt mit offenen Augen wie eine liebe Drohne. Hat aber auch Zünder. Und wenn es explodiert, fliegen die Samen vor uns her. Um die Ohren. Auf die Nase. Hinein.

Kann man die kleinen Gedichte überhaupt ernst nehmen? Sieht das nicht alles recht verspielt aus? Aber gewiss. Selbst das streng strukturierte Sonett kann doch recht fidel daherkommen (siehe Shakespeare). Und dass der Ernst und das Fidele auch gut zusammenpassen, hat mit wenigen Mitteln Robert Gernhardt gezeigt, der am Leben litt und doch ungeheuer komisch sein konnte.

Jedes Gedicht, das seine selbstgestellte Aufgabe ernst nimmt, spielt erst mal seine Möglichkeiten durch. Gibt sich fixiert und alternativ zugleich. Die Vergleichslust, die manchmal so tut, als könne man ungestraft immer eines durch das andere ersetzen („wie …“), ist die Voraussetzung der prinzipiellen Heiterkeit jedes Gedichts. Tanzen, hüpfen, trallala. Gedicht ist eben auch Musik, der in jeder Sprache steckende Takt und Klang.

Was Sie jetzt, fast bekehrt, lesen sollen? Mon Dieu, alles natürlich. Jedenfalls mal die mit den schönen Namen: Walther von der Vogelweide, Detlev von Liliencron, Ulrike Almut Sandig. Wenn Sie tapfer sind, unbedingt Hölderlin, neben, aber nicht über ihm Goethe, Hölty (nie gehört, was?), Brentano, Mörike, Storm, Busch, den richtigen Wagner (also Jan), Bleutge, Krechel, Poschmann. Und weil ich gerade fast alle Unbedingten nicht vergessen, aber nicht genannt habe, Deterings neue Anthologie! Und Loerke, Lehmann, Liebermann. Vermeer. Van Gogh, Richter (Gerhard natürlich) und Polke. Die Ostsee. Riesling. Kamari.
Das genügt. Fürs Erste.

Jochen Jung, geboren 1942 in Frankfurt am Main, lebt als Verleger und Autor in Salzburg. Zuletzt erschienen Wolkenherz – Eine Geschichte (Haymon, 2012), Zwischen Ohlsdorf und Chaville. Die Dichter und ihr Geselle (Haymon, 2015) und der Gedichtband Das alte Spiel (Haymon, 2017).

Quelle: VOLLTEXT 3/2017 (12.Oktober 2017)

Online seit: 24. April 2018