„Der größte norwegische Roman, der je geschrieben wurde“

Tar­jei Vesaas ist neben Ham­sun der bedeu­tends­te nor­we­gi­sche Roman­cier des 20. Jahr­hun­derts – Fos­se, Espe­dal, Knaus­gård schrei­ben in sei­ner Spur. Der von Hin­rich Schmidt-Hen­kel neu über­setz­te Roman Die Vögel zählt zu sei­nen Haupt­wer­ken. Von Judith Her­mann
Tarjei Vesaas © Rolf Chr. Ulrichsen

Tar­jei Vesaas: „Ich gehe in die Fel­der und in die Ber­ge und ich schrei­be ein Buch.“ Foto: Rolf Chr. Ulrich­sen

Tar­jei Vesaas hat sei­nen Roman Die Vögel ein­mal ein „Selbst­por­trät mit Vor­be­halt“ genannt – die­se stil­le Geschich­te von Mat­tis, dem in einer Welt der Effek­ti­vi­tät ver­lo­re­nen Träu­mer, der sich den Regeln und Ansprü­chen der Gesell­schaft ent­frem­det und am Ende gänz­lich ent­zieht.

Ich – ist ein Ande­rer. Ist min­des­tens einer.

Mat­tis – ein Mann in den bes­ten Jah­ren, der am Rand eines Dor­fes in der nor­we­gi­schen Pro­vinz in einem klei­nen Haus zwi­schen Wald und See lebt. Ein Mann, der in sei­nem Leben noch nie rich­tig gear­bei­tet hat, von sei­ner Schwes­ter Hege ernährt und wie ein Kind betreut wird, jemand, der beim Kauf­mann ger­ne Kamp­fer­bon­bons kauft, aber nur, wenn ihn kei­ner dabei sieht. Der Kauf­mann nennt ihn einen Dus­sel. Die Dorf­kin­der nen­nen ihn ganz selbst­ver­ständ­lich einen Dus­sel, die Jugend­li­chen machen sich über ihn lus­tig, die Erwach­se­nen hören ihm eine Wei­le irri­tiert zu, bis sie wei­ter müs­sen, meist zur Arbeit. Frem­de bemer­ken nicht sofort und dann doch lei­der bald, dass Mat­tis anders ist als die ande­ren. Aber der Leser, von Vesaas geführt, begeg­net Mat­tis als einem sen­si­blen und über­emp­find­sa­men Men­schen, der Zei­chen sieht, wo ande­re nüch­tern nur den blo­ßen Sach­ver­halt bemer­ken, und dem die Spra­che und die Din­ge eins sind.

Die ande­ren – das sind die Klu­gen, die Schnel­len, scharf Den­ken­den, Män­ner und Frau­en, die von der Welt was wis­sen.

Spra­che erzeugt Din­ge, sie ist magisch. Die zwei ver­dorr­ten Espen im grü­nen Fich­ten­wald, von denen zudem in eine der Blitz ein­schlägt, sehen nicht nur aus wie Mat­tis und Hege und wer­den von den Dorf­be­woh­nern nach ihnen benannt, sie sind sei­ne Schwes­ter und er. Das Wort Blitz aus­zu­spre­chen, heißt, den Blitz her­zu­stel­len. Der Balz­flug der