Bukowski in Wolfenbüttel

Eine fast wah­re Geschich­te. Von Klaus Modick
Kaus Modick © Online2013

Klaus Modick: „Lite­ra­tur­pro­duk­ti­on ist wesent­lich ein sich selbst gene­rie­ren­der Pro­zess. Wer auf ‚gute Ideen‘ war­tet, war­tet ver­geb­lich.“
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Es gab viel früh­rei­fen Welt­schmerz und post­pu­ber­tä­ren Lebens­ekel. Von Lie­bes­lust und Sehn­sucht war die Rede, häu­fi­ger aber von Bezie­hungs­frust. Manch­mal kam das in zart besai­te­ter Lyrik daher, manch­mal in ver­ba­ler Kraft­meie­rei, manch­mal als expe­ri­men­tel­les Vor­tas­ten und manch­mal als epi­go­na­les Nach­schrei­ben von Auf­ge­le­se­nem. Schnod­de­rig­kei­ten misch­ten sich mit hoch gestimm­ten Tönen, rea­lis­ti­sche All­tags­schil­de­run­gen wech­sel­ten mit hal­lu­zi­na­to­ri­schen Fan­ta­sie­auf­wal­lun­gen. Die Palet­te reich­te von einer „Erin­ne­rungs­mas­sa­ker­tri­lo­gie“ bis zum Hai­ku, von schwü­len Exo­tis­men bis zur Hei­mat­lie­be, von rät­sel­haf­ten Laut­ma­le­rei­en à la „flür­ri­blür­ri flür­ri­bür­ri“ bis zu deng­li­schen Neo­lo­gis­men à la „fourth- oder fifth­hand-gespak­ke“. Manch­mal schnapp­te die Meta­phern­fal­le zu, manch­mal wur­de sie cle­ver umgan­gen. Und natür­lich die chro­ni­sche Infla­ti­on über­flüs­si­ger Adjek­ti­ve …

Ich mache dies abgrund­tief pein­li­che Geständ­nis auch nur des­halb, weil der Schö­nen bei der uner­hör­ten Bege­ben­heit, von der hier zu berich­ten ist, noch eine tra­gen­de Rol­le zukam.

Aus all die­sen Her­vor­brin­gun­gen sprach jedoch Begeis­te­rung fürs Spiel mit der Spra­che und ein gewis­ses unge­klär­tes Talent, gra­vi­tä­ti­scher gesagt: die natür­li­che Krea­ti­vi­tät der Jugend, Pro­sa und Gedich­te so zu schrei­ben, wie man in jun­gen Jah­ren viel­leicht auch ein paar schlich­te Melo­dien ins Kla­vier häm­mern oder mit einer Hand­voll Akkor­den auf der Gitar­re Ein­druck schin­den kann. Es ist in der Tat eine ver­spä­te­te Art des Kin­der­spiels, die kei­ne grö­ße­re Bedeu­tung hat als der Bau einer Strand­burg in den Som­mer­fe­ri­en. Geschich­ten und Gedich­te die­ser Lebens­pha­se beru­hen eher auf einem guten Gedächt­nis und sen­si­bler Nach­ah­mungs­fä­hig­keit als auf einer eigen­stän­di­gen Fan­ta­sie­leis­tung. Da jedoch, in einer Wen­dung Robert Lou­is Ste­ven­sons, das Schrei­ben für den erwach­se­nen Autor im Grun­de nichts ande­res ist als das, was dem Kind das Spie­len war, prä­gen sich in sol­chen Talent­pro­ben doch manch­mal auch bereits Spu­ren aus, die spä­ter ein wirk­li­ches Werk kon­tu­rie­ren. Denn Talent, sagt Nietz­sche streng, ist ledig­lich Schmin­ke, unter der sich die Fal­ten eines Werks erst noch zu bil­den haben. Ob von den jun­gen Frau­en und Män­nern, die ich vor eini­gen Jah­ren als Gast beim Lite­ra­tur-Labor in Wol­fen­büt­tel ken­nen­lern­te, eini­ge den Mut, die Kraft und die Aus­dau­er auf­brin­gen wür­den, um den Preis der Run­zeln und Fal­ten eines Tages eine wahr­haft lite­ra­ri­sche Phy­sio­gno­mie anzu­neh­men, kann ich nicht ein­schät­zen. Ich konn­te ihnen ja nicht ein­mal erklä­ren, wie man „Lite­ra­tur macht“, son­dern ledig­lich sagen, was mir gemäß mei­ner sehr sub­jek­ti­ven Mei­nung und mei­ner Erfah­rung als Autor an ihren Tex­ten ver­bes­se­rungs­fä­hig schien.

Es ist näm­lich so: „Nicht die Din­ge, die gelernt wer­den kön­nen, son­dern die­je­ni­gen, die gelehrt wer­den, sind nicht inter­es­sant.“ Wenn man über die­sen etwas kom­pli­ziert klin­gen­den Satz einen Moment nach­denkt, ent­puppt er sich als eben­so ein­fa­che wie sinn­vol­le Beschrei­bung des­sen, was in Kur­sen für krea­ti­ves Schrei­ben, in Lite­ra­tur­work­shops und eben auch im Lite­ra­tur-Labor Wol­fen­büt­tel „inter­es­sant“ sein kann und was nicht. Der Satz stammt lei­der nicht von mir, son­dern von