„Ich war als Kind ständig bei Demonstrationen“

Jona­than Lethem im Gespräch mit Sebas­ti­an Fast­hu­ber über lin­ke Pro­test­kul­tur in Ame­ri­ka, die Macht von Dis­ney und sei­nen neu­en Roman Dis­si­dent Gar­dens.

Jona­than Lethem erwies sich in den letz­ten gut zehn Jah­ren als einer der span­nends­ten Autoren der USA. Er begann mit Roma­nen wie Der kur­ze Schlaf oder Als sie über den Tisch klet­ter­te, die noch von der Post­mo­der­ne geprägt waren und sich durch lite­ra­ri­schen Anspruch wie auch durch das Spie­len mit pop­kul­tu­rel­len Ver­satz­stü­cken und mit Gen­res wie dem Hard-Boi­led-Roman, Wes­tern oder Sci­ence-Fic­tion aus­zeich­ne­ten.

Einen Wen­de­punkt in sei­nem Schaf­fen stell­te der Roman Die Fes­tung der Ein­sam­keit dar. Hier ver­zich­te­te Lethem weit­ge­hend auf fan­tas­ti­sche Ele­men­te und über­rasch­te mit der ein­fühl­sa­men Erzäh­lung einer Jugend­ge­schich­te aus Brook­lyn – sei­ner Jugend­ge­schich­te. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er den Roman Chro­nic City, wie so vie­le sei­ner Bücher ein New-York-Roman, aller­dings wie­der mit leicht sur­rea­len Zügen. Das Man­hat­tan, in dem das Buch ange­sie­delt ist, ist eben nicht ganz das rea­le Man­hat­tan – Kif­fer­pa­ra­noia und Tho­mas Pyn­chon las­sen grü­ßen. Auf der ande­ren Sei­te ist Chro­nic City, und das zeich­net die letz­ten Bücher des Autors aus, ein Buch mit denk­wür­di­gen Figu­ren, die kei­ne Comic-Figu­ren sind, son­dern Gestal­ten, mit denen der Leser auch mit­fühlt.

Im Sep­tem­ber folg­te die Ver­öf­fent­li­chung des jüngs­ten Romans Dis­si­dent Gar­dens, mit dem Lethem Anfang Novem­ber bei den Erich Fried-Tagen in Wien zu Gast war. Die deut­sche Über­set­zung des Buches, das um die Fra­ge kreist, wie das Pri­va­te und das Poli­ti­sche zusam­men­hän­gen, wird im Früh­jahr 2014 im Tro­pen Ver­lag erschei­nen.

SEBASTIAN FASTHUBER Dis­si­dent Gar­dens muss man lang­sam lesen. Es ist in vie­ler­lei Hin­sicht ein sehr dich­tes Buch, was die Spra­che, die The­men und Figu­ren anbe­langt. Begin­nen wir ganz ein­fach: Wie stark ist das Buch von Ihrer Fami­li­en­ge­schich­te beein­flusst?

JONATHAN LETHEM Ich habe das Buch um das Bild her­um auf­ge­baut, das ich mir von mei­ner Mut­ter und mei­ner Groß­mutter gemacht habe. Kei­ne von ihnen war für mich greif­bar, um sie zu befra­gen, bei­de sind schon ver­stor­ben. Die­se Abwe­sen­heit wur­de für mich zu einer Chan­ce, um mei­ne eige­nen Pro­jek­tio­nen und Fan­ta­sien rein­zu­le­gen, wie ihre poli­ti­schen Leben aus­ge­se­hen haben mögen. Mein Man­gel an Wis­sen hät­te sich als desas­trös erwie­sen, hät­te ich Memoi­ren oder ein his­to­ri­sches Buch ver­fas­sen wol­len. Aber für einen Roman­cier sind die Din­ge, die er nicht weiß, genau­so wich­tig wie die klei­nen Anhalts­punk­te, über die er ver­fügt. Ich hat­te am Beginn der Arbeit zwei gro­ße Fra­ge­zei­chen vor mir – und habe ver­sucht, ihnen mit­tels Nach­for­schun­gen und Fan­ta­sie bei­zu­kom­men.

FASTHUBER Wie viel Recher­che war nötig?

LETHEM Bei die­sem Buch muss­te ich eini­ges an his­to­ri­scher Recher­che machen. Ich habe eine Abnei­gung gegen his­to­ri­sche Roma­ne, ich lese viel lie­ber etwas, das direkt aus einer Zeit kommt, als Rekon­struk­tio­nen. In mei­nem Roman Die Fes­tung der Ein­sam­keit konn­te ich noch auf das, was ich von den Sieb­zi­gern in Erin­ne­rung hat­te, als Kom­pass zurück­grei­fen. Aber die Fünf­zi­ger und frü­hen Sech­zi­ger ken­ne ich nicht. Ich habe also viel recher­chiert, wobei ich das meis­te davon letzt­lich gar nicht ver­wen­det habe. Sonst hät­te es den Fluss des Romans gestört.

FASTHUBER Ihr Vater war ein Maler, die Mut­ter poli­ti­sche Akti­vis­tin. Was lief poli­tisch im Hau­se Lethem?

Aber für einen Roman­cier sind die Din­ge, die er nicht weiß, genau so wich­tig wie die klei­nen Anhalts­punk­te, über die er ver­fügt.

LETHEM Bei mei­nen Eltern war alles ziem­lich in der Schwe­be. Ich habe sie nie wort­wört­lich sagen hören, dass sie Kom­mu­nis­ten sei­en. Eigent­lich wur­de kaum jemals über Ideo­lo­gien gespro­chen. Mei­ne Eltern waren ein­fach Teil der Gegen­kul­tur der 60er-Jah­re, sie waren Pro­test­ler. Das reich­te von gro­ßen Din­gen wie ato­ma­rer Abrüs­tung bis hin zu loka­len Phä­no­me­nen wie einer Fabrik in unse­rer Nähe, die Gift in die Luft blies. Es gab immer etwas, für das es sich aus­zahl­te, auf die Stra­ße zu gehen und damit viel­leicht die Welt zu ver­än­dern. Ich war als Kind stän­dig bei Demons­tra­tio­nen.

FASTHUBER Ihr Roman ist wie gesagt extrem dicht an Infor­ma­tio­nen. Wo beginnt so ein Buch – und wo hört es auf?

Ich bin nie fer­tig. Ich den­ke auch jetzt gera­de stän­dig an Details, die mir in die­sem Buch nicht gelun­gen sind. Ich hät­te es viel­leicht bei der 6.000 Sei­ten lan­gen Fas­sung bewen­den las­sen sol­len.

LETHEM Es beginnt vie­le Jah­re, bevor es mir über­haupt bewusst ist. Es gibt da die­sen ursprüng­li­chen Ort, an dem man rum­fan­ta­siert und sich ers­te Gedan­ken macht – viel­leicht eine Sze­ne ent­wi­ckelt oder eine Figur. Oder man denkt an ver­schenk­te Mög­lich­kei­ten in frü­he­ren Büchern. Ich habe schon mei­ne gan­ze Lauf­bahn als Autor ver­sucht, über mei­ne Mut­ter zu schrei­ben. Es ist mir aller­dings auch hier wie­der nicht gelun­gen. Am Beginn der Arbeit war ich sehr beein­flusst von dem Gefühl, als ich mit acht oder neun Jah­ren bei einem Pro­test­marsch mit­ging. Die meis­ten Mär­sche fand ich auf­re­gend, bei die­sem einen aber war ich ver­ängs­tigt wegen den rie­si­gen Poli­zei­pfer­den. Ich war denen sehr nahe und die Angst, die ich emp­fand, war eine kör­per­li­che Erfah­rung. Spä­ter als Teen­ager habe ich mich oft über mei­ne Eltern lus­tig gemacht. Die­se Pro­test­mär­sche began­nen meist bei der City Hall. Man ging schon von Brook­lyn aus mit sei­nen Ban­nern hin, das nann­te sich Fee­der March. Mei­ne Brü­der und ich waren bos­haf­te Kin­der. Wenn wir an sol­chen Tagen run­ter zum Früh­stück kamen, nann­ten wird das unse­ren Fee­der March zum Fee­der March. Wir haben uns über die Vor­stel­lung unse­rer Eltern amü­siert, dass alles, was man tut, mit einer unglaub­li­chen Bedeu­tung auf­ge­la­den ist. Aber es war tat­säch­lich so. An sol­che Din­ge dach­te ich schon lan­ge, bevor ich zu schrei­ben begon­nen habe. Alles sam­melt sich lang­sam an: Fra­gen, Fan­ta­sien, Bil­der.

FASTHUBER Und wann wis­sen Sie, wann Sie fer­tig sind?

LETHEM Ich bin nie fer­tig. Ich den­ke auch jetzt gera­de stän­dig an Details, die mir in die­sem Buch nicht gelun­gen sind. Ich hät­te es viel­leicht bei der 6.000 Sei­ten lan­gen Fas­sung bewen­den las­sen sol­len.

FASTHUBER In dem Roman geht es um drei Gene­ra­tio­nen von Akti­vis­ten: Kom­mu­nis­ten in den 50er-Jah­ren, Hip­pie-Pro­test­ler in den 60er-Jah­ren und die Gegen­wart mit Occu­py Wall Street. Was eint sie?

LETHEM Der Wunsch, eine ande­re Welt zu erschaf­fen als die, in die man gebo­ren wur­de, treibt die Figu­ren an. Es ist auf eine Art ein Buch über Figu­ren, die erschre­ckend ein­sam sind. Und doch ver­fü­gen sie über eine unglaub­li­che Kraft, die es ihnen ermög­licht, ihren Wunsch, die Welt zu ver­än­dern, über lan­ge Zeit auf­recht­zu­er­hal­ten. Und das meint: Anders leben, gegen alle Wider­stän­de.

FASTHUBER Ihr Buch hat aber nicht wirk­lich eine Moral, oder?

LETHEM Nein, es hat kei­ne Bot­schaft oder Moral. Wenn man es als Ban­ner vor sich her­tra­gen wür­de – kei­ne Ahnung, wo man dann hin­mar­schie­ren wür­de. Nir­gend­wo­hin. Ich schla­ge nichts vor. Das habe ich schon mit mei­nem letz­ten Roman Chro­nic City erle­digt. Getarnt hin­ter eine dys­to­pi­schen Sit­com war die­ses Buch eigent­lich ein Anschlag auf den Heu­schre­cken­ka­pi­ta­lis­mus. In dem neu­en Buch gibt es nichts der­glei­chen. Es geht um die Leben der Figu­ren.

FASTHUBER Bevor wir zu den Figu­ren kom­men: Ins­ge­samt ist der Blick auf die USA in dem Buch pes­si­mis­tisch, wenn es auch immer wie­der ein biss­chen Licht gibt …

LETHEM Es gibt im Buch alle Arten von ent­mu­ti­gen­den, aber auch hoff­nungs­vol­len Momen­ten. Ich hof­fe, ich habe die Balan­ce halb­wegs hin­be­kom­men. In den zwei Mona­ten, seit­dem das Buch erschie­nen ist, habe ich die unter­schied­lichs­ten Rück­mel­dun­gen bekom­men. Sie dif­fe­rie­ren weit mehr als bei ande­ren Büchern von mir. Es ist wie beim Gleich­nis mit den blin­den Män­nern und dem Ele­fan­ten. Ich selbst ste­cke zwar im Ele­fan­ten drin, bin aber auch nur ein blin­der Mann und weiß des­halb nicht viel mehr als der Leser.

FASTHUBER Die Frau­en sind in dem Buch die star­ken Figu­ren. Das ist wohl kein Zufall.

LETHEM Nein. Mei­ne sehr spe­zi­fi­sche Erfah­rung ist die, dass Frau­en der Boden der Fami­lie sind. Män­ner flie­gen öfters mal beim Fens­ter raus. Sie flie­gen zwar auch wie­der her­ein, aber sie set­zen ihre Füße nicht auf den Boden. Ich woll­te eine häus­li­che Erzäh­lung über Dis­si­denz im 20. Jahr­hun­dert schrei­ben.

FASTHUBER In einer Kern­sze­ne spielt dabei auch häus­li­che Gewalt eine Rol­le.

LETHEM Sie spie­len auf die Sze­ne am Anfang des Romans an, aus der ein Trau­ma erwächst, von dem sich kei­ne der Figu­ren mehr erho­len wird. Die Kom­mu­nis­tin Rose steckt in der Sze­ne den Kopf ihrer Hip­pie-Toch­ter Miri­am in den Gas­ofen. Es ist der apo­ka­lyp­ti­sche Moment im Buch. Er fühlt sich an wie Roses hilf­lo­se Refe­renz an den Holo­caust. Eine häus­li­che Reka­pi­tu­la­ti­on des Holo­causts, wenn man so will. Es ist aber auch eine gro­tes­ke und komi­sche Sze­ne, so als wür­den die bei­den Thea­ter spie­len.

FASTHUBER Das Mot­to der Erich Fried-Tage lau­te­te heu­er: „Welt – wohin?“ Ist der Roman über­haupt geeig­net, um der­art gro­ße Fra­gen zu beant­wor­ten?

LETHEM Vor ein paar Minu­ten habe ich mich als blin­den Mann, der in einem Ele­fan­ten steckt, bezeich­net. Ich bin zu sehr ver­strickt. Aber viel­leicht geht es beim Roman ja dar­um, die höchs­ten Höhen der Phi­lo­so­phie oder auch uto­pi­sche Ideen mit den klei­nen Leben der Men­schen zu ver­schrän­ken und eine Ver­bin­dungs­stel­le dazwi­schen zu fin­den. Mög­li­cher­wei­se gelingt das ein­mal einem Autor. Also: War­um nicht der Roman?

FASTHUBER Sie haben ziem­lich klein begon­nen, mit expe­ri­men­tel­le­ren Roma­nen, und sind in Ihrem Erzäh­len immer brei­ter gewor­den.

LETHEM In den mitt­le­ren Jah­ren neigt alles zum Auf­blä­hen, da beken­ne ich mich teil­wei­se schul­dig. Die­se Ent­wick­lung sehe ich aber auch bei eini­gen mei­ner Hel­den. Ich mag Die Ver­wir­run­gen des Zög­lings Tör­leß wie auch den Mann ohne Eigen­schaf­ten. Auf der ande­ren Sei­te sage ich ohne fal­sche Beschei­den­heit: Ich mache, was mir mög­lich ist und wozu ich fähig bin. Die Struk­tu­ren, mit denen ich heu­te arbei­te, sind eben viel brei­ter. Ich habe auf den ers­ten Büchern auf­ge­baut. Die­se hat­ten eine Fas­zi­na­ti­on fürs For­ma­le, sie funk­tio­nier­ten wie M. C. Escher-Zeich­nun­gen. In der Fol­ge ist es mir gelun­gen, mir ande­re Arten von Satz­bau und Welt­erschaf­fung ein­zu­ver­lei­ben. Das ent­springt der Lek­tü­re, die ich hin­ter mir habe, kommt aber auch daher, dass ich mehr mit auto­bio­gra­fi­schem Mate­ri­al arbei­te. Ich bin sehr stolz auf die frü­hen Bücher und lese auch noch viel in der Art. Aber mein Schrei­ben hat sich wei­ter­ent­wi­ckelt.

FASTHUBER Hin zu einem tra­di­tio­nel­len Erzäh­len?

LETHEM Ich habe mich nie als untra­di­tio­nel­len Erzäh­ler gese­hen. In mei­nen frü­he­ren Büchern habe ich fan­tas­ti­sche Moti­ve und sur­rea­le Ideen in pro­sa­ische Arbeits­um­ge­bun­gen ein­ge­führt. Oder expli­zi­te Refe­ren­zen an wis­sen­schaft­li­che Theo­rien und Pop­kul­tur gemacht. Ich habe etwa ver­sucht, ein Buch zu schrei­ben, das wie ein Pop­al­bum auf­ge­baut ist. Aber das macht mich noch nicht zum expe­ri­men­tel­len Autor. Der tra­di­tio­nel­le Roman ent­hält Ges­ten wie die­se schon viel län­ger. Für mich waren Leu­te wie die Ouli­po-Mit­glie­der expe­ri­men­tel­le Autoren. Nichts, was ich gemacht habe, qua­li­fi­ziert mich dazu. Ich habe mich nur eini­ger der Mög­lich­kei­ten bedient, die expe­ri­men­tel­le Autoren für den Roman erschlos­sen haben.

Es gab immer etwas, für das es sich aus­zahl­te, auf die Stra­ße zu gehen und damit viel­leicht die Welt zu ver­än­dern.

FASTHUBER Sie wur­den mit vie­len Autoren ver­gli­chen, von Tho­mas Pyn­chon bis Phil­ip Roth. Im Gegen­satz zu den meis­ten Kol­le­gen strei­ten Sie Ein­flüs­se nicht ab. Sie beken­nen sich sogar zur „Eksta­se des Ein­flus­ses“.

LETHEM Ich habe mich immer bemüht, die Ein­flüs­se und die For­men von Inter­tex­tua­li­tät in mei­nen Büchern offen­zu­le­gen. Ich kann als Autor nicht anders, als auf ande­re Autoren zurück­zu­grei­fen. Aber das Bild des Künst­lers, der in Ein­sam­keit arbei­tet und Stein­ta­feln von sei­nem Hügel run­ter­schleppt, um sie den Men­schen zu prä­sen­tie­ren, ist immer noch sehr prä­sent. So sehe ich mei­ne Arbeit nicht. Das bringt mich in gewis­ser Wei­se zurück zu mei­nem Groß­wer­den in einem gemein­schaft­li­chen Umfeld von Dis­si­den­ten. Was man da gemacht hat, war immer mit dem Leben ande­rer Men­schen ver­bun­den. Es ging dar­um, eine Ver­bin­dung her­zu­stel­len.

FASTHUBER Auf Ihrer Web­site gibt es eine Sek­ti­on namens „The Pro­mis­cuous Mate­ri­als Pro­ject“. Was hat es damit auf sich?

LETHEM Das ist mein klei­nes uto­pi­sches Natur­schutz­ge­biet. Machen wir uns nichts vor: Ich neh­me Hono­ra­re ent­ge­gen und bin auf mein Copy­right bedacht. Ich wür­de nie­mals mein gan­zes Werk frei zugäng­lich machen. Aber ich habe eine klei­ne Sei­te mit Tex­ten, die ich zur Wei­ter­ver­ar­bei­tung anbie­te – für Dreh­bü­cher oder Thea­ter­stü­cke. Da sind kei­ne Anwäl­te und kein Geld invol­viert.

Wir haben uns über die Vor­stel­lung unse­rer Eltern amü­siert, dass alles, was man tut, mit einer unglaub­li­chen Bedeu­tung auf­ge­la­den ist.

FASTHUBER Sie haben viel über Pop­mu­sik geschrie­ben. Wie ist das Ver­hält­nis zwi­schen Musik und Ihrem Schrei­ben?

LETHEM Das geht auch wie­der aus von der Atmo­sphä­re, in der ich auf­ge­wach­sen bin. Kunst war die Reli­gi­on in mei­ner Fami­lie. Musik, Film, Gemäl­de und Bücher waren auf­ge­la­den wie in ande­ren Haus­hal­ten reli­giö­se Iko­nen. Sie haben mir mei­nen Weg in die Welt gewie­sen. In der Hin­sicht bin ich sehr pri­vi­le­giert auf­ge­wach­sen. Ich habe des­halb immer wie­der über Figu­ren geschrie­ben, die sich über kul­tu­rel­le Beschrei­bun­gen defi­nie­ren und aus­drü­cken. Sie sind Samm­ler, Fans. Musik ist für mich des­halb so fas­zi­nie­rend, weil ich selbst auf die­sem Gebiet kein Talent habe. Mei­ne Posi­ti­on ist die des beschei­de­nen Fans. Wenn ich ande­re Bücher lese oder sie rezen­sie­re, wan­dert das alles in irgend­ei­ner Form in mein Hand­werk. Wenn ich Musik höre, ist das nicht der Fall.

FASTHUBER Ihre Bücher spie­len oft in New York. Sie selbst hat es mehr­fach zwi­schen der Ost- und der West­küs­te hin- und her­ge­zo­gen.

LETHEM Als ich zum ers­ten Mal in den Wes­ten ging, war ich 18. Ich zog in die Bay Area, um Kunst zu stu­die­ren. Damals hät­te ich nicht dar­an gedacht, je wie­der nach New York zurück­zu­keh­ren. Die ers­ten paar Roma­ne sind im ame­ri­ka­ni­schen Wes­ten ange­sie­delt, einem arche­ty­pi­schen Raum. Es geht beim Bild vom Wes­ten dar­um, sich selbst neu zu erfin­den, so wie die Beat­niks. Aber es gibt dort in Wahr­heit natür­lich kei­ne wei­ße Lein­wand, es war immer schon etwas da – oder man muss­te vor­her eine ande­re Zivi­li­sa­ti­on aus­rot­ten, um das Bild mit der wei­ßen Lein­wand auf­recht zu erhal­ten. Zu New York hat­te ich eine lan­ge Zeit eine Hass­lie­be. Von L.A. aus betrach­tet ist New York fast euro­pä­isch, eine Schnitt­stel­le zwi­schen Alter und Neu­er Welt. Hier kamen die Ein­wan­de­rer an und wur­den zu Ame­ri­ka­nern gemacht. Leu­te, die in New York blei­ben, wer­den in Ame­ri­ka bis heu­te oft schief ange­se­hen, weil sie sich sozu­sa­gen nicht in rich­ti­ge Ame­ri­ka­ner ver­wan­deln.

FASTHUBER Sie unter­rich­ten als Nach­fol­ger von David Fos­ter Wal­lace Crea­te Wri­ting in Los Ange­les. Ihre Stel­le heißt Dis­ney Pro­fes­sor of Wri­ting.

LETHEM Das ist ein groß­ar­ti­ges Bei­spiel für Ver­stri­ckung. Mei­ne Funk­ti­on ent­hält eine Mar­ken­be­zeich­nung. Ich sehe mich als klei­ner Dis­si­dent gegen die­se Unter­neh­mens­welt, doch der Ses­sel, auf dem ich sit­ze, hat das Wort Dis­ney drauf ste­hen. Bekannt­lich han­delt es sich bei Dis­ney um die Mar­ke, die in der Geschich­te des geis­ti­gen Eigen­tums am radi­kals­ten der Gemein­schaft gehö­ren­de Mythen und Mär­chen in pri­vat­un­ter­neh­me­ri­sches Kapi­tal umge­wan­delt hat. Dis­ney ist der Darth Vader des geis­ti­gen Eigen­tums.

Noch etwas fällt mir dazu ein: Ich habe vor ein paar Jah­ren den Text zu einem Comic geschrie­ben. Das ist viel­leicht etwas wider­sprüch­lich, denn auf der einen Sei­te schrei­be ich die­se gro­ßen, um Lite­ra­tur­prei­se bet­teln­den Roma­ne, aber ich füh­le mich auch immer noch wie ein U‑Boot. Des­halb mach­te ich einen Comic für Mar­vel, die Mar­ke, für die ich mich als Teen­ager sehr begeis­tert habe. Ich habe dafür eine Figur namens The Mink erschaf­fen. Er gehört irgend­wie mir, obwohl sich alle Super­hel­den aus hun­dert ande­ren Super­hel­den zusam­men­set­zen. Jeden­falls war ich sehr glück­lich, eine Figur für Mar­vel zu machen. Zu der Zeit habe ich auch einen Essay geschrie­ben, in dem ich Dis­ney atta­ckiert habe. Und kurz dar­auf hat Dis­ney Mar­vel gekauft. Der Mink gehört nun also auch Dis­ney. Der Mink und ich sind Teil die­ser Hol­ding gewor­den.◊

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Jona­than Lethem, gebo­ren 1964, lebt als Autor in New York. Auf Deutsch erschie­nen zuletzt die Roma­ne Du liebst mich, du liebst mich nicht (Tro­pen, 2007) und Chro­nic City (Tro­pen, 2011).

Sebas­ti­an Fast­hu­ber lebt als Lite­ra­tur­kri­ti­ker in Wels. Er arbei­tet unter ande­rem für die Tages­zei­tung Die Pres­se und die Wochen­zei­tung Der Fal­ter.

Jona­than Lethem: Dis­si­dent Gar­dens. Dou­ble­day, New York 2013. 366 Sei­ten. Die deut­sche Aus­ga­be erscheint im Febru­ar 2014 im Tro­pen Ver­lag.

QUELLE: Voll­text 4/2013

Online seit: 15. Sep­tem­ber 2020

Online seit: 15. Sep­tem­ber 2020

Zuletzt geän­dert: 15. Sep. 2020