„Schlammbad des schlechten Geschmacks“

Lek­tü­re­no­ti­zen von Klaus Modick zu Büchern von Wal­ter Ben­ja­min, Astrid Lind­gren, Ernst Jün­ger, Eliza­beth von Arnim, Lion Feucht­wan­ger u.a.

Wal­ter Ben­ja­min:
Ber­li­ner Kind­heit um neunzehn­hundert

Walter Benjamin © anonym

Wal­ter Ben­ja­min, 1928.

„Wie eine Mut­ter, die das Neu­ge­bo­re­ne an ihre Brust legt, ohne es zu wecken, ver­fährt das Leben lan­ge Zeit mit der noch zar­ten Erin­ne­rung an die Kind­heit.“ Mit die­sen Wor­ten beginnt eins der schöns­ten Erin­ne­rungs­bü­cher, die je in deut­scher Spra­che geschrie­ben wur­den. Wal­ter Ben­ja­min, der einer jüdi­schen Fami­lie wohl­ha­ben­der Kunst­händ­ler ent­stamm­te, ver­such­te dar­in „der Bil­der hab­haft zu wer­den, in denen die Erfah­rung der Groß­stadt in einem Kin­de der Bür­ger­klas­se sich nie­der­schlägt“ – und zwar zu einer bestimm­ten Epo­che, der Wen­de zum 20. Jahr­hun­dert. Des­sen Kata­stro­phen, denen Ben­ja­min zum Opfer fiel, als er sich auf der Flucht vor den Nazis das Leben nahm, lie­gen wie dro­hen­de Schat­ten über dem Text. Und in der Tat haben Ort und Zeit nir­gends prä­zi­ser und zugleich poe­ti­scher zu sich selbst und zuein­an­der gefun­den als in die­sem Text. Als ich vor lan­ger Zeit mit ihm Bekannt­schaft mach­te, kam es mir vor, als ob nicht nur mei­ne eige­ne Kind­heit, son­dern alle Kind­hei­ten dar­in ein­ge­sam­melt waren. Die unver­gleich­li­che Syn­the­se aus genau­em Den­ken und schö­nem Aus­druck ver­setz­te mich in eine Atmo­sphä­re, in der Ent­zü­cken und Trau­rig­keit der­art naht­los inein­an­der grif­fen, dass für Sen­ti­men­ta­li­tät kein Spalt mehr übrig blieb. „Nie wie­der kön­nen wir Ver­ges­se­nes ganz zurück­ge­win­nen. So kann ich davon träu­men, wie ich ein­mal das Gehen lern­te. Doch das hilft mir nichts. Nun kann ich gehen; gehen ler­nen nicht mehr.“ Weil ich an sol­chen Sät­zen zum ers­ten Mal begriff, dass es kei­ne wah­re Kind­heits­er­in­ne­rung gibt, die nicht zugleich mit der Erfah­rung des Ver­lus­tes kor­re­spon­diert, bin ich als Leser die­ses Buchs auch eigent­lich erst erwach­sen gewor­den.

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Hen­ri-Pierre Roché:
Jules und Jim

Erfolg­rei­che Lite­ra­tur wird gern, wenn auch nur sel­ten gut, ver­filmt. Noch sel­te­ner kommt es aller­dings vor, dass einem kaum beach­te­ten Roman erst über den Umweg sei­ner Ver­fil­mung die ver­dien­te Wahr­neh­mung und Wür­di­gung zuteil­wird. So ein rezep­ti­ons­ge­schicht­li­cher Glücks­fall ist Hen­ri-Pierre Rochés Jules und Jim. Denn der fran­zö­si­sche Regis­seur Fran­çois Truf­f­aut, damals am Beginn sei­ner Kar­rie­re, fisch­te das Buch im Jahr 1955 aus der Grab­bel­kis­te eines Pari­ser Buch­händ­lers, „ver­lieb­te sich von den ers­ten Zei­len an ret­tungs­los in die­se Pro­sa“, ver­lieh die­ser Lie­be schließ­lich in sei­ner Ver­fil­mung von 1962